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BRASILIEN AKTUELL PER 4. APRIL 2004
von Karlheinz K.
Naumann
Obelix sagte unverblümt,
daß die Römer spinnen. Als
Ausländer und Gast in Brasilien sollte und braucht man diese
gallische Offenheit nicht zu übernehmen, denn dies tun schon die
Koalitionspartner der regierenden Arbeiterpartei PT und die PT - Spitze
selbst. Und so effizient, daß die Opposition die Regierung
verteidigen muß und damit wären wir wieder bei Obelix. Zwei
Beispiele,
wie man sich selbst ins Knie schießen kann und damit der
Wirtschaft sicher keinen Gefallen tut: Der Präsident Valdemar
Costa Neto der Koalitionspartei PL (Partido Liberal, wer will, kann sie
mit der F.D.P. vergleichen), die u.a. den Vizepräsidenten
José Alencar zu ihren Mitglieder zählt, der immer wieder
die hohen Zinsen angreift, sprach am 15.3.2004 dem Finanzminister
Palocci die Kompetenz zur Gestaltung der Wirtschaftspolitik ab und
forderte seinen Rücktritt. Und dehnte diese Forderung dann gleich
auf den Zentralbankpräsidenten Henrique Meirelles aus. Und das auf
dem Festakt anläßlich der Amtseinführung des neuen
Verkehrsministers Alfredo Nascimento, der auch der PL angehört.
Das zweite Beispiel lieferte die Spitze der PT, die Anfang März
schriftlich und sehr unmißverständlich von der Regierung
wirtschaftspolitische Maßnahmen forderte, um die Sozialprogramme
endlich zum Laufen zu bringen und die Wirtschaft, die letztes Jahr um
0,2 % schrumpfte, wieder wachsen zu lassen. So berechtigt die Kritik an
der Regierungsarbeit ist, die sich durch viel Reden und wenig Handeln
auszeichnet, so wenig förderlich ist ein öffentlich
ausgetragener Streit unter den Koalitionspartnern, der die Wirtschaft
weiter lähmt und Investitionsentscheidungen der
verunsicherten Unternehmer verzögert. Auf den Streit des
Landwirtschaftministers Roberto Rodrigues mit seinem Kollegen Mantega,
der ihn angeblich nicht empfangen wollte und deshalb von ihm vagabundo genannt wurde,
brauche ich nicht einzugehen, das hat mir schon die Financial Times
abgenommen, die Ähnlichkeiten mit einem Kindergartenstreit
feststellte.
Für die Vorliebe für das Reden und weniger für das
Handeln gibt es ein aktuelles Beispiel, welches leider die Wirtschaft
stark beeinträchtigt. Die Regierung hat großartig 11
Kreditprogramme verkündet, mit denen 6 Mrd. R$ in die Wirtschaft
gepumpt werden sollten; bis heute sind aber nur etwa 500 Mio. R$
verwendet worden:
- Baumaterialkredit: Die Caixa Econômica Federal hat
200 Mio. R$ verfügbar, aber nur 4 Mio. R$ vergeben, während
die Banco do Brasil ebenfalls 200 Mio. R$ vorsah, aber
erstaunlicherweise 373 Mio. R$ vergab
- Kleinkredite der Banco do Brasil für Rentner im
Rahmen des "Crédito Benefício": 300 Mio. R$
verfügbar, 20 Mio. R$ benutzt
- Kredite für Rentner: Im September 2003
angekündigt (und dabei blieb es)
- Arbeitskapital für Kleinunternehmer von
der Banco do Brasil (Programm seit einem Monat
bestehend): 500 Mio. R$ verfügbar, 13,4 Mio. R$ verwendet
- Finanzierung elektrischer Haushaltsgeräte: 100 Mio.
R$ bei der Banco do Brasil verfügbar, 5,2 Mio. R$ verwendet;
ebenfalls 100 Mio. R$ bei der Caixa Econômica Federal
verfügbar, 3,9 Mio. R$ benutzt
- IPI (Industrialisierungssteuer) - Ermäßigung
für Maschinen: 60 Mio. R$ im Februar und März
- IPI - Reduzierung für Fahrzeuge: 359 Mio. R$ von
August 2003 bis Februar 2004
- Modercarga (Finanzierung zum Kauf von LKWs): 2 Mrd. R$ im
Dezember 2003 angekündigt, seitdem Schweigem im Walde
- Modermaq (Finanzierung zum Kauf von Maschinen): 2,5 Mrd.
