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BRASILIEN AKTUELL PER 27. FEBRUAR 2004
von Karlheinz K. Naumann
Zum Karneval in Rio fällt dem
Spiegel nur die Schlagzeile
"Explosion der Sinnlichkeit" ein. Das verkauft sich sicher auch besser
als folgende Information: Der Karneval bewegte im Bundesstaat Rio de
Janeiro dieses Jahr ca. 800 Mio. R$, davon alleine 232 Mio. R$ für
die 673.000 Personen, die direkt oder indirekt an der Produktion des
Spektakels beteiligt waren. 108.000 Personen, die Hälfte davon
Arbeitslose, hätten ohne den Karneval kein vorübergehendes
Einkommen gehabt, alleine die Sambaschulen beschäftigten 18.000
Personen für Montagearbeiten! In der Umgebung des
Sambódromos, wo die Umzüge stattfinden, setzte jeder der
5.000 ambulanten Händler geschätzte 2.000 R$ um. Die
Stadtverwaltung investierte 21 Mio. R$ für Reparaturarbeiten am
Sambódromo, für die Ausschmückung der Stadt und
für Fastnachtsbälle. Die etwa 402.000 Touristen, davon 20 %
Ausländer, gaben ca. 423 Mio. R$ aus. Die Auslastung der Hotels
Rio de Janeiros betrug 100 % und die Gäste blieben im Mittel
fünf Tage, wobei jeder - die Kosten der Unterkunft eingerechnet -
500 US$ täglich ausgab. Der Hotelsektor nahm ungefähr 15 Mio.
US$ durch den Karneval ein.
Ohne den Karneval mit Drogenhandel in Verbindung bringen zu wollen,
sollen zum Vergleich auch einige Zahlen dieser "Branche"
aufgeführt werden: Sie beschäftigt in Brasilien 20.000 Boten
für die Auslieferung, in der Mehrzahl zwischen 10 und 16 Jahren
alt, die dafür den Gegenwert von 300 bis 500 US$ monatlich
erhalten. Das Marketing der Drogenhändler ist mehr als
erfolgreich, in den letzten 10 Jahren wuchs der Amphetaminverbrauch
unter Schülern und Studenten um 150 %, der von Haschisch um 325 %
und der von Kokain um 700 %. Die
Rentabilität des Kokainhandels ist dabei höher als die jeder
anderen legalen oder illegalen Aktivität. Der Drogenhandel und
seine Auswüchse sind auch die Ursache für einen
Großteil der 30.000 jährlichen Morde in Brasilien.
Am Karnevalsmontag herrschte wahrscheinlich schon
Aschermittwochsstimmung in der brasilianischen Bundesregierung, denn an
diesem gerade in Brasilien der Ausgelassenheit und Fröhlichkeit
gewidmetem Tag äußerte der bekannte Philosoph Dennis
Rosenfield seine Meinung über den augenblicklichen Zustand der
Regierungspartei mit Worten wie " Tupiniquim1) -
Bolchevismus", "Die Partei irrt nicht", "Der Zweck heiligt die Mittel"
und der ebenso bekannte Journalist Alcides Amaral (der schon Citibank -
Präsident in Brasilien war) zitierte die Stimmung eines jungen
Taxifahrers, der mit dem Wagen seines Vaters tagsüber sein
Abendstudium finanziert: "Das Volk will keine Pläne, Reisen (des Präsidenten), Ansprachen.
