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BRASILIEN AKTUELL 2003
14.12.2003
Eigentlich hatte ich es immer
für eine Übertreibung gehalten,
daß man nach Meinung der Brasilianer außerhalb Brasiliens
glaube, daß unsere Hauptstadt Buenos Aires heiße. Aber da
ich gerade in Deutschland zu Geschäftsbesprechungen war, kann ich
jetzt bestätigen, daß vielleicht doch etwas dran sein
könnte an dieser Behauptung. Denn selbst die von mir
hochgeschätzte und beim Frühstück gelesene FAZ schreibt
über Brasilien aus Buenos Aires und nennt in einem Artikel
über Angriffe auf Polizeistationen u.a. in Santos den Strand Praia
Grande ganz einfach Playa Grande und das ist nur ein Beispiel in diesem
Artikel für die Annahme, daß in Brasilien Spanisch
gesprochen wird.
Da darf man sich dann nicht wundern,
wenn "ganz gewöhnliche"
deutsche Geschäftsleute manchmal etwas uninformiert wirken, wenn
über Brasilien gesprochen wird. Ich sage das, weil viele
Firmenchefs uns fragen, ob wir ihre Produkte gegen eine Provision in
Brasilien an den Mann bringen können und muß dann nicht nur
erklären, daß meine Firma Eurolatina keine Handelsvertretung
ist, sondern auch, daß ein Markteintritt in einem Land, welches
größer als Europa ist, ohne Investition seitens des
Exporteurs nicht machbar ist - es sei denn, dieser findet über uns
einen im Markt eingeführten Handelspartner mit einem laufendem
Geschäft, welches die Markteinführungskosten für das
neue Produkt verträgt. Schließlich käme auch niemand
auf die Idee, einen Handelsvertreter in Oslo für einen
unverbindlichen Kundenbesuch auf dessen Kosten nach Rom zu schicken.
Aber Investitionen in einen
Markteintritt lohnen sich fast immer,
Wettbewerbsfähigkeit vorausgesetzt. Denn das
Geschäftspotential ist in manchen Fällen enorm, z.B., wenn
man mit Firmen wie Petrobrás oder Vale do Rio Doce
Geschäfte machen darf. Dies erfordert aber einen langen Atem, die
Markteintrittsschwelle ist sehr hoch und die Konkurrenz hart. Aber wer
sich z.B. als Lieferant an der Exploration der gerade vor Santos
gefundenen Erdgasvorräte beteiligen kann und seine Preise
durchsetzt, kann sich glücklich schätzen, denn ein Kunde wie
Petrobrás kann zumindestens heute jede Rechnung zahlen - ganz im
Gegensatz zu einigen Automobilherstellern. Petrobrás hat
hauptsächlich durch die Koppelung der brasilianischen
Inlandstreibstoffpreise an den Weltmarktpreis des Rohöles in US$
einen Rekordgewinn erzielt, 1,848 Mrd. US$ (22,6 %
Umsatzrentabilität! Exxon Mobil erreichte nur 6,9 und Chevron
Texaco 6,5 %) von Juli bis September, mehr als IBM, JP Morgan Chase,
Morgan - Stanley, Coca Cola und Procter & Gamble und fast soviel
wie Microsoft (2,041 Mrd. US$). Damit ist Petrobrás auf Platz 12
der lukrativsten Firmen beider Amerika gelandet. Im gleichem
Vorjahreszeitraum langte es mit 608 Mio. US$ nur zum Platz Nr. 39. Kein
Wunder, daß die Firma in New York Anfang Dezember 750 Mio. US$
aufnehmen kann mit einer Laufzeit von 15 Jahren und einer Verzinsung
von 8,5 %. Der brasilianische Flugzeughersteller Embraer erhält
wie in diesem Jahr in 2004 von der BNDES (ähnlich KfW) einen 1,8
Mrd. US$ - Kredit. Insgesamt braucht die Firma nächste Jahr das
Doppelte, um 160 Düsenflugzeuge auszuliefern, für 2005 sind
170 geplant.
Dazu paßt die Nachricht,
daß die brasilianische Zentralbank
eine Risikozentrale schafft, die helfen soll, den spread zu halbieren.
In dieser Risikozentrale sollen die Daten von 15 Millionen
Kreditnehmern gespeichert werden, von denen 10 Millionen ihre Daten auf
keinen Fall in dieser Datenbank sehen wollen. 85 % der gespeicherten
Kreditnehmer sind pünktliche Zahler und sollen deshalb
künftig billigere Kredite als die unsicheren Kantonisten erhalten.
Laut Zentralbank wächst das Kreditvolumen seit Juli wieder leicht,
im Juli wurden Kredite für 213 Mrd. R$ vergeben, im August waren
es 214, im September 216 und im Oktober 218. Persönliche Kredite
kosteten im März 100,6 % jährlich, im Oktober "nur" noch 83,3
%. Überziehungskredite (cheque especial) erreichten ihren
Höchststand im April mit 178,5 % und lagen im Oktober bei 147,4 %
jährlich. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2001. Zwischen
Juli und Oktober 2003 wurde der Leitzins um 9 Prozentpunkte
zurückgenommen, die Banken gaben davon 8,1 weiter.
Laut einer am 4.12.03
veröffentlichten Studie mußten allein
im Bundesstaat São Paulo zwischen 1990 und 2002 ca. eine Million
kleine und mittlere Firmen ihre Tore schließen. 21,1 Mrd. R$
persönlicher Ersparnisse und 182,5 Mrd. R$ Jahresumsatz gingen in
diesen 12 Jahren den Bach hinunter, immerhin 1,4 % des BIP.
Gleichzeitig wurden zwischen 4,4 und 6,9 Millionen Arbeitsplätze
vernichtet. Der genaue Wert ist nicht festzustellen, weil viele Firmen
ihre Mitarbeiter wegen der damit verbundenen Kosten und Bürokratie
nicht vollständig oder überhaupt nicht registrieren. Von 10
Firmen, die aufmachen, überleben nur 4 das fünfte Jahr, ein
trauriger Rekord. Vor zwei Jahren lag dieser Wert bei 3 Firmen, also
immerhin eine kleine Verbesserung. Was sind die Gründe für
diese hohe Sterblichkeit? Fünf werden in der Studie genannt,
nämlich keine Planung, schlechtes Unternehmensführung, keine
regierungsseitige Unterstützung (z.B. durch
Entbürokratisierung, niedrigere Steuern und
Zurverfügungstellung von erschwingbaren Krediten), die allgemeine
Rezession und last, but not least, Streit unter den Anteilseignern, oft
Mitglieder derselben Familie.
Wollen Sie weitere schlechte
Nachrichten lesen? Die Arbeitslosenquote
in der Region Groß - São Paulo wird 2003 einen neuen
traurigen Rekord erreichen. 1999 betrug sie 19,3 %, in 2000 ging sie
auf 17,7 % zurück und 2002 langte sie wieder bei 19 % an. Im
September 2003 waren es 20,6 %, der höchste je registrierte Wert
seit Einführung der Aufschreibungen in 1985. Und das bei einem
Präsidenten, der als hauptsächliches Wahlversprechen die
Schaffung neuer Arbeitsplätze auf seine Fahne geschrieben hatte.
Und zusätzlich fällt seit 10 Monaten in ununterbrochener
Folge das Realeinkommen der Glücklichen, die Arbeit haben. In
São Paulo betrug der Rückgang vom Oktober 2003 zum Oktober
2002 15,3 %, in Rio 19,1 %. Die Selbständigen verloren mit 22,1 %
am meisten, Offiziell eingestellte Mitarbeiter gingen 10,6 % verlustig,
bei den inoffiziell Beschäftigten waren es 5,1 %.
Und bei diesen Arbeitslosenzahlen
will uns die IG Metall weismachen,
daß bei Thyssen - Krupp in Barra do Pirai manche Arbeiter bei 44
Stunden normaler wöchentlicher Arbeitszeit mehr als 40 %
Überstunden "schieben", wie man es in der neuesten Ausgabe "METALL
- DAS MONATSMAGAZIN DER IG METALL " unter der Rubrik "Internationales"
lesen kann. Weitere Höhepunkte dieses Berichtes von Fritz Arndt,
der den Titel: "Wo bleibt die soziale Verantwortung?" trägt: "Aber die
Arbeitsverhältnisse sind
oft mittelalterlich, in vielen Betrieben arbeiten Beschäftigte wie
im 19. Jahrhundert. Arbeitgeber lassen Kinder für sich schuften -
insgesamt leisten vier Millionen Erwerbsarbeit - oder halten sich
Beschäftigte als Sklaven. Wer krank ist, riskiert in Brasilien
seine Kündigung. Da auch Rechtsgrundlagen für
Betriebsräte fehlen, existieren kaum Arbeitnehmervertretungen.
Recht auf Streiks? Nur wenn die Gerichte einverstanden sind. Bei den
multinationalen Konzernen kommt angesichts solcher Zustände Freude
auf. Allein aus Deutschland haben sich 1200 Betriebe in Brasilien
angesiedelt, viele halten die Region um São Paulo inzwischen als
den größten deutschen Industriestandort. "Die Unternehmen
gehen immer dorthin, wo sie am Besten ausbeuten können", hat Ari
Aloraldo do Nascimento vom Vorstand des Gewerkschafts-Dachverbands CUT
erkannt, "diesen Umtrieben muss man Einhalt gebieten. Dass das
buchstäblich auf die Knochen der Beschäftigten geht, hat die
Thyssen-Krupp-Bosse bisher wenig interessiert. Dabei erinnert der
Observatorio-Untersuchungsbericht fast an die Bestandsaufnahme nach
einer Schlacht. Allein im letzten Jahr wurden 238 schwere Unfälle
registriert, 206 im Jahr zuvor. Jeder zweite Arbeiter in Barra gab an,
dass er in einen Arbeitsunfall verwickelt war."
Wer so etwas liest, kann eigentlich
nur von Unwissenheit, wenn nicht
Schlimmerem ausgehen. In welchem Land lebt der Verfasser eigentlich?