R$ im Dezember 2003 angekündigt, still ruht der See
- Kleinkredite (Microempréstimos Caixa Aqui): 100
Mio. R$ verfügbar, 76 Mio. R$ verwendet
- Kleinkredite (Microcrédito): 1,6 Mrd. R$
verfügbar, 300 Mio. R$ benutzt
Aber vom gutem Willen der Regierung
abgesehen, wer soll bei zurückgehender Kauftkraft und weiterhin
stratosphärisch hohen Zinsen solche Kreditprogramme eigentlich in
Anspruch nehmen? Aber eines der Steuersenkungsprogramme verdient eine
Anmerkung: Die IPI - Reduzierung um 3 Prozentpunkte für Fahrzeuge
hat nach Berechnungen der renommierten brasilianischen Beratungsfirma
Trevisan dem Staat 355 Mio. R$ Mehreinnahmen (!) gebracht, weil dadurch
40.000 Autos mehr gebaut und verkauft wurden und 30.000
Arbeitsplätze erhalten blieben. Schon Reagan machte diese
Erfahrung während seiner Zeit als Ministerpräsident
Kaliforniens; Steuersenkungen bringen Geld unter die Leute und sorgen
letztendlich für Mehreinnahmen des Staates.
Präsident Lula legte kürzlich Wert darauf kundzutun,
daß er sich sinngemäß "nur um die große Linie
kümmern könne". Was ihn nicht daran hinderte, Ende März
die GM - Fabrik in São Caetano do Sul zu besuchen, um wie ein
gewöhnlicher Kommunalpolitiker der Übergabe von 305 GM -
Fahrzeugen an die Bundesverkehrspolizei beizuwohnen. Bei dieser
Gelegenheit führte er auch aus, daß er nicht die
Fähigkeiten Gottes habe, um die Wunder zu vollbringen, die manche
von ihm erwarteten. Er müsse nur die Verfassung achten. Kein
Wunder, wenn der Präsident eines Landes von der Größe
Brasiliens glaubt, daß dies seine einzige Aufgabe sei, er in der
Volksgunst zurückfällt. Dies wurde ihm auch
unmißverständlich von ca. tausend Personen gezeigt,
die durch sein Bingo - Verbot ihren Arbeitsplatz verloren hatten und
ihn mit von der Força Sindical organisierten Sprechchören
vor dem Festzelt empfingen. Die tausend Personen im Festzelt
mußten übrigens alle ihre Personalausweisnummer registrieren
lassen, um Einlaß zu erhalten. Ich vermute, das hat noch nicht
einmal Pinochet machen lassen. Aber vielleicht spielte eine Rolle,
daß bei GM die Força
Sindical das Sagen hat, die Regierungspartei PT aber von der
Konkurrenzgewerkschaftsorganisation Central
Única dos Trabalhadores (CUT) unterstützt wird. Ein
zweites Beispiel für die "große Linie" ist ein Treffen des
Präsidenten mit Vertretern der ihm wichtigen und wohl kulturell
wertvollen Hip - Hop - Bewegung im Palácio
de Planalto, wie der Regierungssitz genannt wird, wo er den
nicht anwesenden "Konservativen" vorwarf, daß sie die aktuelle
politische Krise schürten und einen Krieg gegen seine Verwaltung
vorhersagte. Dem Zentralbankpräsidenten wurde übrigens
jüngst - nicht vom Staatspräsidenten, sei dazugesagt -
vorgeworfen, er sei konservativ, was dieser aber eher als Lob aufnahm.
Mit einer Feststellung gegenüber den Hip - Hop - Vertretern hat
Präsident Lula sicher Recht gehabt, nämlich daß dies
das schwierigste Jahr seiner Regierung sei, wobei abgewartet werden
muß, was bis 2006 passiert, wenn die Präsidentenwahl
ansteht. Ein Indiz für die Probleme ist, daß Brasilien laut Global Invest auf den 15. Platz der
größten Volkswirtschaften abgerutscht ist. Grund ist das am
31.3.2004 verkündete BIP, welches in 2003 nur 1,514 Billionen R$
betrug. In 1998 war Brasilien übrigens am BIP gemessen noch die
achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Hier die Rangliste von
2003:
Land
|
BIP
in
Billionen US$
|
USA
|
10,857
|
Japan
|
4,291
|
Deutschland
|
2,386
|
Großbritannien
|
1,752
|
Frankreich
|
1,732
|
Italien
|
1,459
|
China
|
1,381
|
Kanada
|
0,851
|
Spanien
|
0,819
|
Mexiko
|
0,612
|
Australien
|
0,508
|
| Südkorea |
0,521
|
| Indien |
0,510
|
Holland
|
0,505
|
| Brasilien |
0,493
|
Rußland
|
0,419
|
Wenn Rußland sein
Wirtschaftswachstum von 6 % jährlich halten kann, wird es
Brasilien wahrscheinlich schon 2005 überholen. Grund für das
schlechte Abschneiden Brasiliens ist natürlich außer der
Wirtschaftsstagnation (mittleres Wachstum von 1998 bis 2003 nur 1,4 %
jährlich) auch die starke Abwertung des R$ in den letzten beiden
Jahren. In 1998 konnte der achte Platz außerdem nur erreicht
werden, weil der R$ durch die Parität mit dem US$
überbewertet war.
