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BRASILIEN AKTUELL PER 18. FEBRUAR 2004
von Karlheinz K. Naumann
Schlechte Nachrichten für die
Regierung (und für uns alle), seitdem der Zentralbankrat am
21.1.04 seine Leitzinssenkungen nicht mehr fortsetzte, verschlechterten
sich wesentliche Indikatoren. Das Länderrisiko stieg von 424 auf
518 Punkte (+ 22 %), der Dollar wurde um 2 % teurer (2,845 -> 2,904
R$) und die Börse verlor 4,5 % (Ibovespa 23.310 -> 22.201
Punkte).
Guten Nachrichten für die
Regierung, die staatliche Petrobrás hat 2003 den
größten Nettogewinn in ihrer 50jährigen Geschichte
verzeichnet, 17,795 Mrd. R$, 120 % mehr als in 2002. Und davon werden
3,145 Mrd. R$ in die Regierungskasse fließen. Insgesamt werden
5,647 Mrd. R$ Gewinne ausgeschüttet, denn neben der Regierung gibt
es auch viele Kleinaktionäre. 120 % Gewinnsteigerung bei einem
Umsatzzuwachs von 38 % und einer mengenmäßigen
Produktionserhöhung von 12 % bedarf einer Erklärung. Und die
liegt in der Gewinnmarge, die von 0,7 auf 7,3 US$ pro "barrel"
Treibstoff stieg, also um satte 914 %! Die US - amerikanische
Konkurrenz brachte es im Mittel nur auf 50,7 %. Ein weiterer Faktor war
der 6%ige Rückgang des Treibstoffverbrauches in
Brasilien, der die Importnotwendigkeit reduzierte. Dadurch wurde aus
einem Defizit von - 200 Mio. US$ in 2002 ein Petrobrás -
Handelsbilanzüberschuß von + 100 Mio. US$ in 2003.
Außerdem konnte die Petrobrás Dank einer 4,7 Mrd. R$ -
Investition anstelle 79 im letztem Jahr 80 % des gegenüber dem
importierten Rohöl schwereren brasilianischen Rohöles
verarbeiten, was eine gewaltige Margensteigerung bedeutet. Es geht der
Petrobrás so gut, daß sie es sich leisten konnte, 600 Mio.
US$ für die ehemalige Liquigás zu bieten, heute die
Division für Flüssiggasdistribution der Agip in Brasilien,
die mit 21 % Marktanteil die hiesige Nummer 2 ist. Ultragaz wurde nach
dem Kauf der Shell Gas Marktführer mit 24,5 %. Petrobrás'
Interesse am Kauf der Agip do Brasil ist verständlich, denn
Petrobrás hat schon das Monopol der Gasherstellung (durch
Verflüssigung von Erdöl) und der Lieferung an die
Distributoren. Ob das Kartellamt Cade seine Genehmigung für die
Übernahme der Agip gibt, ist aber nach der Auflage an
Nestlé, die von der deutschen Auswandererfamilie Meyerfreund
2002 für 250 Mio. US$ gekaufte Schokoladenfabrik Garato innerhalb
von 150 Tagen wieder zu
veräußern, wobei der Käufer nicht mehr als 20 % vom
brasilianischem Inlandsschokoladenmarkt beherrschen darf, fraglich. Und
ob Agip nach einer Übernahme
immer noch 4.000 Mitarbeiter benötigt, ist ebenfalls zu
bezweifeln. Und der Regierung, die Arbeitsplätze schaffen will und
muß, kommt es in einem Wahljahr sicher sehr ungelegen, an der
Vernichtung von Arbeitsplätzen teilzuhaben.
Aber wenn es der Petrobrás gut geht, heißt dies noch lange
nicht, daß die Regierung sorgenfrei ist. Und wer Sorgen hat, hat
auch Likör,
sagt der Volksmund. Danach müßte die brasilianische
Regierung riesige Alkoholvorräte unterhalten,
wenn sie sich an
diesen Spruch halten
würde. Wobei die Schuld diesmal nicht von vorneherein der
augenblicklichen Regierung zugewiesen werden kann, denn der Anstieg
begann schon 1996, als Lula noch davon träumte, Brasiliens Präsident zu werden. Aber er
konnte auch nach einem Jahr an der Regierung noch keine Trendwende
vorzeigen, Ende 2003 betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand
in Brasilien stolze 58,2 % des BIP.
