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BRASILIEN AKTUELL PER 30. APRIL 2004

von Karlheinz K. Naumann

Die guten Nachrichten zuerst: Im ersten Vierteljahr 2004 lagen die Verkäufe der paulistaner Industrie um 17,3 % höher als im gleichem Vorjahreszeitraum. Wenn man nur den März 2004 mit dem von 2003 vergleicht, liegt der Anstieg sogar bei 30,7 % und der März 2004 war um 22,3 % besser als der Vormonat. Allerdings sagt die FIESP (Industriedachverband von São Paulo), daß der Inlandsmarkt immer noch stagniert, die gezeigte Entwicklung ist fast ausschließlich auf den Export zurückzuführen. Das Realeinkommen in der paulistaner Industrie stieg im März 2004 gegenüber dem Vormonat um 2,1 % und gegenüber dem Februar 2003 sogar um 9,9 %, es besteht also Hoffnung, daß sich auch der Inlandsmarkt belebt.

Die FGV - RJ hat ebenfalls gute Neuigkeiten zu vermelden, denn die  vierteljährliche  Befragung von diesmal 1.055  Firmen mit 316 Mrd. R$
Jahresumsatz, davon 24,5 % im Export erzielt, zeigt  Optimismus. 35 % dieser Firmen wollen mehr Mitarbeiter einstellen als entlassen, 11 % äußerten die entgegengesetzte Absicht. Die Differenz von 24 Prozentpunkten ist die größte seit Oktober 1986, dem Jahr des  "Plano Cruzado". Vor allem die Lebensmittel- und die Kfz - Industrie, der Chemiesektor, die Elektroindustrie und der Telekommunikationssektor werden danach neues Personal kontraktieren. 46 % der Firmen des  metallverarbeitenden Sektors wollen Arbeitsplätze schaffen gegenüber nur 24 % ein Jahr zuvor im April 2003. 56 % der befragten Firmen erwarten eine Umsatz- und Absatzsteigerung, nur 10 % gehen von einem Sinken aus. Die Differenz von 46 Prozentpunkten ist die größte seit 10 Jahren. 53 % glauben an eine Produktionssteigerung, nur 15 % eher an eine Reduzierung. Hier spiegelt sich auch die Anstrengung wider, unnötige Bevorratung zu vermeiden. Im Juli 2003 sagten noch 22 %, daß sie überhöhte Bestände hätten, jetzt sind es nur 7 %. 57 % der Befragten erwarten weiterhin hohe Exportquoten, 7 % eher niedrigere als heute. Nach 13 vierteljährlichen Umfragen mit negativen Erwartungen zur Inlandsnachfrage war dies die erste mit einem positivem Ergebnis. Die FGV glaubt jetzt nicht mehr, daß 2004 ein verlorenes Jahr sein wird, betont aber die Notwendigkeit von Investitionen in Maschinen und Anlagen, um das erwartete Wachstum auch über die nächsten Jahre hinweg zu retten oder schöner gesagt "nachhaltig" werden zu lassen.

"Zwei Seelen streiten, ach, in meiner Brust!" Vermutlich kennt unser Finanzminister Palocci dieses Zitat nicht, aber er könnte dessen Sinn nicht besser ausgedrückt haben, als er kurz vor Ostern am 8.4.2004 in Paris die Forderung seiner Partei nach Erhöhung der Inflationsgrenze, die sich die Regierung gesetzt hat, um das lang erwartete Wirtschaftswachstum einzuläuten, mit den Worten kommentierte: "Lenin hätte gesagt, Linkssein ist eine Kinderkrankheit." Diese Forderung der PT - Abgeordneten ist in einem Dokument mit dem schönen Namen "Ostererklärung - Bevor es zu spät ist: Änderung jetzt" enthalten.

