home

BRASILIEN AKTUELL PER 31. AUGUST 2004


von Karlheinz K. Naumann

DER KOMMENTAR DES MONATS

Karlheinz Naumann Brasilien und seine Regierung können zur Zeit beruhigt zumindestens in die nähere Zukunft blicken, ein primärer Zahlungsbilanzüberschuß von 46 Mrd. R$ im ersten Halbjahr 2004, das enspricht 5,76 % vom BIP, ist ein gutes Ruhekissen. Das mit dem internationalem Währungsfond vereinbarte Ziel für das laufende Jahr liegt bei 4,25 % oder 71 Mrd. R$, sollte also leicht erreichbar sein. Ob der Weg zu diesem Erfolg gut für Brasilien ist, steht auf einem anderem Blatt. Wenig Investitionen, Rekordsteuereinnahmen und ein rigoroser Sparkurs der Regierung  tun der Wirtschaft sicher nicht gut, aber Hauptsache, der Währungsfond ist ruhig gestellt? Nach Ansicht der katholischen Kirche in Brasilien sicher nicht. Und dieser Ansicht schließen sich, wenn auch aus anderen Gründen, die Ministerpräsidenten der brasilianischen Bundesstaaten an, die vergeblich auf die gesetzlich vorgesehenen Zahlungen der Bundesregierung an die Länder warten. Trotz relativ voller Kasse verschleppt die Regierung Lula solche Zahlungen und das kurz vor den Wahlen. Aber in Wirklichkeit sind die Kassen nicht so voll wie es scheinen mag, denn allein an Zinsen hat die Bundesregierung 61,8 Mrd. R$ im ersten Halbjahr zahlen müssen, also bleibt trotz Superavit immer noch eine ungedeckte Lücke von 15,6 Mrd. R$ übrig. Dieses sogenannte Nominaldefizit ist allerdings so niedrig wie seit 1991 nicht (in diesem Jahr, muß angemerkt werden, begann die brasilianische Zentralbank systematisch solche Daten zu erheben). Und damit zeigt die Regierung auch, daß sie sich mit einem niedrigem Leitzins vor allem selbst einen Gefallen tut. Und das Argument, der Spread müsse so groß sein, weil die Banken ein hohes Kreditrisiko liefen, kann so ganz richtig nicht sein bei einem Gewinn z.B. der Banco Bradesco von 1,25 Mrd.R$ im ersten Halbjahr 2004 (1. HJ 2003: 1,027). Itaú gab sogar einen Halbjahresgewinn von 1,824 Mrd. R$ an, Unibanco 580 Mio. und Banespa 865 Mio. Die Regierung geht übrigens jetzt von einem 3,8 %igem Wachstum des BIP für 2004 aus,trotz der hohen Zinsen. Und ist dabei noch konservativ, denn Beratungsfirmen wie LCA Consultores, MSConsult, MCM Consultores, Tendências, Rosenberg, RC Consultores und IPEA sind schon bei 4 % angelangt. Aber zurück zu den Geldkosten, hier sind die Jahresmittel - Spread - Werte für 2003 zum Vergleich:

Brasilien
Angola
Uruguai
Paraguai
Argentinien
Bolivien
Chile
USA
Japan
43,5 %
38,6 %
36,4 %
15,8 %
12,4 %
11,0 %
3,9 %
3,0 %
1,8 %

Zugegeben, mit Chile (trotz bzw. wegen Pinochet), USA und Japan kann Brasilien sich nicht vergleichen, wenn es darum geht, warum der Spread überhaupt existiert, aber mit den übrigen genannten Ländern???  Der brasilianische Spread setzt sich "ursachenmäßig" so zusammen: 37,5 % Gewinn, 19,1 % Abdeckung des Zahlungsunfähigkeitsrisikos, 16,1 % Verwaltungskosten, 8,2 % indirekte Steuern und 19,1 % direkte Steuern.

AUS   POLITIK...

In der Wirtschaft läuft es einigermaßen, aber die Regierung kann es nicht lassen, es soll ein Überwachungsorgan zur Orientierung, Kontrolle und Disziplinierung der Presse geschaffen werden, nachdem bereits die Agência Nacional de Cinema e Audiovisual ins Leben gerufen wurde, was der Filmemacher Arnaldo Jabor mit den Worten "(Das) ist eine Sache alter stalinistischer Bolschewiken und Esel, die in (er sagte nicht "an") der Regierung sind" bissig kommentierte.