78 % der privaten Kreditmittel
unserer Banken werden von der Regierung für Umschuldungen in
Anspruch
genommen. Der kümmerliche Rest steht Verbrauchern und Firmen zu
den
höchsten Realzinsen der Welt zur Verfügung. Dazu kommt eine
Steuerlast
von fast 40 % des BIP und eine interne Sparrate von nur 18 %, die
mindestens 25 % betragen müßte, um ein stabiles Wachstum zu
garantieren. Und leider ist die ständige Umschuldung notwendig,
weil die brasilianische Staatsverschuldung größtenteils
kurzfristig ist. Aber man muß der Regierung zugestehen, daß
sie die Stabilisierung der Staatsfinanzen geschickt betreibt.
Die privaten Schuldner stehen der Regierung nicht nach. Laut einer
Serasa - Studie haben im letzten Jahr 73 % der zahlungsunfähigen
Privatschuldner ihre finanzielle Situation bereinigt, in 2002 waren es
nur 50 % und davor sogar nur 30 bis 40 %. In 2003 wurden
24,1 Mio. Personen als schlechte Zahler ins Serasa -
Register aufgenommen, gleichzeitig wurden 17,6 Mio. aus dem Register der
Zahlungsunfähigen gestrichen. Das ist das beste Ergebnis, was
jemals verzeichnet wurde. Zur Zeit weist das Serasa - Register ca. 20
Mio. natürliche und juristische Personen auf, die ungedeckte
Schecks ausgestellt oder Wechselproteste verursacht haben.
Trotz der mißlichen
Situation der öffentlichen Finanzen erhielten 101 privatisierte
Firmen Darlehen der staatlichen
Nationalen Bank für wirtschaftliche und soziale Entwicklung BNDES
in Höhe von 15,6 Mrd. US$, und dies im Zeitraum von 1992 bis
September 2003. Das sind immerhin 14,8 % der 105,5 Mrd. US$, die durch
die Privatisierung erlöst wurden. Wenn man sich Einzelfälle
genauer ansieht, stößt man auf Firmen wie die Barcas S.A.,
die mehr Geld erhielten, als ihr Verkauf einbrachte. Die hier
genannte Firma betreibt den Fährverkehr zwischen Rio und
Niterói; sie wurde 1998, als der Dollar praktisch
paritätisch zum Real war, für 38,5 Mio. R$ verkauft und lieh
sich anschließend 77 Mio. R$ vom Staat. Am Petrochemiebetrieb
Oxiteno hatte der Staat eine Minderheitsbeteiligung, diese wurde 1993
für 53 Mio. US$ abgegeben. Dem steht ein Kredit aus staatlichen
Mitteln von 98 Mio. US$ gegenüber. Den Vogel schoß der
einzige brasilianische Flugzeugbauer Embraer ab, zwischen 1995 und 2003
nahm er 4,15 Mrd. US$ bei der BNDES auf. Aber in diesem Fall hat es
sich wenigstens gelohnt, denn die Embraer hat die Gelder klug verwendet
und sich eine weltweite Spitzenposition aufgebaut.
Nimmt man einen Wechselkurs
von 2,80 R$ zum Dollar an, hat die BNDES ca. 43,8 Mrd. R$ an ehemalige
Staatsfirmen ausgeliehen, mehr als der Etat mancher Bundesministerien.
So stehen dem Gesundheitsministerium nur 36,5 Mrd. R$ zu Verfügung
und hier besteht wirklich Investitionsbedarf! Wenigstens wurden die
Kredite nicht vergeben, damit bedürftige Käufer staatliche
Firmen
übernehmen konnten, sondern für die finanzielle
Restrukturierung und Modernisierung dieser ehemaligen Staatsbetriebe.
