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BRASILIEN AKTUELL PER 4. APRIL 2004

von Karlheinz K. Naumann

Obelix sagte unverblümt, daß die Römer spinnen. Als Ausländer und Gast in Brasilien sollte und braucht man diese gallische Offenheit nicht zu übernehmen, denn dies tun schon die Koalitionspartner der regierenden Arbeiterpartei PT und die PT - Spitze selbst. Und so effizient, daß die Opposition die Regierung verteidigen muß und damit wären wir wieder bei Obelix. Zwei Beispiele, wie man sich selbst ins Knie schießen kann und damit der Wirtschaft sicher keinen Gefallen tut: Der Präsident Valdemar Costa Neto der Koalitionspartei PL (Partido Liberal, wer will, kann sie mit der F.D.P. vergleichen), die u.a. den Vizepräsidenten José Alencar zu ihren Mitglieder zählt, der immer wieder die hohen Zinsen angreift, sprach am 15.3.2004 dem Finanzminister Palocci die Kompetenz zur Gestaltung der Wirtschaftspolitik ab und forderte seinen Rücktritt. Und dehnte diese Forderung dann gleich auf den Zentralbankpräsidenten Henrique Meirelles aus. Und das auf dem Festakt anläßlich der Amtseinführung des neuen Verkehrsministers Alfredo Nascimento, der auch der PL angehört. Das zweite Beispiel lieferte die Spitze der PT, die Anfang März schriftlich und sehr unmißverständlich von der Regierung wirtschaftspolitische Maßnahmen forderte, um die Sozialprogramme endlich zum Laufen zu bringen und die Wirtschaft, die letztes Jahr um 0,2 % schrumpfte, wieder wachsen zu lassen. So berechtigt die Kritik an der Regierungsarbeit ist, die sich durch viel Reden und wenig Handeln auszeichnet, so wenig förderlich ist ein öffentlich ausgetragener Streit unter den Koalitionspartnern, der die Wirtschaft weiter lähmt und Investitionsentscheidungen  der verunsicherten Unternehmer verzögert. Auf den Streit des Landwirtschaftministers Roberto Rodrigues mit seinem Kollegen Mantega, der ihn angeblich nicht empfangen wollte und deshalb von ihm vagabundo genannt wurde,  brauche ich nicht einzugehen, das hat mir schon die Financial Times abgenommen, die Ähnlichkeiten mit einem Kindergartenstreit feststellte.
 
Für die Vorliebe für das Reden und weniger für das Handeln gibt es ein aktuelles Beispiel, welches leider die Wirtschaft stark beeinträchtigt. Die Regierung hat großartig 11 Kreditprogramme verkündet, mit denen 6 Mrd. R$ in die Wirtschaft gepumpt werden sollten; bis heute sind aber nur etwa 500 Mio. R$ verwendet worden:
Aber vom gutem Willen der Regierung abgesehen, wer soll bei zurückgehender Kauftkraft und weiterhin stratosphärisch hohen Zinsen solche Kreditprogramme eigentlich in Anspruch nehmen? Aber eines der Steuersenkungsprogramme verdient eine Anmerkung: Die IPI - Reduzierung um 3 Prozentpunkte für Fahrzeuge hat nach Berechnungen der renommierten brasilianischen Beratungsfirma Trevisan dem Staat 355 Mio. R$ Mehreinnahmen (!) gebracht, weil dadurch 40.000 Autos mehr gebaut und  verkauft wurden und 30.000 Arbeitsplätze erhalten blieben. Schon Reagan machte diese Erfahrung während seiner Zeit als Ministerpräsident Kaliforniens; Steuersenkungen bringen Geld unter die Leute und sorgen letztendlich für Mehreinnahmen des Staates.