Die Regierung redet viel und macht wenig. Das Volk will arbeiten!" Und
wie es scheint, hat die Regierung nur einen Plan, nämlich an der
Macht zu bleiben, trotz des gerade heftig diskutierten Skandals der
Wahlkampffinanzierung ausgerechnet der Regierungspartei durch die
(ehemalige) rechte Hand des Innenministers mit wahrscheinlich illegal
"erarbeiteten" Geldern, wenn auch auf Landesebene und auf Rio de
Janeiro begrenzt - bis jetzt jedenfalls. Ein empörter Leser des "O
Estado de São Paulo", der geachtesten überegionalen
Tageszeitung Brasiliens, schrieb eine Leserbrief, in dem er - der
jahrelang in Deutschland gelebt hätte - darauf hinwies, daß
ein deutscher Kanzler und Friedensnobelpreisträger innerhalb von
Stunden zurücktrat, als bekannt wurde, daß an seiner Seite
ein Spion der "DDR" gearbeitet hätte, man eine solche Geste vom
brasilianischem Innenminister aber wohl nicht erwarten könne. Und
der Regierung fiel nichts anderes ein, als sich damit zu verteidigen,
daß alle Parteien so arbeiteten und der Fall ja außerdem
passiert sei, bevor man an die Regierung gekommen sei. Und weil ein
Bingobetreiber der Geldgeber war, verbot der brasilianische
Präsident kurzerhand das Spiel und will es jetzt unter
Regierungsaufsicht wieder einführen, unter der Verantwortung der
staatlichen Bundessparkasse, deren Gewinn durch das staatliche Lotto
sich damit mindestens verdoppel würde. In 2003 hatte die Sparkasse
3,5 Mrd. R$ durch das Lotto eingenommen.
Wie schwierig Prognosen für die brasilianische Volkswirtschaft
sind, zeigt das Verhalten des "Länderrisikos Brasilien". Nachdem
der Wert im Januar vorübergehend auf das Rekordtief von 397
Punkten absank, reichte jetzt der beschriebene Skandal für 589
Punkte am 19. Februar, C-Bonds wurden mit 94 % des Nominalwertes
verkauft und der Ibovespa fiel auf 20.950 Punkte. Am nächsten Tag
stieg das Länderrisiko kurzzeitig auf 626 Punkte und fiel
erst am Tagesende auf 579, weil der brasilianische Präsident
verkündete, daß alle Bingos verboten würden und allen
Anschuldigungen nachgegangen würde. Und wenn der Markt so
nervös reagiert, gibt es auch meistens gute Gründe dafür
- es ist nicht immer der Herdentrieb, der dahintersteckt.
Aber die Weltbank (Bird) unterstützt glücklicherweise
weiterhin die Regierung Lula und genehmigte am 19.2.04 einen 505 Mio.
US$ - Kredit für Brasilien. Unter anderem soll der Kredit
dafür verwendet werden, die zur Senkung von Logistikkosten
nötigen Reformen zu verwirklichen. Laut Weltbank
machen Logistikkosten den größten Kostenblock
brasilianischer Unternehmen aus und werden auf 20 % des BIP
geschätzt. Im Mittel machten sie ein Drittel der operativen Kosten
der hiesigen Firmen aus, in einigen Fällen erreichten sie die
Hälfte! Und die Zentralbank machte in 2003 einen Gewinn von 31,318
Mrd. R$, den größten seit der Währungsreform, die uns
den Real bescherte. Vom Gewinn des zweiten Halbjahres (7,136 Mrd. R$)
2003 sollen 5,356 Mrd. R$ zur Schuldentilgung verwendet werden. Was
auch bitter nötig ist, denn Brasilien zahlte für die Schulden
seiner Regierung nominal 145,21 Mrd. R$ Zinsen in 2003 (2002 : 114,00 /
2001 : 86,44 / 2000 : 77,96 / 1999 : 87,37 / 1998 : 68,33).