Am Karfreitag konnte man in den Nachrichten Bilder eines Schußwechsels in Rio, an dem auf der einen Seite Rauschgifthändler und auf der anderen ungefähr 300 Polizisten beteiligt waren und der mit dem Tod von unbeteiligten Zivilisten, Polizisten und Verbrechern endete, sehen. Unsere Rauschgifthändler arbeiten also wirklich ohne Rücksicht auf Verluste, aber diese Anstrengung wird von der Welthandelsorganisation offensichtlich nicht Ernst genug genommen. Am 7.4.2004 wurde nämlich endgültig ein im vergangenem Jahr von Indien begonnener Disput beendet und einigen Entwicklungsländern Handelspräferenzen mit den europäischen Ländern eingeräumt, die man nicht nur Indien, sondern auch Brasilien verweigert. Die Begünstigten sind die Textilindustrien Pakistans und die Landwirtschaften von Bolivien, Kolumbien, Costa Rica, Ekuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Panama, Peru und Venezuela. Die EU wird damit darin bestärkt, den großen Anteil der Rauschgiftaktivitäten dieser Länder am jeweiligem BIP dadurch zu bekämpfen, daß man ihnen die Gelegenheit gibt, auch legale Produkte in Europa zu vermarkten. Daß dies zu Lasten Brasiliens z.B. beim Kaffee oder bei Textilien geht, ist wohl eher ein colateral damage und daß Rauschgift nur dann angebaut und gehandelt wird, wenn es auch Käufer gibt, gehört wohl zu den Tatsachen, die man lieber totschweigt, weil es durch die übergroße Toleranz der Vergangenheit wahrscheinlich inzwischen hoffnungslos geworden ist, im eigenen Hause aufzuräumen. Aber Brasilien befindet sich leider auf dem besten Wege, bei künftigen Streitfällen der WHO gebührend berücksichtigt zu werden. Dazu paßt eine andere Nachricht vom 28.4.04, nämlich daß Brasilien einen Anteil von 2,8 % an der Weltbevölkerung hat, aber von 11 % an den auf der Welt verübten Morden. Absolut ausgedrückt, in Brasilien werden laut einer UNO - Statistik jährlich über 40.000 Menschen ermordet, was aber weniger Schlagzeilen als die Toten im Irak oder in Israel und Palästina macht. Weiterhin laut UNO gibt der Privatsektor in Brasilien jährlich mehr als 70 Mrd. R$ für die sogenannte "Industrie der Furcht" aus. Nebenbei bemerkt ist eine der beliebtesten Waffen der brasilianischen Rauschgifthändler deutschen Ursprungs. Schade, daß Deutschland zu solchen Produkten greifen muß, um Exportweltmeister zu sein. In Brasilien gibt es 20 Mio. Waffen, davon sind nur 2 Mio. ordnungsgemäß registriert, wie am 28.4.04 der Fernsehsender Rede Globo bekannt gab.

