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BRASILIEN AKTUELL PER 31. MAI 2004

  von Karlheinz K. Naumann

DER KOMMENTAR DES MONATS
KKNL´état, c'est moi! An diesen Aus- und Anspruch des französischen Königs Louis Quatorze wird man unwillkürlich erinnert, wenn man die Reaktion Lulas auf einen Artikel in der New York Times über seine angeblich (zu) große Vertrautheit mit alkoholischen Getränken im April 2004 nachvollzieht, die zuerst darin bestand, dem in Rio lebenden US - amerikanischen Verfasser das Visum zu entziehen, um dann angesichts der überwiegend negativen in- und ausländischen Reaktion in einen Rückzieher verwandelt zu werden, der nur dadurch einigermaßen elegant wurde, weil der Justizminister Hilfestellung leistete. Der während der Entscheidung des Präsidenten, das Visum eines US - Bürgers (böse Zungen behaupten, dies wäre einem Europäer in gleicher Situation nicht passiert) zu kanzellieren, in der Schweiz weilte und nach Presseberichten seinen Rücktritt androhen mußte, um seine Lösung durchzusetzen. Aber Lula befindet sich, was Empfindlichkeit angeht, in guter Gesellschaft, hat doch schließlich der deutsche Bundeskanzler wegen der Behauptung, er würde seine Haare färben, auch schon gegen Pressevertreter geklagt (glücklicherweise unter Vermeidung eine Gegenklage der Hersteller von Haarfärbemitteln wegen Geschäftsschädigung), ohne allerdings seine Person mit dem Amt zu verwechseln. Denn hier zeigt sich der große Unterschied; der deutsche Kanzler rief die Justiz an, während der brasilianische Präsident ein Gesetz angeblich aus der Zeit der Militärdiktadur anwandte, um einen unliebsamen Reporter zum Schweigen zu bringen und um die Ehre Brasiliens zu retten. Wie gut, daß Präsident Bush nicht so empfindlich ist, er hätte zur Zeit genug Grund, zu klagen. Auch unser früherer Bundespräsident Erhard war nicht so mimosenhaft, als er von kläffenden Pintschern sprach und dann nicht weiter auf Presseangriffe einging. Am Rande bemerkt, der frühere brasilianische Präsident Janio Quadros beantwortete die Frage, warum er trinke, sinngemäß mit der Begründung, weil seine bevorzugten Getränke flüssig seien - wären sie fest, würde er sie kauen.


WICHTIG IM NÄCHSTEN MONAT
1. - 4.6. : Messe Hospitalar im Expocenter Norte in São Paulo, 750 Aussteller aus Brasilien und weiteren 28 Ländern. Im letztem Jahr wurden durch die Messe 2,8 Mrd. R$ umgesetzt.

15.-17.6: Ausstellung und Kongress NETCOM 2004 im Expocenter Norte in São Paulo.
AUS   POLITIK...
Die Chinareise des brasilianischen Staatspräsidenten bot wieder Platz für eine Illusion des Visionärs Lula, der nämlich, daß die Volksrepublik China an einer politischen Achse zwischen Peking und Brasília interessiert sei. Und an einer strategischen Partnerschaft im Nuklearbereich. Daß dem nicht so ist, hat die Regierung bereits bemerkt und ist entsprechend vorsichtiger mit ihren Äußerungen zum Thema geworden.

Paulo Maluf, ex - Oberbürgermeister der Stadt und ex - Ministerpräsident des Bundesstaates São Paulo sowie ex - Präsidentschaftskandidat und aktueller Kandidat für das Oberbürgermeisteramt der größten Stadt Brasiliens soll zwischen 1985 und 1997 geheime Konten bei der Citybank in Genf unterhalten haben. Im Juni 1995 gingen laut den brasilianischen Behörden vorliegendem Kontoauszug auf einem dieser Konten 344.426.515,46 US$ ein. Maluf streitet nach wie vor die Existenz solcher Konten ab und bietet an, wer ihm gehörendes Geld im Ausland fände, könne es behalten.

