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BRASILIEN AKTUELL PER 18. FEBRUAR 2004

von Karlheinz K. Naumann

Schlechte Nachrichten für die Regierung (und für uns alle), seitdem der Zentralbankrat am 21.1.04 seine Leitzinssenkungen nicht mehr fortsetzte, verschlechterten sich wesentliche Indikatoren. Das Länderrisiko stieg von 424 auf 518 Punkte (+ 22 %), der Dollar wurde um 2 % teurer (2,845 -> 2,904 R$) und die Börse verlor 4,5 %  (Ibovespa 23.310 -> 22.201 Punkte).

Guten Nachrichten für die Regierung, die staatliche Petrobrás hat 2003 den größten Nettogewinn in ihrer 50jährigen Geschichte verzeichnet, 17,795 Mrd. R$, 120 % mehr als in 2002. Und davon werden 3,145 Mrd. R$ in die Regierungskasse fließen. Insgesamt werden 5,647 Mrd. R$ Gewinne ausgeschüttet, denn neben der Regierung gibt es auch viele Kleinaktionäre. 120 % Gewinnsteigerung bei einem Umsatzzuwachs von 38 % und einer mengenmäßigen Produktionserhöhung von 12 % bedarf einer Erklärung. Und die liegt in der Gewinnmarge, die von 0,7 auf 7,3 US$ pro "barrel" Treibstoff stieg, also um satte 914 %! Die US - amerikanische Konkurrenz brachte es im Mittel nur auf 50,7 %. Ein weiterer Faktor war der 6%ige
Rückgang des Treibstoffverbrauches  in Brasilien, der die Importnotwendigkeit reduzierte. Dadurch wurde aus einem Defizit von - 200 Mio. US$ in 2002 ein Petrobrás -  Handelsbilanzüberschuß von + 100 Mio. US$ in 2003. Außerdem konnte die Petrobrás Dank einer 4,7 Mrd. R$ - Investition anstelle 79 im letztem Jahr 80 % des gegenüber dem importierten Rohöl schwereren brasilianischen Rohöles verarbeiten, was eine gewaltige Margensteigerung bedeutet. Es geht der Petrobrás so gut, daß sie es sich leisten konnte, 600 Mio. US$ für die ehemalige Liquigás zu bieten, heute die Division für Flüssiggasdistribution der Agip in Brasilien, die mit 21 % Marktanteil die hiesige Nummer 2 ist. Ultragaz wurde nach dem Kauf der Shell Gas Marktführer mit 24,5 %. Petrobrás' Interesse am Kauf der Agip do Brasil ist verständlich, denn Petrobrás hat schon das Monopol der Gasherstellung (durch Verflüssigung von Erdöl) und der Lieferung an die Distributoren. Ob das Kartellamt Cade seine Genehmigung für die Übernahme der Agip gibt, ist aber nach der Auflage an Nestlé, die von der deutschen Auswandererfamilie Meyerfreund 2002 für 250 Mio. US$ gekaufte Schokoladenfabrik Garato innerhalb von 150 Tagen wieder zu veräußern, wobei der Käufer nicht mehr als 20 % vom brasilianischem Inlandsschokoladenmarkt beherrschen darf, fraglich. Und ob Agip nach einer Übernahme immer noch 4.000 Mitarbeiter benötigt, ist ebenfalls zu bezweifeln. Und der Regierung, die Arbeitsplätze schaffen will und muß, kommt es in einem Wahljahr sicher sehr ungelegen, an der Vernichtung von Arbeitsplätzen teilzuhaben.

Aber wenn es der Petrobrás gut geht, heißt dies noch lange nicht, daß die Regierung sorgenfrei ist. Und wer Sorgen hat, hat auch Likör, sagt der Volksmund. Danach müßte die brasilianische Regierung riesige Alkoholvorräte unterhalten,
Verschuldungwenn sie sich an diesen Spruch halten würde. Wobei die Schuld diesmal nicht von vorneherein der augenblicklichen Regierung zugewiesen werden kann, denn der Anstieg begann schon 1996, als Lula noch davon träumte, Brasiliens Präsident  zu werden. Aber er konnte auch nach einem Jahr an der Regierung noch keine Trendwende vorzeigen, Ende 2003 betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand in Brasilien stolze 58,2 % des BIP.

