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BRASILIEN AKTUELL 2003

© Karlheinz K. Naumann

30.07.2003   31.08.2003   02.10.2003   14.12.2003


14.12.2003

Eigentlich hatte ich es immer für eine Übertreibung gehalten, daß man nach Meinung der Brasilianer außerhalb Brasiliens glaube, daß unsere Hauptstadt Buenos Aires heiße. Aber da ich gerade in Deutschland zu Geschäftsbesprechungen war, kann ich jetzt bestätigen, daß vielleicht doch etwas dran sein könnte an dieser Behauptung. Denn selbst die von mir hochgeschätzte und beim Frühstück gelesene FAZ schreibt über Brasilien aus Buenos Aires und nennt in einem Artikel über Angriffe auf Polizeistationen u.a. in Santos den Strand Praia Grande ganz einfach Playa Grande und das ist nur ein Beispiel in diesem Artikel für die Annahme, daß in Brasilien Spanisch gesprochen wird.

Da darf man sich dann nicht wundern, wenn "ganz gewöhnliche" deutsche Geschäftsleute manchmal etwas uninformiert wirken, wenn über Brasilien gesprochen wird. Ich sage das, weil viele Firmenchefs uns fragen, ob wir ihre Produkte gegen eine Provision in Brasilien an den Mann bringen können und muß dann nicht nur erklären, daß meine Firma Eurolatina keine Handelsvertretung ist, sondern auch, daß ein Markteintritt in einem Land, welches größer als Europa ist, ohne Investition seitens des Exporteurs nicht machbar ist - es sei denn, dieser findet über uns einen im Markt eingeführten Handelspartner mit einem laufendem Geschäft, welches die Markteinführungskosten für das neue Produkt verträgt. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, einen Handelsvertreter in Oslo für einen unverbindlichen Kundenbesuch auf dessen Kosten nach Rom zu schicken.

Aber Investitionen in einen Markteintritt lohnen sich fast immer, Wettbewerbsfähigkeit vorausgesetzt. Denn das Geschäftspotential ist in manchen Fällen enorm, z.B., wenn man mit Firmen wie Petrobrás oder Vale do Rio Doce Geschäfte machen darf. Dies erfordert aber einen langen Atem, die Markteintrittsschwelle ist sehr hoch und die Konkurrenz hart. Aber wer sich z.B. als Lieferant an der Exploration der gerade vor Santos gefundenen Erdgasvorräte beteiligen kann und seine Preise durchsetzt, kann sich glücklich schätzen, denn ein Kunde wie Petrobrás kann zumindestens heute jede Rechnung zahlen - ganz im Gegensatz zu einigen Automobilherstellern. Petrobrás hat hauptsächlich durch die Koppelung der brasilianischen Inlandstreibstoffpreise an den Weltmarktpreis des Rohöles in US$ einen Rekordgewinn erzielt, 1,848 Mrd. US$ (22,6 % Umsatzrentabilität! Exxon Mobil erreichte nur 6,9 und Chevron Texaco 6,5 %) von Juli bis September, mehr als IBM, JP Morgan Chase, Morgan - Stanley, Coca Cola und Procter & Gamble und fast soviel wie Microsoft (2,041 Mrd. US$). Damit ist Petrobrás auf Platz 12 der lukrativsten Firmen beider Amerika gelandet. Im gleichem Vorjahreszeitraum langte es mit 608 Mio. US$ nur zum Platz Nr. 39. Kein Wunder, daß die Firma in New York Anfang Dezember 750 Mio. US$ aufnehmen kann mit einer Laufzeit von 15 Jahren und einer Verzinsung von 8,5 %. Der brasilianische Flugzeughersteller Embraer erhält wie in diesem Jahr in 2004 von der BNDES (ähnlich KfW) einen 1,8 Mrd. US$ - Kredit. Insgesamt braucht die Firma nächste Jahr das Doppelte, um 160 Düsenflugzeuge auszuliefern, für 2005 sind 170 geplant.

Dazu paßt die Nachricht, daß die brasilianische Zentralbank eine Risikozentrale schafft, die helfen soll, den spread zu halbieren. In dieser Risikozentrale sollen die Daten von 15 Millionen Kreditnehmern gespeichert werden, von denen 10 Millionen ihre Daten auf keinen Fall in dieser Datenbank sehen wollen. 85 % der gespeicherten Kreditnehmer sind pünktliche Zahler und sollen deshalb künftig billigere Kredite als die unsicheren Kantonisten erhalten. Laut Zentralbank wächst das Kreditvolumen seit Juli wieder leicht, im Juli wurden Kredite für 213 Mrd. R$ vergeben, im August waren es 214, im September 216 und im Oktober 218. Persönliche Kredite kosteten im März 100,6 % jährlich, im Oktober "nur" noch 83,3 %. Überziehungskredite (cheque especial) erreichten ihren Höchststand im April mit 178,5 % und lagen im Oktober bei 147,4 % jährlich. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2001. Zwischen Juli und Oktober 2003 wurde der Leitzins um 9 Prozentpunkte zurückgenommen, die Banken gaben davon 8,1 weiter.

Laut einer am 4.12.03 veröffentlichten Studie mußten allein im Bundesstaat São Paulo zwischen 1990 und 2002 ca. eine Million kleine und mittlere Firmen ihre Tore schließen. 21,1 Mrd. R$ persönlicher Ersparnisse und 182,5 Mrd. R$ Jahresumsatz gingen in diesen 12 Jahren den Bach hinunter, immerhin 1,4 % des BIP. Gleichzeitig wurden zwischen 4,4 und 6,9 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Der genaue Wert ist nicht festzustellen, weil viele Firmen ihre Mitarbeiter wegen der damit verbundenen Kosten und Bürokratie nicht vollständig oder überhaupt nicht registrieren. Von 10 Firmen, die aufmachen, überleben nur 4 das fünfte Jahr, ein trauriger Rekord. Vor zwei Jahren lag dieser Wert bei 3 Firmen, also immerhin eine kleine Verbesserung. Was sind die Gründe für diese hohe Sterblichkeit? Fünf werden in der Studie genannt, nämlich keine Planung, schlechtes Unternehmensführung, keine regierungsseitige Unterstützung (z.B. durch Entbürokratisierung, niedrigere Steuern und Zurverfügungstellung von erschwingbaren Krediten), die allgemeine Rezession und last, but not least, Streit unter den Anteilseignern, oft Mitglieder derselben Familie.

Wollen Sie weitere schlechte Nachrichten lesen? Die Arbeitslosenquote in der Region Groß - São Paulo wird 2003 einen neuen traurigen Rekord erreichen. 1999 betrug sie 19,3 %, in 2000 ging sie auf 17,7 % zurück und 2002 langte sie wieder bei 19 % an. Im September 2003 waren es 20,6 %, der höchste je registrierte Wert seit Einführung der Aufschreibungen in 1985. Und das bei einem Präsidenten, der als hauptsächliches Wahlversprechen die Schaffung neuer Arbeitsplätze auf seine Fahne geschrieben hatte. Und zusätzlich fällt seit 10 Monaten in ununterbrochener Folge das Realeinkommen der Glücklichen, die Arbeit haben. In São Paulo betrug der Rückgang vom Oktober 2003 zum Oktober 2002 15,3 %, in Rio 19,1 %. Die Selbständigen verloren mit 22,1 % am meisten, Offiziell eingestellte Mitarbeiter gingen 10,6 % verlustig, bei den inoffiziell Beschäftigten waren es 5,1 %.

Und bei diesen Arbeitslosenzahlen will uns die IG Metall weismachen, daß bei Thyssen - Krupp in Barra do Pirai manche Arbeiter bei 44 Stunden normaler wöchentlicher Arbeitszeit mehr als 40 % Überstunden "schieben", wie man es in der neuesten Ausgabe "METALL - DAS MONATSMAGAZIN DER IG METALL " unter der Rubrik "Internationales" lesen kann. Weitere Höhepunkte dieses Berichtes von Fritz Arndt, der den Titel: "Wo bleibt die soziale Verantwortung?" trägt: "Aber die Arbeitsverhältnisse sind oft mittelalterlich, in vielen Betrieben arbeiten Beschäftigte wie im 19. Jahrhundert. Arbeitgeber lassen Kinder für sich schuften - insgesamt leisten vier Millionen Erwerbsarbeit - oder halten sich Beschäftigte als Sklaven. Wer krank ist, riskiert in Brasilien seine Kündigung. Da auch Rechtsgrundlagen für Betriebsräte fehlen, existieren kaum Arbeitnehmervertretungen. Recht auf Streiks? Nur wenn die Gerichte einverstanden sind. Bei den multinationalen Konzernen kommt angesichts solcher Zustände Freude auf. Allein aus Deutschland haben sich 1200 Betriebe in Brasilien angesiedelt, viele halten die Region um São Paulo inzwischen als den größten deutschen Industriestandort. "Die Unternehmen gehen immer dorthin, wo sie am Besten ausbeuten können", hat Ari Aloraldo do Nascimento vom Vorstand des Gewerkschafts-Dachverbands CUT erkannt, "diesen Umtrieben muss man Einhalt gebieten. Dass das buchstäblich auf die Knochen der Beschäftigten geht, hat die Thyssen-Krupp-Bosse bisher wenig interessiert. Dabei erinnert der Observatorio-Untersuchungsbericht fast an die Bestandsaufnahme nach einer Schlacht. Allein im letzten Jahr wurden 238 schwere Unfälle registriert, 206 im Jahr zuvor. Jeder zweite Arbeiter in Barra gab an, dass er in einen Arbeitsunfall verwickelt war."

