Wegen einer
mehrwöchigen Geschäftsreise komme ich erst jetzt, d.h. Ende
November, dazu, den Monatsbericht für den Oktober zu schreiben,
was zu einigen Anfragen von treuen Lesern führte.
Außerdem bat mich ein Leser, an den Anfang einen Überblick
der behandelten Themen zu stellen, was ich hiermit tue. Eine Leserin
bat mich um Quellenangaben, in der nächsten Ausgabe werde ich
diese einfügen. Viele von mir verwendeten Zahlen sind allgemein
zugänglich, z.B. in den Sites der brasilianischen Zentralbank und
vieler Verbände.
Volkswirtschaftliche Daten
In Brasilien gibt es 26 Metropolen,
in denen 70 Millionen Menschen auf nur 3 % der Fläche des Landes
wohnen. 10 % der brasilianischen Bevölkerung wohnen in der
Metropole São Paulo auf sogar nur 0,09 % der Fläche und
produzieren 14 % des BIP Brasiliens und 44 % des BIP des Bundesstaates
São Paulo. Bundesstaat und Stadt São Paulo sind also
immer noch die Lokomotive Brasiliens und obwohl die Zusammenballung so
vieler Menschen auch negative Seiten hat, sind viele Firmen, die es
nach Brasilien zieht, durchaus gut beraten, wenn sie São Paulo
als Standort wählen. Die Metropole São Paulo setzt sich aus
39 Städten zusammen, die übergangslos ineinander
übergehen und das viertgrößte Ballungsgebiet der Welt
bilden.
Seit Oktober (Zinsen vom 14.10.2004) zahlt der Verbraucher wieder mehr
Zinsen, nämlich als natürliche Person für einen
Überziehungskredit zwar weiterhin 140,6 %, aber für einen
persönlichen Kredit 76,7 % im Jahr. Da haben es die juristischen
Personen viel besser mit "nur" 31,1 % jährlich. Wer ein Auto auf
Pump kauft, wird mit 35,7 % im Jahr zur Kasse gebeten; wohl dem, der
sein Auto erst anspart und dann fährt. Anfang Oktober betrug das
gesamte Kreditvolumen für natürliche und juristische Personen
263,3 Mrd. R$, natürlich ohne Staatsschuldenanteil! Besonders
beliebt ist übrigens der Kredit, dessen Raten vom Gehalt abgezogen
und vom Arbeitgeber an die Bank überwiesen werden, er ist
wesentlich billiger als ein persönlicher Kredit, aber immer noch
teuer genug. Aber Weihnachten steht ja bald vor der Tür, wer wird
da auf den Centavo schauen! Obwohl es eher der Real ist. Kein Wunder,
daß die größte Privatbank Brasiliens, Bradesco, in den
ersten neun Monaten des Jahres einen Rekordgewinn von 2 Mrd. R$
erreichte. Wozu nicht nur der Zinssatz, sondern auch die bessere
Zahlungsmoral bzw. das bessere Zahlungsvermögen der Kreditnehmer
beitrug.
Trotzdem können wir nicht klagen, denn wenigstens unser Export
läuft wegen des niedrigen Realkurses glänzend, während
der ersten sechs Monate 2004 stieg er um 31 %, während der Rest
der Welt nur 20 % Zuwachs verzeichnete. Die Liste der wichtigsten
Exporteure der Welt zeigen aber auch, wie weit Brasilien noch von einem
Spitzenplatz entfernt ist (Export 2003 in Mrd. US$):
Deutschland
|
748,3
|
Spanien
|
151,7
|
USA
|
723,8
|
Taiwan
|
150,3
|
Japan
|
471,8
|
Singapur
|
144,1
|
China
|
437,0
|
Rußland
|
134,4
|
Frankreich
|
386,7
|
Schweiz
|
101,2
|
Großbritannien
|
304,6
|
Schweden
|
99,4
|
Holland
|
294,1
|
Malaysia
|
99,4
|
Italien
|
292,1
|
Österreich
|
95,8
|
Kanada
|
272,7
|
Irland
|
92,7
|
Belgien
|
255,3
|
Saudiarabien
|
88,5
|
Hong Kong
|
228,7
|
Tailand
|
80,5
|
Südkorea
|
193,8
|
Brasilien
|
73,1
|
Mexiko
|
165,4
|
Wir sollten uns vielleicht mit der Mentalität der Einwohner meiner
alten Heimat Berlin trösten. Als ein Berliner nämlich von
einem Bayern nach den Bergen in Berlin gefragt wurde, sagte er,
daß es (vom Kreuzberg abgesehen) in Deutschlands Haupstadt keine
gäbe. Aber,
fügte er hinzu, wenn wir welche hätten, wären sie
natürlich
höher als eure.