Brasilien ist ein großes Land mit einer großen Bevölkerung, was nicht heißt, daß der Markt für Exporteure diese Größe zwangsläufig begleitet, denn 33 % leben laut der Fundação Getulio Vargas - FGV von weniger als 79 R$ monatlich und befinden sich unter der Armutsgrenze. In den  Favelas Rios beträt die Arbeitslosenquote 19 %, im Bundesstaat "nur" 9 %. Die größte Favela Lateinamerikas, Rocinha, Schauplatz der Bandenkriege der hier tätigen Rauschgifthändler, hat das niedrigste Ausbildungsniveau Rios und die viertletzte Einkommenshöhe. Das Mindesteinkommen wurde übrigens - eine Schwergeburt - nach langen Diskussionen von der Regierung nicht wie während der Wahl versprochen verdoppelt, sondern am 29.4.04 vorbehaltlich der Zustimmung des Parlamentes um 8,3 % auf 260 R$ (ca. 75 Euro) monatlich erhöht; von der Regierung, die während ihrer Oppositionszeit wesentlich höhere Werte gefordert hat und jetzt am eigenen Leibe hautnah verspürt, was es heißt, Geld auszugeben, das man nicht hat. Hätte die Arbeiterpartei nicht u.a. die Reform der Sozialversicherung verhindert, gäbe es jetzt weniger Probleme für Präsident Lula. Aber wenn er seinem Vorgänger die Chance einer erfolgreichen Reform gegeben hätte, wäre er wahrscheinlich nicht sein Nachfolger geworden. Nicht nur Zeitreisen können Paradoxe schaffen! Damit die Sache nicht zu teuer wird, wurde übrigens auch das sogenannte Familiengehalt, eine Art Kindergeld, erhöht, das beeinflußt nicht die Renten, die an das Mindesteinkommen gebunden sind. Insgesamt kostet die Erhöhung des Mindesteinkommens um 20 R$ monatlich im Jahr 4,24 Mrd. R$. Eine   Kompensationsmöglichkeit ist vorhanden; man müßte nur den streikenden Staatsdienern, die u.a. für über 50 %ige Einkommenserhöhungen die Arme kreuzen, die Bezüge streichen.  Damit wäre den Kindern gedient, die heute Unterricht verlieren; Rentnern, die jetzt keine Rentenanträge stellen können; Kranken, die vom staatlichen Gesundheitsdienst nicht rechtzeitig behandelt werden; Flugreisenden, die Stunden damit verlieren, zum Vorzeigen ihres Passes anzustehen und vor allem der Staatskasse, die nicht als Streik verkleidete Erpressung belohnen müßte.

Im März erreichte die Arbeitslosenquote in den sechs größten Ballungsgebieten Brasiliens 12,8 % bzw. 2,7 Mio. arbeitsfähige Personen (211.000 mehr als im gleichem Vorjahresmonat), der höchste Wert seit Oktober 2003, als er 12,9 % betrug.  Der größte bisher seit Beginn der Aufschreibungen durch das IBGE im Oktober 2001 registrierte Wert betrug 13 % im Juni und August 2003.
 

Kein Wunder, daß sich der Kommunikationsminister Luiz Gushiken am "Tag des Journalisten" darüber beschwerte, daß die Medien Zwietracht in der (öffentlichen) Verwaltung säten und nicht über die vielen guten Taten der Regierung berichten würden. Dazu würde gehören - aber darüber wurde berichtet - daß China 5 Mrd. US$ in Brasilien für den Ausbau von Häfen und Eisenbahnlinien investieren wird, um den Export von Sojabohnen und Eisenerz nach China zu erleichtern. Ein entsprechendes Abkommen soll im Mai anläßlich eines Staatsbesuches Lulas in China unterschrieben werden.
 
Brasilienrisiko
Zu den schlechten Nachrichten gehört, daß am 14.4.04 die JP Morgan - Bank bekanntgab, daß man das Brasilienengagement reduzieren würde. Resultat: Das Länderrisiko Brasilien stieg am nächsten Tag um 7,7 % auf 600 Punkte. Am 28.4.04 betrug dieser Wert bereits 670 Punkte, der schlechteste Wert seit Oktober 2003. Aber die Regierung wird nicht müde, in Fernsehanzeigen  Vergleiche  zur  Vorgängerregierung anzustellen und u.a. mit dem Nachsatz "Das sind Fakten. Das ist die Wahrheit. In nur 15 Monaten Regierung Lula hat sich vieles verbessert." darauf hinzuweisen, wie erfolgreich man bei der Reduzierung des Länderrisikos war. Und dabei "vergißt", zu erwähnen, daß dieses Länderrisiko vor allem deshalb unter der Regierung von Fernando Henrique Cardoso stark anstieg, weil die Investoren Angst vor einer sozialistischen Regierung Lula hatten, die sich damals bereits abzeichnete. Am letzten Tag des Jahres 2003 betrug das Länderrisiko übrigens nur 483 Punkte. Und an dem Anstieg auf 670 Punkte, also um fast 39 % hat der alte Präsident bestimmt keinen Anteil. Die nebenstehende Graphik wurde am 29.4.04 von der Zeitung Estado de São Paulo mit der Überschrift "Balde de Água fria", was wörtlich übersetzt "Eimer mit kaltem Wasser" heißt, veröffentlicht und sagt mehr als viele Worte (risco país em pontos = Länderrisiko in Punkten, C-Bond % do valor de face = C-Bond  % des Nominalwertes, ontem = gestern).