Wer so etwas liest, kann eigentlich nur von Unwissenheit, wenn nicht Schlimmerem ausgehen. In welchem Land lebt der Verfasser eigentlich? Sicher nicht in dem Brasilien, welches ich kenne. Hier gibt es vieles zu kritisieren, z.B. die Art, in der die heutige Regierungspartei PT während ihrer Oppositionszeit dringend nötige Reformen verhindert hat, aber solche Kritik paßt sicher der IG Metall nicht ins Konzept.

Ich kam 1978 als technischer Geschäftsführer von Fichtel & Sachs nach Brasilien und kenne aus meiner Arbeit als Geschäftsführer, Berater und Unternehmer (in Brasilien, Südafrika und Mexiko) hunderte von Betrieben, rein brasilianische und multinationale. Und die meisten, vor allem die deutschen,  sind vorbildlich was ihre soziale Verantwortung angeht, z.B. mit Werksarzt und -zahnarzt, betrieblicher Altersversorgung, Werkszeitschriften ohne Intervention der Firmenleitung, exzellenten Arbeitsbedingungen  (5S - Programm, Betriebsbusse, Unfallverhütungskommissionen, Gymnastikpausen, Lean Production, Werkskantine, Lebensmittelpaketen zu Weihnachten…), einem Schild am Werkstor: "Unser letzter Arbeitsunfall liegt (z.B.) 230 Tage zurück" usw. Das brasilianische Arbeitsgesetz ist eines der arbeitnehmerfreundlichsten Gesetze der Welt, wer eine Arbeitsunfall hatte, ist z.B. anschließend 12 Monate unkündbar, auch wenn der Arbeitnehmer sich nach Feierabend den Knöchel im Fahrstuhl verstaucht hatte! Und diesen Fall kann ich belegen, wenn es nötig sein sollte, weil er kürzlich in einer von mir aufgebautem Firma passierte. Und das Streikrecht ist in der brasilianischen Verfassung verankert, was kürzlich noch von brasilianischer Seite dem VW - Konzernchef in Wolfsburg in Erinnerung gebracht wurde, der in Brasilien streikenden VW - Mitarbeitern mit der Kündigung gedroht hatte. Und warum wurde gestreikt? Weil die armen ausgebeuteten VWB - Mitarbeiter ihre unmenschlichen Arbeitsplätze, wo sie im Schnitt wesentlich mehr verdienen als ihre Kollegen in den rein brasilianischen Firmen, nicht verlieren wollten. Und es kommt wohl kaum Freude auf bei den bösen deutschen Konzernen, die in Brasilien die armen eingeborenen Sklaven (die Sklaverei wurde übrigens hier vor mehr als 100 Jahren abgeschafft) ausbeuten, weil sie in Brasilien über 100 % Lohnnebenkosten zahlen müssen. Wer hier wen ausbeutet, ist noch die Frage. Wörtliche Antwort eines betriebsbedingt entlassenen und gegen seinen ehemaligen ausländischen Arbeitgeber auf Überstundenzahlung klagenden Brasilianers auf die Frage, warum er denn klage, er hätte doch alle zustehenden Zahlungen erhalten: "Bei diesen (ausländischen) Blödmännern holt man doch immer noch etwas heraus". Auch dies belegbar durch Zeugenaussagen von Brasilianern.

Zur Abrundung noch drei Hinweise. Als ich gerade in Deutschland war, besuchte ich u.a. eine Schmiede, in der Pressen auf Dauerbetrieb eingestellt waren mit manueller Beschickung und Entnahme. Das findet man in deutschen Betrieben in Brasilien wohl kaum. Und wohin der Einfluß der Gewerkschaft führen kann, wenn er fehlgeleitet ist, zeigen zwei weitere Beispiele aus Deutschland. Ein Mitarbeiter, der einen Türschließer auf einer Baustelle montieren sollte, beantragte eine (von einem in der realen Welt lebendem Richter abgelehnte) einstweilige Verfügung gegen seinen Chef, damit er nicht zu Außeneinsätzen gezwungen werden könne. Und in einer anderen Firma kündigte ein vom Arbeitsamt geschickter neuer Mitarbeiter nach einer Woche, weil er grundsätzlich keine Überstunden mache und ihm der Arbeitsweg zu lang sei - 8 km! Meine Bitte an die (über-)eifrigen IG - Metaller: Geben Sie Ihre guten Gehälter gerne an der Copacabana im Urlaub aus, aber halten Sie sich zurück, was die brasilianische Arbeitswelt angeht. Aus gutem Grund mischen sich die Regierenden dieser Welt, wenn sie richtig beraten sind, nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Und die IG Metall regiert doch noch nicht einmal, oder?

Ein Lichtblick für die Automobilindustrie, Ford hat per November im neuem Werk in Camaçarí in Bahia bereits 131.000 Fahrzeuge der Typen EcoSport und Fiesta montiert und damit die Planung für das ganze Jahr 2003, die 130.000 Einheiten vorsieht, schon übertroffen. 1.832 Mitarbeiter werden dort von Ford direkt beschäftigt, dazu kommen 3.691 Mitarbeiter der Zulieferindustrie. Diese umfaßt 27 Firmen, von denen 12 direkt an der Montagelinie arbeiten. Die für 2005 geplante tägliche Auslastung mit 850 Fahrzeugen wird heute mit 730 fast schon erreicht und man geht davon aus, daß in 2004 eine dritte Schicht eingeführt werden muß. 35 % der dieses Jahr gefertigten Fahrzeuge wurden nach Mexiko, Argentinien und Venezuela exportiert. Der Absatz von Ford Brasilien wuchs per November gegenüber dem gleichem Vorjahreszeitraum 13 %, bei einem Rückgang von 7 % des Gesamtautomobilmarktes. VW war wohl nicht ganz so glücklich, auf Platz 3 hinter GM und Fiat gelandet, wird der Firmenchef nach kurzer Amtszeit von ca. einem Jahr in Brasilien ab 1.1.2004 durch seinen südafrikanischen Kollegen ersetzt. Sein Vorgänger, der frühere Audichef in Deutschland, wurde mittlerweile zum Chef des Fiat - Konzerns in Turin berufen.

In Brasilien fahren bereits 600.000 Fahrzeuge mit Naturgas und bis 2008 soll diese Zahl auf 1,5 Millionen steigen, eine gute Chance für Umrüster. Dieser Sektor wächst seit 1998 um 40 % im Jahr! Am Treibstoffumsatz hat Naturgas heute einen Anteil von 5,4 %, der dann auf 15 % klettern wird. Leider kostet eine die Verteilung des Gases sehr viel Geld, eine einzige Pumpe für Naturgas kostet 1 Mio. R$, viel Geld für eine Tankstelle. Und der Gewinn der Gaslieferanten (Ceg in Rio, Comgás in São Paulo) ist im Haushaltsbereich sechsmal höher als im Tankstellenbereich. Dazu kommt, daß die gasbetriebenen Fahrzeuge mehr umweltbelastend als die sind, die das in Brasilien normale Benzin - Alkohol - Gemisch verwenden, weil die Industrie keine gasbetriebenen und dafür speziell ausgelegte Fahrzeuge anbietet.

Im Elektrosektor tut sich auch eine Menge. Wichtige Nachricht - die "Notfall-" Thermokraftwerke sollen regierungsseitig aus Kostengründen durch Wasserkraftwerke ersetzt werden. Die Regierung formulierte auch schon die Schwerpunkte für ihre "Industriepolitik" der nächsten Jahre, nämlich Halbleiter, Software, Pharmaerzeugnisse und Kapitalgüter. Wobei durchaus nicht nur böse Zungen sagen, die beste Industriepolitik ist, wenn die Regierung sich aus ihr heraushält. Die geplanten Stimulanzien werden nur temporär gewährt und sind an Auflagen wie Exportquoten, neue Arbeitsplätze und Regionalentwicklung gebunden.

Der Softwaresektor hat ehrgeizige Pläne. Fünfzehn wichtige brasilianische Softwarefirmen (E-Safetransfer, Apyon, Cimcorp, CPM, Disoft, Extol, Impactools, IT-Soluções, Linkware, Open Concept, Paradigma, Politec, Software Design, Stefanini und W3Pro)  werden für 10 Mio. US$ ein gemeinsames Unternehmen in den USA gründen, um den dortigen Finanzsektor zu bedienen. Der Umsatz der neuen Firma, die noch keinen Namen hat, soll 2008 immerhin 200 Mio. US$ betragen, viermal mehr, als der Sektor 2001 exportiert hat. Die fünfzehn Gesellschafter beschäftigen heute in Brasilien 11.000 Mitarbeiter und machten 1,19 Mrd. R$ Umsatz in 2002. Da ist es eigentlich unverständlich, daß die Regierung nach wie vor exorbitante Importzölle erhebt, wenn man einen Laptop importiert. Ich zahlte vor kurzem 2.500 R$ Zoll nach Abzug des Freibetrages von 500 US$ vom Kaufpreis eines Laptops. So fördert man sicher nicht die Produktivität des Sektors.

Veracel baut seit August eine Zellulosefabrik in Südbahia und ist damit für die größte Privatinvestition in der bisherigen Amtszeit von Präsident Lula verantwortlich. Um künftig mit 10.000 direkten und indirekten Mitarbeitern jährlich 900.000 Tonnen Zellulose zu produzieren, werden 1,25 Mrd. US$ ausgegeben. Damit ist diese Fabrik die größte der Welt ihrer Art mit einer Produktionslinie. Ab 2010 sollen zwei weitere Fabriken dazukommen. Diese beiden Fabriken werden die Kapazität des 50/50 - Joint Ventures zwischen der brasilianischen Aracruz Celulose und der finnischen Stora Enso verdreifachen. Heute pflanzt die Firma Eukalyptusbäume auf 65.000 Hektar an, wird aber zukünftig neue Flächen hinzukaufen müssen. Aracruz ist die größte brasilianische Firma des Sektors und produziert heute 2,4 Mio. Tonnen Zellulose jährlich. Mit der neuen Fabrik werden es 3,1 sein, für die bereits 300 Mio. US$ für Erdarbeiten, Infrastrukturmaßnahmen und Aufforstung ausgegeben wurden.