Sicher nicht in dem Brasilien, welches ich kenne. Hier gibt es vieles
zu kritisieren, z.B. die Art, in der die heutige Regierungspartei PT
während ihrer Oppositionszeit dringend nötige Reformen
verhindert hat, aber solche Kritik paßt sicher der IG Metall
nicht ins Konzept.
Ich kam 1978 als technischer
Geschäftsführer von Fichtel
& Sachs nach Brasilien und kenne aus meiner Arbeit als
Geschäftsführer, Berater und Unternehmer (in Brasilien,
Südafrika und Mexiko) hunderte von Betrieben, rein brasilianische
und multinationale. Und die meisten, vor allem die deutschen,
sind vorbildlich was ihre soziale Verantwortung angeht, z.B. mit
Werksarzt und -zahnarzt, betrieblicher Altersversorgung,
Werkszeitschriften ohne Intervention der Firmenleitung, exzellenten
Arbeitsbedingungen (5S - Programm, Betriebsbusse,
Unfallverhütungskommissionen, Gymnastikpausen, Lean Production,
Werkskantine, Lebensmittelpaketen zu Weihnachten…), einem Schild am
Werkstor: "Unser letzter Arbeitsunfall liegt (z.B.) 230 Tage
zurück" usw. Das brasilianische Arbeitsgesetz ist eines der
arbeitnehmerfreundlichsten Gesetze der Welt, wer eine Arbeitsunfall
hatte, ist z.B. anschließend 12 Monate unkündbar, auch wenn
der Arbeitnehmer sich nach Feierabend den Knöchel im Fahrstuhl
verstaucht hatte! Und diesen Fall kann ich belegen, wenn es nötig
sein sollte, weil er kürzlich in einer von mir aufgebautem Firma
passierte. Und das Streikrecht ist in der brasilianischen Verfassung
verankert, was kürzlich noch von brasilianischer Seite dem VW -
Konzernchef in Wolfsburg in Erinnerung gebracht wurde, der in Brasilien
streikenden VW - Mitarbeitern mit der Kündigung gedroht hatte. Und
warum wurde gestreikt? Weil die armen ausgebeuteten VWB - Mitarbeiter
ihre unmenschlichen Arbeitsplätze, wo sie im Schnitt wesentlich
mehr verdienen als ihre Kollegen in den rein brasilianischen Firmen,
nicht verlieren wollten. Und es kommt wohl kaum Freude auf bei den
bösen deutschen Konzernen, die in Brasilien die armen eingeborenen
Sklaven (die Sklaverei wurde übrigens hier vor mehr als 100 Jahren
abgeschafft) ausbeuten, weil sie in Brasilien über 100 %
Lohnnebenkosten zahlen müssen. Wer hier wen ausbeutet, ist noch
die Frage. Wörtliche Antwort eines betriebsbedingt entlassenen und
gegen seinen ehemaligen ausländischen Arbeitgeber auf
Überstundenzahlung klagenden Brasilianers auf die Frage, warum er
denn klage, er hätte doch alle zustehenden Zahlungen erhalten:
"Bei diesen (ausländischen) Blödmännern holt man doch
immer noch etwas heraus". Auch dies belegbar durch Zeugenaussagen von
Brasilianern.
Zur Abrundung noch drei Hinweise.
Als ich gerade in Deutschland war,
besuchte ich u.a. eine Schmiede, in der Pressen auf Dauerbetrieb
eingestellt waren mit manueller Beschickung und Entnahme. Das findet
man in deutschen Betrieben in Brasilien wohl kaum. Und wohin der
Einfluß der Gewerkschaft führen kann, wenn er fehlgeleitet
ist, zeigen zwei weitere Beispiele aus Deutschland. Ein Mitarbeiter,
der einen Türschließer auf einer Baustelle montieren sollte,
beantragte eine (von einem in der realen Welt lebendem Richter
abgelehnte) einstweilige Verfügung gegen seinen Chef, damit er
nicht zu Außeneinsätzen gezwungen werden könne. Und in
einer anderen Firma kündigte ein vom Arbeitsamt geschickter neuer
Mitarbeiter nach einer Woche, weil er grundsätzlich keine
Überstunden mache und ihm der Arbeitsweg zu lang sei - 8 km! Meine
Bitte an die (über-)eifrigen IG - Metaller: Geben Sie Ihre guten
Gehälter gerne an der Copacabana im Urlaub aus, aber halten Sie
sich zurück, was die brasilianische Arbeitswelt angeht. Aus gutem
Grund mischen sich die Regierenden dieser Welt, wenn sie richtig
beraten sind, nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Länder.
Und die IG Metall regiert doch noch nicht einmal, oder?
Ein Lichtblick für die
Automobilindustrie, Ford hat per November
im neuem Werk in Camaçarí in Bahia bereits 131.000
Fahrzeuge der Typen EcoSport und Fiesta montiert und damit die Planung
für das ganze Jahr 2003, die 130.000 Einheiten vorsieht, schon
übertroffen. 1.832 Mitarbeiter werden dort von Ford direkt
beschäftigt, dazu kommen 3.691 Mitarbeiter der Zulieferindustrie.
Diese umfaßt 27 Firmen, von denen 12 direkt an der Montagelinie
arbeiten. Die für 2005 geplante tägliche Auslastung mit 850
Fahrzeugen wird heute mit 730 fast schon erreicht und man geht davon
aus, daß in 2004 eine dritte Schicht eingeführt werden
muß. 35 % der dieses Jahr gefertigten Fahrzeuge wurden nach
Mexiko, Argentinien und Venezuela exportiert. Der Absatz von Ford
Brasilien wuchs per November gegenüber dem gleichem
Vorjahreszeitraum 13 %, bei einem Rückgang von 7 % des
Gesamtautomobilmarktes. VW war wohl nicht ganz so glücklich, auf
Platz 3 hinter GM und Fiat gelandet, wird der Firmenchef nach kurzer
Amtszeit von ca. einem Jahr in Brasilien ab 1.1.2004 durch seinen
südafrikanischen Kollegen ersetzt. Sein Vorgänger, der
frühere Audichef in Deutschland, wurde mittlerweile zum Chef des
Fiat - Konzerns in Turin berufen.
In Brasilien fahren bereits 600.000
Fahrzeuge mit Naturgas und bis 2008
soll diese Zahl auf 1,5 Millionen steigen, eine gute Chance für
Umrüster. Dieser Sektor wächst seit 1998 um 40 % im Jahr! Am
Treibstoffumsatz hat Naturgas heute einen Anteil von 5,4 %, der dann
auf 15 % klettern wird. Leider kostet eine die Verteilung des Gases
sehr viel Geld, eine einzige Pumpe für Naturgas kostet 1 Mio. R$,
viel Geld für eine Tankstelle. Und der Gewinn der Gaslieferanten
(Ceg in Rio, Comgás in São Paulo) ist im Haushaltsbereich
sechsmal höher als im Tankstellenbereich. Dazu kommt, daß
die gasbetriebenen Fahrzeuge mehr umweltbelastend als die sind, die das
in Brasilien normale Benzin - Alkohol - Gemisch verwenden, weil die
Industrie keine gasbetriebenen und dafür speziell ausgelegte
Fahrzeuge anbietet.
Im Elektrosektor tut sich auch eine
Menge. Wichtige Nachricht - die
"Notfall-" Thermokraftwerke sollen regierungsseitig aus
Kostengründen durch Wasserkraftwerke ersetzt werden. Die Regierung
formulierte auch schon die Schwerpunkte für ihre
"Industriepolitik" der nächsten Jahre, nämlich Halbleiter,
Software, Pharmaerzeugnisse und Kapitalgüter. Wobei durchaus nicht
nur böse Zungen sagen, die beste Industriepolitik ist, wenn die
Regierung sich aus ihr heraushält. Die geplanten Stimulanzien
werden nur temporär gewährt und sind an Auflagen wie
Exportquoten, neue Arbeitsplätze und Regionalentwicklung gebunden.
Der Softwaresektor hat ehrgeizige
Pläne. Fünfzehn wichtige
brasilianische Softwarefirmen (E-Safetransfer, Apyon, Cimcorp, CPM,
Disoft, Extol, Impactools, IT-Soluções, Linkware, Open
Concept, Paradigma, Politec, Software Design, Stefanini und
W3Pro) werden für 10 Mio. US$ ein gemeinsames Unternehmen in
den USA gründen, um den dortigen Finanzsektor zu bedienen. Der
Umsatz der neuen Firma, die noch keinen Namen hat, soll 2008 immerhin
200 Mio. US$ betragen, viermal mehr, als der Sektor 2001 exportiert
hat. Die fünfzehn Gesellschafter beschäftigen heute in
Brasilien 11.000 Mitarbeiter und machten 1,19 Mrd. R$ Umsatz in 2002.
Da ist es eigentlich unverständlich, daß die Regierung nach
wie vor exorbitante Importzölle erhebt, wenn man einen Laptop
importiert. Ich zahlte vor kurzem 2.500 R$ Zoll nach Abzug des
Freibetrages von 500 US$ vom Kaufpreis eines Laptops. So fördert
man sicher nicht die Produktivität des Sektors.
Veracel baut seit August eine
Zellulosefabrik in Südbahia und ist
damit für die größte Privatinvestition in der
bisherigen Amtszeit von Präsident Lula verantwortlich. Um
künftig mit 10.000 direkten und indirekten Mitarbeitern
jährlich 900.000 Tonnen Zellulose zu produzieren, werden 1,25 Mrd.