Bleibt nur die Frage offen, ob die Käufer dies nicht aus eigener
Kraft hätten machen können/sollen.
Allerdings stellt sich auch die
Frage, warum hätten die Käufer dafür eigenes Geld
aufwenden sollen? Die Antwort gibt uns wenigstens teilweise die gerade
veröffentliche Weltbankstudie "Doing Business 2002". Insgesamt
wurden von 2.000 Beratern 133 Länder unter die Lupe genommen. In
Brasilien waren es 21 Spezialisten, die zusammen mit ihren Kollegen zu
folgendem Ergebnis kamen:
- Um eine Firma zu eröffnen braucht man in Brasilien im
Schnitt 152 Tage. Damit sind wir immerhin besser als Mozambique
mit 153 Tagen, Indonesien mit 168 Tagen, Laos mit 198 Tagen, Haiti mit
203 Tagen und die Demokratische Republik Kongo mit 215 Tagen. In
England und Australien z.B. kann man in einem Tag eine Firma per
Internet eröffnen und selbst in Rußland benötigt man
nur 29 Tage für eine Firmeneröffnung.
- Um eine Firma ordnungsgemäß zu schließen, nehmen
wir den zweiten Platz unter den untersuchten Ländern ein,
allerdings von hinten. Wir benötigen 10 Jahre, um eine Firma zu
schließen, Indien aber 11,3 Jahre. Die sogenannten
Erstweltländer begnügen sich mit 1,8 Jahren. Gut, daß
wir nicht im alten Rom leben. Damals konnte ein Gläubiger
bestimmen, ob ein bankrotter Unternehmer als Sklave verkauft oder
hingerichtet wurde.
- Was die Arbeitsgesetzgebung angeht, haben nach Ansicht der
Weltbank nur Panama und Portugal noch weniger flexible Vorschriften.
Eine Verbesserung könnte die Arbeitslosenquote nach Ansicht der
Weltbank um 6 % - Punkte senken, was 5.000.000 Arbeitsplätze
bedeutet, die Hälfte der 10.000.000, die der brasilianische
Präsident im Wahlkampf versprochen hat.
- Mögen sich die Firmen trösten, die sich bemühen,
für ihre in Brasilien verkauften (und gelieferten) Waren auch Geld
zu bekommen. Hier sind wir nur das dreissiglangsamste Land, wenn es
darum geht, daß ein Gläubiger den Schuldner gerichtlich zur
Zahlung zwingen will. Was noch lange nicht bedeutet, daß ein
gewonnener Prozeß sich in klingende Münze verwandeln
läßt. Und die Banken berücksichtigen diese
Umstände natürlich mit einem Aufschlag von 10 bis 30 % auf
die Kosten eines Kredites.
Kein Wunder, daß der
Geschäftsführer einer deutschen Firma, für die ich die
brasilianische Niederlassung aufbaute, sagte, er hätte den
Eindruck, daß Brasilien mit allen Mitteln verhindern möchte,
daß ausländische Investoren in Brasilien
Produktionsstätten aufbauten. Solche Verhältnisse sind ideale
Voraussetzungen für Steuerhinterziehung und Korruption. Aber
Präsident Lula möchte lieber den Welthunger bekämpfen,
als die Voraussetzungen für eine unternehmerische Tätigkeit
im eigenen Land zu verbessern. Im Gegenteil, bei seinem kürzlichem
Indienbesuch hielt er den brasilianischen Unternehmern deren indische
Kollegen als leuchtendes Beispiel vor und empfahl seinen Landsleuten,
sie sollten weniger klagen und mehr arbeiten. Hört man da
klassenkämpferische Töne?
