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BRASILIEN AKTUELL PER 30. SEPTEMBER 2004


von Karlheinz K. Naumann


DER KOMMENTAR DES MONATS

Portrait NaumannIch weiß nicht, aber es scheint mir fast, als ob wir Deutschen nicht ganz so beliebt sind wie wir manchmal glauben, zumindestens in Brasilien. Als ich Anfang des Monats morgens um 5:15 nach einem einstündigem Zubringer- und einem zwölfstündigem Überseeflug fast eine Stunde in der Schlange vor zwei mit Bundespolizisten besetzten Schaltern und etlichen unbesetzten des internationalen Flughafens von São Paulo stand, um meinen Paß vorzuzeigen, wagte ich zu fragen, ob man mal wieder streike. Das wäre nichts Ungewöhnliches, schließlich streikten die 42.000 Justizbeamten des Bundesstaates São Paulo 91 Tage bis zum 27.09.2004 (12 Mio. liegengebliebene Prozesse, 1,2 Mio. neue und nicht begonnene Aktionen, 450.000 ausgefallene richterliche Anhörungen, Forderung 39 % mehr Geld, Einigung 14 %) und vorerst jedenfalls sogar bei vollen Bezügen. Worauf die nette Bundespolizistin mir sagte, nein, nur wären ihre Kollegen abgezogen worden, weil ein Deutscher (mit starker Betonung auf "Deutscher") eine Stewardess geschlagen habe und in Gewahrsam genommen werden müsse. Und da müßten die anderen Deutschen halt länger warten.

Aber man soll nichts in eine solche Aussage hineininterpretieren, Beamte sind eben auch nur Menschen. Als ich vor einiger Zeit in Frankfurt, wo ich mir eine Ausfuhrbescheinigung abstempeln lassen wollte, mit ca. zehn anderen Flugreisenden vor dem Zollschalter im Flughafen mit dem "schönem" Namen Fraport stand, unterhielten sich die drei uniformierten Herren dahinter gemütlich, anstatt uns abzufertigen. Ich sage dabei absichtlich "abfertigen" und nicht "bedienen", denn die Zeiten, als ein König sich als erster Diener seines Volkes fühlte, sind wohl so vorbei wie Preußen selbst. Als ich nach gebührender Wartezeit fragte, ob dieses Verhalten typisch für den modernen Beamten sei, erhielt ich die aggressive Gegenfrage, ob dies eine Beleidigung sein solle, an den Kopf geworfen. Ich ließ dem Herren die Wahl und wurde dann zwar nicht betont herzlich, aber korrekt bedient.

Am 13.9. schrieb der Spiegel: Mit seinen Bemerkungen über dieBundeskanzler Schroeder "bestehenden Unterschiede in den Lebensverhältnissen" hat der Bundespräsident Horst Köhler in ein Wespennest gestochen.  Zu diesem Thema konnte man schon am 29.8.2004 in der führenden brasilianischen Tageszeitung O ESTADO DE SÃO PAULO folgenden Artikel sehen, den ich zumindestens ausschnittweise zeigen möchte. Frei übersetzt heißt die Überschrift: Der Niedergang des deutschen Ostens hält an. Warum dazu das Foto des aus einer Bierflasche trinkenden Bundeskanzlers gezeigt wurde, kann man nur vermuten. Vielleicht ist das Trinken aus der Flasche und dann noch von Bier dekadent? Trinken deshalb die Formel I - Sieger zwar auch aus der Flasche, aber Champagner und kein Bier?

Gerade erhalte ich übrigens ein Formular der Banco Bradesco mit der Bitte, meine Daten zu aktualisieren. Und da ist unter Nationalität "Afegane" eingetragen. Ich werde also jahrelang von meiner Hausbank in Brasilien als Afghane geführt und reise mit einem deutschem Paß durch die Welt! Aber da der brasilianische Innenminister gerade einen unglücklichen Vergleich zwischen der brasilianischen Staatsanwaltschaft und der Gestapo gezogen hat und man bei Polizeirazzien hier gerne von einem "Blitz(krieg?)" spricht, sollte ich dies eventuell gar nicht korrigieren? Von den Wahlen in Sachsen und Brandenburg ganz zu schweigen! Obwohl diese Wahlen wieder mal die Gaussche  Normalverteilung bestätigen. Wenn ich jetzt schreibe, daß ich stolz bin, Deutscher zu sein, bekommt das irgend jemand sicher in den falschen Hals. Dabei muß man nur mal mit der brasilianischen TAM fliegen, um die (von mir übersetzte) Ansage zu hören "... eine Luftlinie, die stolz ist, brasilianisch zu sein!"