US$ ausgegeben. Damit ist diese Fabrik die größte der Welt
ihrer Art mit einer Produktionslinie. Ab 2010 sollen zwei weitere
Fabriken dazukommen. Diese beiden Fabriken werden die Kapazität
des 50/50 - Joint Ventures zwischen der brasilianischen Aracruz
Celulose und der finnischen Stora Enso verdreifachen. Heute pflanzt die
Firma Eukalyptusbäume auf 65.000 Hektar an, wird aber
zukünftig neue Flächen hinzukaufen müssen. Aracruz ist
die größte brasilianische Firma des Sektors und produziert
heute 2,4 Mio. Tonnen Zellulose jährlich. Mit der neuen Fabrik
werden es 3,1 sein, für die bereits 300 Mio. US$ für
Erdarbeiten, Infrastrukturmaßnahmen und Aufforstung ausgegeben
wurden.
Bahia ist offensichtlich ein
attraktiver Standort, bis 2007 sollen 6
Mrd. US$ in diesem Bundesstaat für neue Fabriken investiert
werden, in diesem Jahr allein 2,2. Laut Paulo Souto, dem
Ministerpräsidenten, gibt es 84 unterschriebene Protokolle
über Investitionsvorhaben. Dazu gehört eine Zylinderfabrik
von Faber - Papais, die Ende 2004 fertig sein wird und eine
Poliesterfertigung von Ledervin für 110 Mio. US$.
Daß der Weg zum Erfolg steinig
sein kann, zeigt das Beispiel von
NEC, dem Hardwarehersteller für Telekommunikationsnetze. Nach 35
(!) Jahren in Brasil registrierte die Firma erstmalig einen positiven
Cash Flow. Das nächste Firmenziel ist die Umwandlung der Firma in
einen Lieferanten von kundenorientierten Lösungen durch die
Aufnahme von Integration von IP - Netzen und Fremdvergabe von Netzen
ins Portfolio.
Auch Volkswirtschaften müssen
dornenvolle Wege gehen, die
brasilianische wird diese Jahr vielleicht schrumpfen, denn von August
bis September betrug das BIP - Wachstum nur 0,4 %, ein Rückgang
von 1,5 %. Dazu trug ein überraschender Rückschlag im
Agrarsektor bei, der 6,7 % gegenüber der Vorjahresperiode August
bis September schrumpfte. Außerdem geht es dem Bausektor sehr
schlecht. Aber die Bundessparkasse kündigte bereits für das
nächste Jahr Investitionen für 5,3 Mrd. R$ im Wohnungsbau und
1,4 Mrd. R$ für Sanierungsmaßnahmen an. Wenigstens wuchs der
industrielle Sektor nach sechs Monaten kontinuierlichem Rückgang
gegenüber dem zweiten Vierteljahr 2003 um 2,7 %.
In Deutschland wird viel über
die Steuerreform diskutiert, in
Brasilien auch. Wir haben bei der Einkommensteuer schon realisiert, was
die CDU/CSU sich vorstellt, nämlich drei Steuersätze, der
höchste von 27,5 % wurde gerade um zwei Jahre verlängert,
eigentlich sollte er wieder auf die alten 25 % zurückgenommen
werden, aber leider sind wir nicht in Kalifornien und haben keinen
Arnold Schwarzenegger, der Erhöhungen seines Vorgängers
zurücknimmt. Im Gegenteil, der Kaskadeneffekt bei der Cofins
(Beitrag zur Finanzierung der Sozialversicherung) wurde zwar beseitigt,
aber der Betrag von 3,5 % des Umsatzes auf 7,6 % heraufgesetzt. Das
gibt 10 Mrd. R$ jährlich mehr für die Kasse der Regierung.
Ursprünglich betrug der Wert bei der Einführung dieser Steuer
0,5 % und war für den Gesundheitssektor gedacht.
Der
Handelsbilanzüberschuß wird dieses Jahr wahrscheinlich
bei 22 Mrd. US$ liegen und für 2006 liegt das Exportziel bei 100
Mrd. US$. Die Prognose für 2004 liegt bei 80 Mrd. US$.
Verwunderlich, daß trotzdem meine deutschen Kunden fast immer nur
exportieren. aber nicht in Brasilien einkaufen wollen. Per Oktober 2003
exportierte Brasilien Waren im Wert von 60 Mrd. US$, davon gingen 15
Mrd. US$ in die EU, 14 in die USA und 10 in die Aladi - Staaten. Die
Automobilhersteller exportierten per Oktober 30 % ihrer Produktion, die
1,502 Mio. Fahrzeuge betrug. Das sind 3,8 % weniger als im gleichem
Vorjahreszeitraum. Verkauft wurden 1,154 Mio. Fahrzeuge, hier betrug
der Rückgang sogar 8,1 %. Die zehn wichtigsten Exporteure sind
Petrobrás, Bunge Alimentos, Vale do Rio Doce, Embraer, VWB,
Cargill Agrícola, GM, Cia. Siderúrgica de
Tubarão, Aracruz Celulose und ADM.
Korruption wird zwar öffentlich
angeprangert (was früher
nicht oder nur wenig der Fall war), ist aber immer noch weitverbreitet.
So wurden in einem armen Bundesstaat im Norden Brasiliens 5.000
Scheinarbeitnehmer des öffentlichen Dienstes geschaffen und so ca.
300 Mio. R$ "umgeleitet". Übrigens unter einem
Ministerpräsidentem, der der regierenden Arbeiterpartei
angehört. Und zur Zeit macht der offensichtlich sehr lukrative
Verkauf von Gerichtsurteilen Schlagzeilen. Dabei ist Rechtssicherheit
eine Grundvoraussetzung für Geschäfte. Und seien Sie
vorsichtig mit dem Versand von Prospekten, ein Kunde von mir hielt
neulich einen Vortrag bei der Editora Abril und schickte Prospekte
vorab, um sie nicht im Flugzeug als Gepäck mitzuschleppen. Der
Zoll hielt diese für so wertvoll, daß er einige tausend
US$ Importgebühren dafür verlangte. Bei Mustersendungen
verhält es sich oft ähnlich. Andere Sendungen gleicher Art
kommen aber auch ohne Probleme und ohne Gebühren an.
02.10.2003
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Wer im Glaskasten sitzt, soll nicht
mit Steinen werfen, ist eine alte
deutsche Volksweisheit. Und wer als Opposition den Mr. Saubermann
herauskehrte, sollte daran auch in Brasilien denken - die regierende
Arbeiterpartei gibt sich nämlich Blößen, die sie vorher
bei anderen anprangerte. Und gibt eine solche Blöße auch
noch offen zu; denn nach eigenen Worten wurden von den 22.000
Vertrauenspositionen, die im öffentlichen Dienst zu besetzen sind,
von der neuen Regierung 70 % nicht nach Qualifikation, sondern nach
politischen Gesichtspunkten besetzt. Eine Abkürzung des langen
Marsches durch die Institutionen? Die Auswirkungen zeigen sich schon,
z.B. im Kollaps des Nationalen Krebsinstitutes. Kommentar des PT –
Generalsekretärs Genoino: „ Die Wahl gewinnen und nichts
ändern? Wozu diente dann die Wahl? Aber bei 70 % werden wir
aufhören.“ Und der Innenminister Dirceu, der während der
Militärdiktatur in Kuba im Exil war, weint gerührt beim
Empfang durch Fidel Castro beim Staatsbesuch des brasilianischen
Präsidenten am 26.9.03 in Havanna. Mit dabei war unter anderem
auch der Abgeordnete Arruda, Führer der brasilianischen
kommunistischen Partei (jawohl, die gibt es noch!). Hoffentlich
können sich die Herren von ihrer Ideologie freimachen, wenn Sie
Wirtschafts- und sonstige Politik betreiben. Zunächst wurden Kuba
großzügige Bedingungen für die Rückzahlung von
Schulden mit dem brasilianischem Staat eingeräumt, wir haben es
ja. Und Kuba, etwas kleiner und noch ärmer als das kleine
Ceará (bras. Bundesstaat) wird ja schließlich auch
Geschäfte mit Brasilien machen.
Präsident Lula war direkt
vorher in Mexiko, wo ihm seine Kollege
Fox hoffentlich auf einige wesentliche Unterschiede zwischen beiden
Ländern hingewiesen hat. Das Länderrisiko Brasilien war
Anfang September 705, das Mexikos betrug 220. Die Jahreszinsen für
einen kurzfristigen Kredit lagen in Brasilien bei 22 und in Mexiko bei
4,5 %. Die Inflation der letzten 12 Monate betrug in Brasilien 15,4 und
in Mexiko 4,1 % und die Verschuldung der öffentlichen Hand betrug
in Brasilien 57 und in Mexiko 35 % vom BIP. Und wie wirkt sich das auf
den Außenhandel aus? Import Brasilien 46,4 und Mexiko 168,9 Mrd.
US$, Export Brasilien 68,2 und Mexiko 162,4 Mrd. US$, Werte für
die letzten 12 Monate ab Juli. Die Steuerlast in Brasilien beträgt
36 % vom BIP, in Mexiko sind es 15,4! Ist es da ein Wunder, daß
viele Investoren lieber nach Mexiko gehen? Hätte ich vielleicht in
Mexiko bleiben sollen? Aber ich muß gestehen, daß es mir
auch in Brasilien gut gefällt, trotz dieser schlechten Zahlen.
Denn es gibt auch gute und auch in
Brasilien kann man vorteilhafte
Geschäfte machen wie es z.B. die brasilianische Keramikindustrie
zeigt. Der kleine Ort Santa Gertrudes im Inneren des Bundesstaates
São Paulo beherbergt 36 Keramikfirmen, die in ca. 5 Jahren
ihren Export um 70 % ausweiten konnten. Die Stadt, in der 80 % der
arbeitenden Bevölkerung bei diesen Firmen angestellt sind, hat
heute 17.000 Einwohner, fast doppelt so viel wie vor 5 Jahren! Mit zum
Erfolgsrezept gehören ein gemeinsamer Verpackungsmitteleinkauf,
abgestimmte Exportaktivitäten und ein zusammengefaßtes
Mitarbeitertraining. Die Firmen gründeten gemeinsam ein
Keramiktechnologiezentrum und eine Keramikfachschule. Das
Technologiezentrum übernahm für alle beteiligten Firmen die
Qualitätskontrolle.