Aber wir wollen der Regierung nicht vorwerfen, sie tue nichts für
die Unternehmer. So wurde z.B. in 2000 das Refis - Programm ins Leben
gerufen, welches Firmen erlaubt, Steuerschulden in tragbaren Raten zu
zahlen. Der bekannte Schloßhersteller Fama war mit 128 Mio. R$
Steuern im Rückstand und durfte diese Summe in Monatsraten von 12
R$ (zwölf Reais) abzahlen. Zur Tilgung der Schuld waren damit nur
888.888 Jahre nötig. Offensichtlich waren diese Bedingungen aber
zu hart, denn vor zwei Monaten wurde die Firma aus dem Refis - Programm
ausgeschlossen ... wegen Nichtzahlung! Die Firma verschwand
gleichzeitig vom Markt, ist aber für das Finanzamt nach wie vor
eine aktive Firma. Dies ist übrigens bei weitem kein Einzelfall!
Sehen wir uns dazu noch eine Art "Super - Serasa - Liste" an. Sie
heißt Cida (Cadastro de Informações da
Dívida Ativa da União) und listet alle 4,5 Mio.
Steuerschuldner des Bundes auf. Diese juristischen und natürlichen
Personen schulden der Regierung insgesamt 198 Mrd. R$, das entspricht
72,5 % des Bundessteueraufkommens von 273 Mrd. R$ in 2003.
Das
Bundessteueraufkommen in 2004 ist so ungewiß, daß die
Regierung vorsichtshalber 6 Mrd. R$ des Etats eingefroren hat, die
Freigabe
hängt von der Einnahmenentwicklung ab. Außerdem wurde die
Steuerschätzung 2004 um 7,4 Mrd. R$ zurückgenommen, um mit
Sicherheit
in diesem Jahr nicht mehr auszugeben, als man eingenommen hat. Was
übrigens, d.h. das Leben über den Verhältnissen, in
Brasilien für die
Amtsinhaber auf jeder Ebene, sei es Gemeinde, Land oder Bund, strafbar
ist. Eine kluge Entscheidung,
sowohl dieses von der Vorgängerregierung eingeführte Gesetz
der
fiskalischen Verantwortung als auch der Pessimismus der jetzigen
Regierung, was den Finanzhaushalt angeht, wenn auch eine
unpopuläre.
Wobei man wissen sollte, daß im Januar der Bund 28,17 Mrd. R$ an
Steuern und Abgaben vereinnahmt hat, so viel wie nie zuvor. Selbst die
größten Optimisten in der Regierung hatten "nur" mit 27 Mrd.
R$
gerechnet.
Der Zentralbankrat,
der über die
Leitzinsentwicklung entscheidet, kümmert sich ebenfalls nicht um
die öffentliche Meinung, von heute 16.5 % wird der Leitzins nach
Ansicht der Analysten bis zum Jahresende nur auf 13 bis 14 %
zurückgenommen werden, weil die Inflation seit Oktober 2003 wieder
im Steigen begriffen ist.
Das wird natürlich das industrielle Wachstum nicht gerade
beflügeln, obwohl man bei einem Land von der Größe
Brasiliens das Wachstum regional betrachten muß. Und da sieht man
schon große Unterschiede wie die nachfolgende Tabelle zeigt. Die
industrielle Produktion Brasilien wuchs 2003 nur insignifikant um 0,3
%, aber im Bundesstaat Espírito Santo lag der Wert bei + 11,6 %.
Bei dem Namen des Bundesstaates mußte man dies vielleicht auch
erwarten. Santa Catarina hingegen, wo sich die deutschen Einwanderer
konzentriert niederliessen, mußte einen Rückgang um - 2,5 %
hinnehmen.