Neben solcher Kritik soll aber nicht vergessen werden, daß Brasilien auf dem Gebiet der Internetanwendung in der öffentlichen Verwaltung weltweit eine führende Stelluung einnimmt, denn die elektronische Stimmabgabe und -auswertung im ganzen Lande ist bereits realisiert und 95 % aller Lohn- und Einkommenssteuererklärungen werden per Internet abgegeben. Die meisten Steuern werden bereits elektronisch bezahlt. Das e-government ist bereits viel weiter als in vielen Erstweltländern, z.B. laut einer UNO - Erhebung als in Japan, Österreich oder Italien.

Brasilien wurde eingeladen, OECD - Mitglied zu werden, aber in der Regierung ist man sich unschlüssig, denn das "to enter or not to enter" bedeutet auch wirtschaftliche Verpflichtungen, die man offensichtlich nicht einheitlich beurteilt. Man würde sich leichter entscheiden können, wenn gleichzeitig auch Indien, Südafrika und China Mitglied würden. Dabei denkt die Regierung offensichtlich an die Probleme Mexikos und Südkoreas beim Eintritt in die OECD und gleichzeitiger Lösung von der Gruppe der G-77 - Länder, was Voraussetzung für eine OECD - Mitgliedschaft ist, in den 90er Jahren.

Übrigens kann nicht nur die Regierung beruhigt in die Zukunft sehen, auch ihre Mitarbeiter in den Behörden können es, zumindestens die mit den schönsten Titeln, denn sie gehören, wenn man die Kaufkraft der jeweiligen Bezüge berücksichtigt, zu den bestbezahlten der Welt. Hier ist die Rankreihenfolge: Mexiko, Brasilien, Großbritannien, USA, Kolumbien, Chile, Bolivien, Ekuador, Spanien, Dominikanische Republik. Wenn wir laut Regierung auch erst 2022 ein Erstweltland sein werden, hier sind wir es schon! Übrigens gibt es auf Bundesebene in Brasilien aktuell 930.320 aktive und 956.540 inaktive Angestellte und des öffentlichen Dienstes und Beamte. Nimmt man die Landes- und Kommunalebene dazu, kommt man auf 5,196 Mio. Aktive und 2,839 Mio. Rentner und Pensionäre, wohlgemerkt alles Staatsdiener!

...UND  WIRTSCHAFT

Daß Brasilien kein Agrarland mehr ist, ist bekannt. Daß aber sogar das Pentagon brasilianische Flugzeuge kauft, ist vielleicht doch überraschend. Und daß der zwischen 7 und 10 Mrd. US$ große Auftrag für die Militärversion der Modelle AEW und R99 von einer EMBRAER - Fabrik in Florida gebaut werden, ist mit Sicherheit eine Überraschung. Die vorerst in Auftrag gegebenen 58 Düsenflugzeuge sollen bis 2025 gebaut werden. Ein solch langfristiger Auftrag zeigt deutlich das Vertrauen, was die US - Regierung in Brasiliens Leistungsfähigkeit und Zukunft setzt.

Daß selbst die nahe Zukunft gute Aussichten bietet, zeigt das Investitionsverhalten der Firmen in Brasilien, die laut Regierungsanalyse 30 % mehr investieren wollen / werden, als im ersten Halbjahr 2003 angekündigt. Nach den Daten aus dem erstem Halbjahr 2004 wollen die Firmen, die hauptsächlich Gelder der BNDES in Anspruch nehmen wollen (ohne die Zahlen der Petrobrás), 47,2 Mrd. US$ (1. HJ 2003: 36,2) investieren. Dazu kommen noch 53,6 Mrd. US$, die von der Petrobrás bis 2010 investiert werden sollen. Allerdings muß man sehen, daß selbst diese Zahlen viel zu niedrig für den Investitionsbedarf Brasiliens sind, wenn man den berühmten großen Sprung vorwärts machen will. Zur Zeit bewegen wir uns immer noch in einer Art Pilgerschritt, d.h. drei Schritte vor und einen oder zwei zurück. Aber man kann ja schon froh sein, daß es nicht drei oder vier Schritte zurück sind.