Die Höhe des gesetzlich vorgeschriebenen monatlichen Mindestlohnes wurde vom großem Vorsitzenden Lula schon während seiner Oppositionszeit als absolut ungenügend gegeißelt und  eines seiner Wahlversprechen war, für eine gerechte Erhöhung Sorge zu tragen. Die Verfassung schreibt vor, daß der Mindestlohn ausreichen müsse, einer durchschnittlich großen Familie die Ausgaben  für Wohnung, Lebensmittel, Gesundheit, Ausbildung, Transport, Hygiene, Sozialversicherung und Freizeit zu ermöglichen. Danach müßte nach heutigem Standard der notwendige Mindestlohn (salário mínimo necessário, wird monatlich vom Dieese - Departamento Intersindical de Estatística e Estudos Sócio-econômicos berechnet) 1.386,47 R$ im Monat betragen, das sind 5,8 mal soviel wie der aktuelle Wert von 240 R$. Folgerichtig verfügte die Regierung nach langer (sehr langer) Diskussion und schwerer Entscheidungsfindung den neuen Wert, der einen Monat später als ursprünglich vorgesehen in Kraft treten soll.  Also beträgt, so sollte man denken, dieser jetzt vielleicht 1.400 R$? Weit gefehlt, die großzügige Regierung erhöhte die 240 R$ um 8,3 % auf 260 R$ und zeigte damit, daß die Kraft des Faktischen letzlich jede Ideologie besiegen kann. Übrigens ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn damit die medida provisória (übersetzt "vorläufige Maßnahme", um häßliche Wörter wie "Notverordnung" zu vermeiden) der Regierung Gesetzeskraft erlangt, bedarf es noch der Zustimmung des Senates, die aber ziemlich fraglich ist. Denn mit einem höherem Wert läßt sich Stimmung machen, die sich in Wählerstimmen verwandeln soll.  Und die Regierung wird dann schon wissen, wo das fehlende Geld besorgt werden kann - die Taschen der relativ wenigen Steuerzahler sind vielleicht noch nicht gänzlich geleert.
...UND  WIRTSCHAFT
Ein gutes Geschäft nennt man in Brasilien ein "negócio da China" und dieses wollten sich  480 brasilianische Unternehmer nicht entgehen lassen und schrieben sich als Begleiter von Präsident Lula auf seiner Chinareise im Mai 2004 ein. Einer von ihnen war Roberto Vedovato, Präsident der brasilianischen Fiat - Niederlassung. Fiat hat in 2003 bereits für 44 Mio. US$ Gußstücke und Fahrzeuge nach China exportiert und ein Firmenvertreter wird im Juni zusammen mit Luiz Fernando Furlan, dem Entwicklungsminister, wieder nach China fliegen, um diesen Wert substanziell zu erhöhen. Die brasilianischen Ausfuhren nach China erhöhten sich in 2003 um 80 %, damit wurde das Land nach den USA und Argentinien der größte Käufer brasilianischer Erzeugnisse, in diesem spezifischem Fall Eisenerz und Soja. Mit industriellen Produkten kann Brasilien in der Volksrepublik keine Begeisterung auslösen, dazu ist die Wettbewerbsfähigkeit Chinas zu groß, aber die brasiliansiche Agroindustrie einschließlich der Biotechnologie hat durchaus gute Geschäftsmöglichkeiten. Der Bedarf Chinas auf diesem Gebiet ist groß, weil das Land zwar 22 % der Weltbevölkerung beherrbergt, aber nur über 6 % der bewirtschaftbaren Fläche verfügt. Brasilien sieht auch Chancen für Leder, Kfz - Teile, Baumaterial, Möbel, Dekorationsartikel und Fleisch, außerdem im Energiesektor.