Der Bundesstaat São Paulo ist für 40 % des BIP verantwortlich, welches vom Industriesektor Brasiliens erarbeitet
wird. Mit einem Wachstum von 0,6 % in 2003 lag er wenigstens über
dem Durchschnitt Brasiliens von 0,3 %, aber dies ist auch nicht mehr
als ein positives Signal, die Auswirkung auf Brasiliens Volkswirtschaft
ist trotzdem eher schwach und weit entfernt von dem, was die Regierung
zu Beginn ihrer Amtszeit versprochen hat, als Präsident Lula
vollmundig von einem bevorstehendem Wachstumsspektakel gesprochen
hatte. Verantwortlich für das schwache, aber
überdurchschnittliche Wachstum São Paulos waren der
Konsumgütersektor und landwirtschaftliche Maschinen und
Ausrüstungen. Insgesamt war der Wachstumsmotor die
Exportindustrie, der Erdölsektor und die Landwirtschaft. Durch den
Einkommensrückgang der Bevölkerung und den damit verbundenen
Kaufkraftverlust ging insgesamt der Absatz und damit die Produktion an
Verbrauchsgütern zurück. Espírito Santo wuchs u.a.
wegen des Erdölsektors, der Abbau von Bodenschätzen wuchs
hier um 35,8 %, ein anderer Faktor war in diesem Bundesstaat die
Papier- und Zelluloseindustrie, die den Export um 22,7 % steigern
konnte.
Motorräder sind ein beliebtes Transportmittel vor allem für
die berüchtigten "Motoboys", die den Verkehr der
Großstädte noch komplizierter machen, als er ohnehin schon
ist. Der mit 87 % Marktanteil führende Hersteller Moto Honda da
Amazônia in Manaus nutzt die Gunst der Stunde und wird in diesem
Jahr 30 Mio. US$ investieren, um zum Jahresende eine Kapazität von
1 Mio. Einheiten und einen Nationalisierungsgrad, der heute 87 %
beträgt, von 95 % zu erreichen. Man erwartet nach einem Absatz von
827.986 Einheiten in 2003, das entspricht einem 10%igem Wachstum,
für dieses Jahr sogar 12,4 %. Letztes Jahr wurden 87.393
Motorräder exportiert, in 2004 sollen es 100.000 werden.
Da können die Autobauer nur neidisch werden. Der Dezember 2003 war
einer der besten Monate der Geschichte, aber im Januar gingen die
Autoverkäufe (ohne LKW) saisonbedingt um 37 % zurück. Nur
101.300 Fahrzeuge konnten an den Mann gebracht werden, 60.000 weniger
als im Dezember. Und gegenüber dem Januar 2003 beträgt der
Rückgang immerhin auch noch 5,2 %. Am schlimmsten erwischte es
Fiat mit einem Absatzrückgang von 54,3 % auf 21.200 Einheiten. GM
verkaufte 23.800 Fahrzeuge, 43,5 % weniger als im Dezember. VW holte
sich die Führung, die man im September 2002 verloren hatte,
zurück, der Rückgang betrug nur 9 %, es konnten 26.100
Fahrzeuge verkauft werden. Das sind 25,8 % Marktanteil, GM erreichte
23,6 % und Fiat 20,9 %. Ford schaffte 11,4 % bei einem
Absatzrückgang von 35,6 % gegenüber Dezember. Ein Grund
für den schwachen Januar sind sicher die Preiserhöhungen (3
bis 5 %) vom Jahresanfang, aber da 10.000 von 30.000 von den
Händler zur Zulassung gemeldeten Fahrzeuge noch in den
Läden sind, müssen die Dezemberzahlen mit großer
Vorsicht betrachtet werden.
Nochmal zurück zum Thema Schulden. Brasiliens Schuldenlast kann
auch anders als in absoluten Ziffern ausgedrückt werden, aber
nicht weniger erschreckend, denn allein die Zinszahlungen ohne Tilgung
entsprechen 9,49 % des BIP! Damit steht Brasilien laut Standard &
Poor's nur besser dar als Jamaika, die Türkei und der Libanon.
Brasilien veröffentlicht seit 1991 eine Statistik über die
Zinszahlungen des Bundes, der Bundesstaaten, Gemeinden und
Staatsunternehmen, in 2003 waren es 145,21 Mrd. R$, der höchste je
registrierte Wert. Mexiko zahlt nur 3 % vom BIP Zinsen, China und
Singapur nur 1 %!