Bahia ist offensichtlich ein attraktiver Standort, bis 2007 sollen 6 Mrd. US$ in diesem Bundesstaat für neue Fabriken investiert werden, in diesem Jahr allein 2,2. Laut Paulo Souto, dem Ministerpräsidenten, gibt es 84 unterschriebene Protokolle über Investitionsvorhaben. Dazu gehört eine Zylinderfabrik von Faber - Papais, die Ende 2004 fertig sein wird und eine Poliesterfertigung von Ledervin für 110 Mio. US$.

Daß der Weg zum Erfolg steinig sein kann, zeigt das Beispiel von NEC, dem Hardwarehersteller für Telekommunikationsnetze. Nach 35 (!) Jahren in Brasil registrierte die Firma erstmalig einen positiven Cash Flow. Das nächste Firmenziel ist die Umwandlung der Firma in einen Lieferanten von kundenorientierten Lösungen durch die Aufnahme von Integration von IP - Netzen und Fremdvergabe von Netzen ins Portfolio.

Auch Volkswirtschaften müssen dornenvolle Wege gehen, die brasilianische wird diese Jahr vielleicht schrumpfen, denn von August bis September betrug das BIP - Wachstum nur 0,4 %, ein Rückgang von 1,5 %. Dazu trug ein überraschender Rückschlag im Agrarsektor bei, der 6,7 % gegenüber der Vorjahresperiode August bis September schrumpfte. Außerdem geht es dem Bausektor sehr schlecht. Aber die Bundessparkasse kündigte bereits für das nächste Jahr Investitionen für 5,3 Mrd. R$ im Wohnungsbau und 1,4 Mrd. R$ für Sanierungsmaßnahmen an. Wenigstens wuchs der industrielle Sektor nach sechs Monaten kontinuierlichem Rückgang gegenüber dem zweiten Vierteljahr 2003 um 2,7 %.

In Deutschland wird viel über die Steuerreform diskutiert, in Brasilien auch. Wir haben bei der Einkommensteuer schon realisiert, was die CDU/CSU sich vorstellt, nämlich drei Steuersätze, der höchste von 27,5 % wurde gerade um zwei Jahre verlängert, eigentlich sollte er wieder auf die alten 25 % zurückgenommen werden, aber leider sind wir nicht in Kalifornien und haben keinen Arnold Schwarzenegger, der Erhöhungen seines Vorgängers zurücknimmt. Im Gegenteil, der Kaskadeneffekt bei der Cofins (Beitrag zur Finanzierung der Sozialversicherung) wurde zwar beseitigt, aber der Betrag von 3,5 % des Umsatzes auf 7,6 % heraufgesetzt. Das gibt 10 Mrd. R$ jährlich mehr für die Kasse der Regierung. Ursprünglich betrug der Wert bei der Einführung dieser Steuer 0,5 % und war für den Gesundheitssektor gedacht.

Der Handelsbilanzüberschuß wird dieses Jahr wahrscheinlich bei 22 Mrd. US$ liegen und für 2006 liegt das Exportziel bei 100 Mrd. US$. Die Prognose für 2004 liegt bei 80 Mrd. US$. Verwunderlich, daß trotzdem meine deutschen Kunden fast immer nur exportieren. aber nicht in Brasilien einkaufen wollen. Per Oktober 2003 exportierte Brasilien Waren im Wert von 60 Mrd. US$, davon gingen 15 Mrd. US$ in die EU, 14 in die USA und 10 in die Aladi - Staaten. Die Automobilhersteller exportierten per Oktober 30 % ihrer Produktion, die 1,502 Mio. Fahrzeuge betrug. Das sind 3,8 % weniger als im gleichem Vorjahreszeitraum. Verkauft wurden 1,154 Mio. Fahrzeuge, hier betrug der Rückgang sogar 8,1 %. Die zehn wichtigsten Exporteure sind Petrobrás, Bunge Alimentos, Vale do Rio Doce, Embraer, VWB, Cargill Agrícola, GM, Cia. Siderúrgica de Tubarão,  Aracruz Celulose und ADM.

Korruption wird zwar öffentlich angeprangert (was früher nicht oder nur wenig der Fall war), ist aber immer noch weitverbreitet. So wurden in einem armen Bundesstaat im Norden Brasiliens 5.000 Scheinarbeitnehmer des öffentlichen Dienstes geschaffen und so ca. 300 Mio. R$ "umgeleitet". Übrigens unter einem Ministerpräsidentem, der der regierenden Arbeiterpartei angehört. Und zur Zeit macht der offensichtlich sehr lukrative Verkauf von Gerichtsurteilen Schlagzeilen. Dabei ist Rechtssicherheit eine Grundvoraussetzung für Geschäfte. Und seien Sie vorsichtig mit dem Versand von Prospekten, ein Kunde von mir hielt neulich einen Vortrag bei der Editora Abril und schickte Prospekte vorab, um sie nicht im Flugzeug als Gepäck mitzuschleppen. Der Zoll hielt diese für so wertvoll, daß er einige tausend US$  Importgebühren dafür verlangte. Bei Mustersendungen verhält es sich oft ähnlich. Andere Sendungen gleicher Art kommen aber auch ohne Probleme und ohne Gebühren an.


02.10.2003    zurück nach oben

Wer im Glaskasten sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, ist eine alte deutsche Volksweisheit. Und wer als Opposition den Mr. Saubermann herauskehrte, sollte daran auch in Brasilien denken - die regierende Arbeiterpartei gibt sich nämlich Blößen, die sie vorher bei anderen anprangerte. Und gibt eine solche Blöße auch noch offen zu; denn nach eigenen Worten wurden von den 22.000 Vertrauenspositionen, die im öffentlichen Dienst zu besetzen sind, von der neuen Regierung 70 % nicht nach Qualifikation, sondern nach politischen Gesichtspunkten besetzt. Eine Abkürzung des langen Marsches durch die Institutionen? Die Auswirkungen zeigen sich schon, z.B. im Kollaps des Nationalen Krebsinstitutes. Kommentar des PT – Generalsekretärs Genoino: „ Die Wahl gewinnen und nichts ändern? Wozu diente dann die Wahl? Aber bei 70 % werden wir aufhören.“ Und der Innenminister Dirceu, der während der Militärdiktatur in Kuba im Exil war, weint gerührt beim Empfang durch Fidel Castro beim Staatsbesuch des brasilianischen Präsidenten am 26.9.03 in Havanna. Mit dabei war unter anderem auch der Abgeordnete Arruda, Führer der brasilianischen kommunistischen Partei (jawohl, die gibt es noch!). Hoffentlich können sich die Herren von ihrer Ideologie freimachen, wenn Sie Wirtschafts- und sonstige Politik betreiben. Zunächst wurden Kuba großzügige Bedingungen für die Rückzahlung von Schulden mit dem brasilianischem Staat eingeräumt, wir haben es ja. Und Kuba, etwas kleiner und noch ärmer als das kleine Ceará (bras. Bundesstaat) wird ja schließlich auch Geschäfte mit Brasilien machen.

Präsident Lula war direkt vorher in Mexiko, wo ihm seine Kollege Fox hoffentlich auf einige wesentliche Unterschiede zwischen beiden Ländern hingewiesen hat. Das Länderrisiko Brasilien war Anfang September 705, das Mexikos betrug 220. Die Jahreszinsen für einen kurzfristigen Kredit lagen in Brasilien bei 22 und in Mexiko bei 4,5 %. Die Inflation der letzten 12 Monate betrug in Brasilien 15,4 und in Mexiko 4,1 % und die Verschuldung der öffentlichen Hand betrug in Brasilien 57 und in Mexiko 35 % vom BIP. Und wie wirkt sich das auf den Außenhandel aus? Import Brasilien 46,4 und Mexiko 168,9 Mrd. US$, Export Brasilien 68,2 und Mexiko 162,4 Mrd. US$, Werte für die letzten 12 Monate ab Juli. Die Steuerlast in Brasilien beträgt 36 % vom BIP, in Mexiko sind es 15,4! Ist es da ein Wunder, daß viele Investoren lieber nach Mexiko gehen? Hätte ich vielleicht in Mexiko bleiben sollen? Aber ich muß gestehen, daß es mir auch in Brasilien gut gefällt, trotz dieser schlechten Zahlen.

Denn es gibt auch gute und auch in Brasilien kann man vorteilhafte Geschäfte machen wie es z.B. die brasilianische Keramikindustrie zeigt. Der kleine Ort Santa Gertrudes im Inneren des Bundesstaates São Paulo beherbergt 36 Keramikfirmen, die  in ca. 5 Jahren ihren Export um 70 % ausweiten konnten. Die Stadt, in der 80 % der arbeitenden Bevölkerung bei diesen Firmen angestellt sind, hat heute 17.000 Einwohner, fast doppelt so viel wie vor 5 Jahren! Mit zum Erfolgsrezept gehören ein gemeinsamer Verpackungsmitteleinkauf, abgestimmte Exportaktivitäten und ein zusammengefaßtes Mitarbeitertraining. Die Firmen gründeten gemeinsam ein Keramiktechnologiezentrum und eine Keramikfachschule. Das Technologiezentrum übernahm für alle beteiligten Firmen die Qualitätskontrolle.