Präsident Lula legte kürzlich Wert darauf kundzutun, daß er sich sinngemäß "nur um die große Linie kümmern könne". Was ihn nicht daran hinderte, Ende März die GM - Fabrik in São Caetano do Sul zu besuchen, um wie ein gewöhnlicher Kommunalpolitiker der Übergabe von 305 GM - Fahrzeugen an die Bundesverkehrspolizei beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit führte er auch aus, daß er nicht die Fähigkeiten Gottes habe, um die Wunder zu vollbringen, die manche von ihm erwarteten. Er müsse nur die Verfassung achten. Kein Wunder, wenn der Präsident eines Landes von der Größe Brasiliens glaubt, daß dies seine einzige Aufgabe sei, er in der Volksgunst zurückfällt. Dies wurde ihm auch unmißverständlich von ca. tausend Personen  gezeigt, die durch sein Bingo - Verbot ihren Arbeitsplatz verloren hatten und ihn mit von der Força Sindical organisierten Sprechchören vor dem Festzelt empfingen. Die tausend Personen im Festzelt mußten übrigens alle ihre Personalausweisnummer registrieren lassen, um Einlaß zu erhalten. Ich vermute, das hat noch nicht einmal Pinochet machen lassen. Aber vielleicht spielte eine Rolle, daß bei GM die Força Sindical das Sagen hat, die Regierungspartei PT aber von der Konkurrenzgewerkschaftsorganisation Central Única dos Trabalhadores (CUT) unterstützt wird. Ein zweites Beispiel für die "große Linie" ist ein Treffen des Präsidenten mit Vertretern der ihm wichtigen und wohl kulturell wertvollen Hip - Hop - Bewegung im Palácio de Planalto, wie der Regierungssitz genannt wird, wo er den nicht anwesenden "Konservativen" vorwarf, daß sie die aktuelle politische Krise schürten und einen Krieg gegen seine Verwaltung vorhersagte. Dem Zentralbankpräsidenten wurde übrigens jüngst - nicht vom Staatspräsidenten, sei dazugesagt - vorgeworfen, er sei konservativ, was dieser aber eher als Lob aufnahm.

Mit einer Feststellung gegenüber den Hip - Hop - Vertretern hat Präsident Lula sicher Recht gehabt, nämlich daß dies das schwierigste Jahr seiner Regierung sei, wobei abgewartet werden muß, was bis 2006 passiert, wenn die Präsidentenwahl ansteht. Ein Indiz für die Probleme ist, daß Brasilien laut Global Invest auf den 15. Platz der größten Volkswirtschaften abgerutscht ist. Grund ist das am 31.3.2004 verkündete BIP, welches in 2003 nur 1,514 Billionen R$ betrug. In 1998 war Brasilien übrigens am BIP gemessen noch die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Hier die Rangliste von 2003:
                                                                           

Land
BIP in
Billionen US$
USA
10,857
Japan
4,291
Deutschland
2,386
Großbritannien
1,752
Frankreich
1,732
Italien
1,459
China
1,381
Kanada
0,851
Spanien
0,819
Mexiko
0,612
Australien
0,508
Südkorea 0,521
Indien 0,510
Holland
0,505
Brasilien 0,493
Rußland
0,419

Wenn Rußland sein Wirtschaftswachstum von 6 % jährlich halten kann, wird es Brasilien wahrscheinlich schon 2005 überholen. Grund für das schlechte Abschneiden Brasiliens ist natürlich außer der Wirtschaftsstagnation (mittleres Wachstum von 1998 bis 2003 nur 1,4 % jährlich) auch die starke Abwertung des R$ in den letzten beiden Jahren. In 1998 konnte der achte Platz außerdem nur erreicht werden, weil der R$ durch die Parität mit dem US$ überbewertet war.                                                     
Wer als Urlauber im Sommer auf einer deutschen Autobahn gen Süden fährt, kann schon mal in einen Stau geraten, der über 100 km lang ist,
Lkw-Stauverursacht durch den Sonnenhunger der Europäer. Und wer als brasilianischer Lkw - Fahrer eine Ladung Sojabohnen zum Hafen von Paranaguá in der Nähe Curitibas, der Hauptstadt Paranás, bringen will, kann schon mal in einen Stau geraten, der überPasskontrolle 100 km lang ist, verursacht durch einen Streik gegen die Hafenverwaltung und insbesondere gegen Eduardo Requião, dem Bruder des Ministerpräsidenten von Paraná, dem man Unfähigkeit vorwirft. Und wer als Reisender  wie ich vor zwei Wochen aus dem Ausland zurück nach Brasilien flog, kann schon mal in eine Schlange von einigen hundert Passagieren geraten, weil die die Pässe kontrollierende Bundespolizei streikt bzw. Dienst nach Vorschrift macht, um eine exorbitante Besoldungserhöhung zu erzwingen. Wobei doch eigentlich immer Dienst nach Vorschrift gemacht werden sollte, denn wenn dies nicht die Norm ist, fragt man sich, was die Vorschriften eigentlich sollen? Wobei gerechterweise angemerkt werden muß, daß in den letzten Jahren die Einkommenserhöhungen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst meist die inflationsbedingten Einkommensverluste nicht ausgleichen konnten. Und wer seine Rente beantragen will oder sonstwie mit der Sozialversicherung zutun hat, z.B. wegen der Behandlung einer Krankheit oder wegen Arbeitslosigkeit, kann schon mal in eine Schlange geraten, die einige hundert Menschen umfaßt, weil auch hier die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes streiken. Und wer sich seinen Platz vorne in der Schlange sichern will, kann ihn sich von professionellen Schlangestehern für 10 bis 15 R$ kaufen. Nur, in einem Land, in dem Möbel für 15 Montsraten à 12 (zwölf) R$ angeboten werden, haben die Leute, die von der Sozialversicherung nicht nur etwas wollen, sondern dringend brauchen, dieses Geld für den ersehnten Platz vorne, der eventuell eine Berücksichtung  ihrer Belange garantiert, meist nicht übrig. Und was die professionellen Schlangesteher angeht, Sie kennen doch den Unterschied zwischen einer Autoschlange und einer richtigen? Der trifft auch auf diese Berufsansteher zu, die die Situation der Antragsteller ausnutzen.
 