Im ersten Regierungsjahr Lulas haben die brasilianischen
Banken so viel verdient wie nie zuvor. Die Itaú Holding
schloß 2003 mit einem Gewinn von 3,152 Mrd. R$ ab, das ist der
höchste jemals von einer Bank in Brasilien erzielte Wert,
gegenüber 2002 eine Steigerung von 32,6 %. Die Banco do Brasil
konnte in 2003 einen Gewinn von 2,381 Mrd. R$ und die Bradesco von
2,306 Mrd. R$ machen. Weitere Gewinne: Banespa 1,746 Mrd. R$, Caixa
Econômica Federal (Bundessparkasse) 1,616 Mrd. R$, Banco Real
1,13 Mrd. R$ und Unibanco 1,05 Mrd. R$.
Und da sagt man despektierlich, "Sozis" könnten nicht mit Geld
umgehen!
Deshalb ist der Anteil der Steuern bei einer Telefonrechnung in
Brasilien auch 40,1 %, während es in den USA 3 und in Japan 5 %
sind.
Der Maschinenbausektor hat 2003 einen Umsatz von 34,9 Mrd. R$ gemacht,
das sind nominal 2,1 % mehr als in 2002. Wenn man die Inflation
berücksichtigt, ergibt sich aber laut Abimaq ein realer
Rückgang um 9,6 %. Das nominale Wachstum war exportbedingt, der
Abimaq - Präsident Luiz Carlos Delben Leite nannte eine
Exportzuwachsrate von 33,5 % (4,9 Mrd. US$ nach 3,7 Mrd. US$), damit
macht der Export 44 % des Umsatzes des Maschinenbausektors aus. In 2003
wurden nominal 7,8 % weniger Maschinen (lokale und importierte) in
Brasilien verkauft, d.h. es wurde wahrscheinlich zu wenig investiert,
wenn man vom Kapazitätsüberangebot bei den Kfz - Herstellern
absieht. Positiv für Brasilien ist aber, daß der Bedarf an
Maschinen und Anlagen heute zu 63 % im Inland gedeckt werden kann, in
2001 waren es nur 56 %.
Die (nominalen) Wachstumsfelder waren 2003 Werkzeugmaschinen (+ 45,6
%), landwirtschaftliche Maschinen und Geräte (+ 42,6 %),
Holzverarbeitungsanlagen (+ 40 %), Hydraulik- und
Pneumatikeinrichtungen (+ 18,5 %), Industrieventile (+ 17,6 %), aber es
gab auch (nominale) Verlierer wie Schwermaschinenbau (- 34 %),
grafische Maschinen (- 9,3 %), Kunststoffverarbeitungsmaschinen (-5,4
%).
In 2002 betrug das Handelsdefizit des Maschinenbaues noch 2,4 Mrd. US$,
in 2003 konnte es auf 853,4 Mio. US$ reduziert werden.
Größte Abnehmerländer waren 2003 die USA (1,4 Mrd. US$,
+ 18,9 %), Argentinien (459,4 Mio. US$, + 192,7 %) und Deutschland
(390,7 Mio. US$, + 27 %). Gründe für die Exportsteigerung
sind der günstige Real - Kurs gegenüber dem Dollar und dem
Euro sowie BNDES- und Proex - Kreditlinien. Im Weltmaßstab ist
der größte Maschinenhersteller die USA mit 23 % der
Gesamtproduktion von ca. 1 Billion US$, dann folgen Japan mit 23 % und
Deutschland mit 12,5 %. Brasilien nimmt einen guten zehnten Platz mit
1,5 % ein. Um diesen Rang zu erobern und zu verteidigen, hat der Sektor
letztes Jahr 2,8 Mrd. R$ in Maschinen und Ausrüstungen investiert
und 1,3 Mrd. R$ in neue Installationen. Die Kapazität des Sektors,
der 183.200 Menschen beschäftigt, wurde aber 2003 nur zu 77,2 %
genutzt. Für 2004 erwartet der Abimaq - Präsident 10 %
Umsatzzuwachs im Export und 6 % im Inland. Aber, so sagt er
einschränkend, nur bei 3,5 bis 4 % Wirtschaftswachstum.