Solche regionalen Kompetenzzentren gibt es mehrfach (und nicht nur) in São Paulo, nämlich: Baixada Santista – Bademoden; Amparo, Tietê und Cerquilho – Kinderbekleidung; Campinas, São Carlos, São José do Rio Preto – Software; Limeira – Blattgoldschmuck; Santa Gertrudes – Keramik; Jaú – Damenschuhe; São Carlos, Riberão Preto – ärztliche und zahnärztliche Geräte; Porto Ferreira und Vargem Grande do Sul – Töpfereien; Ibitinga – Aussteuer und Stickereien; Tabatinga – Plüschtiere; Catanduva – Ventilatoren; Mirassol, Votupuranga – Möbel; São José do Rio Preto – Goldschmuck; Birigüi – Kinderschuhe; Franca – Herrenschuhe. Wie man sieht, lohnt es sich also bei Neuansiedlungen durchaus, über den Tellerrand der Großstadt São Paulo hinauszuschauen. In der sich übrigens auch Fachhändler regional konzentrieren, z.B. Leuchtenläden in der Consolação und Elektronikartikel in der Santa Iphigênia.  Die Bedeutung dieser Zentren ist so groß, daß diesen bereits Kreditlinien von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden sollen.

Aber trotz dieser guten Nachrichten – wo viel Licht, ist auch viel Schatten! Und eine der Schattenseiten Brasiliens ist die niedrige Produktivität. Der Brasilianer arbeitet zwar länger als seine europäischen Kollegen, produziert aber nur ein Viertel dessen, was ein Franzose, Italiener, Schweizer, Deutscher, Norweger, Däne oder Belgier schafft, um nur einige zu nennen. Der US – Amerikaner ist der effektivste Arbeiter der Welt, mit einer Wertschöpfung von 60,7 TUS$ jährlich. Der Belgier schafft immerhin 54 TUS$, der Franzose noch 52 TUS$ und der Deutsche nur 42 TUS$. Aber immerhin noch viel mehr als ein Chinese, der 1980 nur 2 TUS$, in 2001 aber bereits 6,2 TUS$ erreichte. Und der Brasilianer? Besser als ein Chinese, mit einer Wertschöpfung von 14,3 TUS$ im Jahr, die aber 1980 bereits 14,8 TUS erreichte! Das ist ein Mittelwert über alle Branchen hinweg, im Transportwesen und im Kommunikationssektor stieg die Wertschöpfung von 1980 bis 1996 von 12 auf 16,9 TUUS$, aber im Handel ging sie um 40 % zurück. Beim Spitzenplatz der US – Amerikaner muß beachtet werden, daß diese 1825 Stunden im Jahr arbeiten gegenüber z.B. den 1324 Stunden der Norweger. Von der deutschen Arbeitszeit will ich lieber nicht sprechen, wenn ich freitags jemanden nach 14:00 MEZ in Deutschland sprechen will, muß ich mich oft darauf verlassen, daß mein Wunschgesprächspartner sein Handy eingeschaltet hat. In Brasilien beträgt die offzielle Jahresarbeitszeit 1698 Stunden (1999), lag aber einige Jahre früher noch bei 1796 (1990). Auf die Arbeitsstunde bezogen, wird der Norweger der Produktivitätsweltmeister, er schafft einen Mehrwert von 38 US$ die Stunde, die Franzosen liegen bei 35 und die US – Amerikaner nur bei 32 US$. Und der Brasilianer schafft gerade mal 7,8 US$ in der Stunde – ein Wert, der seit ca. 20 Jahren gleichgeblieben ist. Während der Rest der Welt bis zu 1,9 % jährlich zulegt, in den USA waren es sogar 2,8 % von 2001 auf 2002.

Zu dieser niedrigen Produktivität paßt die Nachricht, daß Volkswagen in Brasilien immer noch fast 4.000 Mitarbeiter zu viel hat, aber durch das Vorgehen bei der geplanten Versetzung dieser Mitarbeiter in eine angekündigte Reallokationsfirma Autovisão wurden soviel Widerstände aufgebaut, daß diese Pläne zur Zeit wohl nicht zu verwirklichen sind. Und dann sagte der VW – Konzernchef noch vor einigen Tagen, wer in Brasilien bei VW streikt, wird entlassen. Das brachte sogar hiesige Politiker auf die Palme, die darauf hinwiesen, daß das Streikrecht in der brasilianischen Verfassung verankert ist. Merkwürdig, daß andere Kfz – Firmen ihre Restrukturierungsmaßnahmen ohne solchen Wirbel still und leise über die Bühne ziehen. Und VW do Brasil? Bietet 1.932 Mitarbeitern an, bis Ende 2006 ein volles Gehalt zu beziehen, wenn sie zuhause bleiben, um anschließend entlassen zu werden. Alternativ können Mitarbeiter sofort freiwillig ausscheiden, sie erhalten dann 20 Gehälter plus 40 % für jedes Zugehörigskeitsjahr zu VW. Um das alles bezahlen zu können,  hat das Mutterhaus  300 Mio. R$ nach Brasilien schicken müssen.

Der Anteil der brasilianischen Operation am Gesamtkonzernumsatz beträgt bei VW 6,5 %, bei GM 2,2 %, bei Fiat 6,0 %, bei Ford 1,8 %, bei DaimlerChrysler 1,1 % und bei Peugeot/Citroën 1,4 %. Bei der Produktion sind es 9,8 % bei VW, 6,2 % bei GM, 17,6 (!) % bei Fiat,  2,2 % bei Ford, 0,2 % bei DaimlerChrysler und 1,5 % bei Peugeot/Citroën. Und bei den Mitarbeitern sind es 8,0 % bei VW, 4,9 % bei GM, 4,1 % bei Fiat, 1,8 % bei Ford, 3,0 % bei DaimlerChrysler und 0,9 % bei Peugeot/Citroën. Und jetzt kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Aber wegen der niedrigen brasilianischen Produktionskosten können einige Sektoren den Produktivitätsnachteil mehr als ausgleichen. In diesem Jahr wird z.B. Australien ca. 1,4 Mio to Rindfleisch exportieren, Brasilien 1,3, die USA 1,2, dann folgen mit Abstand Neuseeland mit 0,5, Indien mit 0,4, Argentinien mit 0,3 und Uruguay mit 0,2 Mio to. Und bis 2005 hofft Brasilien, Australien vom ersten Platz verdrängt zu haben.

Bei der brasilianischen Softwareindustrie reicht es allerdings noch nicht zum Weltmeistertitel, einem Umsatz im eigenem Lande von 7,7 Mrd. US$  steht ein Export von nur 1,5 % dieses Wertes gegenüber. Aber das wird sich nach Meinung vieler Experten bald ändern.

Übrigens wird China für Brasilien immer wichtiger als Exportmarkt, in drei Jahren wurde China das drittwichtigste Exportland, vorher nahm es den zwölften Platz ein. China kauft vor allem Sojabohnen, Eisenerz, Holzpaste, Stahl- und Eisenhalbzeug, Sojarohöl, Traktor- und Fahrzeugteile, Bleche und Verbrennungskraftmotoren in Brasilien ein.

Der Handelsbilanzüberschuß von Januar bis September 2003 erreichte die Rekordsumme von 17,8 Mrd. US$ und wird wahrscheinlich bis zum Jahresende auf 22 Mrd. US$ steigen. Aber Brasilien zahlt immer noch Zinsen für seine Auslandsverschuldung, die 50 % des Exportes ausmachen. So gemessen, zahlt die Türkei nur 38, Chile 25,  Venezuela 24, Mexiko 23 und Russland sogar nur 15 %.  Diese hohe Auslandsverschuldung ist das Haupthemmnis für die großen Investoren, sich in Brasilien zu engagieren. Aber unsere Auslandsschuld beträgt auch 192 Mrd. US$, nach uns kommen die anderen „Entwicklungsländer“ Argentinien mit 176, Mexiko mit 132, Koreia mit 123, China mit 109, Rußland unnd Indonesien je mit 100, Türkei mit 93, Indien mit 72 und die Philipinen mit 56 Mrd. US$.

Ein weiterer Rekord, diesmal sogar Weltrekord, Der Hochofen Nr. 1 des Stahlwerkes Tubarão (übersetzt : Haifisch) produzierte 64,9 Mio. Tonnen Roheisen seit seiner Inbetriebnahme am 30.11.1983. Der vorherige Weltrekord wurde vom japanischen Hochofen 4 der Mizushima – Stahlwerke gehalten.

Und wir bleiben bei Rekorden. 137 km vor Santos wurde ein Erdgasvorkommen von 400 Mrd. Kubikmetern gefunden, das entspricht 2,6 Mrd. Fässern Erdöl! Zur Zeit importiert Brasilien noch täglich 30 Mio. Kubikmeter Erdgas aus Bolivien. Das brasilianische Erdgas kommt für 0,20 R$ pro Kubikmeter an das Festland, das bolivianische kostet 0,30 R$. Die Petrobrás wird das Gasverteilernetz für eine Milliarde R$ ausweiten und für die stärkere Nutzung von Erdgas werben. In Brasilien wird bereits heute fast ausschließlich mit Gas gekocht, Elektroherde sind die Ausnahme. Die bekannten Gesamtreserven Brasiliens an Erdgas erreichen jetzt mit dem Fund vor Santos 650 Mrd. Kubikmeter, im Vergleich hat Peru 280 Mrd., Argentinien 950 Mrd., Bolivien 1,5 Billionen und Venezuela sogar 4,4 Billionen Kubikmeter Erdgas!