Eine gesunde Art, die Wirtschaft voran zu bringen, ist der Sport. Er dient der Gesundheit und wie der im Januar 2003 begonnene und noch nicht veröffentlichte Atlas do Esporte no Brasil zeigt, nicht nur der körperlichen und geistlichen, sondern auch der finanziellen! Denn laut diesem Atlas, der ab April in CD - Form erhältlich sein wird, ist der Sport in Brasilien die unmittelbare Ursache für 1,2 Mio. direkte Arbeitsplätze. Kein Wunder bei 10.000 Sportklubs, 406 Sportschulen, 20.000 Fitnesszentren und  4,8 Mio. jährlich verkaufter Fahrräder!  Angeblich frönen 7 Mio. Brasilianer radikalen und Abenteuersportarten, ein Drittel der Bevölkerung, im Süden sogar 60 %, sind irgendeiner Sportart verbunden. Dr. Kneipp und Turnvater Jahn hätten ihre wahre Freude daran!

Und wie steht es mit der Gesundheit unserer Industrie? Nach Ermittlungen der Zentralbank, die Daten des IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística) und der CNI (Confederação Nacional da Indústria) ausgewertet hat, nicht so gut, wie man es sich wünscht. Von 1992 bis 2000 stieg die Produktivität zwar um stolze 65,5 % (nicht so gut wie Südkorea mit 119 %, aber besser als die USA mit 45 %, Taiwan mit 49 % und Großbritannien mit 23 %), aber dann da an gings bergab. Von 2001 bis 2003 ging die Produktivität um 0,7 % zurück, weil nicht mehr genug Geld für Modernisierung und Innovation übrig war. Der aus dem Amt entfernte Präsident Collor wird zwar heute nur noch als Buhmann behandelt, aber er öffnete das Land und setzte es dem internationalem Wettbewerb aus und setzte damit den Mechanismus in Gang, der den erwähnten Produktivitätszuwachs bewirkte. Aber Produktivitätszuwachs ohne Wirtschaftswachstum ist nicht "nachhaltig", wie man heute so schön sagt. Und ohne Geld ist da wenig zu machen.