Alle sind gleich, manche sind gleicher, konnte man schon bei George Orwell lesen. Meine Sekretärin wollte sich über einen Nachbarn von mir beklagen, der verbotenerweise zuerst einen Baum in seinem Garten fällte und ihn dann noch unter starker Rauchentwicklung verbrannte. Und da der Rauch mein Wohnzimmer füllte und der Nachbar uneinsichtig war, rief sie bei der Stadtverwaltung von São Paulo an. Und wurde an die Feuerwehr und die Polizei verwiesen, die beide nicht zuständig waren. Auch beim Bezirksrathaus wurde vergeblich gefragt, man könne zwar jemanden schicken, aber erst in zwei Wochen. Und außerdem könne man in privilegierten Wohngebieten sowieso nichts machen, wenn es eine arme Gegend am Stadtrand wäre, sähe die Sache allerdings anders aus. Und da die Umweltschutzbehörde auch keine Lust hatte, sich mit dem nachbarlichem Feuer, welches  viele Tage hintereinander neu entfacht wurde, zu befassen, ging meine Aktion aus wie das Hornberger Schießen. Und es lag nicht an meinem Deutschsein, denn ich ließ bewußt meine Sekretärin anrufen, um nicht sofort durch meinen gepflegten deutschen Tonfall  aufzufallen.

Weiter oben schrieb ich vom Streik der Justizbeamten. Im September gefiel es auch den Bank"beamten", in den Streik zu treten. Fazit ist, daß Überweisungen aus Deutschland für meine Firma zwar bei der staatlichen Banco do Brasil ankamen, aber anschließend nicht gutgeschrieben werden konnten. Was bei manchen Bankkunden in ähnlich gelagerten Fällen dazu führte, daß sie protestiert werden und sich plötzlich im Verzeichnis säumiger Schuldner wiederfinden, weil die Bank keinen Kursschluß macht und daher der Kunde keine R$ - Gutschrift erhält und folgerichtig seine Rechnungen von der Bank nicht bezahlt werden, weil kein verfügbares Guthaben da ist. Und das passiert bei ein und derselben Bank!

Um z.B. 245,17 € Auslagen erstattet zu bekommen, mußten wir eine Rechnung an den deutschen Kunden schreiben und diese zusammen mit der Übersetzung der Banco do Brasil zukommen lassen. Die hat nämlich in Frankfurt eine Filiale und unser deutscher Kunde kann an diese den Betrag überweisen, ohne die Auslandsüberweisungsgebühren zu zahlen, die tragen nämlich wir in diesem Fall. Und die Banco do Brasil schickt das Geld dann an ihre Filiale in São Paulo, bei der meine Firma ein Konto unterhält. Und dann wird das Geld gutgeschrieben? Nein, denn Brasilien ist ein devisenbewirtschaftes Land und meine Firma muß die überwiesenen 245,17 € an die Zentralbank verkaufen, die dann - nachdem 40 US$ Gebühren in Brasilien für das Wechseln und 20 € in Deutschland für das Überweisen abgezogen wurden - die Erlaubnis gibt, daß der entsprechende R$ -Betrag bzw. der klägliche Rest (hier im konkreten Fall ca. 78 % des von uns für unseren Kunden ausgelegten Betrages) dem Eurolatinakonto gutgeschrieben wird. Und dazu sind "nur" folgende Dokumente nötig:
Umtausch1
Umtausch2
Umtausch3
Umtausch4
Umtausch5
Umtausch6
Und um es noch schwieriger zu gestalten, braucht die Bank manchmal den Hinweis von uns, daß doch eigentlich Geld angekommen sein müsse. Was manchmal verneint wurde, obwohl das Geld schon seit einiger Zeit eingetroffen war. Im Extremfall lag der Geldeingang bei der Bank 30 Tage zurück und meine Sekretärin mußte bei der Filiale vorbeigehen und zusammen mit einem Bankmitarbeiter den Eingangsbeleg suchen. Und sie fand ihn dann, nicht der Bankmitarbeiter. Jetzt wissen Sie auch, warum wir auf unseren Rechnungen für schon gemachte Auslagen einen Aufschlag erheben müssen und diese nicht einfach konvertieren. Und wer durch Bündelung von Überweisungen Gebühren sparen will und deshalb ein Firmenkonto in Deutschland einrichten möchte, hört von der Zentralbank, daß dies nicht möglich sei! Wen wundert es dann noch, daß die dolleiros ihr gutes Auskommen haben?