Im Mai letzten Jahres kaufte die spanische Taurusgruppe den brasilianischen Hersteller von Elektrohaushaltsgeräten Mallory. Mit einer Investition von 15 Mio. R$ und einer Erhöhung der Mitarbeiterzahl von 160 auf 400 Personen konnte man die Produktionskapazität um 21 % steigern und mit einem gerade begonnenen Exportprogramm wird man bis Jahresende sogar 700 Mitarbeiter beschäftigen.

„Der“ Brasilianer hat zwar kein oder wenig Geld für überflüssige Dinge, aber trotzdem beträgt das Volumen des Bootmarktes 350 Mio. R$ im Jahr. Wer sich aus erster Hand informieren möchte, kann die São Paulo Boat Show vom 7. bis 12. Oktober besuchen,.

Die Zentralbank glaubt, daß die Inflation zum Jahresende nur 8,9 % betragen wird, das lange Zeit fast unerreichbare Ziel sah 8,5 % vor. Aber einen Wermutstropfen gibt es doch, die erwartete Wachstumsrate des BIP wurde von 1,5 auf 0,6 % zurückgenommen. Aber die Landwirtschaft wird getrennt betrachtet in diesem Jahr um 6 % zulegen! Für 2004 rechnet die Zentralbank mit 3,9 % Inflation und 3,5 % Wachstum.  Übrigens betrug die Inflation im letzten Jahrhundert 1.113.694.017.907.650.000 %, so sagt es jedenfalls das für solche Zahlen zuständige Brasilianische Institut für Geografie und Statistik.

Die Regierung kämpft übrigens immer noch um die Reformen, es wird nicht so einfach, wie man es sich gedacht hat. Zwischennachricht: Vor dem Verbot von Steueranreizen für Industrieneuansiedlungen geben die Bundesstaaten noch schnell kräftig neue Steuererleichterungen, was das Land 30 Mrd. R$ an Steuerausfällen kosten kann. Fazit wird natürlich sein, daß die „Allgemeinheit“ die Rechnung zahlen wird/muß.

Ich bekam übrigens eine Zuschrift auf meine letzten Meldungen aus Brasilien, in der der Schreiber u.a. darauf aufmerksam macht, daß die meisten Spieler seines Bundesligavereins aus der Gegend rund um den Zuckerhut kommen. Dazu eine Meldung vom 1.10.03: Der Ex-Präsident von Flamengo und weitere 9 Personen wurden verhaftet, weil man ihnen vorwirft, ca. eine Milliarde R$ an Steuern hinterzogen zu haben. Angeblich hätten bestochene Beamte die Steuerschulden einfach vom Computerterminal aus gelöscht.

Präsident Lula kämpft auch schon gegen Widerstände,  zu der Kritik an seiner Kubareise muß er jetzt auch noch verkraften, daß 24 % der Bevölkerung mit seiner Politik nicht mehr einverstanden sind, bei der Befragung davor waren es 18 % und bei der ersten Umfrage vor sechs Monaten sogar nur 13 %.

Zum Schluß noch eine Nachricht aus der FAZ,  die uns zeigt, daß wir in Brasilien immer noch ruhiger schlafen können als die Argentinier. Der argentinische Präsident sagte nämlich seine für den 9. und 10. Oktober geplante Deutschlandreise ab, weil er Angst hat, daß sein Flugzeug Tango 1 beschlagnahmt wird, weil sein Land fällige Schulden nicht bedient hat.


31.08.2003     zurück nach oben

Wer kein Geld hat, muß welches kaufen und dafür - später und meist in Raten - den Betrag zahlen, den er erhalten hat plus ein eventuelles Agio und die vereinbarten Zinsen. Das nennt man dann Kredit und wenn man nicht kreditwürdig ist, bekommt man eben kein Geld. Ich will nicht behaupten, daß die brasilianische Bundesregierung nicht kreditwürdig ist, im Gegenteil, sie ist so kreditwürdig, daß ihre Verschuldung ein vernünftiges Maß, gemessen an den Einnahmen, die zur Tilgung zur Verfügung stehen und am Bedarf für dringend nötige Investitionen, schon jedes vernünftige Maß überschritten hat. Mit anderen Worten, die Regierung würde Geld geliehen bekommen, z.B. vom Internationalem Währungsfond (dessen größter Schuldner mit 25 Mrd. US$ Brasilien heute schon ist), aber die Rückzahlung würde künftige Regierungen schwer belasten. In Wirklichkeit würde diese Belastung natürlich weitergegeben werden, denn keine Regierung der Welt schafft Geld (abgesehen vom unkontrolliertem Einsatz der Notenpresse, der zur Inflation führt), das muß schon der Steuerzahler tun, sei er eine natürliche oder eine juristische Person. Der ist aber jetzt schon überfordert (daher die Notwendigkeit einer Steuerreform) und deshalb geht die brasilianische Regierung auch andere Wege, in dem sie versucht, die Privatwirtschaft zu Investitionen in Bereichen zu bewegen, die eigentlich Regierungssache sind. Das soll wie schon im Fall der Bundesautobahnen über Konzessionen geschehen oder über die Inanspruchnahme von Rentenfonds. Letztere verfügen immerhin in Brasilien über 180 Mrd. R$.

Schade, daß die Banken nicht versuchen, ihre im Vergleich zu Industrie und Handel hohen Gewinne hier einzusetzen. Aber offensichtlich ist es einfacher, mit wenig Geschäft (gut) zu verdienen als mit viel Geschäft vielleicht nur etwas mehr. Nicht von ungefähr sprach sich der Wirtschaftsexperte John Williamson vor einigen Tagen bei einem Besuch in Brasilien  dafür aus, zu untersuchen, ob nicht ein Kartell bestünde.

Der Planungsminister Mantega braucht für seine Projekte zwischen 2004 und 2007 insgesamt 191 Mrd. R$ und davon sollen 80 Mrd. R$ von der Privatwirtschaft aufge-bracht werden. Die dringendsten Projekte sind vier Bereichen zuzuordnen: Nationale Integration, Transport, Energie und Wohnungsbau / Wasserversorgung / Abfallwirtschaft. U.a. sollen Bundesstraßen zu Autobahnen ausgebaut, Tunnel (z.B. unter dem Atlantik zwischen Guarujá und Santos) und Staudämme gebaut, Bewässerungsprojekte in Angriff genommen und Energieleitungen verlegt werden. Aber da es noch keine Regeln für die Investitionen gibt, hält sich die Wirtschaft natürlich zurück. Aber diese sind zu erwarten, weil die Regierung über die Infrastrukturmaßnahmen die während des Wahlkampfes versprochenen Arbeitsplätze schaffen will. Aber sie denkt auch über eine weitere Arbeitszeitverkürzung nach, um diese Arbeitsplätze herbeizuzaubern. Also wie es die Sozialisten gerne machen, den Mangel nicht beseitigen, sondern verwalten. Die Höchstarbeitszeit betrug übrigens früher 48 und heute 44 Stunden in der Woche. Sie haben richtig gelesen, in Worten „vierundvierzig“. Noch schnell eine Frage aus der Zeit des Kommunismus: Was passiert, wenn die Sahara von den Kommunisten übernommen wird? Antwort: Drei Jahre nichts, dann fehlt Sand.

Aber nochmal zurück zur Staatsverschuldung: In den ersten sechs Monaten der Regierung Lula machten die Zinszahlungen 10 % vom BIP aus, im ersten Halbjahr 2002 unter Fernando Henrique Cardoso waren es nur 7,5 %. Wie ich schon früher ausführte, schadet sich die heutige (und die vorherige) Regierung am meisten mit dem hohem Leitzins, der gerade von 24,5 auf 22,0 % zurückgenommen wurde, aber im Juni 2002 unter der vorherigen Regierung "nur" 18 % betrug. Aber nach über 40 % während der russischen Krise in 1998 und einem Haushaltsdefizit damals von 7,64 % vom BIP stehen wir heute gar nicht so schlecht da. In 2002 wurden 114 Mrd. R$ Zinsen bezahlt, dieses Jahr werden es 150 Mrd. R$ sein. Das würde spielend für die Investitionsvorhaben der Regierung ausreichen.

Dabei hat die Regierung noch Glück mit der US$ - Abwertung gehabt, denn dadurch wurden die Schulden der öffentlichen Hand von insgesamt 856 Mrd. R$ (55,4 % vom BIP!) um 66 Mrd. R$ reduziert, denn circa 40 % der Schulden sind wechselkursabhängig.

Solche Zahlen kann jeder abrufen, per Internet sind diese Daten jederzeit z.B. bei der brasilianischen Zentralbank einsehbar. Meine Erfahrung der letzten 25 Jahre - ich kam 1978 nach Brasilien und bin mit einer fünfjährigen Unterbrechung durch Geschäftsführertätigkeit in Südafrika und Mexiko seit Ende 1987 wieder hier - zeigt klar, daß Brasiliens Volkswirtschaft seit langem extremen Schwankungen unterworfen ist. Daß dies z.B. einigen großen Autobauern noch keinen Grund zur Vorsicht bei Planannahmen für Investitionen gegeben hat, ist eigentlich unverständlich. Ich habe gerade eine zweijährige Tätigkeit als start up - Geschäftsführer eines Kfz - Zulieferers abgeschlossen und kann daher aus unmittelbarer Erfahrung sagen, daß diese Branche nicht immer mit der nötigen Professionalität arbeitet / gearbeitet hat - und jetzt wird wieder nach Vater Staat gerufen und der reagiert auch und vermindert die Industrialisierungssteuern (IPI). Dazu kann ich nur wiederholen, was mir einmal Dr. Trautz, der damalige BASF - Chef Brasiliens sagte, nämlich daß er nie eine Fabrik wegen einer Förderung oder Steuererleichterung bauen würde, die ohne diese nicht wettbewerbsfähig wäre. Wenn also unsere Autobauer nur mit Steuerreduzierungen überleben können, sind sie im falschen Geschäft bzw. am falschen Ort. Und manche arme Zulieferer, die dem Druck ihrer Kunden folgend nach Brasilien gingen, leiden, manchmal sogar schweigend, weil sie sich ein offenes Wort mit Rücksicht auf das heimische Geschäft nicht leisten können.