Und zur "Nachhaltigkeit" gehört solides und breit gestreutes Fachwissen. Und wie sieht es damit aus? Wenn man sich die Zahlen des Institute for Scientific Information ansieht, schöpft man Hoffnung. Zwischen 1981 und 2001 stieg die Zahl der vom Institut anerkannten brasilianischen wissenschaftlichen Veröffentlichungen von 1.889 auf 10.550. Aber diese Hoffnung vergeht wieder, wenn man bedenkt, daß zwischen 1990 und 1995 nur 2.572 Patente in Brasilien registriert wurden, 85 % davon von Erfindern und Forschern im Ausland. Die Universität von Campinas hat das Problem erkannt und versucht es zu lösen, man sucht Firmen, die bereit sind, die 300 von der Uni gehaltenen Patente in der Praxis zu verwerten. Ich habe vor einigen Tagen eine Firma in einer sogenannten Incubadora, was sinnigerweise Brutkasten heißt, in São José dos Campos besucht. Was ich sah, gab nicht viel Anlaß zu Hoffnung. In einem kleinem Labor in einem einfachem Holzbau wird technologisch gute Arbeit geleistet, aber was zum Erfolg gehört, nämlich ebenso gute Arbeit im Vertriebs- und Finanzbereich, war nur rudimentär zu spüren. Einen ähnlichen Besuch machte ich in der Nähe von Aachen. Die Firma dort war in einem fast luxuriösem Gebäude untergebracht und bereitete einen in der Zwischenzeit vollzogenen Börsengang vor. Der Unterschied? In Deutschland war eine Bank involviert und Berufsmanager leiteten bzw. überwachten die Brutkastenfirma; in Brasilien fehlt es - obwohl die Banken das Geld dafür haben - an Finanzierungsmöglichkeiten und der im hier geschilderten brasilianischem Beispiel in Deutschland promovierte Firmenchef
und Plasmaphysiker beschäftigt sich mit dem, was er versteht, nämlich der Technik, eine Vertriebsstruktur gibt es aber z.B. in seinem Unternehmen praktisch nicht.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, das Forschungsniveau in Brasilien ist auf einigen Gebieten durchaus vergleichbar mit dem der sogenannten "ersten Welt"; was Brasilien zum Nachteil gereicht, ist das Fehlen eines breiten Mittelstandes, der seinen Kindern eine Universitätsausbildung mit Niveau ermöglichen kann. Nur 9 % der Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren studieren, während es im bettelarmen Bolivien 20 und und in Argentinien fast 40 % sein sollen. Und zumindestens in Brasilien ist es extrem wichtig, wo man studiert; das Niveau der Hochschulen schwankt zwischen erbärmlich und sehr gut, wobei die öffentlichen Einrichtungen meist besser als die privaten Institutionen abschneiden. Was übrigens nicht für die Schulen gilt, hier ist es umgekehrt.

Ich habe bis zu meinem zehnten Lebensjahr in Ostberlin gelebt, weil ich einige hundert Meter zu weit östlich geboren wurde und die Alliierten anschließend bei der Festlegung der  Sektorengrenzen keine Rücksicht auf mich nahmen und kann mich noch gut an die Fünfjahrespläne der "DDR" erinnern, die dem Vorbild der Sowjetunion folgten. Ähnliche Fehlplanungen auf der Basis von Illusionen, wie sie damals an der Tagesordnung waren, erleben wir heute in Brasilien. So erließ der Nationalkongress vor vier Jahren ein Gesetz und dekretierte den Nationalen Erziehungsplan (Plano Nacional de Educação), laut dem in 2008 dreissig Prozent der brasilianischen Jugendlichen der oben genannten Altersklasse auf einer Universität sein sollten, was ungefähr 9 Mio. Studenten entspricht. Heute, nach der Hälfte der vorgegebenen Zeit, sind es ca. 3 Mio. bei einer Bevölkerung von fast 180 Mio. Menschen.

Viele Erfindungen, die nicht in den USA gemacht wurden, kamen dort zuerst auf den Markt. Daß die schnelle, pragmatische und erfolgreiche Umsetzung sowohl eigener als auch fremder Forschungsergebnisse bis heute eine Domäne der USA ist, zeigt diese Graphik:

F+E im Vergleich zur Bevölkerung und zum BIP

Von der 1998 weltweit für F+E ausgegebenen Summe von 732,5 Mrd. US$ entfielen 1 Mrd. US$ auf Brasilien, das sind 0,14 %.  Und ein Teil dieser Summe trägt mit dazu bei, daß Brasilien eines Tages ein im Lande gebautes Atomunterseeboot haben wird, wenn es denn endlich fertig wird. Und dann hoffentlich nicht im Hafen von Rio an der Kaimauer absäuft, wie es einem konventionellem U-Boot der brasilianischen Marine
während eines Landganges der kompletten Besatzung, die Weihnachten feiern wollte, passierte, weil ein Lenzventil geöffnet, aber nicht wieder geschlossen wurde.  Dieser unbekümmerte Umgang mit nicht immer sinnlosen Vorschriften war auch zum Teil daran Schuld, daß letztes Jahr eine verheerende Explosion eine Raketenabschußbasis in Nordbrasilien vernichtete und zahlreiche darauf arbeitende Techniker in den Tod riß. 