Der größte Bankenstreik seit 1990 hielt am letzten Tag des Septembers übrigens trotz eines Verbotes durch die Justiz (tribunal superior de trabalho) an. Kein Wunder, in ähnlich gelagerten Fällen in der Vergangenheit mußten die verhängten Strafen nie bezahlt werden. Die Bankangestellten fordern nach wie vor eine reale Gehaltssteigerung um 17,68 %, eine einmalige Zahlung eines zusätzlichen Monatsgehaltes plus 1.200 R$ als Gewinnbeteiligung und eine Stellenbeschreibung mit zugeordneten Einkünften für die Mitarbeiter der staatlichen Banken. Die Banken bieten bisher eine Einkommenssteigerung zwischen 8,5 und 12,77 %, 80 % eines Monatsgehaltes plus 705 R$ als Gewinnbeteiligung und einen zusätzlichen vale alimentação, also einen Extrazuschuß zu den Verpflegungskosten an. Wenn die Parteien sich nicht schnell einigen, erhalten übrigens 376.973 Rentner und Pensionäre, die ihre Bankkarte noch nicht haben, keine Rente oder Pension.

AUS   POLITIK...

Bis August hat China bereits 43,6 Mrd. US$ Direktinvestitionen erhalten, 18,7 % mehr als in den ersten acht Monaten des Vorjahres. In Brasilien werden es zum Jahresende wahrscheinlich 12, mit Glück auch 15 Mrd. US$ sein. Und wir hatten schon 30 Mrd US$! Was machen wir oder unsere Regierung eigentlich falsch? Eines mit Sicherheit, in Brasilien macht einem die Bürokratie sowie die Zins- und Steuerlast das Geldverdienen schwer.

Der Zentralbankrat hat übrigens im September gegen den Willen des Innenministers und des Vizepräsidenten der Republik die Leitzinsen um 0,25 % erhöht. Was eigentlich nicht viel ausmacht - von der dadurch verursachten Erhöhung der Regierungsverbindlichkeiten um 1 Mrd. R$ abgesehen - denn die praktizierten Schuldzinsen liegen bekannterweise weit, sehr weit darüber, siehe auch meine Anmerkung dazu ganz unten auf dieser Seite.  Aber niedrige Zinsen für den Kreditnehmer und freier Devisenverkehr sind Dinge, die erstaunlicherweise von der brasilianischen Regierung nicht in Betracht gezogen werden oder nur im stillen Kämmerlein. 

Die Zentralbank gab am letzten Septembertag einen Inflationsbericht heraus, in dem die Prognose für dieses Jahr von 6,4 auf 7,2 % angehoben wird. Das Ziel, unter 8 % zu bleiben, wird damit wohl erreicht. Für 2005 ist das Ziel 5,1 %, aber die Prognose geht bereit s von 5,6 % aus. Im vorigem Bericht standen noch 4,4 %. Das BIP - Wachstum wird laut Bericht anstelle 3,5 in diesem Jahr 4,4 % betragen.

...UND  WIRTSCHAFT

Moody's hob am 9.9.2004 das Rating Brasiliens von B2 auf B1 an. Das ist gut, aber nicht gut genug, denn damit sind wir noch vier Noten unter Mexiko und eine Investition in brasilianische Papiere ist damit immer noch spekulativ. Das wird sich nach Meinung führender Bankexperten erst 2008 ändern, dann sollte Brasilien mit BBB- bei S&P und Fitch und ein Jahr später mit Baa3 bei Moody's den heutigen Status Mexikos erreicht haben.