Zu diesem Anstieg hat sicher die Ankündigung des "roten Aprils" durch die Bewegung der Landlosen MST beigetragen und die Tatsache, daß die Aussage des damals Präsidentschaftskandidaten Lulas, er sei der einzige, der diese Bewegung in den Griff bekäme, zwischenzeitlich ad absurdum geführt wurde. Vor der Präsidentschaft Cardosos warteten 40.000 Familien auf die Zuteilung von Land, als Präsident "beglückte" er 600.000 mit einer solchen Zuteilung und heute warten immer noch 80.000 auf Land. Offensichtlich ein mathematisches Wunder wie die (unmögliche) Quadratur des Kreises. Was ist die Erklärung dafür? Ganz einfach, die Landreform, bestehend aus Enteignung von Latifundien, ihre Zerstückelung und Verteilung an Familien ohne landwirtschaftliche Tradition und / oder Erfahrung ist ganz einfach unsinnig, weil sie Kleinbauern schafft, die wegen fehlender Wettbewerbsfähigkeit gegen die landwirtschaftlichen Großunternehmen nicht ankommen. Und diese Kleinbauern, die sich aus urbanen Arbeitslosen und aus der Landwirtschaft wegen deren Mechanisierung und Automatisierung ausgeschiedenen landwirtschaftlichen Arbeitern zusammensetzen, scheitern zwangsläufig. Schon 1996 zeigte eine Studie des Institutes Vox Populi, daß viele dieser neuen Kleinbauern vorher keinen landwirtschaftlichen Beruf ausgeübt hatten, sondern ehemalige Schneider, Volksschullehrer, Soldaten, Klempner oder Bankangestellte sind, von denen 67 % über 40 Jahre alt sind. 91 % der Befragten erklärten aber, vorher schon in der Landwirtschaft gearbeitet zu haben, z.B. als Landeigentümer oder Pächter. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie bereits einmal in der Landwirtschaft gescheitert sind, ist also groß. Nur 20 % der mit Land "beglückten" schaffen es, ihren Lebensunterhalt mit dem erwirtschaftetem Ertrag zu sichern und in der Landwirtschaft zu bleiben. Der Rest verläßt das überlassene Land innerhalb von 10 Jahren (oder verkauft - was verboten ist - das erhaltene Land direkt nach der Schenkung). Übrigens ein durchaus natürlicher Vorgang, denn heute arbeiten z.B. in den USA nur 1,5 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft, in Frankreich 6 %. Was übrigens gut in Brasilien funktioniert, sind die Genossenschaften von Kleinbauern, die bei einigen landwirtschaftlichen Produkten für 30 % der nationalen Produktion verantwortlich sind. Was nicht funktioniert, ist die Verbindung dieses Erfolges mit der linksradikalen MST - Bewegung.