Aber nach der letzten mutigen Leitzinssenkung am 17.3.2004 um 0,25 % - Punkte auf 16,25 % wird jetzt alles besser. Man stelle sich vor, die Zinsen für eine Kontoüberziehung per cheque especial  betragen nur noch 142,9 % im Jahr und die Banken vergeben Kredite an Privatpersonen schon für 76,6 % jährlich. Das bedeutet ein spread von 127,6 % im Jahr, davon kann eine Bank ja wohl kaum leben. Vor allem, wenn sie ihre normalen Kosten schon durch die Gebühren für Kontoführung, Scheckausstellung, Überweisung etc. gedeckt hat und eigentlich gar kein Geld verleihen muß. Da kann sich Otto Normalverbraucher glücklich schätzen, wenn er ein Auto auf Pump kauft und dafür nur 35,7 % Zinsen im Jahr berappen muß. José Alencar schimpft also nicht ohne Grund nach wie vor über die Zinsen!

Aber was nützt das Schimpfen, wenn ihm keine Taten folgen? Die Regierung scheint wie gelähmt, u.a. immer noch durch den Fall Waldomiro Diniz, ein Korruptionsfall, dessen Aufklärung durch eine parlamentarische Untersuchungskommission die Regierung mit Hilfe der PMDB, die früher ein politischer Gegner war und heute Koalitionspartner ist, bis jetzt erfolgreich verhindern konnte. Aber der Präsident hat ein Machtwort gesprochen, damit gestoppte Bauvorhaben wieder in Angriff genommen werden und auf diese Weise das versprochene Wachstumsspektakel doch noch realisiert wird. Immerhin wird zur Zeit an 18 Wasserkraftwerken, 15 Gaspipelinestationen und 10.000 Straßenkilometern nicht weitergebaut, dazu kommen noch Baustopps in Häfen und an Eisenbahnlinien. Im Januar 2003 hatte die damals neue Regierung 33 gestoppte Wasserkraftwerksbaustellen vorgefunden, an 15 wird jetzt wenigstens schon weitergebaut. Grund für die Baustopps sind oft echte oder vermutliche Verletzungen der Umweltschutzgesetze, d.h. eigentlich schlechte Planung oder falsche Einschätzung der "grünen" Einflußnahme.

Zum eben zitierten Fall Waldomirogate, wie er auch genannt wird,
kursiert im Internet  in Brasilien folgende Geschichte, die ich sechsmal von verschiedenen Quellen zugeschickt bekam und die ich hier übersetzt und zensiert wiedergebe:

Am ersten Tag nach den Ferien stellt die Lehrerin in einer US - amerikanischen Schule den Schülern einen neuen Mitschüler vor, den Japaner Sakiro Suzuki. Der Unterricht beginnt und die Lehrerin fragt: "Wollen wir mal sehen, wer die amerikanische Geschichte kennt. Wer hat gesagt: Gebt mit Freiheit oder den Tod?"
Totenstille in der Klasse. Nur Suzuki meldet sich: "Patrick Henry 1775 in Philadelphia."
"Sehr gut, Suzuki! Und wer sagte: Der Staat ist das Volk und das Volk kann nicht untergehen?"
Suzuki erhebt sich: "Abraham Lincoln, 1863 in Washington."
Die Lehrerin blickt auf die anderen Schüler und sagt: "Schämt ihr euch nicht? Suzuki ist Japaner und weiß mehr über die amerikanische Geschichte als ihr!"
Worauf im Hintergrund eine leise Stimme hörbar wird: "Leck mich am ..., du S...japaner!"
Die Lehrerin fährt herum und schreit: "Wer war das?"
Suzuki hebt die Hand und antwortet: "General McArthur 1942 auf Guadalcanal und Lee Iacocca 1982 auf der Hauptversammlung von Chrysler."
Totenstille in der Klasse. Auf einmal flüstert jemand: "Ich glaube, ich muß mich übergeben!"
Die Lehrerin brüllt: "Wer hat das gesagt?"
Und Suzuki antwortet: "George Bush Senior zu Premier Tanaka während eines Mittagessens in Tokio 1991."
Eine der Schüler erhebt sich und schreit: "...!"
Die nervöse Lehrerin ruft hilflos: "Aufhören! Wer war das jetzt?"
Und Suzuki ohne zu zögern: Bill Clinton zu Monica Lewinsky im Ovalem Salon des Weissen Hauses 1997 in Washington."
Ein anderer Schüler erhebt sich und schreit: "Suzuki ist ein Stück Sch....!"
Und Suzuki kontert: "Valentino Rossi auf dem Großem Preis von Rio 2002 für Motorräder."
Die Klasse bekommt einen hysterischen Anfall, die Lehrerin fällt in Ohnmacht, die Tür öffnet sich, der Direktor tritt herein und schimpft: "Was für eine große Sch..., ich habe noch nie ein solches Durcheinander gesehen!"
Und prompt erwidert Suzuki: "Lula zu seinem Innenminister José Dirceu im Februar 2004 in Brasilia nach dem Bekanntwerden der Korruptionsvorwürfe gegen Waldomiro Diniz."