78 % der privaten Kreditmittel unserer Banken werden von der Regierung für Umschuldungen in Anspruch genommen. Der kümmerliche Rest steht Verbrauchern und Firmen zu den höchsten Realzinsen der Welt zur Verfügung. Dazu kommt eine Steuerlast von fast 40 % des BIP und eine interne Sparrate von nur 18 %, die mindestens 25 % betragen müßte, um ein stabiles Wachstum zu garantieren. Und leider ist die ständige Umschuldung notwendig, weil die brasilianische Staatsverschuldung größtenteils kurzfristig ist. Aber man muß der Regierung zugestehen, daß sie die Stabilisierung der Staatsfinanzen geschickt betreibt.

Die privaten Schuldner stehen der Regierung nicht nach. Laut einer Serasa - Studie haben im letzten Jahr 73 % der zahlungsunfähigen Privatschuldner ihre finanzielle Situation bereinigt, in 2002 waren es nur 50 % und davor sogar nur 30 bis 40 %.  In 2003 wurden  24,1 Mio. Personen als  schlechte Zahler ins  Serasa - Register aufgenommen, gleichzeitig
wurden 17,6 Mio.  aus dem Register der Zahlungsunfähigen gestrichen. Das ist das beste Ergebnis, was jemals verzeichnet wurde. Zur Zeit weist das Serasa - Register ca. 20 Mio. natürliche und juristische Personen auf, die ungedeckte Schecks ausgestellt oder Wechselproteste verursacht haben.

Trotz der mißlichen Situation der öffentlichen Finanzen erhielten 101 privatisierte Firmen Darlehen der staatlichen Nationalen Bank für wirtschaftliche und soziale Entwicklung BNDES in Höhe von 15,6 Mrd. US$, und dies im Zeitraum von 1992 bis September 2003. Das sind immerhin 14,8 % der 105,5 Mrd. US$, die durch die Privatisierung erlöst wurden. Wenn man sich Einzelfälle genauer ansieht, stößt man auf Firmen wie die Barcas S.A., die mehr Geld erhielten, als ihr Verkauf einbrachte.  Die hier genannte Firma betreibt den  Fährverkehr zwischen Rio und Niterói; sie wurde 1998, als der Dollar praktisch paritätisch zum Real war, für 38,5 Mio. R$ verkauft und lieh sich anschließend 77 Mio. R$ vom Staat. Am Petrochemiebetrieb Oxiteno hatte der Staat eine Minderheitsbeteiligung, diese wurde 1993 für 53 Mio. US$ abgegeben. Dem steht ein Kredit aus staatlichen Mitteln von 98 Mio. US$ gegenüber. Den Vogel schoß der einzige brasilianische Flugzeugbauer Embraer ab, zwischen 1995 und 2003 nahm er 4,15 Mrd. US$ bei der BNDES auf. Aber in diesem Fall hat es sich wenigstens gelohnt, denn die Embraer hat die Gelder klug verwendet und sich eine weltweite Spitzenposition aufgebaut.

Nimmt man einen Wechselkurs von 2,80 R$ zum Dollar an, hat die BNDES ca. 43,8 Mrd. R$ an ehemalige Staatsfirmen ausgeliehen, mehr als der Etat mancher Bundesministerien. So stehen dem Gesundheitsministerium nur 36,5 Mrd. R$ zu Verfügung und hier besteht wirklich Investitionsbedarf! Wenigstens wurden die Kredite nicht vergeben, damit bedürftige Käufer staatliche Firmen übernehmen konnten, sondern für die finanzielle Restrukturierung und Modernisierung dieser ehemaligen Staatsbetriebe. Bleibt nur die Frage offen, ob die Käufer dies nicht aus eigener Kraft hätten machen können/sollen.