Das Jahr 2004 begann aber auch mit positiven Überraschungen, so
wurden z.B. im Januar 100.100 neue Arbeitsplätze registriert, das
beste Ergebnis eines Januars seit 1992, als angefangen wurde, diese
Daten im CADEG - Cadastro Geral de Empregados e Desempregados
festzuhalten. Im Januar 2003 waren es nur 35.485 neue
Arbeitsplätze. Die gute Nachricht wurde dadurch
beeinträchtigt, daß das Defizit der Sozialversicherung von
1,892 Mrd. R$ im Januar 2003 auf 3,152 Mrd. R$ im Januar 2004 gestiegen
ist, ein Indiz dafür, daß es mit der Reform nicht so weit
her ist, wie es die Regierung gerne darstellt. Hauptgrund ist die
20%ige Erhöhung des Mindestlohnes in 2003, der Grundlage für
die Festlegung der Auszahlungen ist. Deshalb hatte sich die
Vorgängerregierung immer vehement gegen die populistische
Forderung nach Erhöhung des Mindestlohnes gewandt.
99 % des brasilianischen Marktes für industrielle und medizinische
Gase werden von den fünf Firmen White Martins, Air Products, Aga
S.A., Air Liquide Brasil und IBG - Indústria Brasileira des
Gases kontrolliert, die jetzt beschuldigt werden, durch
Kartellpraktiken allein in 2003 ungerechtfertigte 1,2 Mrd. R$
zusätzlich eingenommen zu haben. Diese Zusatzeinnahmen können
teuer werden, denn auf Kartellbildung stehen schwere Strafen, für
die Firmen bis zu 30 % des Umsatzes und für die
Geschäftsführer bis zu 5 % des Umsatzes und 3 bis 5 Jahre
Gefängnis.
Am 16.2.04 unterzeichneten Petrobrás und White Martins ein Joint
Venture - Abkommen zur Vermarktung von Flüssignaturgas, welches in
einer White Martins - Fabrik in Paulínia verflüssigt werden
wird. Täglich sollen 380.000 Kubikmeter Naturgas durch die
Verflüssigung auf 620 Kubikmeter reduziert und damit der Transport
in bis zu 200 km entfernte Gegenden ohne Leitungsgasversorgung
wirtschaftlich möglich werden. Die behandelte Gasmenge entspricht
heute einem Prozent des Gasverbrauches Brasiliens.
Am 23.1.04 wurde das weltgrößte Elektrizitätswerk
seiner Art in São Paulo eingeweiht, welches als Rohstoff Methan
verwendet, der aus der Verrottung der 7.000 Tonnen Abfall stammt, die
täglich in São Paulo anfallen und jetzt in Elektroenergie
für 200.000 Personen umgewandelt werden. Die Technologie dazu
stammt von der holländischen Firma Van der Wiel, die ähnliche
Projekte in London, Paris und Barcelona realisierte.
Die brasilianischen Verhältnisse im Pharmamarkt können sich
deutsche Pharmaunternehmen nur wünschen. Oder eher nicht, denn in
Brasilien steht zwar schon lange fest, am 31.03.2004 werden die
Medikamentepreise wie jedes Jahr erhöht, aber die Unternehmen
haben wie in einer Planwirtschaft keinen Einfluß auf den Wert.
Bis zum 28.2.04 muß die Regierung die Formel für die
Preiserhöhung veröffentlichen, die vom Inflationsindex IPCA
(Índice Nacional de Preços ao Consumidor Amplo) ausgeht
und Zu- und Abschläge für die Gewinnerwartung der Branche,
die Preisentwicklung der importierten Wirkstoffe usw. vorsieht.
Maßgebend ist dafür die Câmara de
Regulação do Mercado de Medicamentos - CMED.