Solche regionalen Kompetenzzentren
gibt es mehrfach (und nicht nur) in
São Paulo, nämlich: Baixada Santista – Bademoden; Amparo,
Tietê und Cerquilho – Kinderbekleidung; Campinas, São
Carlos, São José do Rio Preto – Software; Limeira –
Blattgoldschmuck; Santa Gertrudes – Keramik; Jaú – Damenschuhe;
São Carlos, Riberão Preto – ärztliche und
zahnärztliche Geräte; Porto Ferreira und Vargem Grande do Sul
– Töpfereien; Ibitinga – Aussteuer und Stickereien; Tabatinga –
Plüschtiere; Catanduva – Ventilatoren; Mirassol, Votupuranga –
Möbel; São José do Rio Preto – Goldschmuck;
Birigüi – Kinderschuhe; Franca – Herrenschuhe. Wie man sieht,
lohnt es sich also bei Neuansiedlungen durchaus, über den
Tellerrand der Großstadt São Paulo hinauszuschauen. In der
sich übrigens auch Fachhändler regional konzentrieren, z.B.
Leuchtenläden in der Consolação und
Elektronikartikel in der Santa Iphigênia. Die Bedeutung
dieser Zentren ist so groß, daß diesen bereits Kreditlinien
von der öffentlichen Hand bereitgestellt werden sollen.
Aber trotz dieser guten Nachrichten
– wo viel Licht, ist auch viel
Schatten! Und eine der Schattenseiten Brasiliens ist die niedrige
Produktivität. Der Brasilianer arbeitet zwar länger als seine
europäischen Kollegen, produziert aber nur ein Viertel dessen, was
ein Franzose, Italiener, Schweizer, Deutscher, Norweger, Däne oder
Belgier schafft, um nur einige zu nennen. Der US – Amerikaner ist der
effektivste Arbeiter der Welt, mit einer Wertschöpfung von 60,7
TUS$ jährlich. Der Belgier schafft immerhin 54 TUS$, der Franzose
noch 52 TUS$ und der Deutsche nur 42 TUS$. Aber immerhin noch viel mehr
als ein Chinese, der 1980 nur 2 TUS$, in 2001 aber bereits 6,2 TUS$
erreichte. Und der Brasilianer? Besser als ein Chinese, mit einer
Wertschöpfung von 14,3 TUS$ im Jahr, die aber 1980 bereits 14,8
TUS erreichte! Das ist ein Mittelwert über alle Branchen hinweg,
im Transportwesen und im Kommunikationssektor stieg die
Wertschöpfung von 1980 bis 1996 von 12 auf 16,9 TUUS$, aber im
Handel ging sie um 40 % zurück. Beim Spitzenplatz der US –
Amerikaner muß beachtet werden, daß diese 1825 Stunden im
Jahr arbeiten gegenüber z.B. den 1324 Stunden der Norweger. Von
der deutschen Arbeitszeit will ich lieber nicht sprechen, wenn ich
freitags jemanden nach 14:00 MEZ in Deutschland sprechen will,
muß ich mich oft darauf verlassen, daß mein
Wunschgesprächspartner sein Handy eingeschaltet hat. In Brasilien
beträgt die offzielle Jahresarbeitszeit 1698 Stunden (1999), lag
aber einige Jahre früher noch bei 1796 (1990). Auf die
Arbeitsstunde bezogen, wird der Norweger der
Produktivitätsweltmeister, er schafft einen Mehrwert von 38 US$
die Stunde, die Franzosen liegen bei 35 und die US – Amerikaner nur bei
32 US$. Und der Brasilianer schafft gerade mal 7,8 US$ in der Stunde –
ein Wert, der seit ca. 20 Jahren gleichgeblieben ist. Während der
Rest der Welt bis zu 1,9 % jährlich zulegt, in den USA waren es
sogar 2,8 % von 2001 auf 2002.
Zu dieser niedrigen
Produktivität paßt die Nachricht,
daß Volkswagen in Brasilien immer noch fast 4.000 Mitarbeiter zu
viel hat, aber durch das Vorgehen bei der geplanten Versetzung dieser
Mitarbeiter in eine angekündigte Reallokationsfirma
Autovisão wurden soviel Widerstände aufgebaut, daß
diese Pläne zur Zeit wohl nicht zu verwirklichen sind. Und dann
sagte der VW – Konzernchef noch vor einigen Tagen, wer in Brasilien bei
VW streikt, wird entlassen. Das brachte sogar hiesige Politiker auf die
Palme, die darauf hinwiesen, daß das Streikrecht in der
brasilianischen Verfassung verankert ist. Merkwürdig, daß
andere Kfz – Firmen ihre Restrukturierungsmaßnahmen ohne solchen
Wirbel still und leise über die Bühne ziehen. Und VW do
Brasil? Bietet 1.932 Mitarbeitern an, bis Ende 2006 ein volles Gehalt
zu beziehen, wenn sie zuhause bleiben, um anschließend entlassen
zu werden. Alternativ können Mitarbeiter sofort freiwillig
ausscheiden, sie erhalten dann 20 Gehälter plus 40 % für
jedes Zugehörigskeitsjahr zu VW. Um das alles bezahlen zu
können, hat das Mutterhaus 300 Mio. R$ nach Brasilien
schicken müssen.
Der Anteil der brasilianischen
Operation am Gesamtkonzernumsatz
beträgt bei VW 6,5 %, bei GM 2,2 %, bei Fiat 6,0 %, bei Ford 1,8
%, bei DaimlerChrysler 1,1 % und bei Peugeot/Citroën 1,4 %. Bei
der Produktion sind es 9,8 % bei VW, 6,2 % bei GM, 17,6 (!) % bei
Fiat, 2,2 % bei Ford, 0,2 % bei DaimlerChrysler und 1,5 % bei
Peugeot/Citroën. Und bei den Mitarbeitern sind es 8,0 % bei VW,
4,9 % bei GM, 4,1 % bei Fiat, 1,8 % bei Ford, 3,0 % bei DaimlerChrysler
und 0,9 % bei Peugeot/Citroën. Und jetzt kann jeder seine eigenen
Schlüsse ziehen.
Aber wegen der niedrigen
brasilianischen Produktionskosten können
einige Sektoren den Produktivitätsnachteil mehr als ausgleichen.
In diesem Jahr wird z.B. Australien ca. 1,4 Mio to Rindfleisch
exportieren, Brasilien 1,3, die USA 1,2, dann folgen mit Abstand
Neuseeland mit 0,5, Indien mit 0,4, Argentinien mit 0,3 und Uruguay mit
0,2 Mio to. Und bis 2005 hofft Brasilien, Australien vom ersten Platz
verdrängt zu haben.
Bei der brasilianischen
Softwareindustrie reicht es allerdings noch
nicht zum Weltmeistertitel, einem Umsatz im eigenem Lande von 7,7 Mrd.
US$ steht ein Export von nur 1,5 % dieses Wertes gegenüber.
Aber das wird sich nach Meinung vieler Experten bald ändern.
Übrigens wird China für
Brasilien immer wichtiger als
Exportmarkt, in drei Jahren wurde China das drittwichtigste Exportland,
vorher nahm es den zwölften Platz ein. China kauft vor allem
Sojabohnen, Eisenerz, Holzpaste, Stahl- und Eisenhalbzeug,
Sojarohöl, Traktor- und Fahrzeugteile, Bleche und
Verbrennungskraftmotoren in Brasilien ein.
Der
Handelsbilanzüberschuß von Januar bis September 2003
erreichte die Rekordsumme von 17,8 Mrd. US$ und wird wahrscheinlich bis
zum Jahresende auf 22 Mrd. US$ steigen. Aber Brasilien zahlt immer noch
Zinsen für seine Auslandsverschuldung, die 50 % des Exportes
ausmachen. So gemessen, zahlt die Türkei nur 38, Chile 25,
Venezuela 24, Mexiko 23 und Russland sogar nur 15 %. Diese hohe
Auslandsverschuldung ist das Haupthemmnis für die großen
Investoren, sich in Brasilien zu engagieren. Aber unsere Auslandsschuld
beträgt auch 192 Mrd. US$, nach uns kommen die anderen
„Entwicklungsländer“ Argentinien mit 176, Mexiko mit 132, Koreia
mit 123, China mit 109, Rußland unnd Indonesien je mit 100,
Türkei mit 93, Indien mit 72 und die Philipinen mit 56 Mrd. US$.
Ein weiterer Rekord, diesmal sogar
Weltrekord, Der Hochofen Nr. 1 des
Stahlwerkes Tubarão (übersetzt : Haifisch) produzierte 64,9
Mio. Tonnen Roheisen seit seiner Inbetriebnahme am 30.11.1983. Der
vorherige Weltrekord wurde vom japanischen Hochofen 4 der Mizushima –
Stahlwerke gehalten.
Und wir bleiben bei Rekorden. 137 km
vor Santos wurde ein
Erdgasvorkommen von 400 Mrd. Kubikmetern gefunden, das entspricht 2,6
Mrd. Fässern Erdöl! Zur Zeit importiert Brasilien noch
täglich 30 Mio. Kubikmeter Erdgas aus Bolivien. Das brasilianische
Erdgas kommt für 0,20 R$ pro Kubikmeter an das Festland, das
bolivianische kostet 0,30 R$. Die Petrobrás wird das
Gasverteilernetz für eine Milliarde R$ ausweiten und für die
stärkere Nutzung von Erdgas werben. In Brasilien wird bereits
heute fast ausschließlich mit Gas gekocht, Elektroherde sind die
Ausnahme. Die bekannten Gesamtreserven Brasiliens an Erdgas erreichen
jetzt mit dem Fund vor Santos 650 Mrd. Kubikmeter, im Vergleich hat
Peru 280 Mrd., Argentinien 950 Mrd., Bolivien 1,5 Billionen und
Venezuela sogar 4,4 Billionen Kubikmeter Erdgas!
Im Mai letzten Jahres kaufte die
spanische Taurusgruppe den
brasilianischen Hersteller von Elektrohaushaltsgeräten Mallory.