Wer als Urlauber im Sommer auf einer deutschen Autobahn gen Süden
fährt, kann
schon mal in einen Stau geraten, der über 100 km lang ist,
verursacht durch den Sonnenhunger der Europäer.
Und wer
als brasilianischer
Lkw - Fahrer eine Ladung Sojabohnen zum Hafen von Paranaguá in
der Nähe Curitibas, der Hauptstadt Paranás, bringen will,
kann schon mal in einen Stau
geraten, der über
100 km lang ist, verursacht durch einen Streik gegen die
Hafenverwaltung und insbesondere gegen Eduardo Requião, dem
Bruder des
Ministerpräsidenten von Paraná, dem man Unfähigkeit
vorwirft. Und wer als
Reisender wie ich vor zwei Wochen aus dem Ausland zurück
nach Brasilien flog, kann schon mal in eine
Schlange von einigen hundert Passagieren geraten, weil die die
Pässe
kontrollierende Bundespolizei streikt bzw. Dienst nach Vorschrift
macht, um eine exorbitante
Besoldungserhöhung zu erzwingen. Wobei doch eigentlich immer
Dienst
nach Vorschrift gemacht werden sollte, denn wenn dies nicht die Norm
ist, fragt man sich, was die Vorschriften eigentlich sollen? Wobei
gerechterweise angemerkt werden muß, daß in den letzten
Jahren die
Einkommenserhöhungen in der Privatwirtschaft und im
öffentlichen Dienst
meist die inflationsbedingten Einkommensverluste nicht ausgleichen
konnten. Und wer seine Rente
beantragen will oder sonstwie mit der Sozialversicherung zutun hat,
z.B. wegen der Behandlung einer Krankheit oder wegen Arbeitslosigkeit,
kann schon mal in eine Schlange geraten, die einige hundert Menschen
umfaßt, weil auch hier die Mitarbeiter des öffentlichen
Dienstes streiken. Und wer sich seinen Platz vorne in der Schlange
sichern will, kann ihn sich von professionellen Schlangestehern
für 10 bis 15 R$ kaufen. Nur, in einem Land, in dem Möbel
für 15 Montsraten à 12 (zwölf) R$ angeboten werden,
haben die Leute, die von der Sozialversicherung nicht nur etwas wollen, sondern dringend brauchen, dieses
Geld für den ersehnten Platz vorne, der eventuell eine
Berücksichtung ihrer Belange garantiert, meist nicht
übrig. Und was die professionellen Schlangesteher angeht, Sie
kennen doch den Unterschied zwischen einer Autoschlange und einer
richtigen? Der trifft auch auf diese Berufsansteher zu, die die
Situation der Antragsteller ausnutzen.
Eine gesunde Art, die Wirtschaft voran zu bringen, ist der Sport. Er
dient der Gesundheit und wie der im Januar 2003 begonnene und noch
nicht veröffentlichte Atlas do
Esporte no Brasil zeigt, nicht nur der körperlichen und
geistlichen, sondern auch der finanziellen! Denn laut diesem Atlas, der
ab April in CD - Form erhältlich sein wird, ist der Sport in
Brasilien die unmittelbare Ursache für 1,2 Mio. direkte
Arbeitsplätze. Kein Wunder bei 10.000 Sportklubs, 406
Sportschulen, 20.000 Fitnesszentren und 4,8 Mio. jährlich
verkaufter Fahrräder! Angeblich frönen 7 Mio.
Brasilianer radikalen und Abenteuersportarten, ein Drittel der
Bevölkerung, im Süden sogar 60 %, sind irgendeiner Sportart
verbunden. Dr. Kneipp und Turnvater Jahn hätten ihre wahre Freude
daran!