In 2003 betrug der Anteil Brasiliens am Weltexport gerade mal 1 %, aber
am Export Lateinamerikas fast 20 % (2000: 15 %). Übrigens schaffte
es Argentinien 2003 den Import um 78 % zu steigern und in den ersten 6
Monaten des laufenden Jahres um 73 %, was Brasilien geholfen hat,
seinen Export zu vergrößern.
Aber auch Brasiliens Import kann sich sehen lassen, per 24.10.2004
waren es 49,457 Mrd. US$, mehr als im ganzem Jahr 2003 (48,290 Mrd.
US). Der durchschnittliche Tageswert betrug am Ende der vierten
Oktoberwoche 286,7 Mio. US$ (Oktober 2003: 218,4) und der des Exportes
443,7 (Oktober 2003: 329,0). Was deutsche Exporteure besonders
interessiert, ist natürlich die Frage, welche Waren Brasilien
importiert. Bei einem Vergleich der Oktoberwerte von 2003 und 2004
zeigen sich besonders Importsteigerungen bei Düngemitteln, Treib-
und Schmierstoffen, Kunststoffen, organische und anorganische chemische
Erzeugnisse, Stahl- und Eisenprodukte, elektrische und elektronische
Erzeugnisse sowie optische und sonstige Präzisionsinstrumente.
Übrigens vertrauen Brasiliens Unternehmer nicht blind dem
Exporterfolg, weil sie auch nicht blind den Politikern vertrauen, die
ihn mit einer Unterschrift negativ oder positiv beeinflussen
können. Deshalb investierten sie per September 2004 immerhin 8,825
Mrd. US$ im Ausland, das ist der vierzigfache Wert (223 Mio. US$) des
gleichen Vorjahreszeitraumes! Immer mehr brasilianische Firmen sind im
Ausland mit eigenen Fabriken tätig, so Gerdau (Stahl) in den USA,
Kanada, Uruguay, Argentinien und Chile, WEG (E-Motoren) in Mexiko und
Portugal, AmBev (Getränke) in Argentinien, Bolivien, Chile,
Ekuador, Guatemala, Paraguay, Peru, Uruguay und Venezuela, Embraer
(Flugzeuge) in China und künftig auch in den USA und Marcopolo
(Karosseriebauer) in Südafrika, Argentinien, Kolumbien, Mexiko und
Portugal. Marcopolo verkauft zur Zeit 5.000 Omnibusse jährlich in
70 Ländern. Embraer beschäftigt 15.400 Menschen, davorn 3.500
Ingenieure. Und Gerdau kaufte Ende Oktober die US - amerikanische North
Star Steel.
Die Beschäftigungsrate Brasiliens wird wahrscheinlich Ende des
Jahres
den besten Wert seit 1986 erreichen, weil vor allem die Exportindustrie
händeringend Personal sucht, aber bitte schön, qualifiziertes.
Politik
Der Bundesstaat São Paulo wird
glücklicherweise gut von Geraldo Alckmin,
einem Arzt, regiert, dessen PSDB - Parteikollege (und ex -
Präsidentschaftskandidat, der Lula unterlag) José Serra,
ein Ingenieur,
ab 1.1.2005 Oberbürgermeister von São Paulo sein wird.
Dieser übernimmt ein schweres Erbe und muß zunächst die
von der PT - Oberbürgermeisterin finanziell in die Bredoullie
gebrachte Stadt wieder sanieren. Aber zusammen mit seinem Parteifreund
wird dies hoffentlich gelingen und die gemeinsamen Anstrengungen werden
São Paulos Zukunft als weiterhin wichtigsten Industriestandort
des Landes sichern.
Das Land Brasilien wird nicht ganz so gut regiert, vor allem, wenn man
die Ergebnisse der Verhandlungen mit der EU als Maßstab
heranzieht. Es gibt nämlich keine. Wichtige Sektoren wie
Dienstleistungen und landwirtschaftliche Erzeugnisse sind nach wie vor
ein Haupthindernis für den Abschluß eines
Freihandelsabkommens zwischen Brasilien und der EU, Verhandlungen
übrigens, die von den USA mit großem Mißtrauen gesehen
werden. Mexiko kann da ganz andere Ergebnisse vorweisen und exportiert
deshalb auch mehr als doppelt so viel wie Brasilien.