Zur Abwechselung soll eine brasilianische "Erfolgsstory" geschildert werden, die am 31.3.04 in der Zeitschrift Exame veröffentlicht wurde: Seit 1997 versuchte der brasilianische Unternehmer Puppio eine zweite Fabrik zu bauen, um die Fertigung von Atemschutzmasken zu erhöhen. Seine Firma Air Safety wurde vor 10 Jahren in São Paulo gegründet und setzte mit 180 Mitarbeitern 15 Mio. R$ in 2003 um. Weil er in Brasilien keinen Kredit für die neue Fabrik erhielt, nahm er diesen in den USA auf und betreibt seit Anfang 2004 in Campbellsville in Kentucky eine Firma mit 40 Mitarbeitern, mit denen er seinen Gesamtumsatz diese Jahr zu verdoppeln hofft. Und zeigt stolz einen von Laura und George W. Bush unterschriebenen Brief vor, in dem ihm für die Schaffung von Arbeitsplätzen gedankt wird. In Brasilien erhielt er von der BNDES auf seine Bitte nach einem 7 Mio. R$ - Kredit den Bescheid, daß seine Firma für diesen Betrag zu klein sei. Er verlor seinen Mut nicht und bezahlte in 2000 die letzte Rate eines Grundstückes in Pindamonhangaba, wohin er seine Fabrik aus Santo Amaro hin verlagern und vergrößern wollte. In 2001 bat er erneut um einen Kredit, diesmal um 4 Mio. R$. Wieder war der Bescheid negativ mit der Begründung, daß sein Umsatz nicht ausreiche, um die Kreditraten zu zahlen. Um das Geld zu bekommen, hätte er Sachwerte in Höhe von 20 Mio. R$ als Sicherheit geben müssen. Also wählte er einen anderen Weg und nahm als Aussteller auf einer Messe in Orlando teil, mit einem winzigem Stand. Der reichte aber, um die Aufmerksamkeit eines amerikanischen Ausschusses für Industrieentwicklung zu erregen, der ihm sagte, daß Atemschutzmasken strategisch wichtig für die USA seinen und daß sein Argument fehlender Mittel kein Problem sei. Ende 2001 erhielt er einen Kredit von 3 Mio. US$, der aber zwei Jahre später nicht ausreichte, um auch Umlaufkapital für das neue Werk bereitzustellen. Kurz darauf wurden weitere 2 Mio. US$ bewilligt und die Produktion konnte beginnen. Als Sicherheit reichten die mit dem Kredit errichteten Installationen.

Letztes Jahr hat die staatliche BNDES 2,6 Mrd. R$ für Kredite an Firmen mit einer Umsatzgröße von 10,5 bis 60 Mio. R$ freigegeben. Leider ist nicht bekannt, wieviele Kreditgesuche von den abwickelnden Privatbanken abgelehnt wurden. Und diese Banken erhöhten im März trotz der Leitzinssenkung von 16,5 auf 16,25 % im Jahr und trotz des Rückganges der Zahlungsunfähigkeit von 8,4 % im Februar auf 7,9 % im März die Zinsen, die sie ihren Schuldnern abfordern. Laut Zentralbank betrug der mittlere Jahreszins im Februar 45,1 % und im März 45,3 %. Damit ist der seit Februar 2003 anhaltene Abwärtstrend gebrochen.
 
Da grenzt es schon an ein Wunder, daß im Februar die Industrieproduktion in acht von vierzehn Regionen gegenüber dem gleichem Vorjahresmonat wuchs. Am 14.4.04 gab das IBGE bekannt, daß das Wachstum vom Bundesstaat Pará mit 16,2 % angeführt wurde, São Paulo erreichte nur 2,6 %. Dafür fiel die Produktion in Ceará um 7,3 %, in Rio um 2,7 %.

Am 27.04.2004 wurde der Inflationsindex IPCA - 15 (umfassender Verbraucherindex) für April bekanntgegeben, der mit 0,21 % den niedrigsten Jahreswert aufweist, vor allem durch den Rückgang der Preise für Lebensmittel (- 0,17 %) und Treibstoff (Alkohol - 12,11 %, Benzin - 2,07 %). Der kumulierte Jahreswert erreichte 2,21 % und der für die letzten 12 Monate 5,33 %.

Im letzten Beitrag schrieb ich über das gute Ergebnis der TAM in 2003. Ihre Konkurrenzfluggesellschaft VARIG schaffte hingegen einen  Verlust von 1,8 Mrd. R$, immerhin ein um 36 % besseres Ergebnis als in 2002, als der Verlust sogar 2,8 Mrd. R$ betrug. Ende 2003 betrug die Verschuldung der VARIG 3 Mrd. R$ bei einem negativem Eigenkapital von 6,3 Mrd. R$. Allerdings streitet man sich mit der Regierung vor Gericht um 6,3 Mrd. R$, auf die man glaubt, Anrecht zu haben. Diese Forderung ist in dem jetzt mit Verspätung veröffentlichtem Bilanzergebnis nicht berücksichtigt.