Und wie steht es mit der Gesundheit unserer Industrie? Nach
Ermittlungen der Zentralbank, die Daten des IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e
Estatística) und der CNI (Confederação Nacional da
Indústria) ausgewertet hat, nicht so gut, wie man es sich
wünscht. Von 1992 bis 2000 stieg die Produktivität zwar um
stolze 65,5 % (nicht so gut wie Südkorea mit 119 %, aber besser
als die USA mit 45 %, Taiwan mit 49 % und Großbritannien mit 23
%), aber dann da an gings bergab. Von 2001 bis 2003 ging die
Produktivität um 0,7 % zurück, weil nicht mehr genug Geld
für Modernisierung und Innovation übrig war. Der aus dem Amt
entfernte Präsident Collor wird zwar heute nur noch als Buhmann
behandelt, aber er öffnete das Land und setzte es dem
internationalem Wettbewerb aus und setzte damit den Mechanismus in
Gang, der den erwähnten Produktivitätszuwachs bewirkte. Aber
Produktivitätszuwachs ohne Wirtschaftswachstum ist nicht
"nachhaltig", wie man heute so schön sagt. Und ohne Geld ist da
wenig zu machen.
Und zur "Nachhaltigkeit" gehört solides und breit gestreutes
Fachwissen. Und wie sieht es damit aus? Wenn man sich die Zahlen des Institute for Scientific Information ansieht,
schöpft man Hoffnung. Zwischen 1981 und 2001 stieg die Zahl der
vom Institut anerkannten brasilianischen wissenschaftlichen
Veröffentlichungen von 1.889 auf 10.550. Aber diese Hoffnung
vergeht wieder, wenn man bedenkt, daß zwischen 1990 und 1995 nur
2.572 Patente in Brasilien registriert wurden, 85 % davon von Erfindern
und Forschern im Ausland. Die Universität von Campinas hat das
Problem erkannt und versucht es zu lösen, man sucht Firmen, die
bereit sind, die 300 von der Uni gehaltenen Patente in der Praxis zu
verwerten. Ich habe vor einigen Tagen eine Firma in einer sogenannten Incubadora, was sinnigerweise
Brutkasten heißt, in São José dos Campos besucht.
Was ich sah, gab nicht viel Anlaß zu Hoffnung. In einem kleinem
Labor in einem einfachem Holzbau wird technologisch gute Arbeit
geleistet, aber was zum Erfolg gehört, nämlich ebenso gute
Arbeit im Vertriebs- und Finanzbereich, war nur rudimentär zu
spüren. Einen ähnlichen Besuch machte ich in der Nähe
von Aachen. Die Firma dort war in einem fast luxuriösem
Gebäude untergebracht und bereitete einen in der Zwischenzeit
vollzogenen Börsengang vor. Der Unterschied? In Deutschland war
eine Bank involviert und Berufsmanager leiteten bzw. überwachten
die Brutkastenfirma; in Brasilien fehlt es - obwohl die Banken das Geld
dafür haben - an Finanzierungsmöglichkeiten und der im hier
geschilderten brasilianischem Beispiel in Deutschland promovierte
Firmenchef und Plasmaphysiker beschäftigt sich mit dem, was er
versteht, nämlich
der Technik, eine Vertriebsstruktur gibt es aber z.B. in seinem Unternehmen praktisch
nicht.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, das Forschungsniveau in
Brasilien ist auf einigen Gebieten durchaus vergleichbar mit dem der
sogenannten "ersten Welt"; was Brasilien zum Nachteil gereicht, ist das
Fehlen eines breiten Mittelstandes, der seinen Kindern eine
Universitätsausbildung mit Niveau ermöglichen kann. Nur 9 %
der Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren studieren, während es
im bettelarmen Bolivien 20 und und in Argentinien fast 40 % sein
sollen. Und zumindestens in Brasilien ist es extrem wichtig, wo man
studiert; das Niveau der Hochschulen schwankt zwischen erbärmlich
und sehr gut, wobei die öffentlichen Einrichtungen meist besser
als die privaten Institutionen abschneiden. Was übrigens nicht
für die Schulen gilt, hier ist es umgekehrt.
Ich habe bis zu meinem zehnten Lebensjahr in Ostberlin gelebt, weil ich
einige hundert Meter zu weit östlich geboren wurde und die
Alliierten anschließend bei der Festlegung der
Sektorengrenzen keine Rücksicht auf mich nahmen und kann mich noch
gut an die Fünfjahrespläne der "DDR" erinnern, die dem
Vorbild der Sowjetunion folgten. Ähnliche Fehlplanungen auf der
Basis von Illusionen, wie sie damals an der Tagesordnung waren, erleben
wir heute in Brasilien. So erließ der Nationalkongress vor vier
Jahren ein Gesetz und dekretierte den Nationalen Erziehungsplan (Plano Nacional de Educação),
laut dem in 2008 dreissig Prozent der brasilianischen Jugendlichen der
oben genannten Altersklasse auf einer Universität sein sollten,
was ungefähr 9 Mio. Studenten entspricht. Heute, nach der
Hälfte der vorgegebenen Zeit, sind es ca. 3 Mio. bei einer
Bevölkerung von fast 180 Mio. Menschen.