U. a. ist dazu ein gesundes Wachstum nötig und das ist nach dem Schock über die Ende 2002 gewählte sozialistische Regierung erreicht:
BIP
Hier werden jeweils die Zahlen eines Vierteljahres gezeigt und diese sehen augenblicklich sehr gut aus. Das BIP betrug nämlich im ersten Halbjahr 2004 mit 816,8 Mrd. R$ schon 4,2 % mehr als im vergleichbarem Vorjahreszeitraum. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres betrugen die Investitionen der brasilianischen Volkswirtschaft 18,6 % vom BIP, das ist der höchste Wert seit 2001, er liegt aber immer noch unter dem Mittelwert 1994 bis 2001:

Jahr
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004*
Investitionen in % des BIP
21,8
22,1
19,4
20,4
20,2
19,0
20,1
20,2
18,3
17,9
18,9
* Prognose

Wenn viel Energie und Verpackungsmaterial vebraucht wird, geht es der Wirtschaft gut. Im August betrug der Verbrauch an Elektroenergie 32,385 GWh, das sind 9,37 % mehr als im August des Vorjahres. Im August war auch der höchste Verbrauch Brasiliens an einem Tag zu verzeichnen, nämlich in der Spitze 57.799 MW am 24.8.2004.

Nachdem die Produktivität im Lande 2002 um 1,7 % gesteigert werden konnte, schrumpfte sie um -0,4 % in 2003, wuchs aber in 2004 wieder und zwar um 7,2 % (alle Werte gelten jeweils für das erste Vierteljahr). São Paulo lag dabei in 2004 mit 10,5 % an der Spitze.

Auch die Zahl der in Brasilien registrierten Hubschrauber wächst stetig, in 1996 waren es noch 523 und Ende Juni 2004 schon 981! Mehr als die Hälfte davon sind übrigens im Bundesstaat São Paulo registriert.

Engpässe gab es zumindestens in der Produktion schon lange nicht mehr so ausgeprägt wie heute in Brasilien:

Branche
Kapazitätsauslastung (%)
Investition 2004 (Mio. R$)
Zellulose, Papier, Pappe
95,0
411,4
Gummi
93,2
252,7
Stahl 92,2
3.661,2
Perfums, Seifen, Waschmittel, Glycerin, Kerzen
91,7
83,4
Textil
90,3
188,6
Metallverarbeitung 85,3
337,3
Chemie
83,5
1.179,7
Holz und Möbel
83,4
220,7
Quelle: Befragung von 346 Firmen durch die FGV

Brasilien rechnet damit, ab 2010 täglich 300.000 Fässer  Erdöl mehr zu fördern, als es verbraucht. Wir werden also in nicht zu weiter Zukunft ein erdölexportierendes Land sein! Besser spät, als nie! Und damit ist nicht eingerechnet, daß vielleicht neue Vorkommen entdeckt werden. Die heute bekannten reichen für 18 Jahre.

Die Telekommunikationsfirmen Telefônica, Telemar, Brasil Telecom und Embratel müssen auch in Brasilien aufpassen, daß ihnen die Internettelefonie (VoIP) nicht das lukrative Festnetzgeschäft wegnimmt. Denn bei uns hat sich der Breitbandzugang zum Internet so schnell entwickelt, daß die Zahl der potentiellen Internettelefonierer immer größer werden wird:

Jahr
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
Anzahl brasilianischer Internetbreitbandnutzer
327.000
694.000
1.189.000
1.682.000
2.314.000
3.003.000
3.647.000
4.284.000

Und das heißt auch gute Geschäftschancen für Firmen im Lichtwellenleitergeschäft, sprich Hersteller von Glasfaserkabeln und Zubehör einschließlich Netzdienstleister.

Es ist immer gut, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen. Hier sehen Sie die prozentuale Veränderung des BIP einiger Schwellenländer im zweiten Vierteljahr 2004:

Land
Brasilien
Argentinien
Chile
Mexiko
Peru
Venezuela
Südkorea
Phillipinen
Malaysia
Südafrika
Vergleichsbasis 2. Vierteljahr 2003
5,7
7,3
5,1
3,9
3,6
13,6
5,5
6,2
8,0
2,5
Vergleichsbasis 1. Vierteljahr 2004
1,5
- 0,2
1,3
1,2
- 0,4
2,8
0,6
0,7
2,0
1,0
 

FIRMENNACHRICHTEN

Die 105 Jahre alte Klabin will die aktuelle Jahresproduktion von 1,5 Mio. Tonnen Papier für Verpackungsmittel auf 2 steigern und studiert zur Zeit, welche der 18 Fabriken der Firma investieren soll. Verpackungsmittel machen heute 38 % des Jahresumsatzes aus. Dieses Jahr wurden 400 Mio R$ investiert, 156 Mio. R$ davon in der größten Verpackungsmittelfabrik Klabins in Telêmaco Borba im Bundesstaat Paraná. Der Nettoumsatz von Klabin wurde im ersten Halbjahr 2004 gegenüber dem vergleichbarem Vorjahreszeitraum um 11 % auf 1,29 Mrd. R$ gesteigert, 44 % davon wurden exportiert. Klabin entwickel übrigens u.a. mit Tetrapack eine Weltneuheit, das komplette Recycling von langlebigen Verpackungen auf Zellulosebasis.