Brasilien hat sich mit einer Jahreskapazität von 34 Mio. Tonnen einen herausragenden Platz in der Weltstahlindustrie erobert, der mit dem Ausbau auf 50 Mio. Tonnen, was eine Investition von 8 Mrd. US$ in den nächsten drei Jahren erfordert, gesichert werden soll. Diese gute Nachricht für die Hersteller von Hochöfen, Walzstraßen u.ä. Produkten bedeutet leider noch nicht, daß die brasilianische Wirtschaft wachsen wird. In 2003 ging das BIP um 0,2 % zurück, aber China wuchs um 9,1 %, Argentinien (!) um 8,4 %, Rußland um 7,3 %, Malaysia um 5,2 %, Australien um 4 %, die USA um 3,1 % und Mexiko um 1,3 %. Damit ist Brasilien genauso schlecht oder sogar schlechter dran als die Euroländer, die mit einem Wertzuwachs des Euros um 19,7 % in 2003 fertigwerden mußten. Grund dafür ist nach Ansicht vieler Analysten die restriktive Währungspolitik der Regierung. Und solange die Zinsen nicht normales Niveau erreicht haben, wird es auch trotz relativ niedriger Inflation kein Inlandswachstum in Brasilien geben. Was das Land einigermaßen am Laufen hält, ist der Export, der durch den starken Euro begünstigt wird. Das zeigt sich auch daran, daß Brasilien 2003 vom 25. auf den 24. Platz der Länder mit der größten Beteiligung am Welthandel vorrückte und die Öffnung der Volkswirtschaft von 11,7 auf 12,3 % des BIP erhöhte. Der brasilianische Export wuchs in 2003 um 21 %, also wesentlich mehr als der Weltmittelwert von nur 3,7 %.

 Wer Stahl herstellt, braucht - im doppelten Sinne - Kohle. Brasilien will bis 2010 Selbstversorger für Steinkohle werden und bis dahin 13 Mio. Tonnen jährlich "herstellen", ungefähr die Menge, die heute importiert wird und damit ein Defizit in der Handelsbilanz von 150 Mio. US$ verursacht.

Die Großen werden immer größer. Nachdem am 25.4.04 Sanofi-Synthélabo den Zuschlag für Aventis (aus der Fusion Rhône-Poulenc mit Hoechst in 1999 hervorgegangen) erhielt, hat sich die neue Gruppe an die Spitze der brasilianischen Pharmaindustrie gesetzt und nimmt weltweit mit einem Umsatz von über 22 Mrd. Euro hinter Pfizer (USA) und
GlaxoSmithKline (GB) den dritten Platz ein. In Brasilien betrug der Umsatz von Sanofi (Rio de Janeiro) und Aventis (Suzano) in 2003 zusammen über 360 Mio. US$, mehr als die bisherigen Marktführer Pizer und die brasilianische Aché.

Die chilenische Masisa, größter lateinamerikanischer Hersteller von Holzplatten, wuchs umsatzmäßig in Brasilien im ersten Vierteljahr um 82 % und erreichte damit 26 Mio. US$. Die Fabrik in Ponta Grossa in Paraná produziert zur Zeit monatlich 23.000 Kubikmeter OSB, davon werden 15.000 exportiert, 70 % in die USA, der Rest geht nach Argentinien, Uruguay und Mexiko. Im Inlandsmarkt Brasiliens konnten 16 % Zuwachs erreicht werden und der Vorjahresumsatz von insgesamt 74 Mio. US$ soll in diesem Jahr deutlich übertroffen werden.

Trotz der Probleme in den brasilianischen Häfen und nicht tarifärer Handelsschranken konnte der Export von Holz und Holzprodukten in den ersten drei Monaten 2004 um 36,7 % gegenüber dem gleichem Vorjahreszeitraum gesteigert werden, er wuchs von 563 auf 770 Mio. US$. Damit wurde ein Anteil am Gesamtexport Brasiliens von 3,7 % erreicht.