Die Industrie erwartet das beste Weihnachtsfest seit drei Jahren, denn einige Importaufträge für Zukaufteile von in Brasilien montierten Fernsehern, Handys und Fahrrädern, um nur einige zu nennen, erreichen bereits 30 % höhere Werte als in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Einige Transportgesellschaften wie Kwikasair Cargas glauben bereits an ein um 50 % höheres Frachtaufkommen. Die Gesellschaft hat ca. 6.000 Kunden und unterhält den größten virtuellen Laden Brasiliens (Americanas.com). Es wurde entschieden, 10 % zusätzliche Mitarbeiter einzustellen und 25 % mehr LKWs zu kontraktieren. Aber die Industrie ist trotzdem besorgt, daß es an Stahlteilen, Fernsehbildröhren und Digitalkameras für Handys fehlen wird. Die INAL - Indústria Nacional de Aços Laminados, Distributor der CSN arbeitet heute bereits mit 100%iger Kapazitätsauslastung. Die Fahrradfirma CBB - Companhia Brasileira de Bicicletas hat ihre Rohreinkäufe und Importe aus Asien vorsichtshalber schon um 20 % erhöht. Der Enthusiasmus der Wirtschaft wird allerdings gedämpft durch Hinweise der Zentralbank, daß man den Leitzins wieder heraufsetzen wird, falls die Inflation sich nicht wunschgemäß verhält.

Der große Engpaß ist augenblicklich die Hafenkapazität Brasiliens, sowohl für den Im- als auch für den Export. Die Regierung hat deshalb Anfang August auch schon angekündigt, daß der Import von Hafenmodernisierungsausrüstung von Zoll, Industrialisierungssteuer und PIS/Cofins befreit werden soll. Der brasilianische Export läuft zu 85 % über den Seeweg und leidet an einer 25 %igen Frachtkostenerhöhung gegenüber dem Vorjahr. Der Transport eines Containers Kaffee von Santos an die Ostküste der USA kostete im Januar 1.625 US$, Anfang August waren es bereits 2.000 US$. Außerdem fehlen Container und Schiffe, trotzdem wurden von Juni 2003 bis Juli 2004  immerhin  Güter für 86,3 Mrd. US$ ausgeführt, ein absoluter Rekord des Landes, 26,5 % mehr als in den vorausgegangenen 12 Monaten!

Die 100 größten Außenhandelsfirmen Brasiliens nannten folgende Probleme, die den Export behinderten: Engpässe im Hafen (48 %), Verkaufsschwierigkeiten im Ausland (21 %), Handelsbarrieren (18 %), Produktionsengpässe (13 %). Durch vermeidbare Kosten in den brasilianischen Häfen vergeuden diese Firmen mindestens 2 Mrd. US$ jährlich. Um dies zu ändern, seien Investitionen zwischen 5 und 7 Mrd. R$ erforderlich. Wer auf Luftfracht ausweicht, zahlt das fünffache der Seefrachtkosten.  Es ist normal, daß Schiffe bis zu 60 Tagen auf einen Liegeplatz im Hafen warten müssen, was im vergangenen Jahr zu Strafen in der Höhe von 1 Mrd. US$ geführt hat! Auf einer Skala von 1 bis 5 wurden die Exportschwierigkeiten nach ihrer Ursache bewertet: 4,5 = Streiks, 4,0 = Hafeninfrastruktur, 4,0 = internationale Frachtkosten, 4,0 = Regierungsbürokratie, 3,9 = Wartezeit für Frachtfreigabe.

Eine Studie der FGV - Fundação Getúlio Vargas auf der Grundlage einer Befragung von 945 Firmen zeigt, daß 62 % der Unternehmen  im  dritten Vierteljahr mehr Rohstoffe und Teile im Inland und 52 % auch mehr im Ausland kaufen wollen.  Diese gehören im ersten Fall den Segmenten Perfums, Seife und Waschpulver, Chemie, Transportmittel, Textil, Oberbekleidung und Schuhe an, im zweiten Fall den Segmenten nichtmetallische Mineralien, Textil, Chemie, Elektro- und Kommunikationsmaterial und Transportmittel an. Die Siemensfabrik für Handys in Manaus arbeitet bereits heute in drei Schichten an ihrer Kapazitätsgrenze und Samsung fertigt neben Handys und Festplatten ab Oktober auch wieder Fernseher in Brasilien. Semp Toshiba, Marktführer bei Fernsehern, glaubte Anfang des Jahres an 15 % Mehrumsatz, meint jetzt aber, 25 bis 30 % zu erreichen.  Der Präsident Afonso Antonio Hennel der Gruppe sagte, daß der Fernsehermarkt nur deshalb nicht 7 Mio. Apparate erreichen wird, weil Komponenten fehlen, was ihn auf 6,5 Mio. Einheiten beschränken wird. Brasilien importiert immer noch 29 Zoll - Bildschirme, während 14- und 20 Zöller im Lande von LG Philips gefertigt werden. An diesen wird es laut José Duaik, Direktor der Firma, auch nicht fehlen.