In vorausgegangenen BRASILIEN AKTUELL war schon von Natura die Rede. Die Firma mausert sich zum ernstzunehmenden Konkurrenten von Avon, wenn man sie vergleicht. So beschäftigt Avon in Brasilien 880.000 "Beraterinnen" und Natura 375.000, wobei Avon damit 2,9 und Natura 1,9 Mrd. R$ in 2003 umgesetzt hat. Der Prokopfumsatz, d.h. pro Verkäuferin wäre damit bei Avon 3.295 R$, aber bei Natura 5.067 R$ im Jahr. Natura ist aber erst in 4 Ländern tätig, während Avon es auf 143 Länder bringt. Avon ließ in 24 Länder 21.000 Frauen befragen, das interessante Ergebnis ist, daß in Brasilien 87 % der Frauen gegenüber 77 % in den anderen Ländern Kosmetik nicht als Luxus betrachten und 90 % der Brasilianerinnen gegenüber 67 % Frauen anderer Nationalität sich sehr anstrengen, besser auszusehen. Wenn ich nicht Angst hätte, beschimpft zu werden, würde ich jetzt sagen, das Ergebnis ist auch sehr zufriedenstellend, aber damit handle ich mir sicher nur bei meiner brasilianischen Frau und meiner ebenso brasilianischen Tochter Lorbeeren ein, aber nicht bei anderen Leserinnen.

Schincariol baut für 200 Mio. R$ eine neue Brauerei in der Nähe von Belém an der Amazonasmündung mit einer Kapazität von 150 Mio. Litern Bier und 50 Mio. Litern Erfrischungsgetränke (als ob Bier nicht erfrischen würde) und Mineralwasser im Jahr, was gleichzeitig 240 neue Arbeitsplätze bedeutet.

BRANCHENNACHRICHTEN: EVUs

Die Umweltschutzbehörde hat endlich die Erlaubnis gegeben, daß das Staubecken des E-Werkes Barra Grande im Pelotasfluß zwischen Santa Catarina und Rio Grande do Sul gefüllt werden darf. Damit wird ein Signal gesetzt für die Kraftwerksbetreiber, denn aus Umweltschutzgründen waren bisher 23 von 45 Kraftswerksneubauten blockiert. Zumindestens die Baustellen von Estreito in Tocantins und Chapecó an der Grenze von Santa Catarina mit Rio Grande do Sul sollen ebenfalls freigegeben werden. Diese drei E-Werke repräsentieren allein 52 % der Kapazität der bisher 23 blockierten Neubauten. Sollten die angekündigten E-Werke nicht bis 2010 am netz sein, wird es wahrscheinlich wieder zu Energieengpässen in Brasilien kommen.

BRANCHENNACHRICHTEN: KFZ - INDUSTRIE

Der August war ein ausgesprochen guter Monat für die brasilianische Kfz - Industrie mit 198.000 (Rekord!) produzierten und 131.000 im Inland verkauften sowie 66.000 exportierten (noch ein Rekord!) Fahrzeugen, wobei in der Inlandsverkaufszahl auch Importfahrzeuge enthalten sind. Einziger Ausrutscher war der schwache Inlandsabsatz. Per August wurden 987.000 Fahrzeuge neu zugelassen, das sind 14,3 % mehr als im vergleichbarem Vorjahreszeitraum. Bis Jahresende will man auf 1,55 Mio. im Inland abgesetzte Fahrzeuge kommen, wobei aber schon Zweifel aufkommen, ob dies erreichbar ist, denn dies heißt immerhin von September bis Dezember 138.000 verkaufte Fahrzeuge monatlich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch das Verhalten der Banken, denn 70 % aller in Brasilien verkauften Neufahrzeuge laufen, wie man so schön sagt, nicht auf Rädern, sondern auf Wechseln, d.h. sind finanziert. Die Produktion per August erreichte 1,424 Mio. Einheiten, das ist der beste Wert seit 1997. Der Export per August war mit 5,14 Mrd. US$ 55 % höher als im vergleichbarem Vorjahreszeitraum. Wegen dieser Exportzahlen schätzt der Kfz - Herstellerverband auch, daß man das Rekordproduktionsjahr 1997 und die damals erreichten 2,1 Mio. produzierten Fahrzeuge in 2004 übertreffen wird.