Mit einer Investition von 15 Mio. R$ und einer Erhöhung der
Mitarbeiterzahl von 160 auf 400 Personen konnte man die
Produktionskapazität um 21 % steigern und mit einem gerade
begonnenen Exportprogramm wird man bis Jahresende sogar 700 Mitarbeiter
beschäftigen.
„Der“ Brasilianer hat zwar kein oder
wenig Geld für
überflüssige Dinge, aber trotzdem beträgt das Volumen
des Bootmarktes 350 Mio. R$ im Jahr. Wer sich aus erster Hand
informieren möchte, kann die São Paulo Boat Show vom 7. bis
12. Oktober besuchen,.
Die Zentralbank glaubt, daß
die Inflation zum Jahresende nur 8,9
% betragen wird, das lange Zeit fast unerreichbare Ziel sah 8,5 % vor.
Aber einen Wermutstropfen gibt es doch, die erwartete Wachstumsrate des
BIP wurde von 1,5 auf 0,6 % zurückgenommen. Aber die
Landwirtschaft wird getrennt betrachtet in diesem Jahr um 6 % zulegen!
Für 2004 rechnet die Zentralbank mit 3,9 % Inflation und 3,5 %
Wachstum. Übrigens betrug die Inflation im letzten
Jahrhundert 1.113.694.017.907.650.000 %, so sagt es jedenfalls das
für solche Zahlen zuständige Brasilianische Institut für
Geografie und Statistik.
Die Regierung kämpft
übrigens immer noch um die Reformen, es
wird nicht so einfach, wie man es sich gedacht hat. Zwischennachricht:
Vor dem Verbot von Steueranreizen für Industrieneuansiedlungen
geben die Bundesstaaten noch schnell kräftig neue
Steuererleichterungen, was das Land 30 Mrd. R$ an Steuerausfällen
kosten kann. Fazit wird natürlich sein, daß die
„Allgemeinheit“ die Rechnung zahlen wird/muß.
Ich bekam übrigens eine
Zuschrift auf meine letzten Meldungen aus
Brasilien, in der der Schreiber u.a. darauf aufmerksam macht, daß
die meisten Spieler seines Bundesligavereins aus der Gegend rund um den
Zuckerhut kommen. Dazu eine Meldung vom 1.10.03: Der Ex-Präsident
von Flamengo und weitere 9 Personen wurden verhaftet, weil man ihnen
vorwirft, ca. eine Milliarde R$ an Steuern hinterzogen zu haben.
Angeblich hätten bestochene Beamte die Steuerschulden einfach vom
Computerterminal aus gelöscht.
Präsident Lula kämpft auch
schon gegen
Widerstände, zu der Kritik an seiner Kubareise muß er
jetzt auch noch verkraften, daß 24 % der Bevölkerung mit
seiner Politik nicht mehr einverstanden sind, bei der Befragung davor
waren es 18 % und bei der ersten Umfrage vor sechs Monaten sogar nur 13
%.
Zum Schluß noch eine Nachricht
aus der FAZ, die uns zeigt,
daß wir in Brasilien immer noch ruhiger schlafen können als
die Argentinier. Der argentinische Präsident sagte nämlich
seine für den 9. und 10. Oktober geplante Deutschlandreise ab,
weil er Angst hat, daß sein Flugzeug Tango 1 beschlagnahmt wird,
weil sein Land fällige Schulden nicht bedient hat.
31.08.2003
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Wer kein Geld hat, muß welches
kaufen und dafür -
später und meist in Raten - den Betrag zahlen, den er erhalten hat
plus ein eventuelles Agio und die vereinbarten Zinsen. Das nennt man
dann Kredit und wenn man nicht kreditwürdig ist, bekommt man eben
kein Geld. Ich will nicht behaupten, daß die brasilianische
Bundesregierung nicht kreditwürdig ist, im Gegenteil, sie ist so
kreditwürdig, daß ihre Verschuldung ein vernünftiges
Maß, gemessen an den Einnahmen, die zur Tilgung zur
Verfügung stehen und am Bedarf für dringend nötige
Investitionen, schon jedes vernünftige Maß
überschritten hat. Mit anderen Worten, die Regierung würde
Geld geliehen bekommen, z.B. vom Internationalem Währungsfond
(dessen größter Schuldner mit 25 Mrd. US$ Brasilien heute
schon ist), aber die Rückzahlung würde künftige
Regierungen schwer belasten. In Wirklichkeit würde diese Belastung
natürlich weitergegeben werden, denn keine Regierung der Welt
schafft Geld (abgesehen vom unkontrolliertem Einsatz der Notenpresse,
der zur Inflation führt), das muß schon der Steuerzahler
tun, sei er eine natürliche oder eine juristische Person. Der ist
aber jetzt schon überfordert (daher die Notwendigkeit einer
Steuerreform) und deshalb geht die brasilianische Regierung auch andere
Wege, in dem sie versucht, die Privatwirtschaft zu Investitionen in
Bereichen zu bewegen, die eigentlich Regierungssache sind. Das soll wie
schon im Fall der Bundesautobahnen über Konzessionen geschehen
oder über die Inanspruchnahme von Rentenfonds. Letztere
verfügen immerhin in Brasilien über 180 Mrd. R$.
Schade, daß die Banken nicht
versuchen, ihre im Vergleich zu
Industrie und Handel hohen Gewinne hier einzusetzen. Aber
offensichtlich ist es einfacher, mit wenig Geschäft (gut) zu
verdienen als mit viel Geschäft vielleicht nur etwas mehr. Nicht
von ungefähr sprach sich der Wirtschaftsexperte John Williamson
vor einigen Tagen bei einem Besuch in Brasilien dafür aus,
zu untersuchen, ob nicht ein Kartell bestünde.
Der Planungsminister Mantega braucht
für seine Projekte zwischen
2004 und 2007 insgesamt 191 Mrd. R$ und davon sollen 80 Mrd. R$ von der
Privatwirtschaft aufge-bracht werden. Die dringendsten Projekte sind
vier Bereichen zuzuordnen: Nationale Integration, Transport, Energie
und Wohnungsbau / Wasserversorgung / Abfallwirtschaft. U.a. sollen
Bundesstraßen zu Autobahnen ausgebaut, Tunnel (z.B. unter dem
Atlantik zwischen Guarujá und Santos) und Staudämme gebaut,
Bewässerungsprojekte in Angriff genommen und Energieleitungen
verlegt werden. Aber da es noch keine Regeln für die Investitionen
gibt, hält sich die Wirtschaft natürlich zurück. Aber
diese sind zu erwarten, weil die Regierung über die
Infrastrukturmaßnahmen die während des Wahlkampfes
versprochenen Arbeitsplätze schaffen will. Aber sie denkt auch
über eine weitere Arbeitszeitverkürzung nach, um diese
Arbeitsplätze herbeizuzaubern. Also wie es die Sozialisten gerne
machen, den Mangel nicht beseitigen, sondern verwalten. Die
Höchstarbeitszeit betrug übrigens früher 48 und heute 44
Stunden in der Woche. Sie haben richtig gelesen, in Worten
„vierundvierzig“. Noch schnell eine Frage aus der Zeit des Kommunismus:
Was passiert, wenn die Sahara von den Kommunisten übernommen wird?
Antwort: Drei Jahre nichts, dann fehlt Sand.
Aber nochmal zurück zur
Staatsverschuldung: In den ersten sechs
Monaten der Regierung Lula machten die Zinszahlungen 10 % vom BIP aus,
im ersten Halbjahr 2002 unter Fernando Henrique Cardoso waren es nur
7,5 %. Wie ich schon früher ausführte, schadet sich die
heutige (und die vorherige) Regierung am meisten mit dem hohem
Leitzins, der gerade von 24,5 auf 22,0 % zurückgenommen wurde,
aber im Juni 2002 unter der vorherigen Regierung "nur" 18 % betrug.
Aber nach über 40 % während der russischen Krise in 1998 und
einem Haushaltsdefizit damals von 7,64 % vom BIP stehen wir heute gar
nicht so schlecht da. In 2002 wurden 114 Mrd. R$ Zinsen bezahlt, dieses
Jahr werden es 150 Mrd. R$ sein. Das würde spielend für die
Investitionsvorhaben der Regierung ausreichen.
Dabei hat die Regierung noch
Glück mit der US$ - Abwertung gehabt,
denn dadurch wurden die Schulden der öffentlichen Hand von
insgesamt 856 Mrd. R$ (55,4 % vom BIP!) um 66 Mrd. R$ reduziert, denn
circa 40 % der Schulden sind wechselkursabhängig.
Solche Zahlen kann jeder abrufen,
per Internet sind diese Daten
jederzeit z.B. bei der brasilianischen Zentralbank einsehbar. Meine
Erfahrung der letzten 25 Jahre - ich kam 1978 nach Brasilien und bin
mit einer fünfjährigen Unterbrechung durch
Geschäftsführertätigkeit in Südafrika und Mexiko
seit Ende 1987 wieder hier - zeigt klar, daß Brasiliens
Volkswirtschaft seit langem extremen Schwankungen unterworfen ist.
Daß dies z.B. einigen großen Autobauern noch keinen Grund
zur Vorsicht bei Planannahmen für Investitionen gegeben hat, ist
eigentlich unverständlich. Ich habe gerade eine zweijährige
Tätigkeit als start up - Geschäftsführer eines Kfz -
Zulieferers abgeschlossen und kann daher aus unmittelbarer Erfahrung
sagen, daß diese Branche nicht immer mit der nötigen
Professionalität arbeitet / gearbeitet hat - und jetzt wird wieder
nach Vater Staat gerufen und der reagiert auch und vermindert die
Industrialisierungssteuern (IPI). Dazu kann ich nur wiederholen, was
mir einmal Dr. Trautz, der damalige BASF - Chef Brasiliens sagte,
nämlich daß er nie eine Fabrik wegen einer Förderung
oder Steuererleichterung bauen würde, die ohne diese nicht
wettbewerbsfähig wäre. Wenn also unsere Autobauer nur mit
Steuerreduzierungen überleben können, sind sie im falschen
Geschäft bzw. am falschen Ort. Und manche arme Zulieferer, die dem
Druck ihrer Kunden folgend nach Brasilien gingen, leiden, manchmal
sogar schweigend, weil sie sich ein offenes Wort mit Rücksicht auf
das heimische Geschäft nicht leisten können.