Dabei geht es in Brasilien auch ganz anders, wie u.a. das Beispiel der Cia. Vale do Rio Doce zeigt. Sie verkündete am 13.8., daß ihr Gewinn in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 2,43 Mrd. R$ betrug und daß man Investitionen von 70 Mio. US$ ein Jahr vorziehen werde, um die Abbaukapazität für Eisenerz in Carajás von 56 auf 70 Mio. Jahrestonnen zu erhöhen. Weiterhin wird die Firma 77 Lokomotiven und 2.010 Waggons kaufen! Der Preis des Eisenerzes wurde im Mai um 9 % erhöht, aber man vergaß darüber nicht die Mitarbeiter, deren Bezüge um 17 % erhöht werden sollen.

Die früher staatliche und defizitäre und jetzt privatisierte Cia. Siderúrgica Nacional - CSN kündigte ebenfalls ergeizige Investitionen an, man will einen vierten Hochofen für 2,5 Mio. Jahrestonnen bauen und die Kapazität des Bergwerkes Casa de Pedra um 15 Mio. Jahrestonnen Erz und 5 Mio. Jahrestonnen Pellets erhöhen.

Der Gewinn des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer litt unter der Realaufwertung gegenüber dem US$ und ging im ersten Halbjahr 2003 um 36 % gegenüber dem gleichem Vorjahreszeitraum zurück - betrug aber immer noch netto 218 Mio. R$ (während einige Autobauer hohe Verluste einfahren und erwarten, daß ihre Zulieferer sich aus Solidarität daran beteiligen). Am 30.6.03 betrug der Auftragsbestand der Embraer 27,1 Mrd. US$ (10,3 Festaufträge, 16,8 Optionen).

Am 14.8.3 weihte Kraft Food Brasil einen Fabrikkomplex in Curitiba u.a. für die Produkte der Marken Lacta, Iracema, Tang und Royal ein, der 120 Mio. US$ Investitionen erforderte; damit sind jetzt drei der elf brasilianischen Fabriken in Curitiba unter-gebracht. Zusätzlich wird die Kraft - Keksfabrik in Piracicaba 40 Mio. R$ Investitionen erhalten und in der Saftfabrik Maguary in Araguari wird eine neue Produktionslinie eingerichtet.

Die letzte Leitzinssenkung läßt auch die Hersteller von Lebensmitteln, Elektro - Elektronik - Gütern, Spielzeugen, Schuhen und Verpackungsmitteln auf eine rosigere Zukunft hoffen – so stellte der größte brasilianische Spielzeughersteller Estrela dreihundert Zeitarbeitskräfte ein, um für den Tag des Kindes am 12 Oktober gerüstet zu sein. Philips konnte im Juli gegenüber Juni 28 % mehr DVD – Geräte und 20 % mehr Fernsehapparate mehr verkaufen, damit ist der Juli für Philips der bisher beste Monat in diesem Jahr. Für die Firma war dies Anlaß, die geplante Produktion des zweiten Halbjahres um 25 % zu erhöhen. Mit ein Grund dafür ist die Absicht, bis Weihnachten 37 neue Produkte herauszubringen. Der Wellpappesektor steigerte im Juli seine Verkäufe um 5 % gegenüber dem Vormonat und im August erwartet man eine weitere Steigerung von 7 %. Die brasilianischen Schuhhersteller konnten in den ersten sieben Monaten 2003 insgesamt für 867 Mio. US$ exportieren, praktisch der gleiche Wert wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Eine der großen Firmen dieser Branche, Agabê, wird ihre 1.280 Mitarbeiter für das Weihnachtageschäft um 100 Zeitarbeiter verstärken.

Ein Hoffnungsschimmer existiert auch für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer, denn u.a. die brasilianische Textilindustrie, der Chemie- und Petrochemiesektor arbeiten hart an der Kapazitätsgrenze, d.h. hier sind Investitionen angesagt! Ende der 70er Jahre betrugen die mittlere Investitionsrate 23,5 % vom BIP, in den 80er Jahren nur noch 19 %! Eine Ausnahme bildeten nur die heute gebeutelte Autoindustrie und die jetzt glänzend dastehende Landwirtschaft. Damit allerdings die anderen Branchen ebenfalls investieren können, müssen Voraussetzungen wie Steuerbefreiung oder wenigstens  -senkung für Anlagegüter und erschwingbare Kredite vorliegen.

Dieser Hoffnungsschimmer gilt auch umgekehrt für den brasilianischen Exporteur, nur habe ich den Eindruck, daß dies bei meinen Beratungsgesprächen in Deutschland kaum jemanden interessiert. Mit anderen Worten, jeder will verkaufen, aber keiner einkaufen. Dabei sind viele brasilianischen Branchen durchaus international wettbewerbsfähig was Preis, Qualität und Lieferfähigkeit angeht. Ein Beispiel dafür ist der Indigohersteller Canatiba, der montlich 5 Mio. Meter Jeansstoff herstellt und seine Exportquote von 15 auf nächstes Jahr 25 % und seine Produktion auf 6 Mio. Meter steigern will. Exportiert wird heute in die USA, nach Europa, Mexiko und in die Türkei. Es gibt natürlich auch Produkte, die man nicht ohne weiteres in Brasilien kaufen kann, so wurde unser Anfrage im Auftrag eines deutschen Kunden nach Elektromotoren mit Aluminiumgehäuse von einem großem brasilianischem Hersteller gar nicht erst bearbeitet, weil er für diese Technologie nicht eingerichtet ist. Aber wir fanden einen anderen, der jetzt die anstehenden technischen Fragen im direktem Dialog über sein deutsches (!) Büro mit unserem Kunden klärt. Und diese brasilianische Firma ist wirklich rein brasilianisch, unterhält aber Auslandsbüros (und sogar Fabriken) in vielen wichtigen Industrieländern, u.a. Mexiko, Japan und Deutschland.

Im Juli flossen 1,152 Mrd. US$ Investitionen nach Brasilien, die Zentralbank hatte nur mit 800 Mio. gerechnet. Damit wurde erstmalig in diesem Jahr in einem Monat die Milliardengrenze überschritten. Im August sollen es 1,1 Mrd. US$ werden. Im Juli kam das Geld vor allem aus den USA (536 Mio. US$), aus Japan (221 Mio. US$), Spanien (104 Mio. US$), Holland (99 Mio. US$), von den britischen Jungferninseln (84 Mio. US$), aus Italien (40 Mio. US$), von den Kaymaninseln (26 Mio. US$), aus Deutschland (ja, stolze 22 Mio. US$!), Frankreich (18 Mio. US$) und von den Ber-mudas (2 Mio. US$). Diese Geld ging in folgende Bereiche: 374 Mio. US$ in den Automobilbau, 253 Mio. US$ in sonstige Industrien, 211 Mio. US$ in die Elektronik, 165 Mio. US$ in den übrigen Dienstleistungsbereich, 107 Mio. US$ in Service für Firmen, 94 Mio. US$ in den Post- und Telekommunikationsbereich, 30 Mio. US$ in die Chemie und ebenfalls 30 Mio. US$ in den Bereich Landwirt-schaft/Viehzucht/Bergbau, 26 Mio. US$ in die Elektrizitätswirtschaft, Gas und Heiß-wasser und 15 Mio. US$ in die Erdlölförderung. Das ergibt zusammen Einnahmen von 1,152 und Ausgaben von 1,305 Mrd. US$, aber so sind brasilianische Statistiken eben – eine wundersame Vermehrung, die mich an eine biblische Geschichte erinnert. Wobei der als Einnahmensumme in der Presse genannte Wert noch um 90 Mio. US$ über der hier aus den Einzelwerten errechneten Summe lag.

Am 29. August hat übrigens die mexikanische América Móvil den Kauf der in Groß – São Paulo agierenden und mit 1,234 Mrd. US$ hoch verschuldeten Mobilfongesell-schaft BCP für 625 Mio. US$ angekündigt, der im September abgeschlossen werden soll. Die Schuld wurde für die Übernahme um 40 % reduziert.

Es geht um große Investitionen und wie man sehen kann, ist Deutschland weit von seinem früherem zweiten Platz hinter den USA entfernt. Merkwürdig, daß zwar viele deutsche Firmen nach wie vor an Brasilien interessiert sind, aber nicht in ihre Geschäfte investieren wollen. So bekam eine mir bekannte brasilianische Internetbörse in nur zwei Wochen über einhundert deutsche „Kunden“, deren Geschäftswünsche kostenlos ins Internet gestellt wurden. Der Erfolg ist zweifelhaft, wie es meine Erfahrung zeigt, von nichts kommt eben nichts. Diese Firmen wollen kein Geld ausgeben, um wirklich ins Geschäft zu kommen, z.B. über lokal betreute Aktivitäten wie Anzeigen in Fachzeitschriften, persönliche Übergabe portugiesischer (d.h. brasilianischer!) Prospekte und Kataloge, Beteiligung an Messen als Aussteller, Klinkenputzen mit Nachhalten per Telefon und Besuch und letztendlich vielleicht Eröffnung einer Nie-derlassung, sondern hoffen auf den großen kostenlosen Wurf, der dann nicht kommt. Aber man hat ja auch nichts ausgegeben, also Schwamm drüber. Dabei haben ca. 1.300 deutsche, in Brasilien ansässige Firmen gezeigt, das die Präsenz vor Ort – sei es durch eine eigene Niederlassung oder durch einen tatkräftig unterstützten Vertreter ein guter und erfolgreicher Weg ist. Ein kostenloser Internetauftritt bringt fast nie das gewünschte Geschäft, der Kontakt in Brasilien muß immer auch intensiv vor Ort betreut werden, um einen Abschluß zu machen.