Allerdings stellt sich auch die Frage, warum hätten die Käufer dafür eigenes Geld aufwenden sollen? Die Antwort gibt uns wenigstens teilweise die gerade veröffentliche Weltbankstudie "Doing Business 2002". Insgesamt wurden von 2.000 Beratern 133 Länder unter die Lupe genommen. In Brasilien waren es 21 Spezialisten, die zusammen mit ihren Kollegen zu folgendem Ergebnis kamen:
Kein Wunder, daß der Geschäftsführer einer deutschen Firma, für die ich die brasilianische Niederlassung aufbaute, sagte, er hätte den Eindruck, daß Brasilien mit allen Mitteln verhindern möchte, daß ausländische Investoren in Brasilien Produktionsstätten aufbauten. Solche Verhältnisse sind ideale Voraussetzungen für Steuerhinterziehung und Korruption. Aber Präsident Lula möchte lieber den Welthunger bekämpfen, als die Voraussetzungen für eine unternehmerische Tätigkeit im eigenen Land zu verbessern. Im Gegenteil, bei seinem kürzlichem Indienbesuch hielt er den brasilianischen Unternehmern deren indische Kollegen als leuchtendes Beispiel vor und empfahl seinen Landsleuten, sie sollten weniger klagen und mehr arbeiten. Hört man da klassenkämpferische Töne?

Aber wir wollen der Regierung nicht vorwerfen, sie tue nichts für die Unternehmer. So wurde z.B. in 2000 das Refis - Programm ins Leben gerufen, welches Firmen erlaubt, Steuerschulden in tragbaren Raten zu zahlen. Der bekannte Schloßhersteller Fama war mit 128 Mio. R$ Steuern im Rückstand und durfte diese Summe in Monatsraten von 12 R$ (zwölf Reais) abzahlen. Zur Tilgung der Schuld waren damit nur 888.888 Jahre nötig. Offensichtlich waren diese Bedingungen aber zu hart, denn vor zwei Monaten wurde die Firma aus dem Refis - Programm ausgeschlossen ... wegen Nichtzahlung! Die Firma verschwand gleichzeitig vom Markt, ist aber für das Finanzamt nach wie vor eine aktive Firma. Dies ist übrigens bei weitem kein Einzelfall!

Sehen wir uns dazu noch eine Art "Super - Serasa - Liste" an. Sie heißt Cida (Cadastro de Informações da Dívida Ativa da União) und listet alle 4,5 Mio. Steuerschuldner des Bundes auf. Diese juristischen und natürlichen Personen schulden der Regierung insgesamt 198 Mrd. R$, das entspricht 72,5 % des Bundessteueraufkommens von 273 Mrd. R$ in 2003.

Das Bundessteueraufkommen in 2004 ist so ungewiß, daß die Regierung vorsichtshalber 6 Mrd. R$ des Etats eingefroren hat, die Freigabe hängt von der Einnahmenentwicklung ab. Außerdem wurde die Steuerschätzung 2004 um 7,4 Mrd. R$ zurückgenommen, um mit Sicherheit in diesem Jahr nicht mehr auszugeben, als man eingenommen hat. Was übrigens, d.h. das Leben über den Verhältnissen, in Brasilien für die Amtsinhaber auf jeder Ebene, sei es Gemeinde, Land oder Bund, strafbar ist. Eine kluge Entscheidung, sowohl dieses von der Vorgängerregierung eingeführte Gesetz der fiskalischen Verantwortung als auch der Pessimismus der jetzigen Regierung, was den Finanzhaushalt angeht, wenn auch eine unpopuläre. Wobei man wissen sollte, daß im Januar der Bund 28,17 Mrd. R$ an Steuern und Abgaben vereinnahmt hat, so viel wie nie zuvor. Selbst die größten Optimisten in der Regierung hatten "nur" mit 27 Mrd. R$ gerechnet.

InflationDer Zentralbankrat, der über die Leitzinsentwicklung entscheidet, kümmert sich ebenfalls nicht um die öffentliche Meinung, von heute 16.5 % wird der Leitzins nach Ansicht der Analysten bis zum Jahresende nur auf 13 bis 14 % zurückgenommen werden, weil die Inflation seit Oktober 2003 wieder im Steigen begriffen ist.