Da das Land von Politikern regiert wird, die sich nur alle vier Jahre
per Wahl der Verantwortung stellen und die ihre Ideen ausführenden
Beamten unkündbar sind, müssen sich die Unternehmer und ihre
angestellten Manager etwas einfallen lassen. Denn Warten auf Wunder ist
wie das Warten auf Godot. Was machen also brasilianische Unternehmen,
die vergeblich auf Alca und EU schauen? Sie suchen Kontakt mit
Ländern, die ihnen die Türen zu verschlossenen Märkten
öffnen. Dixie-Toga und Santista z.B. bereiten sich vor, in Mexiko
und Chile zu investieren. Santista hat bereits eine Stoffabrik in Chile
und Chile hat ein Freihandelsabkommen mit den USA und kann
dorthin Jeans mit Nullzollsatz exportieren. Der nächste Schritt
Santistas ist eine Fabrik in Mexiko, weil dieses Land bereits
Handelsabkommen sowohl mit der EU als auch mit den USA hat. Bei
direktem Export unterliegen brasilianische Jeans in den USA einem
Zollsatz von 17 % und in der EU von 12,8 %. Dixie-Toga will Fabriken
für Verpackungsmaterial sowohl in Mexiko als auch in Chile
eröffnen. Heute beinhaltet das Handelsabkommen Chile - EU noch
kein Verpackungsmaterial, aber sobald dieses mit aufgenommen wird,
wäre Dixie-Toga aus dem Chilegeschäft. Die Firma exportiert
Zahnpastaverpackungsmaterial aus einer Fabrik in Rio Grande de Norte
nach den USA und befürchtet das Auftauchen eines Konkurrenten in
einem Land, aus dem der Export dieses Erzeugnisses nach den USA
zollbefreit ist.
Aber wenigstens hat Brasilien es geschafft, ein Handelsabkommen mit den
Andenstaaten abzuschließen, ein sehr bescheidener Erfolg im
Vergleich zu den mehr als 30 Handelsabkommen Mexikos und Chiles.
Übrigens funktioniert das Abkommen von 2002 zwischen Mexiko und
Brasilien sehr gut und Mexiko ist bereits der größte
Abnehmer der brasilianischen Kfz - Industrie. Mit Indien wurde ein
Abkommen geschlossen, welches zunächst 400 von 10.000 Produkten
umfaßt. Die USA sprechen über Handelsabkommen mit allen
Ländern beider Amerikas, nur nicht mit den Mercosurstaaten, Kuba
und Venezuela. Das kann für Brasilien zum Verlust von
Exportmärkten führen, wenn die Politiker nicht schnellsten an
den Verhandlungstisch zurückkehren, um das ALCA - Projekt
voranzutreiben oder wenigstens umfassende bilaterale Handelsabkommen
abzuschließen.
Wie wichtig (nicht nur) eine Steuerreform ist, kann man an der Zahl der
Firmen ablesen, die Steuerschulden beim Bund haben. Diese Zahl wuchs
seit Amtsantritt Lulas um eine Millionen oder um 24,3 %, der
geschuldete Wert stieg um 37,3 % auf 239 Mrd. R$. Und dies trotz eines
historisch hohen Niveaus der Industrieproduktion.
Eine andere Reform betrifft die Bürokratie, nach Erhebungen der
Regierung sind zur Zeit mindestens 16 Mrd. US$ Investitionen aus dem
Ausland wegen der Langsamkeit der Behörden gestoppt. Das
größte Hindernis für den Zugang dieser Gelder ist der
Umweltschutz. Die Chinesen wollen z.B. für 2 Mrd. US$ ein
Stahlwerk im Bundesstaat Maranhão bauen und das
größte Transportschiff der Welt, um damit Soja und
Stahl nach China zu bringen. Aber wegen der Umweltschutzauflagen steht
das Projekt zur Zeit.
Kriminalität
Im Bundestaat und in der Stadt
São Paulo geht die Mordrate seit fünf Jahren zurück.
In den ersten neun Monaten des Jahres 2004 war sie in den Gemeinden des
Bundestaates 26,9 % niedriger als in 2000. In der Stadt São
Paulo war der Rückgang mit 23 % im ersten Halbjahr 2004 mit 37,6
Morden auf 100.000 Einwohner gegenüber dem Vergleichszeitraum 2003
mit 46,7 sogar noch deutlicher. Dazu trugen viele Faktoren bei,
angefangen bei der erfolgreichen Sozialarbeit über mehr
Polizeipräsenz bis hin zur freiwilligen Abgabe von Waffen, die
damit nicht mehr in die Hände von Kriminellen fallen konnten.