Das größte Problem der brasilianischen Wirtschaft sind übrigens nicht die hohen Zinsen, sondern das Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte und die Vollauslastung der Fertigungskapazitäten (die allerdings nur erhöht werden können, wenn fallende Zinsen Investitionen mit Fremdkapital erlauben).

FIRMENNACHRICHTEN

75 % der weltweiten Investitionen von 199 Mio. US$ der japanischen Ajinomotogruppe werden auf Brasilien konzentriert. Die Gruppe ist führend in der Erzeugung von Aminosäuren für die Pharmaindustrie und für Tierfutter. Die 149 Mio. US$, die auf Brasilien entfallen, werden mit der hohen Wettbewerbsfähikeit bei der Zuckerrohrproduktion und mit der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte begründet. Der Rest wird in China und den USA investiert. In Brasilien werden 86 Mio. US$ für eine neue Fabrik in Pederneiras im Bundesstaat São Paulo verwendet werden. Ab 2006 sollen dort mit 130 Mitarbeitern jährlich 53.000 Tonnen Lisina für Tierfutter hergestellt werden, was einen Jahresumsatz von 130 Mio. US$ bedeutet. Mit den übrigen 63 Mio. US$ wird eine neue Produktionslinie für die Pharmaindustrie in der Fabrik in Limeira, ebenfalls im Bundesstaat São Paulo, aufgebaut werden.  Die Produktion von 4.000 Tonnen wird mit 130 zusätzlichen Mitarbeitern im zweiten Halbjahr 2005 beginnen, der vorgesehene Zusatzumsatz beträgt 30 Mio. US$. Damit wird Brasilien zum weltgrößtem Aminosäurenfabrikanten. Beide Fabriken sollen vor allem exportieren. Die Gruppe ist seit 1956 in Brasilien und hat hier heute drei Fabriken mit 1.200 Mitarbeitern. Die erste wurde 1977 eröffnet. Weltweit beträgt der Gruppenumsatz 10 Mrd. US$ jährlich in 23 Ländern. Allein in Japan hat sie 59 Fabriken, außerhalb 46, sie beschäftigt 30.000 Mitarbeiter.

Vale do Rio Doce veröffentlichte am 11. August 2004 eine Zwischenbilanz, die voller Rekorde steckt. So betrug der Gewinn im zweiten Vierteljahr 1,683 Mrd. R$, immerhin 76,5 % mehr als im ersten Vierteljahr 2004 und 32,1 % mehr als im zweiten Vierteljahr 2003. Der Umsatz im zweiten Vierteljahr 2004 betrug 3,57 Mrd. R$ und lag damit um 62,2 % über dem vergleichbarem Vorjahreszeitraumumsatz.

BRANCHENNACHRICHTEN: ZUCKER + ALKOHOL

Bis 2010 (Brasilien, immer noch Land der Zukunft?) will der Sektor 6 Mrd. US$ investieren, anstelle 5,5 dann 7,5 Mio. Hektar bepflanzen, 40 neue Distillen in Betrieb nehmen (einige schon in diesem Jahr) und damit 400.000 direkte Arbeitsplätze schaffen. Grund für die euphorischen Aussagen der Branche: Der hohe Erdölpreis und die steigende Beliebtheit von Autos, die sowohl Alkohol als auch Benzin verdauen.
Zuckerrohrernte1975: Mischung von Benzin mit Etanol als Kraftstoff
1979: Akoholfahrzeuge
1990 - 1995: Alkohol fehlt im Inlandsmarkt, Beginn des privaten Zuckerexportes
1995 - 2000: Deregulierung des Sektors
2003: Hybridfahrzeuge (wahlweise Benzin oder Alkohol)
2004: Brasilien gewinnt Streit gegen die EC um Zuckersubsidien
2004 - 2010: 6 Mrd. US$ Investitionen, 2 Mio. Hektar mehr Anbaufläche, 160 Mio.Tonnen mehr Zuckerrohrproduktion, 400.000 mehr Beschäftigte