Mercedes-Benz (bzw. DaimlerChrysler) und Scania werden dieses Jahr einen Lkw- und Omnibusproduktionsrekord aufstellen. Mercedes plant 40.000 Einheiten, der beste Wert seit 1996, und Scania 12.000, der höchste Wert in den 48 Jahren Präsenz in Brasilien.
 
Die von der EMBRAER verbauten Flugzeugteile sind zwar oft noch importiert, aber die Nationalisierung macht Fortschritte. Bereits der sechste multinationale Zulieferer macht eine Fertigung in Brasilien auf. Es handelt sich um die belgische Sobraer der Sonaca - Gruppe, die mit Airbus und der chinesischen Eletra Holding Overseas das Joint Venture - Unternehmen Sopeçaero in São José dos Campos aufbaut, welches heute noch aus Belgien importierte Alublechteile bis zu 1,20 m Größe produzieren wird.
 

Brasilien bei NachtUngefähr die Hälfte Brasiliens, nämlich 4 Mio. Quadratkilometer, sind von tropischem Regenwald, dem größtem der Welt, bedeckt. Wie lange noch, ist aber nicht gewiß. Zwar sind die tropischen Regenwälder anderer Länder mindestens schon zur Hälfte zerstört und in Brasilien seit 1970 erst 16,3 %, aber dieser Wert Brasiliens bedeutet übersetzt, daß 653.000 Quadratkilometer Wald verlorengegangen sind, die Fläche Frankreichs und Portugals zusammen. Allein von 2002 zu 2003 waren es 23.750 Quadratkilometer. Das soll durch schärfere Kontrolle und durch verbesserte  Satellitenüberwachung geändert werden. Die nebenstehende Aufnahme zeigt deutlich, daß Brasilien trotz der Verlegung der Hauptstadt von Rio nach Brasilia immer noch hauptsächlich an der Küste besiedelt ist, denn vor allem Nordbrasilien ist trotz der wilden Rodungen und dem dadurch geschaffenem Platz für Weiden, Felder und Städte nach wie vor allem eine Domäne für Indios, Gold- und Edelsteinsucher, Holzfäller sowie Leuten mit Pioniergeist. Wobei nicht vergessen werden darf, daß 2.000 km entfernt von der Amazonasmündung eine Millionenstad im Urwald u.a. moderne Elektronikindustrien beherbergt, nämlich die frühere Gummibaronheimstätte und heutige Freihandelszone Manaus, die schon Schauplatz eines Filmes mit Klaus Kinski in der Hauptrolle war. Und daß das Gebiet Grande Carajás am Xingúfluß mitten im Urwald das größte Eisenerzabbaugebiet der Welt mit vorbildlicher Erhaltung der Umwelt ist.

Zum Abschuß eine Kuriosität, wenn dieser Ausdruck für Währungsreformen erlaubt ist. Hier die Daten der Währungsreformen Brasiliens seit 1942:

Datum
neue Währung
Umrechnung zur alten Währung
Bemerkung
01.11.1942 CRUZEIRO 1000 réis = Cr$1 mit Centavos
02.12.1964

Abschaffung des Centavos
13.02.1967 CRUZEIRO NOVO Cr$1000 = NCr$1 mit Centavos
15.05.1970 CRUZEIRO 1 NCr$ = 1 Cr$ mit Centavos
16.08.1984

Abschaffung des Centavos
28.02.1986 CRUZADO Cr$ 1000 = Cz$1 mit Centavos
16.01.1989 CRUZADO NOVO Cz$ 1000 = NCz$1 mit Centavos
16.03.1990 CRUZEIRO 1 NCz$ = 1 Cr$ mit Centavos
01.08.1993 CRUZEIRO REAL Cr$ 1000 = CR$ 1 mit Centavos
01.07.1994 REAL CR$ 2.750 = R$ 1 mit Centavos
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