In Brasilien gibt es staatliche Pharmalabors, die der ärmeren
Bevölkerungsschicht zu kostenlosen Medikamenten über das
staatliche Gesundheitswesen verhelfen soll, da keine
Krankenversicherung Medikamente bezahlt und viele trotz 30 bis 50%iger
Preisnachlässe der Apotheken für viele Brasilianer
unerschwinglich sind. So sagte selbst im Juni letzten Jahres der
Präsident des Verbandes der brasilianischen Pharmaindustrie Cyro
Mortela vor dem Parlamentsausschuß für Sozialversicherung,
daß 50 Mio. Brasilianer auch dann keinen Zugang zu Medikamenten
hätten, wenn diese billiger wären. Die Landesregierung von
São Paulo z.B. unterhält die Fundação para o
Remédio Popular - Furp (Stiftung für Volksmedizin), die
2003 mit 60 verschiedenen Produkten den Rekordumsatz von 193,8 Mio. R4
erzielte, 28 % mehr als im Vorjahr. Dafür wurden alten Dogmen
über Bord geworfen und sogar Produktionsaufträge an Dritte
vergeben, sonst eine ausschließliche Praxis der privaten
Pharmaunternehmen. Von den 2,1 Mrd. abgesetzten Einheiten
stammten nur 1,4 Mrd. aus der Furp - Fabrik in Guarulhos,
der Rest aus Fremdfertigung. Die Hälfte der Medikamente gehen an
die Landesregierung, 15 % an registrierte Gemeinden und 35 % an die
Bundesregierung. Insgesamt gibt es in Brasilien 17 dieser staatlichen
Pharmafabriken.
Die größte Pharmafirma Indiens, Ranbaxy, wird mit einer
Investition von 20 Mio. R$ eine neue Fabrik in Campo Grande in Rio de
Janeiro bauen, die Anfang 2005 die Produktion mit 70 neu
einzustellenden Mitarbeitern aufnehmen soll. Heute beschäftigt man
120 Angestellte und 100 als Dienstleister arbeitende Personen.
2001 begann Ranbaxy in Brasilien mit einer kleinen
Produktionsstätte in São Gonçalo, nach wenig mehr
als zwei Jahren ist die Firma heute der fünftgrößte
Generikahersteller Brasiliens. Obwohl es billiger sei, aus Indien zu
importieren, will man die lokale Produktion aus strategischen
Gründen verstärken. Durch die neue Fabrik sei man in der Lage
anstelle heute 75 künftig 100 Produkte im Lande fabrizieren zu
können. In 2003 betrug der Umsatz in Brasilien 23 Mio. US$.
Schering - Plough hatte vier Jahre nichts mehr in die Ausweitung der
Veterinärsparte Schering - Plough Coopers in Brasilien investiert.
In 2004 will man nach den Worten des Firmenchefs Fernado Heiderich
wegen des erwarteten 40%igen Wachstums des brasilianischen
Fleischexportes jetzt 4 Mio. R$ einsetzen und den Nettoumsatz von 172
Mio. R$ in 2003 auf 203 Mio. R$ steigern.
Bunge Brasil investierte in 2003 ähnliche Werte wie im Jahr davor,
nämlich 418 Mio. R$, so wurde u.a. eine neue Margarinefabrik in
Suape in Pernambuco und die erste Sojaprozessierungsanlage in
Uruçuí in Piauí gebaut. In den nächsten
fünf Jahren will man das Geschäftsvolumen in Brasilien und
Argentinien verdoppeln.
Vale do Rio Doce arbeitet an der Kapazitätsgrenze und will, ohne
Firmenakquisitionen einzurechnen, im laufendem Jahr 1,8 Mrd. US$
investieren. Man denkt auch an den Kauf der peruanischen Kupfermine in
Las Bambas. Insgesamt sieht der Investitionsplan bis 2010 den Einsatz
von 7,5 Mrd. US$ für Kapazitätsausweitung vor, wobei der
Eisenerzabbau nach wie vor eine beherrschende Rolle einnimmt. China ist
hier einer der wichtigsten Abnehmer. Am 20.2.04 schloß die Vale
do Rio Doce den bisher größten langfristigen Liefervertrag
für Eisenerz ab, nicht mit China, sondern mit dem
größtem Stahlkonzern der Welt, Arcelor. Insgesamt sollen 20
Mio. Tonnen Eisenerz jährlich bis 2009 geliefert werden. In
Brasilien kontrolliert Arcelor die Stahlhütten CST (Companhia
Siderúrgica de Tubarão) und Acesita.