Allein der gewonnene Rechststreit  soll ein Plus von 2 bis 3 Mio. Tonnen Zuckerexport bringen, was bis zu 700 Mio. US$ für die sektorielle Handelsbilanz bedeutet! Zusammen mit der Eroberung neuer Märkte können es sogar 5 Mio.Tonnen werden. Die Hybridfahrzeuge werden in 2004 bis zu 600 Mio. Liter Alkohol verbrauchen. Per Juli 2004 wurden bereits 28,7 % der in Brasilien hergestellten PKWs und Pick ups als Hybridfahrzeuge ausgeliefert. Bis 2007 sollen es 67 % werden.

Einer der Alkoholproduzenten, Coruripe, investiert zur Zeit 70 Mio. R$ in eine neue Fabrik in Limeira de Oeste in Minas Gerais.  Sie soll im Mai nächsten Jahres die Alkoholproduktion aufnehmen, zunächst  mit einer Verarbeitungskapazität von 500.000 Tonnen Zuckerrohr, die bis auf 3 Mio. gesteigert werden kann.

BRANCHENNACHRICHTEN: STAHL

Im Juli konnte eine Rekordstahlproduktion verzeichnet werden, aber auch eine Rekordnachfrage.  Hier sind die Zahlen des ersten Halbjahres der brasilianischen Stahlerzeuger:

Firma

Produktion
Nettoumsatz
Brasilien nimmt im Weltmaßstab heute den neunten Platz der Stahlerzeugerländer ein, aber durch geplante 10 Mrd. R$ - Investitionen sollen 50 Mio. Jahrestonnen erreicht werden anstelle der heutigen 32, was eventuell für einen fünften oder sechsten Platz reicht. China ist mit 220 Mio. Jahrestonnen bereits der weltgrößte Stahlerzeuger, gefolgt von Japan mit 110,5; USA mit 90,4; Rußland mit 61,4; Südkorea mit 46,3; Deutschland mit 44,8; Ukraine mit 36,9 und Indien mit 31,7.

Die Preisstellung ist schon mehr als wettbewerbsfähig, wie der Streit mit den USA zeigt, aber es fehlt noch an der Menge. Der mittlere Preis einer Grobblechtafel beträgt für brasilianischen Stahl nur 361 US$ pro Tonne, in China sind es 399, in Großbritannien 673 und in den USA 690.

Der indirekte Stahlexport, z.B. über Autos, stieg im ersten Halbjahr 2004 um 33,5 % gegenüber dem vergleichbarem Vorjahreszeitraum. Trotzdem werden die Kfz - Hersteller, die dieses Jahr 2,1 Mio. Fahrzeuge produzieren wollen, und ihre Zulieferer nicht müde, über die hohen Stahlpreise zu murren. Aber der direkte Export ist ebenfalls sehr wichtig und macht bei CSN schon 35 % der Produktion aus und bei Usiminas 17.

Um ihre Wettbewerbssituation zu stärken, hat z.B. Usiminas die Cosipa übernommen. Zwischen 2004 und 2008 wird wegen der Kapazitätserhöhung mit der Schaffung von 50.000 neuen Arbeitsplätzen in den Stahlwerken gerechnet. Heute beschäftigt der Sektor direkt 70.000 und indirekt 280.000 Mitarbeiter.