Das wird natürlich das industrielle Wachstum nicht gerade beflügeln, obwohl man bei einem Land von der Größe Brasiliens das Wachstum regional betrachten muß. Und da sieht man schon große Unterschiede wie die nachfolgende Tabelle zeigt. Die industrielle Produktion Brasilien wuchs 2003 nur insignifikant um 0,3 %, aber im Bundesstaat Espírito Santo lag der Wert bei + 11,6 %. Bei dem Namen des Bundesstaates mußte man dies vielleicht auch erwarten. Santa Catarina hingegen, wo sich die deutschen Einwanderer konzentriert niederliessen, mußte einen Rückgang um - 2,5 % hinnehmen.
  industrielle Produktion
Der Bundesstaat São Paulo ist  für 40 % des BIP
verantwortlich, welches vom Industriesektor Brasiliens erarbeitet wird. Mit einem Wachstum von 0,6 % in 2003 lag er wenigstens über dem Durchschnitt Brasiliens von 0,3 %, aber dies ist auch nicht mehr als ein positives Signal, die Auswirkung auf Brasiliens Volkswirtschaft ist trotzdem eher schwach und weit entfernt von dem, was die Regierung zu Beginn ihrer Amtszeit versprochen hat, als Präsident Lula vollmundig von einem bevorstehendem Wachstumsspektakel gesprochen hatte. Verantwortlich für das schwache, aber  überdurchschnittliche Wachstum São Paulos waren der Konsumgütersektor und landwirtschaftliche Maschinen und Ausrüstungen. Insgesamt war der Wachstumsmotor die Exportindustrie, der Erdölsektor und die Landwirtschaft. Durch den Einkommensrückgang der Bevölkerung und den damit verbundenen Kaufkraftverlust ging insgesamt der Absatz und damit die Produktion an Verbrauchsgütern zurück. Espírito Santo wuchs u.a. wegen des Erdölsektors, der Abbau von Bodenschätzen wuchs hier um 35,8 %, ein anderer Faktor war in diesem Bundesstaat die Papier- und Zelluloseindustrie, die den Export um 22,7 % steigern konnte.

Motorräder sind ein beliebtes Transportmittel vor allem für die berüchtigten "Motoboys", die den Verkehr der Großstädte noch komplizierter machen, als er ohnehin schon ist. Der mit 87 % Marktanteil führende Hersteller Moto Honda da Amazônia in Manaus nutzt die Gunst der Stunde und wird in diesem Jahr 30 Mio. US$ investieren, um zum Jahresende eine Kapazität von 1 Mio. Einheiten und einen Nationalisierungsgrad, der heute 87 % beträgt, von 95 % zu erreichen. Man erwartet nach einem Absatz von 827.986 Einheiten in 2003, das entspricht einem 10%igem Wachstum, für dieses Jahr sogar 12,4 %. Letztes Jahr wurden 87.393 Motorräder exportiert, in 2004 sollen es 100.000 werden.

Da können die Autobauer nur neidisch werden. Der Dezember 2003 war einer der besten Monate der Geschichte, aber im Januar gingen die Autoverkäufe (ohne LKW) saisonbedingt um 37 % zurück. Nur 101.300 Fahrzeuge konnten an den Mann gebracht werden, 60.000 weniger als im Dezember. Und gegenüber dem Januar 2003 beträgt der Rückgang immerhin auch noch 5,2 %. Am schlimmsten erwischte es Fiat mit einem Absatzrückgang von 54,3 % auf 21.200 Einheiten. GM verkaufte 23.800 Fahrzeuge, 43,5 % weniger als im Dezember. VW holte sich die Führung, die man im September 2002 verloren hatte, zurück, der Rückgang betrug nur 9 %, es konnten 26.100 Fahrzeuge verkauft werden. Das sind 25,8 % Marktanteil, GM erreichte 23,6 % und Fiat 20,9 %. Ford schaffte 11,4 % bei einem Absatzrückgang von 35,6 % gegenüber Dezember. Ein Grund für den schwachen Januar sind sicher die Preiserhöhungen (3 bis 5 %) vom Jahresanfang, aber da 10.000 von 30.000 von den Händler zur Zulassung  gemeldeten Fahrzeuge  noch in den Läden sind, müssen die Dezemberzahlen mit großer Vorsicht betrachtet werden.