GM verfehlte in 2003 wegen 7.500 Fahrzeugen den Titel des
Marktführers an Fiat und machte außerdem 260 Mio. US$
Verlust, trotz eines Exportrekordes von 1,2 Mrd. US$. Ein neuer, lokal
entwickelter Wagen auf Basis des Konzeptmodelles Journey soll GM in
Brasilien wieder in die Gewinnzone bringen. Der neue Wagen, Konkurrent
des Ford - Modelles EcoSport, wird in der GM - Fabrik in
Gravataí in Rio Grande do Sul ab 2006 hergestellt werden,
bestätigte der Vizepräsident von GM, Hogan, der die
brasilianische Niederlassung von 92 bis 97 geleitet hatte.
Folgt man dem erstem Eindruck, muß man sich als Einwohner
São Paulos wünschen, daß die Autoindustrie eine Pause
einlegt. Morgens beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit in der
Stadt 33 und nachmittags 27 km/h, weil zuviele Fahrzeuge auf zu wenigen
und zu engen Straßen mit zu vielen Löchern unterwegs sind.
Was wird dagegen getan? Man schränkt den Verkehr ein, d.h.
abhängig von der Endnummer auf dem Nummernschild dürfen die
betroffenen Fahrzeuge wochentags zwischen 7 und 10 Uhr vormittags und
17 und 20 Uhr nachmittags nicht in die erweiterte Innenstadt. In
Wirklichkeit sollte die Autoindustrie einen Gang zulegen, denn viele
Verkehrsprobleme werden von liegengebliebenen fahruntüchtigen
Autos verursacht. Jeden Tag werden 838 Pannenfahrzeuge abgeschleppt.
Letztes Jahr im November wurden 12.311 (man muß schon sagen)
Schrottfahrzeuge aus dem Verkehr gezogen, dazu kamen 4.000
Unfallfahrzeuge. Ein Pannenfahrzeug, welches 15 Minuten auf einer
Hauptverkehrsstraße steht, verursacht im Mittel einen 3,5 km
langen Stau. Wenn heute der deutsche TÜV die Fahrzeuge São
Paulos überprüfen würde, wäre das Verkehrsproblem
gelöst, denn die Konsequenz wäre der Entzug der
Betriebserlaubnis für 35 % der Autos. Die im Bundeststaat
São Paulo zugelassenen Fahrzeuge sind zu 50,5 % über 10
Jahre alt. Ab 2004 soll es jetzt endlich über die
Zulassungsbehörde Detran TÜV - ähnliche Tests geben,
wobei im ersten Jahr nur die Fahrzeuge mit fehlerhaften Bremsen
ausgesondert werden. Ab 2005 werden dann weitere 11 Kriterien angewandt
werden. Die Inspektion der Fahrzeuge wäre schon 1997 möglich
gewesen, als die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen wurden, aber
Länder und Gemeinden stritten bis vor kurzem über die
Durchführungskompetenz, d.h. über die Verteilung der vom
Fahrzeughalter zu zahlenden Gebühren.
Durch das von der brasilianischen Regierung favorisierte Private Public Partnership -
Programm können bis 2005 insgesamt 16 Mrd. US$ private Mittel nach
einer Erhebung der ABDIB (Associação Brasileira da Infra
- Estrutura e Indústrias de Base) in Infrastrukturprojekte
investiert werden. Das Fehlen solcher Investititonen führt z.B.
während der Erntezeit zu 100 km langen Warteschlangen vor dem
Hafen von Paranaguá, in der Lkw - Fahrer tagelang einer
Geduldsprobe ausgesetzt werden, während ihre Ladung eventuell
verdirbt.