Am 31.4.2004 verkündete die Regierung mit siebenmonatiger Verspätung durch ihren Entwicklungsminister Luiz Fernando Furlan ihr Programm für eine Industrie-, Technologie und Außenwirtschaftspolitik, welches Investitionen in diesem Jahr von 15,05 Mrd. R$ vorsieht. Davon sollen 14,5 Mrd. R$ von Institutionen wie der BNDES (Bundesentwicklungsbank ähnlich wie die KfW), der Banco do Brasil und der Finep (Financiadora de Estudos e Projetos) bereitgestellt werden. Das Programm sieht die Modernisierung der Industrie (2,5 Mrd. R$), die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen, die Entbürokratisierung von Firmengründungen, Anreize zur Formalisierung (von Arbeitsverhältnissen), Lanzierung brasilianischer Produkte im Ausland, Entwicklung neuer Produkte und Verbesserung der Managementmethoden vor. Dabei sollen die als strategisch wichtigen Sektoren Halbleiter und Software (1 Mrd. R$), Anlagegüter und Maschinen, Pharma und Biotechnologie bevorzugt werden. Über das neue Profarma - Programm sollen mit 500 Mio. R$ der Ersatz von importierten  Wirkstoffen durch  brasilianische und der  Export von  Pharmaprodukten  gefördert werden.

Firmen, die nicht unbedingt auf Taten der Regierung warten, sondern selber etwas unternehmen, werden manchmal belohnt, wie die Fluggesellschaft TAM, die es zwar nicht schaffte, mit der VARIG trotz der Präferenz der Regierung für diese Lösung zu fusionieren, aber durch Gemeinschaftsflüge mit ihr den Verlust von 605,7 Mio. R$ in 2002 in einen Gewinn von 173,8 Mio. R$ in 2003 umwandeln konnte. Grund war u.a. die höhere Auslastung bei um 153 Mio. US$ geringeren Leasingkosten. In 2002 betrugen die Leasinggebühren der TAM noch 524 Mio. US$, in 2003 nur 371. Von den 96 Flugzeugen sind Ende letzten Jahres nur 70 in Betrieb gewesen, 20 Fokker 100 werden zurückgegeben und 6 werden verliehen. Auch der Dollarkurs, der von 3,53 Anfang 2003 auf 2,88 R$ am Jahresende fiel, reduzierte die Leasingkosten, aber auch die Ausgaben für Treibstoff. In den ersten beiden Monaten des Jahres 2004 hatte die TAM 32,7 % Marktanteil bei der Passagierbeförderung gegenüber 29,8 % der VARIG.

Die Reduzierung des brasilianischen Zivilflugzeugbestandes hat übrigens interessante Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. So sucht die Volksrepublik China am 4. April 2004 per Kleinanzeige im "Estado de São Paulo", unserer renommiertesten überregionalen Tageszeitung, Kopiloten für B 737-300/700 - Flugzeuge mit mindestens 3.000 Flugstunden, davon wenigsten 1.000 als Kopilot. Die Kandidaten dürfen maximal seit 6 Monaten außer Dienst sein, aber Piloten mit bis zu einem Jahr Flugpause dürfen sich ebenfalls bewerben, werden aber besonders unter die Lupe genommen. Also, wenn Sie interessiert sind, schreiben Sie an vega@macau.ctm.net .