Souza Cruz, der größte Zigarettenhersteller des Landes mit Hauptsitz in Rio de Janeiro, mußte den Preis seiner Billigmarke Derby von 1,10 auf 1,00 R$ pro Packung reduzieren, weil man auf dem Schwarzmarkt Zigaretten für 0,89 R$ bekommt. Diese Rentabilitätsminderung einer BAT - Gruppenfirma mögen viele gesundheitsbewußte Leute sogar begrüßen, aber die Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. So wird der illegale Zigarettenmarkt auf jährlich 1,8 Mrd. R$ geschätzt und selbst der Getränke- und Treibstoffhandel ist von der Schattenwirtschaft, die sich auf Steuerhinterziehung, Schmuggelei, Schwarzarbeit und Schutzrechtsverletzung stützt, betroffen, ja, sogar der Brillensektor, von CDs garnicht zu sprechen. In den achtziger Jahren hatte Rio 30 Brillenfabriken, heute sind es vier, aber dafür kann man auf der Straße geschmuggelte chinesische Brillen für 5 R$ kaufen. Deshalb Vorsicht bei der Beurteilung von Arbeitslosenzahlen, allein in den ersten vier Monaten des Jahres wurden 400.000 informelle Arbeitsplätze in Brasilien geschaffen. Mehr als ein Dittel der Arbeitsplätze des Landes sind informell, aber garantieren wenigstens den Lebensunterhalt von 6,7 Mio. Arbeitskräften in den Großstädten. Aber sie verursachen z.B. im Bundesstaat Rio auch jährlich den Verlust von 760 Mio. R$ für die Firmen, die legal arbeiten, Steuern zahlen und, um im Geschäft zu bleiben, ruinöse Schwarzmarktpreise praktizieren müssen.

FIRMENNACHRICHTEN AUS DER KOSMETIKBRANCHE
Der brasilianische Markt für Kosmetika, Perfums und Körperhygieneartikel, der in 1999 nur 6,6 Mrd. RS groß war,  wuchs in den letzten Jahren stetig:

Umsatz in Mrd. US$
2001
8,3
2002
9,5
2003
11,0
2004
15,0 (Prognose)
Das Wachstum könnte noch größer sein, wäre da nicht die immense Steuerbelastung, die in einigen Fällen 75 % laut Fachverband Abihpec betragen soll. Diese sei auch der Grund für die hohe "Informalität" des Marktes, mit anderen Worten, viele der Firmen zahlen keine oder nicht alle anfallende Steuern.

1.123 Firmen sind in diesem Markt in Brasilien tätig, deren Export betrug in 2003 etwas über 224 Mio. US$.
 Nur 15 dieser Firmen setzen über 100 Mio. R$ jährlich um, diese Unternehmen erreichen zusammen 73 % des Branchenumsatzes. Zu den bedeutesten Firmen gehören Multis wie Unilever, Procter & Gamble und Avon (2,9 Mrd. R$ Umsatz in 2003), aber auch große nationale Unternehmen wie Natura (1,9 Mrd. R$ Umsatz in 2003) und Boticário (1,5 Mrd. R$ Umsatz in 2003, 2.240 eigene und Franchiseläden).

Börsengang von Natura

Natura ging im Mai an die Börse und verkaufte auf Anhieb 21,75 % der vorhandenen Aktien, 30 % an brasilianische Anleger, 70 % an ausländische. An ihrem ersten Börsentag stieg der Wert der Naturaaktien um 15,6 % und ihr Erwerb durch 4.800 Kleinaktionäre für 160 Mio. R$ machte 14 % des Gesamtbörsenumschlages aus. Die Nachfrage nach Naturaaktien war zehnmal größer als das Angebot. Der Wert der Firma beträgt gemäß dem Aktienkurs, der am Ausgabetag 42,20 R$ erreichte, 3,4 Mrd. R$.

Die Firma machte den Börsengang nicht, um das Eigenkapital zu erhöhen, sondern verkaufte vorhandene Aktien und der Erlös floß direkt den bisherigen Alleininhabern Antonio Luis Seabra, Guilherme Leal (co-presidente do conselho de administração) und Pedro Passos (presidente executivo) zu.