Ende 2003 erreichte der brasilianische Export nach Argentinien endlich
wieder die Werte von Mitte 1997 und man hofft nach 10 Jahren
Handelsbilanzdefizit für 2004 auf einen positiven Wert zugunsten
Brasiliens. Allein 2003 wuchs der brasilianische Export nach
Argentinien um 93,3 % und erreichte 4,8 Mrd. US$, ein Zeichen für
das Erstarken der argentinischen Wirtschaft.
Brasilien ringt seit Jahren mit Kanada um den zehnten Platz der
Rangliste der industrialisierten Länder. Wäre die Anzahl der
jährlich angemeldeten internationalen Patente der Maßstab,
hätte das "Forschungs- und Entwicklungsland" Brasilien schlechte
Karten, denn in 2003 registrierte Kanada 2.100 und Brasilien nur 221
solcher Schutzrechte. Spitzenreiter waren die USA mit 41.000, Japan mit
16.700 und Deutschland mit 13.900 internationalen Patenten. England
liegt abgeschlagen mit 6.000 auf dem viertem Platz, Frankreich
verzeichnete 4.700 und Holland 4.100. (Süd-)Korea meldete immerhin
2.900 internationale Patente an, mehr als die 2.400 Schwedens und die
2.300 der Schweiz.
Leider muß festgestellt werden, daß Brasilien 2003 nur
Ursprungsland von 0,2 % der internationalen Patente war. Den 221
Patenten Brasiliens stehen 1.200 Chinas, 611 Indiens, 376
Südafrikas und 313 Singapurs gegenüber, ein Armutszeugnis
für uns. Nur 7 der brasilianischen Patente wurden von
Universitäten angemeldet, in China waren es 70.
Zu diesem Vergleich der Schwellenländer paßt, daß
Brasilien Software für 100 Mio. und Indien für 10 Mrd. US$
exportiert. Wobei die brasilianische Regierung kräftig dabei
hilft, der eigenen Softwareindustrie Knüppel zwischen die Beine zu
werfen, zum einem durch die neue Cofins - Regelung, die die Software um
4,6 % verteuert, zum anderen durch die Bedingung, daß
Regierungslieferanten ein CMM2) - Zertifikat, Niveau 2
vorweisen müssen. Um dieses zu erhalten, müssen mehr
Bedingungen als für ein ISO 9000 - Zertifikat erfüllt werden,
außerdem kostet es im Schnitt 200 TR$, zuviel für die meist
kleinen, aber kreativen und innovativen Softwarehäuser.
Übrigens konnte Brasilien in den letzten 20 Jahren seinen
Gesamtexport in die USA von 8 auf 16 Mrd. US$ verdoppeln, die Chinesen
verdreissigfachten ihren USA - Export in diesem Zeitraum von 4 auf 130
Mrd. US$.
Wenn man die internationalen Patentanmeldungen auf Firmen bezieht, geht
die Führung an die Europäer. Den ersten Platz kann Philips
für sich verbuchen, es folgen Siemens, Matsushita, Bosch und Sony.
Bevor ich 1978 nach Brasilien kam, war ich in Deutschland Leiter der
zentralen Technologieentwicklung einer Firma, die sich mit dem Beinamen
"Erfinder AG" schmückte. Zu meiner Aufgabe gehörte es eines
Tages, diesen Namen durch Fakten zu rechtfertigen und zur allgemeinen
Überraschung war das Ergebnis, daß eine fast
hundertjährige Firma mit damals schon mehr als 12.000 Mitarbeitern
ein einziges Grundlagenpatent besaß, das der
Fahrradrücktrittnabe des Firmengründers. Fast alle anderen
wichtigen Produkte wie Kupplungen, Stoßdämpfer und
Drehmomentwandler waren Weiterentwicklungen von fremden
Grundsatzerfindungen. Das nur zum Trost für mein Gastland
Brasilien.