Illegaler Waffenbesitz ist nach neuester Rechtslage jetzt auch ein
Verbrechen und kein Vergehen mehr in Brasilien. Von Januar bis
Oktober hat die Militärpolizei in der Stadt São Paulo
81.700 Operationen durchgeführt, die mit der Festnahme von 11.000
Personen endeten. Aber in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres
wurden im Bundesstaat São Paulo 1,45 Mio. Straftaten
registriert, gegenüber 1,46 Mio. im gleichem Zeitraum 2003, das
sind 12 % mehr als in den ersten neun Monaten der drei vorhergehenden
Jahre. Immerhin gingen aber auch Raub und Autodiebstähle von 2004
im Vergeich zu 2003 (immer die ersten neun Monate) um 22 %
zurück und Vergewaltigungen und Raubüberfall mit Todesfolge
um 5,6 %. Das heißt noch lange nicht, daß wir paradiesische
Zustände hätten, aber immerhin stimmt die Tendenz.
Firmennachrichten
BASF
wird in Brasilien in den nächsten drei Jahren 180 Mio. US$ in
Instandhaltung und Kapazitätsausweitung investieren. In
Guaratinguetá hat sie bereits 4 Mio. R$ für eine
Eisenbahnlinie ausgegeben, um ihre Transportkosten zu senken. Im ersten
Halbjahr 2004 wuchs BASF in Brasilien um 15 %.
Rhodia - Ster erwartet,
daß Brasilien der Standort einer neuen Fabrik für PET
- Verpackungen sein wird, welche 400.000 Jahrestonnen produzieren soll.
Die dafür nötige Investition wird auf 70 Mio. US$
veranschlagt.
Petrobrás und
Ultra wollen ein neues
Petrochemiezentrum für die Produktion von 1,2 Mio. Jahrestonnen
Ethylen bauen, die Investition dafür wird bei 2,5 bis 3 Mrd. US$
liegen. Der Standort wird in Rio, São Paulo oder Espírito
Santo sein.
Unipar will den Standort im ABC
(Groß - São Paulo) ausbauen und dann dort mehr als 300.000
Jahrestonnen Ethylen (
Eterno)
produzieren. Der Standort wird dann insgesamt auf
eine Jahreskapazität von 1 Mio. Tonnen kommen. Die Kapazität
für Ethylen (
Etileno)
soll mit 160 Mio. US$ von 500.000 auf 700.000 Tonnen
jährlich erweitert werden. Für 160.000 Tonnen davon wird als
Ausgangsstoff Gas aus einer Petrobrásraffinerie anstelle von
Nafta benutzt werden.
Braskem wird in Partnerschaft
mit
Petrobrás in
Paulínia eine 300.000 Jahrestonnen - Polipropylen - Fabrik
bauen, für die zwischen 180 und 200 Mio. US$ erforderlich sein
werden. Die Fabrik soll Anfang 2007 in Betrieb gehen. Außerdem
überlegt die Firma, eine Polyethylenfabrik für
600.000 Jahrestonnen an der Grenze zu Bolivien zu bauen, ein
Megaprojekt von 1 Mrd. US$, welches bis 2009 realisiert werden soll.
Polibrasil wird 2005 eine
Fabrik in Pindamonhangaba einweihen, die 15 Mio. US$ kostet und
Polypropylen -
compounds
für die Kfz - Industrie herstellen wird. Die Fabik in Rio de
Janeiro wird kapazitätsmäßig von 200.000 auf 300.000
Jahrestonnen Polipropylen ausgebaut und die in Mauá von 150.000
auf 450.000 Jahrestonnen. Die Investition dafür beträgt 73
Mio. US$.
Clariant, schweizer Multi, war
positiv überrascht über die Entwicklung des Geschäftes
mit Chemikalien für den Kosmetiksektor (10 % Zuwachs per September
2004 gegenüber dem Vorjahresvergleichsraumes) und will 2,5 Mio.
US$ investieren.