Die Pläne der Firma sehen für die nahe Zukunft eine Filiale in Paris als Ausgangspunkt für den Eintritt in den europäischen Markt vor. Erste Produktlinie dafür wird die Marke Ekos sein, die natürliche Ingredienzien aus der Amazonasregion verwendet.

Natura in Zahlen
  • 35,5 Mio. R$ Investitionen in 2003
  • 375.000 autonome Verkäuferinnen
  • aktiv in Brasilien, Peru, Chile, Argentinien
  • 140 Mio. Einheiten Jahresproduktion
  • 20,8 % Umsatzwachstum 2002/2001
  • 35,4 % Umsatzwachstum 2003/2002
  • 1,168 Mrd. R$ Umsatz und 9,5 Mio. R$ Nettogewinn in 2001
  • 1,411 Mrd. R$ Umsatz und 21,7 Mio. R$ Nettogewinn in 2002
  • 1,910 Mrd. R$ Umsatz und 63,9 Mio. R$ Nettogewinn in 200
Naturalogo

Naturas Firmengeschichte
1969 gründete Antonio Luiz da Cunha Seabra mit einem Darlehen seines bisherigen Arbeitgebers Pierre Berjeaut und dessen Sohn Jean als Teilhaber die Natura und startete als Hinterhoffirma mit 7 Mitarbeitern. Der erste Laden wurde in der Rua Oscar Freire in São Paulo eröffnet und der Umsatz wuchs stetig durch Mund zu Mund - Propaganda mit einem Minimum an Werbung.

In 1980 traten neue Teilhaber in die Firma ein und der Gründer verließ sie nach einer Aktionärskrise. Zu diesem Zeitpunkt war der Umsatz schon um das 35fache seit der Gründung gewachsen. Den nächsten Sprung machte Natura mit der Verpflichtung von Führungskräften mit Erfahrung aus multinationalen Firmen für die Geschäftsleitung. 

Heute hat das Unternehmen 3.000 direkte Mitarbeiter, dazu 1.000 temporär verpflichtete sowie  Fremdvergabekräfte. Die neue Fabrik in Cajamar auf einem 643.000 Quadratmeter großem Gelände wurde
in 2001 eingeweiht und produziert jährlich 140.000.000 Einheiten Kosmetika, Perfums und Körperhygieneprodukte.
Weitere Firmen- und Branchennachrichten

CVRD

Die Companhia Vale do Rio Doce Novas prüfte Ende Mai mit der indischen Firma Ircon, ehemals Indian Railway Construction, eine Zusammenarbeit in Moçambique, um Kohle abzubauen und zu transportieren. Eine andere indische Gruppe, Tata, könnte ein neuer Partner für den Abbau von Nickel in Pará werden. Tata ist daran interessiert, in Brasilien zu investieren - im Gegensatz zu manchen deutschen Firmen, die es vorziehen, ihren brasilianischen Exportmarkt ohne zu investieren mit Provisionen aufzubauen, die letztendlich der Kunde bezahlt. Und oft die lokale Handelsorganisation, die in der Hoffnung auf Provisionen in Vorleistung tritt.

Synteko Produtos Químicos
Synteko produziert Harze für die holzverarbeitende Industrie und wird dieses Jahr die Fabrik in Aracária in Paraná mit bis zu 10 Mio. US$ ausbauen. Der Firmenhauptsitz wird von Gravataí nach Curitiba verlegt werden.

Technologieerwerb im Ausland für kleine brasilianische Firmen
Laut einer Studie des Institutes für angewandte Wirtschaftsstudien - Ipea (Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada) zahlen brasilianische Firmen, die Zugang zu ausländischer Technologie haben, mittlere Monatsvergütungen von 1.200 R$, Firmen ohne diesen Zugang nur 500 R$. Der Technologiezugang erhöht die Chancen, erfolgreich zu exportierten, um 16 %. Kleinen Firmen wird empfohlen, eine Gruppe zu bilden, um gemeinsam eine Auslandsniederlassung zu gründen und zu betreiben.
animierte deutsche Flagge

Und als Technologielieferanten empfehlen sich die Mitgliedsfirmen des Firmenpools Brasilien / Mercosur der IHK Essen.