Dabei geht es in Brasilien auch ganz
anders, wie u.a. das Beispiel der
Cia. Vale do Rio Doce zeigt. Sie verkündete am 13.8., daß
ihr Gewinn in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 2,43 Mrd. R$
betrug und daß man Investitionen von 70 Mio. US$ ein Jahr
vorziehen werde, um die Abbaukapazität für Eisenerz in
Carajás von 56 auf 70 Mio. Jahrestonnen zu erhöhen.
Weiterhin wird die Firma 77 Lokomotiven und 2.010 Waggons kaufen! Der
Preis des Eisenerzes wurde im Mai um 9 % erhöht, aber man
vergaß darüber nicht die Mitarbeiter, deren Bezüge um
17 % erhöht werden sollen.
Die früher staatliche und
defizitäre und jetzt privatisierte
Cia. Siderúrgica Nacional - CSN kündigte ebenfalls
ergeizige Investitionen an, man will einen vierten Hochofen für
2,5 Mio. Jahrestonnen bauen und die Kapazität des Bergwerkes Casa
de Pedra um 15 Mio. Jahrestonnen Erz und 5 Mio. Jahrestonnen Pellets
erhöhen.
Der Gewinn des brasilianischen
Flugzeugbauers Embraer litt unter der
Realaufwertung gegenüber dem US$ und ging im ersten Halbjahr 2003
um 36 % gegenüber dem gleichem Vorjahreszeitraum zurück -
betrug aber immer noch netto 218 Mio. R$ (während einige Autobauer
hohe Verluste einfahren und erwarten, daß ihre Zulieferer sich
aus Solidarität daran beteiligen). Am 30.6.03 betrug der
Auftragsbestand der Embraer 27,1 Mrd. US$ (10,3 Festaufträge, 16,8
Optionen).
Am 14.8.3 weihte Kraft Food Brasil
einen Fabrikkomplex in Curitiba u.a.
für die Produkte der Marken Lacta, Iracema, Tang und Royal ein,
der 120 Mio. US$ Investitionen erforderte; damit sind jetzt drei der
elf brasilianischen Fabriken in Curitiba unter-gebracht.
Zusätzlich wird die Kraft - Keksfabrik in Piracicaba 40 Mio. R$
Investitionen erhalten und in der Saftfabrik Maguary in Araguari wird
eine neue Produktionslinie eingerichtet.
Die letzte Leitzinssenkung
läßt auch die Hersteller von
Lebensmitteln, Elektro - Elektronik - Gütern, Spielzeugen, Schuhen
und Verpackungsmitteln auf eine rosigere Zukunft hoffen – so stellte
der größte brasilianische Spielzeughersteller Estrela
dreihundert Zeitarbeitskräfte ein, um für den Tag des Kindes
am 12 Oktober gerüstet zu sein. Philips konnte im Juli
gegenüber Juni 28 % mehr DVD – Geräte und 20 % mehr
Fernsehapparate mehr verkaufen, damit ist der Juli für Philips der
bisher beste Monat in diesem Jahr. Für die Firma war dies
Anlaß, die geplante Produktion des zweiten Halbjahres um 25 % zu
erhöhen. Mit ein Grund dafür ist die Absicht, bis Weihnachten
37 neue Produkte herauszubringen. Der Wellpappesektor steigerte im Juli
seine Verkäufe um 5 % gegenüber dem Vormonat und im August
erwartet man eine weitere Steigerung von 7 %. Die brasilianischen
Schuhhersteller konnten in den ersten sieben Monaten 2003 insgesamt
für 867 Mio. US$ exportieren, praktisch der gleiche Wert wie im
vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Eine der großen Firmen dieser
Branche, Agabê, wird ihre 1.280 Mitarbeiter für das
Weihnachtageschäft um 100 Zeitarbeiter verstärken.
Ein Hoffnungsschimmer existiert auch
für deutsche Maschinen- und
Anlagenbauer, denn u.a. die brasilianische Textilindustrie, der Chemie-
und Petrochemiesektor arbeiten hart an der Kapazitätsgrenze, d.h.
hier sind Investitionen angesagt! Ende der 70er Jahre betrugen die
mittlere Investitionsrate 23,5 % vom BIP, in den 80er Jahren nur noch
19 %! Eine Ausnahme bildeten nur die heute gebeutelte Autoindustrie und
die jetzt glänzend dastehende Landwirtschaft. Damit allerdings die
anderen Branchen ebenfalls investieren können, müssen
Voraussetzungen wie Steuerbefreiung oder wenigstens -senkung
für Anlagegüter und erschwingbare Kredite vorliegen.
Dieser Hoffnungsschimmer gilt auch
umgekehrt für den
brasilianischen Exporteur, nur habe ich den Eindruck, daß dies
bei meinen Beratungsgesprächen in Deutschland kaum jemanden
interessiert. Mit anderen Worten, jeder will verkaufen, aber keiner
einkaufen. Dabei sind viele brasilianischen Branchen durchaus
international wettbewerbsfähig was Preis, Qualität und
Lieferfähigkeit angeht. Ein Beispiel dafür ist der
Indigohersteller Canatiba, der montlich 5 Mio. Meter Jeansstoff
herstellt und seine Exportquote von 15 auf nächstes Jahr 25 % und
seine Produktion auf 6 Mio. Meter steigern will. Exportiert wird heute
in die USA, nach Europa, Mexiko und in die Türkei. Es gibt
natürlich auch Produkte, die man nicht ohne weiteres in Brasilien
kaufen kann, so wurde unser Anfrage im Auftrag eines deutschen Kunden
nach Elektromotoren mit Aluminiumgehäuse von einem großem
brasilianischem Hersteller gar nicht erst bearbeitet, weil er für
diese Technologie nicht eingerichtet ist. Aber wir fanden einen
anderen, der jetzt die anstehenden technischen Fragen im direktem
Dialog über sein deutsches (!) Büro mit unserem Kunden
klärt. Und diese brasilianische Firma ist wirklich rein
brasilianisch, unterhält aber Auslandsbüros (und sogar
Fabriken) in vielen wichtigen Industrieländern, u.a. Mexiko, Japan
und Deutschland.
Im Juli flossen 1,152 Mrd. US$
Investitionen nach Brasilien, die
Zentralbank hatte nur mit 800 Mio. gerechnet. Damit wurde erstmalig in
diesem Jahr in einem Monat die Milliardengrenze überschritten. Im
August sollen es 1,1 Mrd. US$ werden. Im Juli kam das Geld vor allem
aus den USA (536 Mio. US$), aus Japan (221 Mio. US$), Spanien (104 Mio.
US$), Holland (99 Mio. US$), von den britischen Jungferninseln (84 Mio.
US$), aus Italien (40 Mio. US$), von den Kaymaninseln (26 Mio. US$),
aus Deutschland (ja, stolze 22 Mio. US$!), Frankreich (18 Mio. US$) und
von den Ber-mudas (2 Mio. US$). Diese Geld ging in folgende Bereiche:
374 Mio. US$ in den Automobilbau, 253 Mio. US$ in sonstige Industrien,
211 Mio. US$ in die Elektronik, 165 Mio. US$ in den übrigen
Dienstleistungsbereich, 107 Mio. US$ in Service für Firmen, 94
Mio. US$ in den Post- und Telekommunikationsbereich, 30 Mio. US$ in die
Chemie und ebenfalls 30 Mio. US$ in den Bereich
Landwirt-schaft/Viehzucht/Bergbau, 26 Mio. US$ in die
Elektrizitätswirtschaft, Gas und Heiß-wasser und 15 Mio. US$
in die Erdlölförderung. Das ergibt zusammen Einnahmen von
1,152 und Ausgaben von 1,305 Mrd. US$, aber so sind brasilianische
Statistiken eben – eine wundersame Vermehrung, die mich an eine
biblische Geschichte erinnert. Wobei der als Einnahmensumme in der
Presse genannte Wert noch um 90 Mio. US$ über der hier aus den
Einzelwerten errechneten Summe lag.
Am 29. August hat übrigens die
mexikanische América
Móvil den Kauf der in Groß – São Paulo agierenden
und mit 1,234 Mrd. US$ hoch verschuldeten Mobilfongesell-schaft BCP
für 625 Mio. US$ angekündigt, der im September abgeschlossen
werden soll. Die Schuld wurde für die Übernahme um 40 %
reduziert.
Es geht um große Investitionen
und wie man sehen kann, ist
Deutschland weit von seinem früherem zweiten Platz hinter den USA
entfernt. Merkwürdig, daß zwar viele deutsche Firmen nach
wie vor an Brasilien interessiert sind, aber nicht in ihre
Geschäfte investieren wollen. So bekam eine mir bekannte
brasilianische Internetbörse in nur zwei Wochen über
einhundert deutsche „Kunden“, deren Geschäftswünsche
kostenlos ins Internet gestellt wurden. Der Erfolg ist zweifelhaft, wie
es meine Erfahrung zeigt, von nichts kommt eben nichts. Diese Firmen
wollen kein Geld ausgeben, um wirklich ins Geschäft zu kommen,
z.B. über lokal betreute Aktivitäten wie Anzeigen in
Fachzeitschriften, persönliche Übergabe portugiesischer (d.h.
brasilianischer!) Prospekte und Kataloge, Beteiligung an Messen als
Aussteller, Klinkenputzen mit Nachhalten per Telefon und Besuch und
letztendlich vielleicht Eröffnung einer Nie-derlassung, sondern
hoffen auf den großen kostenlosen Wurf, der dann nicht kommt.