Das Glück des Tüchtigen hat auch dem Stahlhersteller CSN (Companhia Siderúrgica Nacional) gelacht, dessen Nettoumsatz letztes Jahr um 35,1 % auf 6,977 Mrd. R$ anstieg und der damit einen Gewinn von 1,031 Mrd. R$ erzielte nach einem Verlust von 194,7 Mio. R$ in 2002. Das wurde möglich durch eine kräftig gestiegene Nachfrage im In- und Ausland, durch höhere Preise und durch die Aufwertung des R$ gegenüber dem US$, was die Finanzierungskosten senkte. Die Nettoverschuldung der Firma konnte dadurch Ende 2003 auf  4,9 Mrd. R$ reduziert werden.

Andere werden bestraft, wie Ambev, die größte brasilianische Brauereigruppe, hervorgegangen aus der Fusion von Brahma und Antartica, deren (Vorzugs-) Aktienkurs eine Woche, nachdem die Fusion mit der belgischen Interbrew Anfang März 2004 angekündigt worden war, um 26,5 % zurückging. Die Kontrolle liegt mit 52,8 % des stimmberechtigten Kapitals und 57 % des Gesamtkapitals künftig eindeutig bei Interbrew.

Am einfachsten haben es Firmen wie Cobra, die mit dem portugiesischem Wirtschaftsministerium einen Kredit zwischen 25 und 100 Mio. € verhandelt, um sich auf der iberischen Halbinsel niederzulassen, um dort Personalcomputer und Ausrüstung für die Automatisierung im Handel und im Bankwesen zu bauen. Und wenn man weiß, daß Cobra der Banco do Brasil gehört, weiß man auch, wie einfach es die Firma hat. Bleibt nur die Frage, warum eine  staatliche Bank eine  Firma haben muß, die Computer und -zubehör herstellt und warum diese Firma eine Fabrik in Portugal errichten und betreiben soll.

Aber wenn es auch die Privatwirtschaft nicht so einfach hat, verliert sie trotzdem nicht die Hoffung. So erwartet der 4.500 Mitgliedsfirmen zählende Maschinenbauerverband Abimaq auf der Messe Mecânica vom 18. bis 22.5.2004 im Ausstellungsgelände Anhembi in São Paulo 1.700 Aussteller, davon 900 aus Brasilien und der Rest aus Kanada, Frankreich, Portugal, Holland, Dänemark, Spanien, Argentinien, Deutschland, Italien, China und Taiwan. Wahrscheinlich werden mehr als 100.000 Besucher kommen und Geschäfte in der Größenordnung von wenigstens 1 Mrd. R$ abgeschlossen werden.

Und machmal kann Brasilien sich sogar gegen das Niedrigstlohnland China durchsetzen. So transferierte die von der Philips kontrollierte Walita die Produktion von Bügeleisen und Kaffemaschinen von China nach Brasilien, weil man hier günstigere Gesamtkosten (Produktion + Logistik) hätte. Walita setzte letztes Jahr 150 Mio. US$ um, das sind 15 % des Umsatzes der Philipsgruppe in Brasilien. Für 2004 erwartet man ein Wachstum von 15 %.

Aufgrund der Währungssituation kann Brasilien trotz wieder steigender Importe die Außenhandelsüberschüsse aufrechterhalten und sogar wachsen lassen. Was Sorge macht, ist die Fehleinschätzung der brasilianischen Regierung der Wichtigkeit der USA als Exportland für Brasilien. Die offene Ablehnung der ALCA - Pläne der USA durch Brasilien und die Ankündigung, daß man so schnell wie möglich mit 30 Entwicklungsländern individuelle Handelsabkommen abschließen will, läßt nichts Gutes ahnen. Immerhin hat Brasilien 2003 für 16,7 Mrd. US$ nach den USA exportieren können, der "Rest der Welt" ohne die EU hat   Produkte für 15,8 Mrd. US$ von Brasilien gekauft. Und was den schnellen Vertragsabschluß mit einzelnen Ländern angeht, die seit zwei Jahren laufenden Verhandlungen mit Südafrika über ein Freihandelsabkommen wurden auf Gespräche über  Zollpräferenzen heruntergeschraubt, die bis heute ohne Ergebnis blieben.  Wir haben eben - weltweit - zu wenig Staatsmänner und zuviele Politiker.  Hätte ich jetzt eigentlich, um politisch korrekt zu sein, Staatspersonen schreiben müssen?