In Argentinien sieht die Lage langsam wieder besser aus, Sachs Argentina holte z.B. eine Stoßdämpferlinie wieder zurück nach San Francisco, 200 km von Córdoba. Im Januar 2002 hatte Sachs Industries die Linie nach Brasilien verlegt, aber machte jetzt diese Entscheidung, nicht zuletzt aus Kostengründen, rückgängig. Diese Lektion sollte man nicht vergessen – durch den Mercosur kann man heute den Zugang zum riesigen brasilianischen Markt auch über eine lokale und kostengünstige Produktion in Argentinien bekommen, trotz der großen Entfernungen und der damit verbundenen Logistikkosten. Fragen Sie unser Büro in Buenos Aires!

Brasilien ist nach wie vor ein devisenbewirtschaftes Land, was sich darin ausdrückt, daß der Devisenverkehr starken Beschränkungen unterliegt und von Genehmigungen der Zentralbank abhängt, die die Spielregeln jederzeit ändern kann. Ein offensichtlicher Grund dafür ist die berechtigte Angst, daß bei freiem Devisenverkehr die Brasilianer ihr Geld in Hartwährung umtauschen und im Ausland lassen würden. Und wenn diese Befürchtung der Regierung berechtigt ist, so kann man schließen, daß das Länderrisisko Brasiliens ebenso berechtigt hoch ist. Schade, daß die Regierung so wenig Vertrauen zu sich selbst und in das eigene Land hat, denn dadurch – böses Beispiel verdirbt gute Sitten – vertraut das Ausland Brasilien natürlich auch nicht uneingeschränkt und die Zinsen werden unnötigerweise hochgehalten. Was wiederum dazu führt, daß niemand wirkliches Vertrauen in den Real hat und… Sehen Sie, wie die Katze sich in den Schwanz beißt? Selbst Pérsio Arida, einer der Väter des Reals, sprach sich vor kurzem zugunsten einer Abschaffung der Devisenbeschränkungen aus. Ein Land, welches bis 2006 einen Jahresexport von 100 Mrd. US$ erreichen will, kann sich eigentlich eine Devisenbewirtschaftung auch nicht mehr leisten, denn wer exportiert will, muß auch importieren und diese Importe natürlich auch möglichst ohne Zusatzkosten und ohne Bürokratie bezahlen.

Im Juli 2002 haben in den sechs wichtigsten Wirtschaftsregionen Brasiliens 17,580 Mio. Personen in Lohn und Brot gestanden und im Mittel im Monat 996,92 R$ verdient, zusammen also 17,526 Mrd. R$.  Ein Jahr später waren es 18,330 Mio. Personen und nur noch 833,50 R$ bzw. 15,278 Mrd. R$, d.h. diese Regionen verloren 2,248 Mrd. R$ an Einkommen und entsprechend an Kaufkraft und Steueraufkommen. Der stark betroffene Handel hält den geschilderten Einkommensrückgang für wichtiger als die Belastung durch die hohen Zinsen. Übrigens erschreckend zu sehen, daß bei Zeitungsberichten zu  diesem Thema ständig Milliarden und Millionen durcheinandergeworfen werden, aber das soll ja schon einem früherem deutschem Bundeskanzler passiert sein.

Haben wir eigentlich eine Rezession in Brasilien? Der zuständige Minister Palocci verneint dies, aber was sagen die Zahlen? Im zweiten Vierteljahr 2003 ging das BIP gegenüber dem ersten um 1,6 % zurück, dieses wiederum lag 0,6 % unter dem letzten Vierteljahr des Vorjahres. Das sollte ausreichen, um die augenblickliche Lage als Rezession zu charakterisieren. Im letzem Vierteljahr war gegenüber dem erstem Vierteljahr 2003 das BIP in fast allen Bereichen rückläufig, mit den Ausnahmen + 2,9 % Export und + 0,3 % Regierungsausgaben. Einen Kommentar erspare ich mir. Aber Palocci denkt wahrscheinlich an die Prognose für dieses Jahr, die für die gesamte brasilianische Volkswirtschaft bei + 0,5 % liegt. Ob dieser Wert erreicht wird, steht in den Sternen. Und die Entwicklung im nächsten Jahr ebenfalls; sie hängt stark von der Einhaltung des gerade vorgelegten Regierungshaushaltes ab, die nur mit einem positivem Ergebnis der in Angriff genommenen Reformen und einem dadurch möglichem Wirtschaftswachstum möglich ist.  

Zum Schluß noch eine interessante Nachricht. Die Regierung will für ausgewählte Branchen strategische Entscheidungen durchsetzen, die u.a. Fusionen stimulieren soll. Es geht um den Halbleitersektor, die Softwareindustrie, den Pharmabereich und den Maschinen- und Anlagenbau. Brasilien hatte Ende der 80er Jahre bereits dreiundzwanzig Halbleiterfirmen, heute sind es nur noch drei. Mit einem Entwicklungsprogramm sollen Investitionen attraktiv gemacht und kompetentes Fachpersonal ausgebildet werden. In den letzten zwanzig Jahren wuchs der Halbleitermarkt weltweit 15 % im Jahr. Die 5.400 brasilianischen Softwarefirmen, die jährlich für 100 Mio. US$  exportieren, sollen bei der Durchdringung dieser Exportmärkte unterstützt werden. Brasilien importiert heute Software im Wert von 1 Mrd. US$ pro Jahr. Der brasilianische Softwaremarkt ist der siebtgrößte der Welt. Im brasilianischem Pharmabereich sind heute 1.028 Firmen tätig, die für 1,095 Mrd. US$ im Jahr importieren, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Sie sollen im Forschungs- und Entwicklungsbereich gestärkt werden, bei der Internationalisierung ihrer Tätigkeit und in der lokalen Produktion, vor allem von Generika. Dem brasilianischem Maschinen- und Anlagenbau wird eine hohe strategische Bedeutung beigemessen, er soll deshalb gestärkt werden, parallel soll aber der Import national nicht erhältlicher Produkte erleichert werden.


30.07.2003     zurück nach oben

Brasilien ist eines der bestbewaffneten Länder der Welt, leider trifft dies aber nicht unbedingt auf die Streitkräfte oder Polizei zu, sondern eher auf Otto Normalverbraucher und die Unterwelt. Fünf Millionen registrierten Waffen stehen 30 Millionen illegalen gegenüber. In 2002 wurden von letzteren 14.248 beschlagnahmt, 8.437 allein in São Paulo. In diesem Jahr waren es bis Juni schon 8.841 in ganz Brasilien. Obwohl letztes Jahr 49.000 Personen in Brasilien an Schußverletzungen starben, wurden in 2003 trotzdem bis Juni 1.006 neue Waffenscheine ausgegeben. Damit soll jetzt Schluß sein. Der Senat hat am 23.6.2003 eine Gesetzesvorlage gebilligt, die u.a. in 2005 eine Volksabstimmung zur Frage des Verkaufsverbotes von Waffen und Munition vorsieht. Alle heutigen Waffenscheine sollen ihre Gültigkeit verlieren und neue werden nur noch selektiv ausgegeben. Alle Besitzer von Waffen, die die Berechtigung zum Tragen verlieren, müssen ihre Waffen abgeben und werden entschädigt. Bleibt die Hoffnung, daß dieses Vorhaben wirklich schnell Gesetzeskraft erlangt. Denn die Kriminalität, die sich eines Großteiles dieser Waffen bedient, wird zum Teil durch die durch kein ausreichendes soziales Netz gemilderte Arbeitslosigkeit genährt, die in São Paulo nie gesehene 20 % (Brasilien 13 %) erreicht hat, obwohl im Juni 96.000 Arbeitsplätze in Groß - São Paulo geschaffen wurden.

Und in dieser Situation kündigt die Automobilindustrie Massenentlassungen - bei VW allein 3.933 Mitarbeiter - an, die zwar in diesem Fall durch Überstellung in eine Auffangfirma kaschiert werden sollte, was aber nicht davon ablenken kann, daß diese Mitarbeiter im Augenblick überflüssig sind. Am 24.7.2003 wurde dann aber ein Rückzieher gemacht. GM wollte insgesamt 600 Mitarbeiter entlassen, 450 wurden am 22.7.03 bereits entlassen, wurden dann aber wieder eingestellt, weil die 600 insgesamt betroffenen Mitarbeiter akzeptierten, die nächsten fünf Monate gegen ein reduziertes Entgeld zu Hause zu bleiben. Peugeot-Citroën reduziert die Produktion und wird dieses Jahr nur 57.000 anstelle der geplanten 72.000 Einheiten produzieren. Schuld daran hat bei den Franzosen vor allem der gegenüber dem Real sehr starke Euro. Die Regierung wird von der Automobilindustrie gedrängt, wenigstens über Steuererleichterungen dafür zu sorgen, daß die Halde von fast 200.000 Fahrzeugen abgebaut werden kann und auch die Zulieferer wieder befreiter atmen können. Einige kleinere Firmen haben schon das Handtuch werfen müssen und sich, kaum in Brasilien angekommen, nach einer Lizenzvergabe an bereits etablierte lokale Firmen mit mehr finanzieller Luft wieder zurückgezogen.