Viele Erfindungen, die nicht in den USA gemacht wurden, kamen dort
zuerst auf den Markt. Daß die schnelle, pragmatische und
erfolgreiche Umsetzung sowohl eigener als auch fremder
Forschungsergebnisse bis heute eine Domäne der USA ist, zeigt
diese Graphik:
Von der 1998 weltweit für F+E ausgegebenen Summe von 732,5 Mrd.
US$ entfielen 1 Mrd. US$ auf Brasilien, das sind 0,14 %. Und ein
Teil dieser Summe trägt mit dazu bei, daß Brasilien eines
Tages ein im Lande gebautes Atomunterseeboot haben wird, wenn es denn
endlich fertig wird. Und dann hoffentlich nicht im Hafen von Rio an der
Kaimauer absäuft, wie es einem konventionellem U-Boot der
brasilianischen Marine während
eines Landganges der kompletten Besatzung, die Weihnachten feiern
wollte, passierte, weil ein
Lenzventil geöffnet, aber nicht wieder geschlossen wurde.
Dieser unbekümmerte Umgang mit nicht immer sinnlosen Vorschriften
war auch zum Teil daran Schuld, daß letztes Jahr eine verheerende
Explosion eine Raketenabschußbasis in Nordbrasilien vernichtete
und zahlreiche darauf arbeitende Techniker in den Tod riß.
Aber nach der letzten mutigen Leitzinssenkung am 17.3.2004 um 0,25 % -
Punkte auf 16,25 % wird jetzt
alles besser. Man stelle sich vor, die Zinsen für eine
Kontoüberziehung per cheque
especial betragen nur noch 142,9 % im Jahr und die Banken
vergeben Kredite an Privatpersonen schon für 76,6 % jährlich.
Das bedeutet ein spread von
127,6 % im Jahr, davon kann eine Bank ja wohl kaum leben. Vor allem,
wenn sie ihre normalen Kosten schon durch die Gebühren für
Kontoführung, Scheckausstellung, Überweisung etc. gedeckt hat
und eigentlich gar kein Geld verleihen muß. Da kann sich Otto
Normalverbraucher glücklich schätzen, wenn er ein Auto auf
Pump kauft und dafür nur 35,7 % Zinsen im Jahr berappen muß.
José Alencar schimpft also nicht ohne Grund nach wie vor
über die Zinsen!
Aber was nützt das Schimpfen, wenn ihm keine Taten folgen? Die
Regierung scheint wie gelähmt, u.a. immer noch durch den Fall
Waldomiro Diniz, ein Korruptionsfall, dessen Aufklärung durch eine
parlamentarische Untersuchungskommission die Regierung mit Hilfe der
PMDB, die früher ein politischer Gegner war und heute
Koalitionspartner ist, bis jetzt erfolgreich verhindern konnte. Aber
der Präsident hat ein Machtwort gesprochen, damit gestoppte
Bauvorhaben wieder in Angriff genommen werden und auf diese Weise das
versprochene Wachstumsspektakel doch noch realisiert wird. Immerhin
wird zur Zeit an 18 Wasserkraftwerken, 15 Gaspipelinestationen und
10.000 Straßenkilometern nicht weitergebaut, dazu kommen noch
Baustopps in Häfen und an Eisenbahnlinien. Im Januar 2003 hatte
die damals neue Regierung 33 gestoppte Wasserkraftwerksbaustellen
vorgefunden, an 15 wird jetzt wenigstens schon weitergebaut. Grund
für die Baustopps sind oft echte oder vermutliche Verletzungen der
Umweltschutzgesetze, d.h. eigentlich schlechte Planung oder falsche
Einschätzung der "grünen" Einflußnahme.
Zum eben zitierten Fall Waldomirogate, wie er auch genannt wird, kursiert im
Internet in Brasilien folgende Geschichte, die ich sechsmal
von verschiedenen Quellen zugeschickt bekam und die ich hier
übersetzt
und zensiert wiedergebe:
Am
ersten Tag nach den Ferien stellt die Lehrerin in einer US -
amerikanischen Schule den Schülern einen neuen Mitschüler
vor, den
Japaner Sakiro Suzuki. Der Unterricht beginnt und die Lehrerin fragt:
"Wollen wir mal sehen, wer die amerikanische Geschichte kennt. Wer hat
gesagt: Gebt mit Freiheit oder den Tod?"
Totenstille in der Klasse. Nur Suzuki meldet sich: "Patrick Henry 1775
in Philadelphia."
"Sehr gut, Suzuki! Und wer sagte: Der Staat ist das Volk und das Volk
kann nicht untergehen?"
Suzuki erhebt sich: "Abraham Lincoln, 1863 in Washington."