Eine Analyse der ersten 25 Firmen mit offenem Kapital, die bis
September ihre Finanzergebnisse veröffentlichten, zeigt eine
starke Zunahme der Lukrativität, einige davon wie
CST, Cemig,
WEG und
Aço Villares die besten Ergebnisse der
letzten 17 Jahre:
Firma
|
Sektor
|
Nettogewinn
(Mio. R$)
|
bester Wert
seit
|
Siderurgica Tubarão
|
Stahlerzeuger
|
1.124,4
|
1987
|
Cemig
|
EVU
|
934,8
|
1987
|
Acesita
|
Stahlerzeuger
|
422,2
|
1988
|
Copesul
|
Chemie
|
412,0
|
1993
|
Tele Centroeste Celular
|
Telekommunikation
|
377,5
|
1998
|
WEG
|
Elektromaschinen
|
307,7
|
1987
|
TIM Participações
|
Telekommunikation
|
201,1
|
1998
|
Aços Villares
|
Stahlerzeuger
|
140,6
|
1987
|
TIM Sul
|
Telekommunikation
|
130,7
|
1998
|
Enersul
|
EVU
|
71,1
|
1994
|
Bandeirantes Energia
|
EVU
|
62,3
|
1998
|
Sehr schön, aber nichts gegen die Gewinne der Banken, siehe weiter
oben den Bradesco - Gewinn.
Branchenberichte
Der
Chemie
geht es gut, wenn man das Jahr 1990 als Basis mit 100 annimmt, steht
die Produktion von Chemikalien für industrielle Zwecke heute, Ende
2004, schon bei 155,1. Wobei die Entwicklung des Ausstoßes
praktisch linear verlief. Der Export stieg von 2,1 Mrd. US$ in 1991 auf
(geschätzte) 5,5 Mrd. US$ in 2004, der Import sogar von 3,6 auf
14,0 Mrd. US$ (+ 27 % gegenüber dem Vorjahr bzw. 23 % aller
brasilianischen Importe in 2004). Bis 2008 will die Branche 5 Mrd. US$
investieren, nach Bundesstaaten aufgegliedert (jeweils Mrd. US$): 1,33
-> São Paulo, 0,49 -> Rio de Janeiro, 0,36 -> Minas
Gerais, 0,32 -> Bahia, 0,22 -> Pernambuco, 0,05 -> Rio Grande
do Norte, 0,79 -> nicht definiert, 0,13 -> sonstige
Bundesstaaten.
Diese Investitionen sind bitter nötig, um das anhaltende Wachstum
nicht zu behindern, betrug doch die Kapazitätsauslastung im August
2004 unglaubliche 94 %! Laut Abiquim (Chemieverband) bedeutet das auch
5.000 neue Arbeitsplätze. Eine Milliarde US$ werden bereits bis
Ende 2004 investiert sein. Und selbst mit erweiterten Kapazitäten
ist kein Ende des Importbooms abzusehen. Und dabei erreichte die
Augustproduktion bereits einen historischen Höchstwert! Der letzte
Investitionsschub konnte in 1994 und 1998 verzeichnet werden, d.h. die
letzten sechs Jahre wurde in dieser Hinsicht wenig getan. Und das
Potential ist riesig, so beträgt z.B. der Prokopfverbrauch an
Kunststoffen in Brasilien nur 20 kg, in der EU aber 180 kg!
Die
Kfz - Branche hat
ebenfalls Grund zum Aufatmen. Von Januar bis Oktober wurden genausoviel
Fahrzeuge produziert wie im ganzen Vorjahr, nämlich 1,82
Millionen. 29 % davon wurden exportiert, das sind insgesamt 6,75 Mrd.
US$, 50,5 % mehr als im vergleichbarem Vorjahreszeitraum. Bis
Jahresende sollen es 7,5 Mrd. US$ Exporterlöse werden, 36 % mehr
als in 2003. Damit wird der angepeilte Rekord von 2,1 Mio. Fahrzeugen
immer wahrscheinlicher. Um ihn nicht zu gefährden, hat GM die
Werksferien, die normalerweise im Dezember beginnen, auf Januar 2005
verschoben. Scania hat die 30 Tage Werksferien aufgeteilt, 18 Tage im
Dezember und 12 im Juli. Ford macht keine Werksferien in der
Motorenfabrik in Taubaté und verhandelt noch, wie VW und
DaimlerChrysler, wegen der anderen Standorte. Die Kfz - Hersteller
beschäftigten im Oktober 101.300 Personen, 2,6 % mehr als im
Vormonat. Das ist die höchste Beschäftigungsrate seit
November 1998. Im Dezember 2003 wurden nur 90.800 Personen
beschäftigt. Seit Anfang 2003 wurden 10.455 Personen neu
eingestellt. Für 2005 sieht DaimlerChrysler für sich ein
Wachstum von wenigstens 10 % bei Lkws und Omnibussen voraus, ein guter
Einstieg für den neuen Chef Gero Herrmann. Bis Dezember will er
650 neue Mitarbeiter kontraktieren, dabei hat die Firma seit
Jahresanfang schon 1.188 Mitarbeiter eingestellt und beschäftigt
alleine in São Bernado do Campo zur Zeit 10.780 Menschen. VW
wird in der brasilianischen NKW - Sparte 1 Mrd. R$ investieren, um neue
Produkte auf den Markt zu bringen. Letztes Jahr übernahm die
Sparte die Marktführerschaft mit 34 % Marktanteil, Dank der
spartanischen und damit billigen Ausstattung ihrer Fahrzeuge.