Nochmal zurück zum Thema Schulden. Brasiliens Schuldenlast kann auch anders als in absoluten Ziffern ausgedrückt werden, aber nicht weniger erschreckend, denn allein die Zinszahlungen ohne Tilgung entsprechen 9,49 % des BIP! Damit steht Brasilien laut Standard & Poor's nur besser dar als Jamaika, die Türkei und der Libanon. Brasilien veröffentlicht seit 1991 eine Statistik über die Zinszahlungen des Bundes, der Bundesstaaten, Gemeinden und Staatsunternehmen, in 2003 waren es 145,21 Mrd. R$, der höchste je registrierte Wert. Mexiko zahlt nur 3 % vom BIP Zinsen, China und Singapur nur 1 %!

Im ersten Regierungsjahr Lulas haben die brasilianischen Banken so viel verdient wie nie zuvor. Die Itaú Holding schloß 2003 mit einem Gewinn von 3,152 Mrd. R$ ab, das ist der höchste jemals von einer Bank in Brasilien erzielte Wert, gegenüber 2002 eine Steigerung von 32,6 %. Die Banco do Brasil konnte in 2003 einen Gewinn von 2,381 Mrd. R$ und die Bradesco von 2,306 Mrd. R$ machen. Weitere Gewinne: Banespa 1,746 Mrd. R$, Caixa Econômica Federal (Bundessparkasse) 1,616 Mrd. R$, Banco Real 1,13 Mrd. R$ und Unibanco 1,05 Mrd. R$.
Und da sagt man despektierlich, "Sozis" könnten nicht mit Geld umgehen!

Deshalb ist der Anteil der Steuern bei einer Telefonrechnung in Brasilien auch 40,1 %, während es in den USA 3 und in Japan 5 % sind.

Der Maschinenbausektor hat 2003 einen Umsatz von 34,9 Mrd. R$ gemacht, das sind nominal 2,1 % mehr als in 2002. Wenn man die Inflation berücksichtigt, ergibt sich aber laut Abimaq ein realer Rückgang um 9,6 %. Das nominale Wachstum war exportbedingt, der Abimaq - Präsident Luiz Carlos Delben Leite nannte eine Exportzuwachsrate von 33,5 % (4,9 Mrd. US$ nach 3,7 Mrd. US$), damit macht der Export 44 % des Umsatzes des Maschinenbausektors aus. In 2003 wurden nominal 7,8 % weniger Maschinen (lokale und importierte) in Brasilien verkauft, d.h. es wurde wahrscheinlich zu wenig investiert, wenn man vom Kapazitätsüberangebot bei den Kfz - Herstellern absieht. Positiv für Brasilien ist aber, daß der Bedarf an Maschinen und Anlagen heute zu 63 % im Inland gedeckt werden kann, in 2001 waren es nur 56 %.

Die (nominalen) Wachstumsfelder waren 2003 Werkzeugmaschinen (+ 45,6 %), landwirtschaftliche Maschinen und Geräte (+ 42,6 %), Holzverarbeitungsanlagen (+ 40 %), Hydraulik- und Pneumatikeinrichtungen (+ 18,5 %), Industrieventile (+ 17,6 %), aber es gab auch (nominale) Verlierer wie Schwermaschinenbau (- 34 %), grafische Maschinen (- 9,3 %), Kunststoffverarbeitungsmaschinen (-5,4 %).

In 2002 betrug das Handelsdefizit des Maschinenbaues noch 2,4 Mrd. US$, in 2003 konnte es auf 853,4 Mio. US$ reduziert werden. Größte Abnehmerländer waren 2003 die USA (1,4 Mrd. US$, + 18,9 %), Argentinien (459,4 Mio. US$, + 192,7 %) und Deutschland (390,7 Mio. US$, + 27 %). Gründe für die Exportsteigerung sind der günstige Real - Kurs gegenüber dem Dollar und dem Euro sowie BNDES- und Proex - Kreditlinien. Im Weltmaßstab ist der größte Maschinenhersteller die USA mit 23 % der Gesamtproduktion von ca. 1 Billion US$, dann folgen Japan mit 23 % und Deutschland mit 12,5 %. Brasilien nimmt einen guten zehnten Platz mit 1,5 % ein. Um diesen Rang zu erobern und zu verteidigen, hat der Sektor letztes Jahr 2,8 Mrd. R$ in Maschinen und Ausrüstungen investiert und 1,3 Mrd. R$ in neue Installationen. Die Kapazität des Sektors, der 183.200 Menschen beschäftigt, wurde aber 2003 nur zu 77,2 % genutzt. Für 2004 erwartet der Abimaq - Präsident 10 % Umsatzzuwachs im Export und 6 % im Inland. Aber, so sagt er einschränkend, nur bei 3,5 bis 4 % Wirtschaftswachstum.
 