Imbel
Die Indústria de Material Bélico do Brasil setzt auf nationale und internationale Partnerschaften, um exportfähig zu bleiben - der größte Umsatzanteil der Firma wird im Auslabd erzielt. Die letzte Vereinbarung wurde mit der europäischen EADS getroffen und sieht den Bau des finnländischen gepanzerten Patria - Fahrzeuges in Brasilien vor.


Votorantim

Die Votorantim Cimentos hat vor, die Auslandsinvestitionen bis 2007 von 900 Mio. US$ auf 1,8 Mrd. US$ zu erhöhen. Damit soll in drei Jahren eine Verdoppelung des augenblicklichen Umsatzes von 342 Mio. US$ erreicht werden. Während dieses Zeitraumes sollen alle Gewinne aus dem Auslandsengagement zur Ausweitung der heimischen brasilianischen Aktivitäten verwandt werden.

Freihandelszone Manaus

Semp Toshiba unterließ im Mai die Fabrikation von 20.000  Fernsehapparaten, 8.000 DVD- und je 5.000 Video- und Stereogeräten. Nicht, um das von Lula angekündigte Wachstumsspektakelzu sabotieren, sondern weil Komponenten fehlten und fehlen. Grund ist der schon zwei Monate andauernde Dienst nach Vorschrift der Zollbeamten in der Freihandelszone von Manaus, die höhere Bezüge wollen und daher  die Mehrzahl der Importe rigoros prüfen (roter anstelle grüner Kanal für die Eingeweihten), obwohl eine gegenteilige gerichtliche Anordnung besteht, die aber - konsequenzlos für die widerborstigen Beamten - nicht befolgt wird. Jedenfalls muß zur Zeit davon ausgegangen werden, daß die Einhaltung der Vorschriften eher hinderlich ist, was nicht gerade für deren Qualität spricht. Für Brasilien bedeutet dies im Mai 20.000 Kurzarbeiter und 20 Mio. US$ Umsatzausfall der in Manaus angesiedelten Elektronikindustrie. Der Zeitpunkt für den Bummelstreik ist ausgezeichnet gewählt, gab es doch endlich erste Anzeichen für eine Wiederbelebung der Nachfrage. Und Xerox darf vielleicht einen 6 Mio. US$ - Exportvertrag an die Schwesterfirma in China abgeben, da man ja sowieso nicht an das zu verbauende importierte Material herankommt. So verhilft die linke Regierung Brasiliens der kommunistischen Volksrepublik China zu Aufträgen und China kann dann den Export von Fertigprodukten nach Brasilien erhöhen. Thomson Multimídia steht seit Mitte Mai, 260 Mitarbeiter warten darauf, in die Fabrik gerufen zu werden, um wieder Satellitenempfänger für die Telekommunikationsindustrie zu montieren. Samsung Display, Hersteller von Bildröhren für Computer kündigte an, daß man bei unveränderter Situation 2.000 Mitarbeiter zwangsweise in die Ferien schicken wird.
 
LKW - Markt
Auch die LKW - Hersteller leiden unter Materialmangel. Dieser bremst zur Zeit das endlich einsetzende Wachstum. VW, DaimlerChrysler, Ford können sich nicht über mangelnde Nachfrage gerade bei den Schwerfahrzeugen beklagen, die Erholung der Wirtschaft in Argentinien und der blühende Agrarmarkt Brasiliens sorgen dafür, daß die Kassen voll sein könnten. Zumindestens voller, denn alle drei Firmen machten zwar 2003 Gewinn im LKW - Bereich, aber nicht genug.