Der
Autoteilesektor muß
natürlich mithalten, was Investitionen bedeutet, da in 2005
immerhin 2,3 Mio. Fahrzeuge gebaut werden sollen. Valeo wird in
der zweiten Hälfte 2005 eine neue Fabrik in Guarulhos in
Betrieb nehmen, in der die Produktion von Sicherheitssystemen
konzentriert werden soll. Heute werden diese in je einer Fabrik in
Diadema und der Stadt São Paulo gebaut. Die Kapazität
der neuen Fabrik wird 20 % höher sein als die der beiden
alten Standorte zusammen, was eine Investition von 40 Mio. R$
erfordert. Außerdem will die Firma eine Kupplungsproduktion -
mein altes Metier bei F&S und LUK/Valeo - aus den USA nach Campinas
verlagern, was weitere 5 Mio. R$ kostet. Die dann dort gebauten
Kupplungen sind für Ford und GM in den USA und Australien
bestimmt. Damit wird das Werk in Campinas eine Kapazität von
100.000 Kupplungen im Jahr erreichen. Valeo beschäftigt heute
3.000 Mitarbeiter in 11 Fabriken in Brasilien. ZF, die den
Valeokonkurrenten Sachs gekauft hat, will ihren Umsatz laut
Zeitungsberichten um 55 % in 2005 steigern und 9 Mio. R$ im Werk
Sorocaba investieren. Der Räderfabrikant Mangels will sogar 80
Mio. R$ bis 2007 investieren. Die Gruppe hat drei Fabriken in
São Paulo und Minas Gerais und wird voraussichtlich dieses Jahr
600 Mio. R$ umsetzen, 25,8 % mehr als im Vorjahr. Der Autoteilesektor
wird wahrscheinlich 24 % mehr als im Vorjahr fakturieren, nämlich
15,4 Mrd. US$. Bisher war der Verband Sindipeças "nur" von 14 %
ausgegangen.
Über den
Stahlsektor
braucht man eigentlich nicht zu reden. Hätte Mannesmann nicht alle
Karten auf die Telekommunikation gesetzt, wären die Aktionäre
heute reich und nicht nur der Vorstand und Aufsichtsrat. Oder
Mannesmann wäre schon als Stahlwerker von der Landkarte
verschwunden, denn der jetzige Boom kommt etwas spät für den
ehemaligen Rohrproduzenten. Und nachdem
der Inder Lakshmi Mittal mit einem 18 Mrd. US$ - Geschäft jetzt
das Sagen bei Ispat, LNM Holdings und International Steel Group hat,
sind die Karten neu gemischt und, gemessen an der Produktion in Mio.
Tonnen pro Jahr, ist die Rangreihenfolge der Weltstahlerzeuger jetzt so:
1.
|
LNM+Ispat+ISG
|
55,5
|
2.
|
Arcelor
|
42,8
|
3.
|
Nippon Steel
|
31,3
|
4.
|
JFE
|
30,2
|
5.
|
Posco
|
28,9
|
6.
|
Shanghai Baosteel
|
19,9
|
7.
|
Corus Group
|
19,1
|
8.
|
US Steel
|
17,9
|
9.
|
ThyssenKrupp
|
16,1
|
10.
|
Nucor
|
15,8
|
16.
|
Gerdau
|
12,3
|
41.
|
CSN
|
5,3
|
50.
|
CST
|
4,8
|
52.
|
Usiminas
|
4,6
|
59.
|
Cosipa
|
4,1
|
Wer hätte das gedacht, als Deutschland sich in Rourkela
engagierte! Da kommt ein Schwellenland wie Brasilien (gelb) sogar ganz
gut weg, siehe Gerdau im Vergleich zu ThyssenKrupp. Gerdau ist
übrigens seit Oktober über ihre Tochter Gerdau Ameristeel an
der New Yorker Börse notiert und konnte 70 Mio. Aktien für
329 Mio. US$ plazieren (Würden Sie "platzieren" schreiben? So wie
in "geplatztes" Geschäft?). Die Stahlbranche Brasiliens will /
muß bis 2010 ca. 60 Mrd. R$ investieren, dadurch wird die
Stahlproduktion verdoppelt!