ZU GUTER LETZT

Auf die vorherige Ausgabe von BRASILIEN AKTUELL hin fragte eine besorgte Leserin aus Süddeutschland bei der Kammer in Rio, welche sich dann bei der mich betreuenden Kammer in Deutschland erkundigte, ob es denn wirklich so schlimm mit der Kriminalität sei. Ich kann der mir unbekannten Dame, die mich leider nicht direkt gefragt hat, nur auf diesem Weg antworten, ja, es ist so schlimm, wie ich es schrieb. Das soll aber bitte nicht heißen, daß wir im Wilden Westen wohnen, auch in Europa gibt es gefährliche Ecken und wer sich vorsieht, kommt auch in Lateinamerika über die Runden. Nur im Stadtpark mit einer Rolex spazieren gehen, das sollte man z.B. nicht machen! Und auch kein Geld aus einem Bankautomaten holen, wenn man dabei beobachtet werden kann. Ausgerechnet der Wächter unseres Bürohauses, der seinen und den Lohn seiner Kollegen von der Bank in bar abholte, wurde anschließend in unserer Eingangshalle überfallen und beraubt. Und wir, alleBus Büromieter, haben nochmal gezahlt, damit die Wächter und ihre Familien nicht am Hungertuch nagen müssen. Passiert Ende August, Ano Domini 2004. Und wer es immer noch nicht glaubt, sollte sich unserere Stadtbusse ansehen. Auf der Rückseite findet er ein Schild, auf dem eine Telefonnummer angegeben wird, unter der man Gewalttaten und -täter anzeigen kann. Das Ganze unter dem Aufruf: "Laßt uns die Gewalt bekämpfen - absolutes Stillschweigen - 24 Stundendienst". Die Zeitschrift THE ECONOMIST hat in der Ausgabe vom 30.9.2004 unter der Überschrift "Crime and police reform in Latin America" auch etwas zu diesem Thema zu sagen: "IN SEVERAL Latin American countries, 2004 will be remembered as the year in which the people rose up in revolt against crime. Hundreds of thousands poured on to the streets of Buenos Aires (first in March, and twice since) and of Mexico City (in June) in protest at crime and personal insecurity. In Brazil, earlier protests helped to generate support for a new law, which came into effect last month, placing tight new restrictions on gun ownership.… " Hier steht u.a. daß nur 8 % der 50.000 jährlich in Brasilien verübten Morde aufgeklärt werden.

Noch eine allgemeine Anmerkung: Natürlich würde ich gerne alle Leser als Kunden gewinnen, aber trotzdem werden Sie in BRASILIEN AKTUELL immer nur die ungeschminkte Wahrheit über Brasilien lesen; hier wird nichts beschönigt. Dies ist auch unnötig, denn trotz aller Probleme hat das Land sehr viele gute Seiten und bietet hervorragende Geschäftsmöglichkeiten für den, der Fehler vermeidet. Und dafür biete ich Ihnen ja meine Dienstleistungen an.

Brasilien hat übrigens 14 Millionenstädte, nämlich São Paulo (10,8 Mio. Einwohner), Rio de Janeiro (6,5), Salvador (2,6), Belo Horizonte (2,3), Fortaleza (2,3), Brasília (2,3), Curitiba (1,7), Manaus (1,6), Recife (1,5), Porto Alegre (1,4), Belém (1,4), Guarulhos (1,2), Goiânia (1,2) und Campinas (1,0). Dabei sind immer nur die Einwohner des eigentlichen Stadtgebietes gezählt worden, wenn man die Ballungszone nimmt, ergeben sich manchmal weitaus höhere Zahlen, im Falle São Paulos z.B. knapp 20 Mio. Menschen!

Für Leser mit klassischer Bildung, die sich an den Schulunterricht über die punischen Kriege erinnern: Im übrigen bin ich der Meinung, daß die Schere zwischen Leitzins und Schuldzinsen in Brasilien ungerechtfertigt ist.
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