Letztes Jahr wurden 77.800 Einheiten hergestellt, in diesem Jahr rechnet man mit 85.000 bis 90.000. In den ersten vier Monaten diesen Jahres waren es 31.600 LKW, 20,4 % mehr als im gleichem Vorjahreszeitraum.

7.100 LKW wurden per April 2004 expotiert, das sind sogar 165 % mehr als im gleichem Vorjahreszeitraum. Die Produktion an schweren LKW stieg um 47 % auf 9.800 Einheiten. Das LKW - Werk von VW in Resende arbeitete Ende Mai sechs Tage in der Woche mit Überstunden, aber nur eine Schicht. Eine zweite soll eingerichtet werden, sobald der Materialengpaß überwunden ist.

 

Bausektor
Die Baubranche hatte per Dezember 2003 insgesamt 43.000 Arbeitsplätze in Bundesstaat São Paulo verloren und Ende Mai erst 25.000 zurückgewonnen. Und die Aussichten sind laut Eduardo Zaidan, Vizepräsident des Sindicato da Indústria da Construção Civil do Estado de São Paulo (Sinduscon-SP) immer noch nicht gut.


PKW - Markt
Im April ging das Pkw - Geschäft gegenüber dem Vormonat um 18,5 % zurück, aber gegenüber dem April des Vorjahres stieg es um 6,2 %. Insgesamt wurden 115.458 Einheiten im April 2004 gegenüber 141.632 im März 2004 und 108.731 im April 2003 abgesetzt. In den ersten vier Monaten 2004 waren es 469.300 Fahrzeuge.

Der Export des Aprils 2004 belief sich auf 625,583 Mio. US$, 54,4 % mehr als im gleichem Vorjahresmonat. Gegenüber dem März 2004 war der April allerdings schwächer, der Rückgang betrug 10,4 %. Per April 2004 belief sich der Export auf 2,274 Mrd. US$, 58,6 % mehr als im vergleichbarem Zeitraum des Vorjahres.

Die Aprilproduktion erreichte 169.936 Fahrzeuge, 11,6 % mehr als im April 2003, aber 11,3 % weniger als im März 2004. Per April 2004 betrug die Produktion 672.263 Fahrzeuge, 13,4 % mehr als in den ersten vier Monaten des Vorjahres. Im Mai 2004 wird von der Autoindustrie von 20 % mehr Absatz als im Mai 2003 ausgegangen, aber nach den Ende Mai vorliegenden unvollständigen Zahlen können es auch nur 12 % sein. Anfang Juni werden wir wissen, ob die Welt (für VW) des brasilianischen Inlandmarktes wieder in Ordnung ist, d.h. Anmeldung von Neufahrzeugen der Menge nach geordnet in der Reihenfolge VW - GM - Fiat - Ford.