Die
Glasbranche lebt sicher
nicht nach dem Motto "Glück und Glas, wie leicht bricht das", denn
das Geschäft läuft wie Jonny Walker. Coca - Cola will 30 %
des Erfrischungsgetränkes mit Glasverpackung unter die Leute
bringen und Owen - Illinois verkauft weltweit alle PET - Fabriken, weil
Glas den Verpackungssektor zurückerobert. Glas ist ein 3,3
Mrd. R$ - Geschäft in Brasilien, das war der Umsatz in 2003 der
Branche und 1,03 Mrd. R$ davon entfiel auf Glasverpackungen. Die
wichtigstens Glasverpackungsproduzenten sind (%-Angaben beziehen sich
auf produzierte Tonnen):
45 % Cisper (Owen - Illinois)
28 % Saint Gobain
16 % Civ
5 % Nadir Figueiredo
4 % Wheaton
2 % Vidro Porto
31,1 % des Branchenumsatzes entfiel in 2003 auf Verpackungen, Flachglas
(vor allem für die Kfz - Industrie) machte 29,1 % aus und
technische Gläser 26,9 %. Laut Verband Abividro beschäftigt
die Glasindustrie in Brasilien 12.500 Personen und hat 107 Mio. US$ in
2003 investiert (2004: Prognose 123 Mio. US$). Eine Zahl, die es
verdient erwähnt zu werden: Owen - Illinois beschäftigt in
Brasilien 1.500 Mitarbeiter, davon nur 72 in der Verwaltung. Das nennt
man Wertschöpfung!
Geschäftschancen
Das Antifaltengeschäft
wird 2004 um 25 % gegenüber dem Vorjahr (259,3 Mio. R$) wachsen
und macht bereits 37 % des Umsatzes aller Schönheitsmittel aus. Im
Einzelhandel führt hier Nivea mit 33,2 % Marktanteil an Mitteln
gegen das Altern (besser gegen das Altaussehen). Avon gab
für die Lanzierung des Produktes Renew Clinical 14 Mio. R$ aus und
verkaufte in den ersten 45 Tagen 2,7 Mio. Einheiten. Das ist das beste
Ergebnis in allen 143 Ländern, in denen das Mittel lanziert wurde,
selbst in den USA wurden nur 1,7 Mio. Einheiten abgesetzt. Das Mittel
kostet in Brasilien 59,90 R$, das Konkurrenzprodukt Chronos Elastinol+R
von Natura 54,70 R$. Der Absatz der Antifaltencreme von Vita Derm
konnte von 60.000 Einheiten im Monat in 2003 auf 90.000 in diesem Jahr
gesteigert werden. Das hat wahrscheinlich Anna Pegova ermutigt, das
Mittel Sérum Double Action für fast 200 R$ für eine
Einheit auf den Markt zu bringen und der Erfolg gab der Firma Recht,
die
Planung konnte weit übertroffen werden. Einer Umfrage zufolge
bemühen sich weltweit 67 % der Frauen um ein besseres Aussehen per
Kosmetik, in Brasilien aber 87 %! Ana Pegova hat übrigens auch ein
After Shave - Mittel für Männer, es kostet die Bagatelle von
230 R$, also fast einen brasilianischen Mindestlohn. Hier stört
nur, daß die Mehrzahl der Männer sich durch Falten im
(eigenem) Gesicht nicht um den Schlaf bringen läßt. In
Argentinien wuchs übrigens Natura trotz der Wirtschaftskrise in
2002 um 73 % und um 104 % in 2003. In den ersten sechs Monaten des
laufenden Jahres war das Wachstum immer noch 56 %!
Manche Leute haben große Pläne, andere machen große
Geschäfte. Im Tunnelbau
zum Beispiel. Ein Poolinteressent ließ sich vor einigen Jahren
informieren, aber konnte sich nicht entschließen, seine
Tunnelbelüftungen in Brasilien anzubieten. Nachdem in den letzten
Jahren etliche Straßentunnel eingeweiht wurden, las ich gerade
über die Verlängerung der U-Bahnlinie II in São Paulo
in zwei Etappen um insgesamt 5,5 km. Die neue Strecke liegt auf 24 m
Tiefe, 12 m unter der Linie I. Schade, hätte die Firma an diese
Chance geglaubt...