So gut wie die Regierung beim Verhandeln dieser Verträge ist, ist sie auch als Unternehmer. Am 26.3.2004 wurde bekannt, daß die Staatsfirmen im Februar das schlechteste Ergebnis in der Geschichte seit Beginn der Aufschreibungen in 1991 erzielten, nämlich ein Defizit von 3,221 Mrd. R$. Der Grund soll die vorgezogene Zahlung von 3,3 Mrd. R$ Dividenden im Februar gewesen sein.

Im Jahre 2000 wurden bei einer Volkszählung 169.799.170 Einwohner Brasiliens ermittelt, aber in den fünf offiziellen Registern der
Caixa Econômica Federal, Banco do Brasil, Serviço Federal de Processamento de Dados -Serpro, DataSus und DataPrev sind 541 Mio. Brasilianer erfaßt. Selbst wenn man berücksichtigt, daß 289 Mio. Personen doppelt erfaßt waren, bleiben immer noch 252 Mio. Brasilianer übrig, 48 % mehr das Ergebnis der Volkszählung. Um hier Ordnung zu schaffen, soll jeder Einwohner eine Sozialversicherungsnummer (NIS = Número de Identificação Social) erhalten.
 
Bei solcher Präzision sind die Arbeitslosenzahlen sicher auch nicht unbedingt zuverlässig. Trotzdem sollen sie hier genannt werden. In sechs im Februar vom IBGE untersuchten Metropolen wurden 2,5 Mio. Arbeitslose festgestellt, davon 48,5 % alleine in São Paulo, was eine Arbeitslosenquote in dieser Region von 13,6 % bedeutet. Am 24.3.2004 wurden die Ergebnisse einer Untersuchung der Fundação Seade und des Dieese veröffentlicht, danach betrug die Arbeitslosenquote in São Paulo im Februar 19,8 %, der höchste Wert seit Beginn der Aufschreibungen in 1985. Da die Erhebungskriterien unterschiedlich sind, sind die Zahlen der beiden Studien nicht vergleichbar. Das IBGE erfaßt nur Arbeitslose, die in den letzten 30 Tagen vor der Erhebung Arbeit suchten, während Seade/Dieese auch die sogenannte versteckte Arbeitslosigkeit berücksichtigt, d.h. Menschen mit prekärer Arbeit (mit ihrer Situation unzufriedene ambulante Händler und Gelegenheitsarbeiter auf Arbeitssuche) und Mutlose, die es aufgegeben haben, Arbeit zu suchen, weil sie in den letzten 12 Monaten wenigstens einmal, aber erfolgslos Arbeit gesucht haben. Eine gute Nachricht: Im Februar wurden in São Paulo 7.442 Arbeitsplätze geschaffen, soviel wie nie zuvor in einem Februar in den letzten neun Jahren.

Daß Brasilien exzellente Finanzfachleute hat, zweifelt heute niemand mehr an. War doch z.B. der jetzige Zentralbankpräsident Meirelles weltweiter Chef der BankBoston, nachdem er vorher die Filiale São Paulo geleitet hatte. Sein Vorgänger als Chef der Zentralbank, Arminio Fraga, wurde jetzt von Joseph Stiglitz, dem bekannten Wissenschaftler der Columbia University, zum Nachfolger von Horst Köhler als IMF - Chef  vorgeschlagen.

Hoffentlich kann man auch bald von Brasiliens Politikern sagen, daß sie exzellent seien. Wobei ihnen nicht abgesprochen werden kann, daß sie manchmal sehr geschickt sind. Zum Schluß noch ein Umfrageergebnis vom 26.3.2004. Danach haben 60 % der Bevölkerung Vertrauen zum Präsidenten, am Anfang seiner Regierungszeit waren es noch 80. Und 39 % sprechen der Regierung ihr Mißtrauen aus, zu Beginn der neuen Regierung waren es nur 13 %. Der Markt reagierte übrigens positiv auf diese Zahlen, weil man schlechtere erwartet hatte!

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