BIP
Aber wenigstens wuchs in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres um 2,7 % gegenüber dem Vergleichszeitraum 2003. Bis Jahresende 2004 sollen es 3,5 % werden.
In Brasilien arm und krank und in Deutschland falsch informiert
Gesundheit
Fast 15 % der Brasilianer sind zahnlos und es sind nicht Neugeborene, die damit gemeint sind! Über 50 Jahre alte Frauen mit niedrigem Einkommen sind sogar zu 55,9 % zahnlos (aber auf keinen Fall sprachlos)! Etwas über 10 % der Bevölkerung sind fettleibig und 28,5 % übergewichtig. Das sind Daten, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ermittelt und  in Brasilien von der Fiocruz (Fundação Oswaldo Cruz) veröffentlicht wurden. Zur Datenermittlung wurden 5.000 Familien aus ganz Brasilien und aus allen sozialen Schichten zwischen Januar und September 2003 befragt. Ein weiteres Ergebnis: 9 % der Brasilianer schätzen den eigenen Gesundheitszustand als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. Das Hauptproblem ist aber nicht organischen Ursprunges, sondern es wurden Unlust, Sorge, Angst, Traurigkeit und Depression genannt. Im Mittel gibt eine brasilianische Familien 19 % des Haushaltseinkommen für die Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit der Familienmitglieder aus. Bei der ärmeren Bedvölkerung schlagen vor allem die Medikamente zu Buche, ihre Kosten machen 61 % der Ausgaben für die Gesundheit aus. Bei den Bessergestellten sind es die Krankenversicherungskosten, die den Löwenanteil ausmachen. 9,1 % der Brasilianer mußten bereits Güter verkaufen oder einen Kredit aufnehmen, um Krankheitskosten zu bestreiten.
Familieneinkommen
Der Monat ist zu lang oder das Einkommen zu kurz, das erfahren 85 % der brasilianischen Familien jeden Monat, wenn ihnen vor Ultimo die finanzielle Puste ausgeht. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung (POF - Pesquisa de Orçamentos Familiares in 2002 - 2003), die Ende Mai vom IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) veröffentlicht wurde. 27,2 % haben sehr viel Schwierigkeiten, mit dem Einkommen auszukommen, weitere 23,7 % haben regelmäßig Schwierigkeiten und 34,6 % haben öfter Schwierigkeiten. Nur 15 % kommen einigermaßen leicht über die Runden und wirklich problemlos gelingt dies nur 0,7 %. Die meisten finanziellen Probleme hat die Bevölkerung auf dem Lande, dort sind es 33,2 % mit erheblichen pekuniären Schwierigkeiten gegenüber "nur" 26,1 % bei der Stadtbevölkerung. Letztere kommt zu 5,2 % leicht über die Runden, auf dem Lande nur zu 3,4 %. 51,5 % der Familien mit einem mittlerem Monatseinkommen bis zu 400 R$ haben sehr viel Schwierigkeiten, ihre Ausgaben zu bestreiten, bei den Familien mit einem mittlerem Monatseinkommen über 6.000 R$ sind es nur 7 %, die über solche Probleme klagen. Deshalb ist die Festlegung des Mindesteinkommens von immenser Bedeutung für Brasilien, die geplanten 260 R$ entsprechen nur 72 €! Das ist für eine Familie vielleicht nicht zu viel zum Sterben, sicher aber zu wenig, um zu leben.
Benedita da Silva wieder Ministerpräsidentin?
Die Stuttgarter Zeitung vom 29.5.04 brachte einen richtig schönen Artikel mit der Schlagzeile: "Das Parlament hat jetzt sogar eine Damentoilette". Und dazu wird ein Foto von Bedenita da Silva gezeigt mit der Unterschrift: "Frauenpower: Benedita da Silva regiert seit 2002 Rio de Janeiro." Das könnte eine Meldung von Radio Eriwan sein, denn die besagte Dame wurde schon längst demokratisch abgelöst, d.h. sie verlor die (Wieder-) Wahl, erhielt zum Trost einen Ministerposten, Entschuldigung, Ministerinnenposten, im Bundeskabinett, den sie aber auch verlor, diesmal nicht demokratisch, sondern durch Präsidentenentscheid. Der Grund war einfach; die Ministerin flog auf Staats(bürger)kosten nach Buenos Aires, um in einem Fünfsternehotel an einer privaten religiösen Veranstaltung teilzunehmen. In letzter Minute wurde noch ein offizielles Treffen "angehängt", was aber als Bemäntelung nicht mehr ausreichte.


bras. Flagge
 
Im Rahmen der IHK - Firmenpooltage 2004 werde ich wieder kostenlose Sprechstunden für deutsche Firmen abhalten. Anmeldungen bitte über Frau Hein von der IHK Essen per eMail hein@essen.ihk.de. Termine und Orte: 5., 6. und 9.7.04 in der IHK Essen, 7.7.04 in der IHK Duisburg und 8.7.04 in der IHK Münster.

Zur Vorbereitung Ihres Gespräches mit mir können Sie mir Ihre Fragen und eine Situationsbeschreibung Ihrer Firma sowie Ihre Ziele in Lateinamerika vorab schicken: karlheinz.naumann@eurolatinainternational.com.br


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