Erdgas wird wichtiger als
Erdöl sein, weltweit und auch speziell in Brasilien. Vor allem,
wenn 2008 damit begonnen wird, das Erdgas unter dem Meeresboden vor
Santos zu fördern. Eine gute Chancen z.B. für Tankanlagen-
und Pipelinebauer sowie Hersteller von Ventilen, Meß- und
Regelgeräten, aber auch für Erdgasbrennerhersteller und
Zulieferer für Thermokraftwerkseinrichtungen.
Das Straßennetz
Brasiliens ist in weiten Landesteilen auf oder unter dem Stand, den man
direkt nach der Wiedervereinigung im ehemals kommunistischem Teil
Deutschlands antraf, ca. 75 % von betrachteten 74.681 km werden
offiziell als schlecht oder schlimmer klassifiziert. Alleine 41.900 km
müssen dringend neu (oder erstmalig) geteert bzw. mit einem
Straßenbelag versehen, fast 20.000 km komplett neu gebaut werden!
In 2005 sollen dem Transportministerium dafür 6 Mrd. R$ zur
Verfügung stehen, aber darauf sollte sich kein
Straßenbauunternehmen verlassen, eher auf weitere
Privatisierungen.
Beim Schienennetz sieht es
ähnlich aus, nämlich so schlecht, daß die Situation
Chancen für gute Geschäfte offenläßt. Immerhin
konnte die Transportproduktivität von 7,33 % im ersten Halbjahr
2003 auf 16 % im Vergleichszeitraum 2004 gesteigert werden. Im Vorjahr
wurde von der Regierung ein Programm für die Wiederbelebung der
Eisenbahn ins Leben gerufen. Damit soll der Transportanteil der
Eisenbahn innerhalb von fünf Jahren von 25 auf 35 % angehoben
werden, u.a. durch den Bau des Ferroanel um São Paulo herum.
Der Umweltschutz kann zwar manchmal hinderlich sein, aber die Müllbeseitigung ist vielleicht
gerade deshalb so attraktiv. Am 13.10.2004 haben zwei
Konzessionäre, nämlich SP Limpeza Urbana und EcoUrbis
Ambiental, für 20 Jahre das Geschäft übernommen.
Dafür werden sie 9,8 Mrd. R$ erhalten und müssen 1,2 Mrd. R$
investieren:
1.) In 6 Monaten werden zwei Minikompostwerke mit einer Kapazität
von je 50 Tonnen / Tag installiert
2.) Im ersten Jahr werden alle Mülltransportfahrzeuge
ausgetauscht, die neuen werden GPS haben. Dazu wird der Müll
selektiv gesammelt und auch alle Favelas bedient. In einigen Regionen
wird die Müllsammlung mechanisiert.
3.) Im zweiten Jahr werden die Überlaufstationen modernisiert und
zwei neue gebaut.
4.) Im dritten Jahr werden zwei Sondermülldeponien errichten.
5.) Im vierten Jahr beginnt die Kompostierung mit 450 Tonnen / Tag
6.) Im fünften Jahr sollen Studien über die Verwertung von
1.000 Tonnen Müll am Tag für die Energieerzeugung vorgelegt
werden, die zugehörigen Anlagen sollen im zehnten Jahr ans Netz
gehen
7.) Im achten Jahr Kompostierung von 1.000 Tonnen / Tag
8.) Im zehnten Jahr Funktionsbeginn zweier Stationen zur Behandlung von
Krankenhausabfällen
Um die heutigen Müllmengen zu bewältigen, werden aktuell 14
Zerkleinerungsanlagen für 80 Tonnen pro Tag alleine in São
Paulo für die Vorbereitung zur Wiederaufbereitung benutzt. Hier
sind also für deutsche Fachunternehmen vielfältige
Geschäftsmöglichkeiten gegeben.
Seit Jahrzehnten wächst die
Stadt unkontrolliert und praktisch auch ungeplant. Das führt zu
der paradoxen und absurden Situation, daß 400.000 Wohnungen
leerstehen und 380.000 Wohnungen benötigt werden. Die Stadt hat
trotz aller Anstrengungen, per sozialem Wohnungsbau die Elendsgebiete zu
eliminieren, immer noch 2018 Favelas mit 1,16 Mio. Bewohnern sowie
weitere eine Mio. Personen, die in 1.241 irregulär und prekär
bebauten Gebieten wohnen. Sicher werden keine deutschen Bauunternehmer
anfangen wollen, in Brasilien sozialen Wohnungsbau zu betreiben, aber
für Stadplanungsgesellschaften
und Hersteller billigster (nicht billiger) Fertighäuschen gibt es
Spielraum!