Eine der Hauptgründe dafür, daß es mit der brasilianischen Wirtschaft nicht vorangeht, ist der hohe Zinssatz. Dieser wiederum wird mit der Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung und der Insolvenzrate erklärt. Das Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln, wird von der Regierung nachdrücklich bestätigt, aber die Maßnahmen dazu sind noch sehr schüchtern. So hat das zuständige Gremium mit dem schönem Namen Copom (Comitê de Política Monetária) es am 23.7.2003 geschafft, den Leitzins (Selic) von nominal 26,0 auf 24,5 % im Jahr zu senken! Nachdem dieser Zinssatz am 18.1.2001 schon bei 15,25 % gelegen hatte. Der Spread liegt bei 33,1 %, der mittlere Jahreszinssatz bei 57 % (Vorjahr 51 %). Es geht eben nichts über die konservative Politik einer sozialistischen Regierung! Die es zum Beispiel für normal hält, daß beim aktuellem Basiszinsatz der private Kreditnehmer 177 % Jahreszinsen für einen Überziehungskredit zahlen muß, 97 % für einen Kredit, und 45 % für die Finanzierung eines Autos. Firmen haben es etwas besser, die Diskontierung eines Wechsels kostet 63 % im Jahr, die eines Warenwechsels 56 % und ein Überziehungskredit 80 %. Und wer als sogenannter kleiner Mann einen Kleinkredit von einer Finanzierungsgesellschaft erbittet, zahlt gar 330 %! Kein Wunder, daß der Zahlungsverzug im Mittel bei 9 % liegt. Der Verschuldungsgrad in Prozent des Bruttoinlandproduktes liegt für Deutschland bei stolzen 164 %, im Falle Brasiliens sind es gerade mal 23,3 %.

Diese Politik wird selbst von einem Unternehmer wie Eugênio Straub, der den heutigen Präsidenten Lula schon während dessen Wahlkampagne offen unterstützte, nicht mehr mitgetragen. Er sieht Brasilien in einer Situation, die das Land 1965 schon einmal hatte und Jahre brauchte, um sich zu erholen. Er forderte am 28.7.2003 wie der Präsident des Industrieverbandes von São Paulo FIESP, Horácio Lafer, ein Sofortprogramm zur kurzfristigen Belebung der Wirtschaft, beginnend mit einer nachhaltigen Reduzierung des realen Leitzinses auf 8 % zum Jahresende und 5 % zum Ende des nächsten Jahres. Selbst der Vizepräsident Brasiliens, ein Unternehmer, der ganz klein angefangen hat und heute über 10.000 Mitarbeiter beschäftigt, stößt in dieses Horn und stellt sich damit offen gegen die Zentralbank und sogar gegen den Regierungschef.

Dieser hat zur Zeit mehr als genug damit zu tun, die Welle der Landbesetzungen einzudämmen, sich eine Strategie gegen die Streikdrohung der Richter auszudenken, die eine Reduzierung ihrer Privilegien durch die vorgesehene Rentenreform nicht hinnehmen wollen und mit der Tendenz zur Frühpensionierung im öffentlichen Dienst eben wegen dieser Reform fertig zu werden. Die Einlösung der im Wahlkampf leichtfertig gemachten Versprechungen erscheint fast unmöglich, wird aber vehement von dem Teil der (unaufgeklärten oder uneinsichtigen?) Wähler gefordert, der sich von der Vorgängerregierung (meist zu Unrecht) vernachlässigt fühlte. Und die Basis der Regierung beginnt zu wanken, weil die Mehrheit im Parlament nach alter brasilianischer Sitte jeden Tag durch Zugeständnisse des Präsidenten an seine Koalitionspartner neu erkauft werden muß. Und die orientieren sich am Vorbild der herrrschenden Arbeiterpartei, die heute offen zugibt, daß sie die Reformen der Vorgängerregierung, die sie jetzt selbst durchpeitschen will, bekämpft hat, um an die Macht zu kommen. Nach dem Motto "Alle für mich und keiner für Brasilien".

Der aufgrund des günstigen Kurses gestiegene Export, der uns in jüngster Vergangenheit eine ständig positive Handelsbilanz bescherte, ist den Zöllnern offensichtlich ein Dorn im Auge. Heute entschieden sich nämlich 62 % von 1.538 Stimmberechtigten auf einer Urabstimung für eine Beibehaltung des aktuellen Streikes. Als Grund wird wie von den Richtern die drohende Rentenreform angegeben. In der zweiten Juliwoche ging der Export im Vergleich zur Vorwoche bereits um 11 % zurück. In der Woche vom 21. zum 27.7.2003 wurde für 1,57 Mrd. US$ exportiert und für 815 Mio. US$ importiert.

Die Regierung steht trotz großer verbaler Bemühungen und Schuldzuweisungen an die Vorgänger schon mit dem Rücken an der Wand, denn geschehen ist im ersten Halbjahr der Regierung Lula wenig. Zwar wurde die Inflation eingedämmt (und ist augenblicklich negativ, d.h. wir haben Deflation) und das Länderrisiko ging zurück, aber auf Werte, die die Vorgängerregierung bereits erreicht hatte und die nur verlassen wurden, weil viele eine sozialistische Regierung fürchteten oder einige bewußt gegen das Land spekulierten.

Trotzdem werden, Gott sei Dank auch von der Privatwirtschaft, große Investitionsvorhaben nicht nur angekündigt, sondern auch durchgeführt. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES kündigte am 23.6.2003 an, daß man über 1,5 Mrd. R$ für den Elektroenergiesektor verfüge. Dieses Geld wird dem beschlossenen Neubau von thermoelektrischen Kraftwerken, die zusammen 3.000 MW erzeugen sollen, neue Impulse geben. Das Gesamtprogramm erfordert 6 Mrd. R$. Die Papier- und Zelluloseindustrie will mit einem 14,4 Mrd. US$ - Investitionsprogramm ihre Kapazität im Zellulosebereich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Zur Zeit exportiert der Sektor für 3,1 Mrd. US$.

In einigen Bereichen wie dem der Landwirtschaft ist Brasilien Weltmarktführer, z.B. mit Soja. Aber auch bei Baumwolle konnte Brasilien eine herausragende Position erreichen. Aus der Ernte 2002/2003, die am 30.6.03 abgeschlossen wurde, hat Brasilien schon 28,27 Millionen Säcke Kaffee à 60 kg exportiert. Damit wuchs der Anteil Brasiliens am Weltkaffeehandel gegenüber der vorherigen Ernte um 20 % auf 33 %. Bei der Schokoladenproduktion nimmt Brasilien mit 327.000 Tonnen in 2002 den fünften Platz nach den USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich ein. 120.000 Tonnen wurden exportiert, das entspricht einem Umsatz von 4,2 Mrd. US$.

Die Regierung hat eine Agentur für die Förderung ausländischer Investitionen in Brasilien "Investe Brasil" geschaffen, die zur Zeit 20 Projekte mit einer Investitionssumme von 3 Mrd. US$ registriert hat. Sechs der Projekte sind aus dem Transportsektor und fünf aus der Elektro-Elektronik. Weiterhin gibt es je zwei Projekte in der Touristik, Energie, Maschinen und Ausrüstungen sowie je eines in der Landwirtschaft, Metallindustrie und Umwelttechnik. Dieses Jahr wird mit einem Geldzufluß von 8 bis 10 Mrd. US$ gerechnet, in 2004 soll er 15 Mrd. US$ überschreiten.

Das Messegeschäft bewegt in Brasilien 37 Mrd. R$ im Jahr, genug, um Investitionen in Ausstellungsfläche und Infrastrukturverbesserung bestehender Messehallen zu rechtfertigen. Das Expocenter Norte in São Paulo installierte für 12 Mio. R$ in seinen 60.000 Quadratmeter messenden sechs Hallen eine neue Klimaanlage und kaufte zusätzliche 130.000 Quadratmeter für künftige Erweiterungen. Die 60.000 Quadratmeter große Haupthalle des Messegeländes Parque Anhembi in São Paulo wird in diesem Jahr für 3,2 Mio. R$ renoviert, das benachtbarte Konferenzzentrum wird für 3 Mio. R$ umgebaut, um künftig auch UNO - Veranstaltungen zu beherbergen. Nebenan wird für 100 Mio. R$ ein Holiday Inn für 1.500 Gäste fertiggestellt - das unfertige Gebäude mußte dreissig Jahre darauf warten! Aber es lohnt sich bestimmt für den Hotelbetreiber, denn in Brasilien gibt es jährlich 327.000 Veranstaltungen, davon alleine 90.000 in der Stadt São Paulo.

Alles in allem viele ungelöste Probleme, aber auch große Chancen. Zum Beispiel für deutsche Firmen, deren Produkte in der Landwirtschaft, der Erdölindustrie, der Infrastruktur oder im Umweltbereich Anwendung finden. Und für Firmen, die in Brasilien einkaufen möchten, denn beim heutigem Wechselkurs kann man sehr preisgünstig nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch industrielle Produkte erwerben. So exportiert z.B. Caterpillar monatlich 200 Maschinen! Und wer sich heute an einer brasilianischen Firma beteiligen oder sie ganz übernehmen möchte, kann dies besonders günstig tun, weil bei den hiesigen Zinsen vielen lokalen Unternehmen die Luft schon ausgegangen ist. Aber das ist eine Erfahrung, die der deutsche Mittelstand wegen der geistigen Verwandschaft der deutschen und der brasilianischen Regierung, Basel II und der Weitsicht der Banken auch schon machen mußte.