Ob dieses Wachstum erzielt wird, weiß keiner. Aber die Umfragen zeigen, daß immer weniger Wähler glauben, daß die Regierung in der Lage ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Am 10.2.04 gaben 39,9 % der 2.000 Befragten der Regierung ein "gut", 40,6 %  ein "genügend" und 15,1 % ein "schlecht". Am Anfang der Regierungszeit von Lula waren es: 56,6 % "gut", 17,7 % "genügend", 2,3 % "schlecht". Die Beurteilung des Präsidenten fiel ebenfalls - aber geringfügiger -  ab, im Dezember 2003 waren 69,9 % mit ihm einverstanden, Anfang Februar 2004 waren es nur noch 65,3 %. Aber am Beginn seiner Regierungszeit waren es 83,6 % gewesen! Mitte Dezember 2003 gaben 42 % von 12.180 Befragten Lula die Note "gut", 41 % "genügend" und 15 % "schlecht" und Zeitschriften wie Veja sprechen heute schon von Größenwahn und Sendungsbewußtsein, wenn sie den Regierungschef erwähnen. Auch in der ausländischen Presse verliert sein Name allmählich an Glanz.

Ob das der Grund ist, daß der Bundesverkehrsminister (hier heißt er Transportminister) Andersen Adauto am 18.2.04 ankündigte, daß er am nächsten Tag um Entlassung nachsuchen werde, um sich um das Bügermeisteramt von Uberaba in Minas Gerais zu bewerben? Und das zu einem Zeitpunkt, wo er die Verwendung von 30 % des Etats für 2004 ohne Ausschreibung definieren und sich um 32.000 km niederschlagsgeschädigte Straßen kümmern müßte.

Er wird wohl wie der Präsident von der Realität eingeholt. Und die zeigt hart und unmißverständlich, daß im erstem Regierungsjahr Lulas das Einkommen der Beschäftigten in der Industrie um 3,8 % zurückging und 0,5 % der industriellen Arbeitsplätze trotz eines geringfügigen Wachstums von 0,3 % der brasilianischen Industrie in 2003 verlorengingen. Diese Zahlen wurden vom IBGE (Instituto Brasiliero de Geografía e Estatística, eine Institution ähnlich dem deutschem Bundesamt für Statistik) im Rahmen der Monatsstudie "Beschäftigung und Vergütung in der Industrie" veröffentlicht. Der Einzelhandel spürte die Auswirkungen, seit drei Jahren gehen die realen Umsatzzahlen jetzt schon zurück. In 2001 waren es 1,57 % Rückgang, in 2002 "nur" 0,69 % und jetzt in 2003 sogar 3,68 %. Allerdings wuchs der Einzelhandelsumsatz nominell in 2003 um 13,4 %. Im Jahr davor waren 7,34 %.
 
Der Scheck als Zahlungsmittel ist aus dem öffentlichem Leben Deutschlands fast verschwunden, in Brasilien leider noch nicht. Traurige Konsequenz: Unter den zurückgegebenen Schecks wuchs der Anteil der gestohlenen, geklonten und gefälschten Schecks im Zeitraum 2001 bis 2003 von 10 auf 18 %!  Diese Daten wurden am 17.2.04 von Abracheque (Associação Brasileira das Empresas de Informação, Verificação e Garantia de Cheques) veröffentlicht. Im letzten Jahr wurden ca. 49 Mio. Schecks zurückgegeben, 2001 waren es 41 Millionen. Der Anteil der wegen Betrug, Diebstahl oder Klonierung zurückgegebenen Schecks stieg absolut von 4,1 Millionen in 2001 auf 8,9 Millionen in 2003. Über den "Wert" der betroffenen Schecks wurde nichts mitgeteilt.

Übrigens steht die brasilianische Nationalelf
ununterbrochen seit Juli 2002, also  schon 20 Monate, an der Spitze der Fifa - Rankliste!
 
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