Aber man hat ja auch nichts ausgegeben, also Schwamm drüber. Dabei
haben ca. 1.300 deutsche, in Brasilien ansässige Firmen gezeigt,
das die Präsenz vor Ort – sei es durch eine eigene Niederlassung
oder durch einen tatkräftig unterstützten Vertreter ein guter
und erfolgreicher Weg ist. Ein kostenloser Internetauftritt bringt fast
nie das gewünschte Geschäft, der Kontakt in Brasilien
muß immer auch intensiv vor Ort betreut werden, um einen
Abschluß zu machen.
In Argentinien sieht die Lage
langsam wieder besser aus, Sachs
Argentina holte z.B. eine Stoßdämpferlinie wieder
zurück nach San Francisco, 200 km von Córdoba. Im Januar
2002 hatte Sachs Industries die Linie nach Brasilien verlegt, aber
machte jetzt diese Entscheidung, nicht zuletzt aus Kostengründen,
rückgängig. Diese Lektion sollte man nicht vergessen – durch
den Mercosur kann man heute den Zugang zum riesigen brasilianischen
Markt auch über eine lokale und kostengünstige Produktion in
Argentinien bekommen, trotz der großen Entfernungen und der damit
verbundenen Logistikkosten. Fragen Sie unser Büro in Buenos Aires!
Brasilien ist nach wie vor ein
devisenbewirtschaftes Land, was sich
darin ausdrückt, daß der Devisenverkehr starken
Beschränkungen unterliegt und von Genehmigungen der Zentralbank
abhängt, die die Spielregeln jederzeit ändern kann. Ein
offensichtlicher Grund dafür ist die berechtigte Angst, daß
bei freiem Devisenverkehr die Brasilianer ihr Geld in Hartwährung
umtauschen und im Ausland lassen würden. Und wenn diese
Befürchtung der Regierung berechtigt ist, so kann man
schließen, daß das Länderrisisko Brasiliens ebenso
berechtigt hoch ist. Schade, daß die Regierung so wenig Vertrauen
zu sich selbst und in das eigene Land hat, denn dadurch – böses
Beispiel verdirbt gute Sitten – vertraut das Ausland Brasilien
natürlich auch nicht uneingeschränkt und die Zinsen werden
unnötigerweise hochgehalten. Was wiederum dazu führt,
daß niemand wirkliches Vertrauen in den Real hat und… Sehen Sie,
wie die Katze sich in den Schwanz beißt? Selbst Pérsio
Arida, einer der Väter des Reals, sprach sich vor kurzem zugunsten
einer Abschaffung der Devisenbeschränkungen aus. Ein Land, welches
bis 2006 einen Jahresexport von 100 Mrd. US$ erreichen will, kann sich
eigentlich eine Devisenbewirtschaftung auch nicht mehr leisten, denn
wer exportiert will, muß auch importieren und diese Importe
natürlich auch möglichst ohne Zusatzkosten und ohne
Bürokratie bezahlen.
Im Juli 2002 haben in den sechs
wichtigsten Wirtschaftsregionen
Brasiliens 17,580 Mio. Personen in Lohn und Brot gestanden und im
Mittel im Monat 996,92 R$ verdient, zusammen also 17,526 Mrd. R$.
Ein Jahr später waren es 18,330 Mio. Personen und nur noch 833,50
R$ bzw. 15,278 Mrd. R$, d.h. diese Regionen verloren 2,248 Mrd. R$ an
Einkommen und entsprechend an Kaufkraft und Steueraufkommen. Der stark
betroffene Handel hält den geschilderten Einkommensrückgang
für wichtiger als die Belastung durch die hohen Zinsen.
Übrigens erschreckend zu sehen, daß bei Zeitungsberichten
zu diesem Thema ständig Milliarden und Millionen
durcheinandergeworfen werden, aber das soll ja schon einem
früherem deutschem Bundeskanzler passiert sein.
Haben wir eigentlich eine Rezession
in Brasilien? Der zuständige
Minister Palocci verneint dies, aber was sagen die Zahlen? Im zweiten
Vierteljahr 2003 ging das BIP gegenüber dem ersten um 1,6 %
zurück, dieses wiederum lag 0,6 % unter dem letzten Vierteljahr
des Vorjahres. Das sollte ausreichen, um die augenblickliche Lage als
Rezession zu charakterisieren. Im letzem Vierteljahr war gegenüber
dem erstem Vierteljahr 2003 das BIP in fast allen Bereichen
rückläufig, mit den Ausnahmen + 2,9 % Export und + 0,3 %
Regierungsausgaben. Einen Kommentar erspare ich mir. Aber Palocci denkt
wahrscheinlich an die Prognose für dieses Jahr, die für die
gesamte brasilianische Volkswirtschaft bei + 0,5 % liegt. Ob dieser
Wert erreicht wird, steht in den Sternen. Und die Entwicklung im
nächsten Jahr ebenfalls; sie hängt stark von der Einhaltung
des gerade vorgelegten Regierungshaushaltes ab, die nur mit einem
positivem Ergebnis der in Angriff genommenen Reformen und einem dadurch
möglichem Wirtschaftswachstum möglich ist.
Zum Schluß noch eine
interessante Nachricht. Die Regierung will
für ausgewählte Branchen strategische Entscheidungen
durchsetzen, die u.a. Fusionen stimulieren soll. Es geht um den
Halbleitersektor, die Softwareindustrie, den Pharmabereich und den
Maschinen- und Anlagenbau. Brasilien hatte Ende der 80er Jahre bereits
dreiundzwanzig Halbleiterfirmen, heute sind es nur noch drei. Mit einem
Entwicklungsprogramm sollen Investitionen attraktiv gemacht und
kompetentes Fachpersonal ausgebildet werden. In den letzten zwanzig
Jahren wuchs der Halbleitermarkt weltweit 15 % im Jahr. Die 5.400
brasilianischen Softwarefirmen, die jährlich für 100 Mio.
US$ exportieren, sollen bei der Durchdringung dieser
Exportmärkte unterstützt werden. Brasilien importiert heute
Software im Wert von 1 Mrd. US$ pro Jahr. Der brasilianische
Softwaremarkt ist der siebtgrößte der Welt. Im
brasilianischem Pharmabereich sind heute 1.028 Firmen tätig, die
für 1,095 Mrd. US$ im Jahr importieren, doppelt so viel wie vor
zehn Jahren. Sie sollen im Forschungs- und Entwicklungsbereich
gestärkt werden, bei der Internationalisierung ihrer
Tätigkeit und in der lokalen Produktion, vor allem von Generika.
Dem brasilianischem Maschinen- und Anlagenbau wird eine hohe
strategische Bedeutung beigemessen, er soll deshalb gestärkt
werden, parallel soll aber der Import national nicht erhältlicher
Produkte erleichert werden.
30.07.2003
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Brasilien ist eines der
bestbewaffneten Länder der Welt, leider
trifft dies aber nicht unbedingt auf die Streitkräfte oder Polizei
zu, sondern eher auf Otto Normalverbraucher und die Unterwelt.
Fünf Millionen registrierten Waffen stehen 30 Millionen illegalen
gegenüber. In 2002 wurden von letzteren 14.248 beschlagnahmt,
8.437 allein in São Paulo. In diesem Jahr waren es bis Juni
schon 8.841 in ganz Brasilien. Obwohl letztes Jahr 49.000 Personen in
Brasilien an Schußverletzungen starben, wurden in 2003 trotzdem
bis Juni 1.006 neue Waffenscheine ausgegeben. Damit soll jetzt
Schluß sein. Der Senat hat am 23.6.2003 eine Gesetzesvorlage
gebilligt, die u.a. in 2005 eine Volksabstimmung zur Frage des
Verkaufsverbotes von Waffen und Munition vorsieht. Alle heutigen
Waffenscheine sollen ihre Gültigkeit verlieren und neue werden nur
noch selektiv ausgegeben. Alle Besitzer von Waffen, die die
Berechtigung zum Tragen verlieren, müssen ihre Waffen abgeben und
werden entschädigt. Bleibt die Hoffnung, daß dieses Vorhaben
wirklich schnell Gesetzeskraft erlangt. Denn die Kriminalität, die
sich eines Großteiles dieser Waffen bedient, wird zum Teil durch
die durch kein ausreichendes soziales Netz gemilderte Arbeitslosigkeit
genährt, die in São Paulo nie gesehene 20 % (Brasilien 13
%) erreicht hat, obwohl im Juni 96.000 Arbeitsplätze in Groß
- São Paulo geschaffen wurden.
Und in dieser Situation kündigt
die Automobilindustrie
Massenentlassungen - bei VW allein 3.933 Mitarbeiter - an, die zwar in
diesem Fall durch Überstellung in eine Auffangfirma kaschiert
werden sollte, was aber nicht davon ablenken kann, daß diese
Mitarbeiter im Augenblick überflüssig sind. Am 24.7.2003
wurde dann aber ein Rückzieher gemacht. GM wollte insgesamt 600
Mitarbeiter entlassen, 450 wurden am 22.7.03 bereits entlassen, wurden
dann aber wieder eingestellt, weil die 600 insgesamt betroffenen
Mitarbeiter akzeptierten, die nächsten fünf Monate gegen ein
reduziertes Entgeld zu Hause zu bleiben. Peugeot-Citroën reduziert
die Produktion und wird dieses Jahr nur 57.000 anstelle der geplanten
72.000 Einheiten produzieren. Schuld daran hat bei den Franzosen vor
allem der gegenüber dem Real sehr starke Euro. Die Regierung wird
von der Automobilindustrie gedrängt, wenigstens über
Steuererleichterungen dafür zu sorgen, daß die Halde von
fast 200.000 Fahrzeugen abgebaut werden kann und auch die Zulieferer
wieder befreiter atmen können. Einige kleinere Firmen haben schon
das Handtuch werfen müssen und sich, kaum in Brasilien angekommen,
nach einer Lizenzvergabe an bereits etablierte lokale Firmen mit mehr
finanzieller Luft wieder zurückgezogen.