Ob dieses Wachstum erzielt wird, weiß keiner. Aber die Umfragen
zeigen, daß immer weniger Wähler glauben, daß die
Regierung in der Lage ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Am 10.2.04 gaben 39,9 % der 2.000 Befragten der Regierung ein "gut",
40,6 % ein "genügend" und 15,1 % ein "schlecht". Am Anfang
der Regierungszeit von Lula waren es: 56,6 % "gut", 17,7 %
"genügend", 2,3 % "schlecht". Die Beurteilung des Präsidenten
fiel ebenfalls - aber geringfügiger - ab, im Dezember 2003
waren 69,9 % mit ihm einverstanden, Anfang Februar 2004 waren es nur
noch 65,3
%. Aber am Beginn seiner Regierungszeit waren es 83,6 % gewesen! Mitte
Dezember 2003 gaben 42 % von 12.180 Befragten Lula die Note
"gut", 41 % "genügend" und 15 % "schlecht" und Zeitschriften wie
Veja sprechen heute schon von Größenwahn und
Sendungsbewußtsein, wenn sie den Regierungschef erwähnen.
Auch in der ausländischen Presse verliert sein Name
allmählich an Glanz.
Ob das der Grund ist, daß der Bundesverkehrsminister (hier
heißt er Transportminister) Andersen Adauto am 18.2.04
ankündigte, daß er am nächsten Tag um Entlassung
nachsuchen werde, um sich um das Bügermeisteramt von Uberaba in
Minas Gerais zu bewerben? Und das zu einem Zeitpunkt, wo er die
Verwendung von 30 % des Etats für 2004 ohne Ausschreibung
definieren und sich um 32.000 km niederschlagsgeschädigte
Straßen kümmern müßte.
Er wird wohl wie der Präsident von der Realität eingeholt.
Und die zeigt hart und
unmißverständlich, daß im erstem Regierungsjahr
Lulas das Einkommen der Beschäftigten in der Industrie um 3,8 %
zurückging und 0,5 % der industriellen Arbeitsplätze trotz
eines geringfügigen Wachstums von 0,3 % der brasilianischen
Industrie in 2003 verlorengingen. Diese Zahlen wurden vom IBGE
(Instituto Brasiliero de Geografía e Estatística, eine
Institution ähnlich dem deutschem Bundesamt für Statistik) im
Rahmen der Monatsstudie "Beschäftigung und Vergütung in der
Industrie" veröffentlicht. Der Einzelhandel spürte die
Auswirkungen, seit drei Jahren gehen die realen Umsatzzahlen jetzt
schon zurück. In 2001 waren es 1,57 % Rückgang, in 2002 "nur"
0,69 % und jetzt in 2003 sogar 3,68 %. Allerdings wuchs der
Einzelhandelsumsatz nominell in 2003 um 13,4 %. Im Jahr davor waren
7,34 %.
Der Scheck als Zahlungsmittel ist aus dem öffentlichem Leben
Deutschlands fast verschwunden, in Brasilien leider noch nicht.
Traurige Konsequenz: Unter den zurückgegebenen Schecks wuchs der
Anteil der gestohlenen, geklonten und gefälschten Schecks im
Zeitraum 2001 bis 2003 von 10 auf 18 %! Diese Daten wurden am
17.2.04 von Abracheque (Associação Brasileira das
Empresas de Informação, Verificação e
Garantia de Cheques) veröffentlicht. Im letzten Jahr wurden ca. 49
Mio. Schecks zurückgegeben, 2001 waren es 41 Millionen. Der Anteil
der wegen Betrug, Diebstahl oder Klonierung zurückgegebenen
Schecks
stieg absolut von 4,1 Millionen in 2001 auf 8,9 Millionen in 2003.
Über den "Wert" der betroffenen Schecks wurde nichts mitgeteilt.
Übrigens steht die brasilianische Nationalelf ununterbrochen seit Juli 2002, also schon 20
Monate, an der Spitze der Fifa - Rankliste!
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