Der operative Gewinn der Branche erreichte in der ersten Hälfte des laufenden Jahres 8,3 Mrd. R$, das bedeutet 46 % Zuwachs oder 14,1 % Eigenkapitalrendite. Hat die Kfz - Branche vielleicht doch Recht? CST und CSN fühlen sich jedensfalls animiert genug, neue Stahlwerke für 6 Mio. Jahrestonnen zu bauen, die aber von einer BNDES - Finanzierung abhängen.
1000 Tonnen
Veränderung gegenüber 2003 (%)
Mrd. R$
Veränderung gegenüber 2003 (%)
Acesita
410,6
+ 17,0
1,143
+ 30,6
Aços Villares
372,9
+ 9,9
0,766
- 10,5
Barra Mansa
260,8
+ 37,7
?
?
Belgo-Mineira
1.494,9
+ 4,9
?
?
Cosipa
2.097,1
+ 4,8
2,153
+ 17,1
CSN
2.722,7
+ 4,4
4,427
+31,5
CST
2.489,8
+ 3,0
2,215
+ 9,1
Gerdau Açominas
3.576,7
+ 6,2
9,472
+ 40,5
MWL Brasil
22,7
+ 34,3
?
?
Usiminas
2.348,5
+ 2,3
5,136
+ 14,4
V&M do Brasil
302,0
+ 18,3
?
?
Villares Metals
60,1
+ 4,3
?
?
Total
16.158,8
+ 5,5
?
?

Zum Abschluß seien die jährlichen Produktionszahlen der brasilianischen Stahlerzeuger genannt (2004: geschätzt):
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
26,0
25,7
24,9
27,8
26,7
29,6
31,1
32,4

BRANCHENNACHRICHTEN: TEXTIL

Exportware
1. HJ 2003 (Mio. US$)
1. HJ 2004 (Mio. US$)
Unterschied (%)
In den 90er Jahren sah es so aus, als ob die Brasilianer nach Öffnung der Importbarrieren nur noch ausländische Textilien kaufen würden, weil die heimische Industrie aufgrund der riesigen Nachholbedarfes an Investitionen nicht wettbewerbsfähig war, benutzten viele Spinne- und Webereien doch z.B. bis zu 40 Jahre alte Maschinen. Die damalige Krise wurde vollständig überwunden und in diesem Jahr geht der Textilverband Abit davon aus, daß von der Branche 1 Mrd. US$ investiert und 25 Mrd. US$ umgesetzt sowie 50.000 neues Arbeitsplätze geschaffen werden. Im ersten Halbjahr 2004 wurden bereits 37.848 neue Arbeitsplätze besetzt, das sind 492 % (!) mehr als im ersten Halbjahr 2003, als es nur 6.395 waren, 63 % weniger als im ersten Halbjahr 2002. Im ersten Halbjahr 2003 betrug der Export 129,1 Mio. US$, in den ersten 6 Monaten 2004 waren es 24,4 % mehr, nämlich 160,6 Mio. US. Aber draußen lauert immer noch die Konkurrenz! Denn ab 2005 gibt es das 50 Jahre alte weltweit gültige Textilimportquotensystem nicht mehr.
Jeanswear
29,6
33,0
+ 11,5
Strandmode
7,9
14,3
+ 80,25
Lingerie
8,8
13,8
+ 56,8

KRIMINALITÄT

Wußten Sie, daß die Wahrscheinlichkeit, daß ein Verbrecher in São Paulo für seine Tat festgenommen wird, nur 5,2 % beträgt? Und wenn man bedenkt, daß 60 % der Verbrechen erst gar nicht angezeigt werden, sind es wahrscheinlich sogar nur 2 %! Trotzdem wächst die Zahl der Gefängnisinsassen im Bundesstaat São Paulo ununterbrochen, von 62.429 in 1996 um 107 % auf 129.349 in 2004. Im zweiten Vierteljahr 2004 wurden laut der Secretaria de Segurança Pública im Bundestaat São Paulo 485.780 Verbrechen begannen, 83.707 Ermittlungsverfahren eröffnet und 25.437 Festnahmen getätigt. In Rio wurden fast 90 % der 20.000 Insassen einer Strafvollzugsanstalt wegen eines Schwerverbrechens verurteilt. Bei Männern war der Haftgrund in 44 % der Fälle Raubüberfall, in 37 % Drogenhandel und in 5 % Mord.; bei Frauen war es in 60 % Drogenhandel, in 23 % Raubüberfall und in 13 % Diebstahl.

Hier hinein paßt die Nachricht, daß Mitte August 63 Personen, die Mehrzahl Schwarzgeldhändler, festgenommen wurden, weil über sie von 1997 bis 2002 ca. 20 Mrd. US$ von der Landesbank Paranás, Banestado, illegal ins Ausland geschafft worden sein sollen. Und in Rio gehen 11 % der Zahlungen der prevedência social an nicht berechtigte Empfänger, d.h. Betrüger, was wertmäßig sogar 23 % bedeutet.

zurück nach oben