Eine der Hauptgründe
dafür, daß es mit der
brasilianischen Wirtschaft nicht vorangeht, ist der hohe Zinssatz.
Dieser wiederum wird mit der Notwendigkeit der
Inflationsbekämpfung und der Insolvenzrate erklärt. Das Ziel,
die Wirtschaft anzukurbeln, wird von der Regierung nachdrücklich
bestätigt, aber die Maßnahmen dazu sind noch sehr
schüchtern. So hat das zuständige Gremium mit dem
schönem Namen Copom (Comitê de Política
Monetária) es am 23.7.2003 geschafft, den Leitzins (Selic) von
nominal 26,0 auf 24,5 % im Jahr zu senken! Nachdem dieser Zinssatz am
18.1.2001 schon bei 15,25 % gelegen hatte. Der Spread liegt bei 33,1 %,
der mittlere Jahreszinssatz bei 57 % (Vorjahr 51 %). Es geht eben
nichts über die konservative Politik einer sozialistischen
Regierung! Die es zum Beispiel für normal hält, daß
beim aktuellem Basiszinsatz der private Kreditnehmer 177 % Jahreszinsen
für einen Überziehungskredit zahlen muß, 97 % für
einen Kredit, und 45 % für die Finanzierung eines Autos. Firmen
haben es etwas besser, die Diskontierung eines Wechsels kostet 63 % im
Jahr, die eines Warenwechsels 56 % und ein Überziehungskredit 80
%. Und wer als sogenannter kleiner Mann einen Kleinkredit von einer
Finanzierungsgesellschaft erbittet, zahlt gar 330 %! Kein Wunder,
daß der Zahlungsverzug im Mittel bei 9 % liegt. Der
Verschuldungsgrad in Prozent des Bruttoinlandproduktes liegt für
Deutschland bei stolzen 164 %, im Falle Brasiliens sind es gerade mal
23,3 %.
Diese Politik wird selbst von einem
Unternehmer wie Eugênio
Straub, der den heutigen Präsidenten Lula schon während
dessen Wahlkampagne offen unterstützte, nicht mehr mitgetragen. Er
sieht Brasilien in einer Situation, die das Land 1965 schon einmal
hatte und Jahre brauchte, um sich zu erholen. Er forderte am 28.7.2003
wie der Präsident des Industrieverbandes von São Paulo
FIESP, Horácio Lafer, ein Sofortprogramm zur kurzfristigen
Belebung der Wirtschaft, beginnend mit einer nachhaltigen Reduzierung
des realen Leitzinses auf 8 % zum Jahresende und 5 % zum Ende des
nächsten Jahres. Selbst der Vizepräsident Brasiliens, ein
Unternehmer, der ganz klein angefangen hat und heute über 10.000
Mitarbeiter beschäftigt, stößt in dieses Horn und
stellt sich damit offen gegen die Zentralbank und sogar gegen den
Regierungschef.
Dieser hat zur Zeit mehr als genug
damit zu tun, die Welle der
Landbesetzungen einzudämmen, sich eine Strategie gegen die
Streikdrohung der Richter auszudenken, die eine Reduzierung ihrer
Privilegien durch die vorgesehene Rentenreform nicht hinnehmen wollen
und mit der Tendenz zur Frühpensionierung im öffentlichen
Dienst eben wegen dieser Reform fertig zu werden. Die Einlösung
der im Wahlkampf leichtfertig gemachten Versprechungen erscheint fast
unmöglich, wird aber vehement von dem Teil der
(unaufgeklärten oder uneinsichtigen?) Wähler gefordert, der
sich von der Vorgängerregierung (meist zu Unrecht)
vernachlässigt fühlte. Und die Basis der Regierung beginnt zu
wanken, weil die Mehrheit im Parlament nach alter brasilianischer Sitte
jeden Tag durch Zugeständnisse des Präsidenten an seine
Koalitionspartner neu erkauft werden muß. Und die orientieren
sich am Vorbild der herrrschenden Arbeiterpartei, die heute offen
zugibt, daß sie die Reformen der Vorgängerregierung, die sie
jetzt selbst durchpeitschen will, bekämpft hat, um an die Macht zu
kommen. Nach dem Motto "Alle für mich und keiner für
Brasilien".
Der aufgrund des günstigen
Kurses gestiegene Export, der uns in
jüngster Vergangenheit eine ständig positive Handelsbilanz
bescherte, ist den Zöllnern offensichtlich ein Dorn im Auge. Heute
entschieden sich nämlich 62 % von 1.538 Stimmberechtigten auf
einer Urabstimung für eine Beibehaltung des aktuellen Streikes.
Als Grund wird wie von den Richtern die drohende Rentenreform
angegeben. In der zweiten Juliwoche ging der Export im Vergleich zur
Vorwoche bereits um 11 % zurück. In der Woche vom 21. zum
27.7.2003 wurde für 1,57 Mrd. US$ exportiert und für 815 Mio.
US$ importiert.
Die Regierung steht trotz
großer verbaler Bemühungen und
Schuldzuweisungen an die Vorgänger schon mit dem Rücken an
der Wand, denn geschehen ist im ersten Halbjahr der Regierung Lula
wenig. Zwar wurde die Inflation eingedämmt (und ist augenblicklich
negativ, d.h. wir haben Deflation) und das Länderrisiko ging
zurück, aber auf Werte, die die Vorgängerregierung bereits
erreicht hatte und die nur verlassen wurden, weil viele eine
sozialistische Regierung fürchteten oder einige bewußt gegen
das Land spekulierten.
Trotzdem werden, Gott sei Dank auch
von der Privatwirtschaft,
große Investitionsvorhaben nicht nur angekündigt, sondern
auch durchgeführt. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES
kündigte am 23.6.2003 an, daß man über 1,5 Mrd. R$
für den Elektroenergiesektor verfüge. Dieses Geld wird dem
beschlossenen Neubau von thermoelektrischen Kraftwerken, die zusammen
3.000 MW erzeugen sollen, neue Impulse geben. Das Gesamtprogramm
erfordert 6 Mrd. R$. Die Papier- und Zelluloseindustrie will mit einem
14,4 Mrd. US$ - Investitionsprogramm ihre Kapazität im
Zellulosebereich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Zur Zeit
exportiert der Sektor für 3,1 Mrd. US$.
In einigen Bereichen wie dem der
Landwirtschaft ist Brasilien
Weltmarktführer, z.B. mit Soja. Aber auch bei Baumwolle konnte
Brasilien eine herausragende Position erreichen. Aus der Ernte
2002/2003, die am 30.6.03 abgeschlossen wurde, hat Brasilien schon
28,27 Millionen Säcke Kaffee à 60 kg exportiert. Damit
wuchs der Anteil Brasiliens am Weltkaffeehandel gegenüber der
vorherigen Ernte um 20 % auf 33 %. Bei der Schokoladenproduktion nimmt
Brasilien mit 327.000 Tonnen in 2002 den fünften Platz nach den
USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich ein. 120.000
Tonnen wurden exportiert, das entspricht einem Umsatz von 4,2 Mrd. US$.
Die Regierung hat eine Agentur
für die Förderung
ausländischer Investitionen in Brasilien "Investe Brasil"
geschaffen, die zur Zeit 20 Projekte mit einer Investitionssumme von 3
Mrd. US$ registriert hat. Sechs der Projekte sind aus dem
Transportsektor und fünf aus der Elektro-Elektronik. Weiterhin
gibt es je zwei Projekte in der Touristik, Energie, Maschinen und
Ausrüstungen sowie je eines in der Landwirtschaft, Metallindustrie
und Umwelttechnik. Dieses Jahr wird mit einem Geldzufluß von 8
bis 10 Mrd. US$ gerechnet, in 2004 soll er 15 Mrd. US$
überschreiten.
Das Messegeschäft bewegt in
Brasilien 37 Mrd. R$ im Jahr, genug,
um Investitionen in Ausstellungsfläche und
Infrastrukturverbesserung bestehender Messehallen zu rechtfertigen. Das
Expocenter Norte in São Paulo installierte für 12 Mio. R$
in seinen 60.000 Quadratmeter messenden sechs Hallen eine neue
Klimaanlage und kaufte zusätzliche 130.000 Quadratmeter für
künftige Erweiterungen. Die 60.000 Quadratmeter große
Haupthalle des Messegeländes Parque Anhembi in São Paulo
wird in diesem Jahr für 3,2 Mio. R$ renoviert, das benachtbarte
Konferenzzentrum wird für 3 Mio. R$ umgebaut, um künftig auch
UNO - Veranstaltungen zu beherbergen. Nebenan wird für 100 Mio. R$
ein Holiday Inn für 1.500 Gäste fertiggestellt - das
unfertige Gebäude mußte dreissig Jahre darauf warten! Aber
es lohnt sich bestimmt für den Hotelbetreiber, denn in Brasilien
gibt es jährlich 327.000 Veranstaltungen, davon alleine 90.000 in
der Stadt São Paulo.
Alles in allem viele ungelöste
Probleme, aber auch große
Chancen. Zum Beispiel für deutsche Firmen, deren Produkte in der
Landwirtschaft, der Erdölindustrie, der Infrastruktur oder im
Umweltbereich Anwendung finden. Und für Firmen, die in Brasilien
einkaufen möchten, denn beim heutigem Wechselkurs kann man sehr
preisgünstig nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch
industrielle Produkte erwerben. So exportiert z.B. Caterpillar
monatlich 200 Maschinen! Und wer sich heute an einer brasilianischen
Firma beteiligen oder sie ganz übernehmen möchte, kann dies
besonders günstig tun, weil bei den hiesigen Zinsen vielen lokalen
Unternehmen die Luft schon ausgegangen ist. Aber das ist eine
Erfahrung, die der deutsche Mittelstand wegen der geistigen
Verwandschaft der deutschen und der brasilianischen Regierung, Basel II
und der Weitsicht der Banken auch schon machen mußte.