Das brasilianische Patentamt INPI (Instituto Nacional de Propriedade
Intelectual) entschied in 2003 über 110.000 Anträge für
Patente, Gebrauchs- und Geschmacksmuster sowie Marken, immerhin 85 %
mehr als im Vorjahr. Aber die Warteschlange ist trotzdem noch sehr lang, 70.000 Patent- und
400.000 Markenanträge müssen bearbeitet werden. Ursache ist
der Mangel an qualifiziertem Personal.
Die wenigsten wissen, daß in Deutschland viel mehr Brasilianer
leben als Deutsche in Brasilien. Insgesamt 1,9 Mio. Brasilianer leben
laut der Volkszählung3) von 2000 legal im Ausland,
nämlich:
Land
|
Brasilianer
|
Land
|
Brasilianer
|
Land
|
Brasilianer
|
USA
|
799.203
|
Uruguay
|
19.667
|
Libanon
|
5.874
|
Paraguay
|
454.501
|
Venezuela
|
15.606
|
Belgien
|
4.522
|
Japan
|
224.970
|
Großbritannien
|
15.020
|
Chile
|
3.567
|
Deutschland
|
60.403
|
Spanien
|
13.110
|
Griechenland
|
3.003
|
Portugal
|
51.590
|
Israel
|
11.002
|
Angola
|
2.500
|
Argentinien
|
37.912
|
Holland
|
10.532
|
Peru
|
2.123
|
Italien
|
37.122
|
Bolivien
|
9.364
|
Österreich
|
2.002
|
Schweiz
|
25.880
|
Schweden
|
7.000
|
Kolumbien
|
1.647
|
Frankreich
|
22.436
|
Australien
|
6.665
|
Mozambique
|
1.400
|
Surinam
|
20.015
|
Kanada
|
6.458
|
Jordanien
|
1,201
|
Und in Brasilien waren im Jahr 2000 insgesamt 510.000 Ausländer
registriert, die wichtigsten Herkunftsländer waren dabei:
Herkunftsland
|
in
Brasilien
|
Herkunftsland
|
in
Brasilien
|
Herkunftsland
|
in
Brasilien
|
Portugal
|
175.794
|
Argentinien
|
20.823
|
Chile
|
14.636
|
Japan
|
52.496
|
Uruguay
|
18.087
|
Deutschland
|
13.823
|
Italien
|
43.718
|
Paraguay
|
14.956
|
USA
|
9.977
|
Spanien
|
35.809
|
Bolivien
|
14.642
|
China mit Taiwan |
9.101
|
Viele der hier erwähnten Deutschen kamen nach Brasilien, um im
Maschinen- und Anlagenbau und in der Kfz - Industrie zu arbeiten und
damit auch Know How - Transfer zu realisieren. Wie gut das gelungen
ist, zeigen zum Schluß noch drei Graphiken, die die erfreuliche
Entwicklung im brasilianischem Maschinen- und Anlagenbau zeigen:
Die
Investitionen in die eigene Produktion zeigen eine deutliche
Aufwärtstendenz, wobei für 2004 sogar 6 Mrd. R$ geplant sind.
Die Modernisierung hat absolute
Priorität, dann erst kommen Kapazitätsausweitung und Ersatz.
Was für den deutschen Maschinenexporteur kurzfristig gut sein
kann, wenn dafür importiert werden muß. Je moderner die
brasilianischen Maschinenbauer aber werden, desto unabhängiger vom
Import werden sie auch. Was bedeutet, daß sich viele jetzt noch
zurückhaltene deutsche Maschinenbauer zu Kooperationen durchringen
müssen, um im Geschäft zu bleiben.
Und diese Graphik zeigt auch
deutlich, daß die wachsende Unabhängigkeit vom Import sich
auch in langsam steigenden Exportzahlen bemerkbar macht.
____________________________________________
1) Ein brasilianischer Indianerstamm
2) Capability Manufacturing Maturity
3) www.ibge.gov.br
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