Die
Lehrerin blickt auf die anderen Schüler und sagt: "Schämt ihr
euch
nicht? Suzuki ist Japaner und weiß mehr über die
amerikanische
Geschichte als ihr!"
Worauf
im Hintergrund eine leise Stimme hörbar wird: "Leck mich am ...,
du S...japaner!"
Die Lehrerin fährt herum und
schreit: "Wer war das?"
Suzuki hebt
die Hand und antwortet: "General McArthur 1942 auf Guadalcanal und Lee
Iacocca 1982 auf der Hauptversammlung von Chrysler."
Totenstille in der Klasse. Auf einmal flüstert jemand: "Ich
glaube, ich muß mich übergeben!"
Die Lehrerin brüllt: "Wer hat das gesagt?"
Und Suzuki antwortet: "George Bush Senior zu Premier Tanaka
während eines Mittagessens in Tokio 1991."
Eine der Schüler erhebt sich und schreit: "...!"
Die nervöse Lehrerin ruft hilflos: "Aufhören! Wer war das
jetzt?"
Und Suzuki ohne zu zögern: Bill Clinton zu Monica Lewinsky im
Ovalem Salon des Weissen Hauses 1997 in Washington."
Ein anderer Schüler erhebt sich und schreit: "Suzuki ist ein
Stück Sch....!"
Und Suzuki kontert: "Valentino Rossi auf dem Großem Preis von Rio
2002 für Motorräder."
Die Klasse bekommt einen hysterischen Anfall, die Lehrerin fällt
in
Ohnmacht, die Tür öffnet sich, der Direktor tritt herein und
schimpft: "Was
für eine große Sch..., ich habe noch nie ein solches
Durcheinander
gesehen!"
Und prompt erwidert Suzuki: "Lula zu seinem Innenminister José
Dirceu im Februar 2004
in Brasilia nach dem Bekanntwerden der Korruptionsvorwürfe gegen
Waldomiro Diniz."
Am 31.4.2004 verkündete
die Regierung mit siebenmonatiger Verspätung durch ihren
Entwicklungsminister Luiz Fernando Furlan ihr Programm für eine
Industrie-, Technologie und Außenwirtschaftspolitik, welches
Investitionen in diesem Jahr von 15,05 Mrd. R$ vorsieht. Davon sollen
14,5 Mrd. R$ von Institutionen wie der BNDES (Bundesentwicklungsbank
ähnlich wie die KfW), der Banco do Brasil und der Finep (Financiadora de Estudos e Projetos)
bereitgestellt werden. Das Programm sieht die Modernisierung der
Industrie (2,5 Mrd. R$), die Stärkung kleiner und mittlerer
Unternehmen, die Entbürokratisierung von Firmengründungen,
Anreize zur Formalisierung (von Arbeitsverhältnissen), Lanzierung
brasilianischer Produkte im Ausland, Entwicklung neuer Produkte und
Verbesserung der Managementmethoden vor. Dabei sollen die als
strategisch wichtigen Sektoren Halbleiter und Software (1 Mrd. R$),
Anlagegüter und Maschinen, Pharma und Biotechnologie bevorzugt
werden. Über das neue Profarma - Programm sollen mit 500 Mio. R$
der Ersatz von importierten Wirkstoffen durch
brasilianische und der Export von Pharmaprodukten
gefördert werden.
Firmen, die nicht unbedingt
auf Taten der Regierung warten, sondern selber etwas unternehmen,
werden manchmal belohnt, wie die Fluggesellschaft TAM, die es zwar
nicht schaffte, mit der VARIG trotz der Präferenz der Regierung
für diese Lösung zu fusionieren, aber durch
Gemeinschaftsflüge mit ihr den Verlust von 605,7 Mio. R$ in 2002
in einen Gewinn von 173,8 Mio. R$ in 2003 umwandeln konnte. Grund war
u.a. die höhere Auslastung bei um 153 Mio. US$ geringeren
Leasingkosten. In 2002 betrugen die Leasinggebühren der TAM noch
524 Mio. US$, in 2003 nur 371. Von den 96 Flugzeugen sind Ende letzten
Jahres nur 70 in Betrieb gewesen, 20 Fokker 100 werden
zurückgegeben und 6 werden verliehen. Auch der Dollarkurs, der von
3,53 Anfang 2003 auf 2,88 R$ am Jahresende fiel, reduzierte die
Leasingkosten, aber auch die Ausgaben für Treibstoff. In den
ersten beiden Monaten des Jahres 2004 hatte die TAM 32,7 % Marktanteil
bei der Passagierbeförderung gegenüber 29,8 % der VARIG.
Die Reduzierung des brasilianischen Zivilflugzeugbestandes hat
übrigens interessante Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. So sucht
die Volksrepublik China am 4. April 2004 per Kleinanzeige im "Estado de
São Paulo", unserer renommiertesten überregionalen
Tageszeitung, Kopiloten für B 737-300/700 - Flugzeuge mit
mindestens 3.000 Flugstunden, davon wenigsten 1.000 als Kopilot. Die
Kandidaten dürfen maximal seit 6 Monaten außer Dienst sein,
aber Piloten mit bis zu einem Jahr Flugpause dürfen sich ebenfalls
bewerben, werden aber besonders unter die Lupe genommen. Also, wenn Sie
interessiert sind, schreiben Sie an vega@macau.ctm.net
.
Das Glück des Tüchtigen hat auch dem Stahlhersteller CSN (Companhia Siderúrgica Nacional)
gelacht, dessen Nettoumsatz letztes Jahr um 35,1 % auf 6,977 Mrd. R$
anstieg und der damit einen Gewinn von 1,031 Mrd. R$ erzielte nach
einem Verlust von 194,7 Mio. R$ in 2002. Das wurde möglich durch
eine kräftig gestiegene Nachfrage im In- und Ausland, durch
höhere Preise und durch die Aufwertung des R$ gegenüber dem
US$, was die Finanzierungskosten senkte. Die Nettoverschuldung der
Firma konnte dadurch Ende 2003 auf 4,9 Mrd. R$ reduziert werden.
Andere werden bestraft, wie Ambev, die größte brasilianische
Brauereigruppe, hervorgegangen aus der Fusion von Brahma und Antartica,
deren (Vorzugs-) Aktienkurs eine Woche, nachdem die Fusion mit der
belgischen Interbrew Anfang März 2004 angekündigt worden war,
um 26,5 % zurückging. Die Kontrolle liegt mit 52,8 % des
stimmberechtigten Kapitals und 57 % des Gesamtkapitals künftig
eindeutig bei Interbrew.
Am einfachsten haben es Firmen wie Cobra, die mit dem portugiesischem
Wirtschaftsministerium einen Kredit zwischen 25 und 100 Mio. €
verhandelt, um sich auf der iberischen Halbinsel niederzulassen, um
dort Personalcomputer und Ausrüstung für die Automatisierung
im Handel und im Bankwesen zu bauen. Und wenn man weiß, daß
Cobra der Banco do Brasil gehört, weiß man auch, wie einfach
es die Firma hat. Bleibt nur die Frage, warum eine staatliche
Bank eine Firma haben muß, die Computer und -zubehör
herstellt und warum diese Firma eine Fabrik in Portugal errichten und
betreiben soll.
Aber wenn es auch die Privatwirtschaft nicht so einfach hat, verliert
sie trotzdem nicht die Hoffung. So erwartet der 4.500 Mitgliedsfirmen
zählende Maschinenbauerverband Abimaq auf der Messe Mecânica vom 18. bis
22.5.2004 im Ausstellungsgelände Anhembi in São Paulo 1.700
Aussteller, davon 900 aus Brasilien und der Rest aus Kanada,
Frankreich, Portugal, Holland, Dänemark, Spanien, Argentinien,
Deutschland, Italien, China und Taiwan. Wahrscheinlich werden mehr als
100.000 Besucher kommen und Geschäfte in der
Größenordnung von wenigstens 1 Mrd. R$ abgeschlossen werden.
Und machmal kann Brasilien sich sogar gegen das Niedrigstlohnland China
durchsetzen. So transferierte die von der Philips kontrollierte Walita
die Produktion von Bügeleisen und Kaffemaschinen von China nach
Brasilien, weil man hier günstigere Gesamtkosten (Produktion +
Logistik) hätte. Walita setzte letztes Jahr 150 Mio. US$ um, das
sind 15 % des Umsatzes der Philipsgruppe in Brasilien. Für 2004
erwartet man ein Wachstum von 15 %.
Aufgrund der Währungssituation kann Brasilien trotz wieder
steigender Importe die Außenhandelsüberschüsse
aufrechterhalten und sogar wachsen lassen. Was Sorge macht, ist die
Fehleinschätzung der brasilianischen Regierung der Wichtigkeit der
USA als Exportland für Brasilien. Die offene Ablehnung der ALCA -
Pläne der USA durch Brasilien und die Ankündigung, daß
man so schnell wie möglich mit 30 Entwicklungsländern
individuelle Handelsabkommen abschließen will, läßt
nichts Gutes ahnen. Immerhin hat Brasilien 2003 für 16,7 Mrd. US$
nach den USA exportieren können, der "Rest der Welt" ohne die EU
hat Produkte für 15,8 Mrd. US$ von Brasilien gekauft. Und
was den schnellen Vertragsabschluß mit einzelnen Ländern
angeht, die seit zwei Jahren laufenden Verhandlungen mit Südafrika
über ein Freihandelsabkommen wurden auf Gespräche
über Zollpräferenzen heruntergeschraubt, die bis heute
ohne Ergebnis blieben. Wir haben eben - weltweit - zu wenig
Staatsmänner und zuviele Politiker. Hätte ich jetzt
eigentlich, um politisch korrekt zu sein, Staatspersonen schreiben
müssen?
So gut wie die Regierung beim Verhandeln dieser Verträge ist, ist
sie auch als Unternehmer. Am 26.3.2004 wurde bekannt, daß die
Staatsfirmen im Februar das schlechteste Ergebnis in der Geschichte
seit Beginn der Aufschreibungen in 1991 erzielten, nämlich ein
Defizit von 3,221 Mrd. R$. Der Grund soll die vorgezogene Zahlung von
3,3 Mrd. R$ Dividenden im Februar gewesen sein.
Im Jahre 2000 wurden bei einer Volkszählung 169.799.170 Einwohner
Brasiliens ermittelt, aber in den fünf offiziellen Registern der Caixa
Econômica Federal, Banco do Brasil, Serviço Federal de
Processamento de Dados -Serpro,
DataSus und DataPrev sind 541 Mio. Brasilianer erfaßt.
Selbst wenn man berücksichtigt, daß 289 Mio. Personen
doppelt erfaßt waren, bleiben immer noch 252 Mio. Brasilianer
übrig, 48 % mehr das Ergebnis der Volkszählung. Um hier
Ordnung zu schaffen, soll jeder Einwohner eine
Sozialversicherungsnummer (NIS = Número
de Identificação Social) erhalten.
Bei solcher Präzision sind die Arbeitslosenzahlen sicher auch
nicht unbedingt zuverlässig. Trotzdem sollen sie hier genannt
werden. In sechs im Februar vom IBGE untersuchten Metropolen wurden 2,5
Mio. Arbeitslose festgestellt, davon 48,5 % alleine in São
Paulo, was eine Arbeitslosenquote in dieser Region von 13,6 % bedeutet.
Am 24.3.2004 wurden die Ergebnisse einer Untersuchung der Fundação Seade und
des Dieese
veröffentlicht, danach betrug die Arbeitslosenquote in São
Paulo im Februar 19,8 %, der höchste Wert seit Beginn der
Aufschreibungen in 1985. Da die Erhebungskriterien unterschiedlich
sind, sind die Zahlen der beiden Studien nicht vergleichbar. Das IBGE
erfaßt nur Arbeitslose, die in den letzten 30 Tagen vor der
Erhebung Arbeit suchten, während Seade/Dieese
auch die sogenannte versteckte Arbeitslosigkeit berücksichtigt,
d.h. Menschen mit prekärer Arbeit (mit ihrer Situation
unzufriedene ambulante Händler und Gelegenheitsarbeiter auf
Arbeitssuche) und Mutlose, die es aufgegeben haben, Arbeit zu suchen,
weil sie in den letzten 12 Monaten wenigstens einmal, aber erfolgslos
Arbeit gesucht haben. Eine gute Nachricht: Im Februar wurden in
São Paulo 7.442 Arbeitsplätze geschaffen, soviel wie nie
zuvor in einem Februar in den letzten neun Jahren.
Daß Brasilien exzellente Finanzfachleute hat, zweifelt heute
niemand mehr an. War doch z.B. der jetzige Zentralbankpräsident
Meirelles weltweiter Chef der BankBoston, nachdem er vorher die Filiale
São Paulo geleitet hatte. Sein Vorgänger als Chef der
Zentralbank, Arminio Fraga, wurde jetzt von Joseph Stiglitz, dem
bekannten Wissenschaftler der Columbia University, zum Nachfolger von
Horst Köhler als IMF - Chef vorgeschlagen.
Hoffentlich kann man auch bald von Brasiliens Politikern sagen,
daß sie exzellent seien. Wobei ihnen nicht abgesprochen werden
kann, daß sie manchmal sehr geschickt sind. Zum Schluß noch
ein Umfrageergebnis vom 26.3.2004. Danach haben 60 % der
Bevölkerung Vertrauen zum Präsidenten, am Anfang seiner
Regierungszeit waren es noch 80. Und 39 % sprechen der Regierung ihr
Mißtrauen aus, zu Beginn der neuen Regierung waren es nur 13 %.
Der Markt reagierte übrigens positiv auf diese Zahlen, weil man
schlechtere erwartet hatte!
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