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BRASILIEN AKTUELL PER 15. JANUAR 2004


von Karlheinz K. Naumann

Schade, daß man nicht die Zukunft vorhersagen kann, auch wenn einige Wahrsager das Gegenteil  behaupten. Denn wenn diese Fähigkeit bestünde, hätten sie sich am 27.11.2002, dem Tiefpunkt des Vertrauens in Brasilien, mit C-Bonds eingedeckt, die damals mit 48,4 % des Nominalwertes gehandelt wurden. Am 8.1.2004 wurden diese mit 8 % verzinsten Papiere nur mit Aufschlag abgegeben, der Realwert erreichte 100,2 % des Nominalwertes, das bedeutet eine Wertsteigerung von 110 %. Im selben Zeitraum ging das sogenannte Länderrisiko Brasilien von 2.445 auf 412 Punkte zurück und erreichte damit fast den bis vor kurzem historischen1)  Tiefpunkt von 405 Punkten vom 24.10.97. Die Börse wurde von der Euphorie erfaßt und begleitete den Höhenflug der C-Bonds, der Ibovespa - Index erreichte am 8.1.2004 das historische Hoch von 23.716 Punkten.

Einen Tag später gab die Minengesellschaft Vale do Rio Doce Titel für 500 Mio. US$ mit einer Laufzeit von 30 Jahren (!) und einer Verzinsung von 8,35 % aus, die von Moody's mit Ba2 bewertet wurden. Der Markt hätte sogar 1,65 Mrd. US$ hergegeben. Die C-Bonds stiegen auf 100,875 % und das Länderrisiko Brasilien ging auf 405 Punkte zurück.

Die Erklärung darf aber nicht nur in einem gesteigertem Vertrauen in Brasilien gesucht werden, denn bei den C-Bonds handelt es sich um kurzfristige Anlagen mit hoher Liquidität. Und da die T-Bonds der amerikanischen Regierung, die als sicherste Anleihe Maßstab für alle übrigen sind, nur 5,0 % jährlich abwerfen, von denen z.Z. 2,3 % Inflation abgezogen werden müssen, ist es verständlich, wenn Anleger nach höheren Renditen in emerging markets suchen.

Wie schnell sich die Situation ändern kann, zeigte die Intervention der Zentralbank am 13.1., als sie den Dollarkurs stützte. Das Länderrisiko, welches kurzzeitig sogar auf 397 Punkte gefallen war, stieg sofort um 32 Punkte auf 429.

Noch eine kurze Erläuterung zum Länderrisiko. 405 Punkte am 9.1.2004 im Falle Brasiliens bedeuten, daß die Verzinsung der C-Bonds um 4,05 % - Punkte höher als die der T-Bonds  ist. Sobald die USA den Leitzins von heute 1 % im Jahr erhöhen, wird die Nachfrage nach C-Bonds zurückgehen. Die brasilianische Regierung will daher auch die Gunst der Stunde nutzen, um C-Bonds zurückzukaufen.

C-Bonds werden in US$ gehandelt, wer jetzt noch einen Kursvergleich mit dem R$ macht, hat nach Umtausch in die brasilianische Währung noch einen zusätzlichen Gewinn gemacht, der nicht von der Inflation aufgefressen wurde, denn diese betrug in 2003 nur2) 8,17 %  (1999: 8,64 - 2000: 4,38 - 2001: 7,13 - 2002: 9,92).

Die Inflation, gemessen mit dem IPCA - Index, steht jetzt offziell für 2003 mit 9,3 % fest, 2002 waren es noch 12,53%. Das Ziel von 5,5 % für dieses Jahr scheint erreichbar. Interessant und typisch ist, daß die Inflation vor allem von den Preisen der öffentlichen Hand und von den Tarifen der ehemaligen Staatsfirmen angeheizt wird, wie z.B. Strom, Wasser, Transport, Telefon und Autobahngebühren.

Die Betrachtungsweise der Inflationsrate von einem brasilianischem Standpunkt aus gilt auch die Überziehungskredite, unseren sogenannten cheques especiais. Die Zinsen sind so niedrig wie noch nie, "nur" 8,05 % im Monat (!) Anfang 2004. Aufs Jahr bezogen kommen aber 153,32 % zusammen, gegenüber einem Leitzins von 16,5 % im Jahr. Kein Wunder, daß einige radikale Mitglieder (in der Oppositionszeit hätte man sie linientreu genannt) der Regierungspartei PT den Glauben an den sozialistischen Präsidenten Lula verloren haben, vor allem, nachdem sie aus der Partei ausgeschlossen wurden.

Wieder mal muß betont werden, daß Brasilien für einen Unternehmer ein schwieriges Land ist. Die Zinsen sind nach wie vor skandalös hoch, der am umsatzbezogenen Steueraufkommen gemessene Staatsanteil viel zu hoch und die 40 Mio. Brasilianer, die man als Verbraucher vom "Erstweltstandpunkt" aus betrachten kann, bei einer Bevölkerung von 176 Mio. Menschen viel zu wenig.

Die hohen Zinsen und der reale Einkommensrückgang sind sicher auch Schuld daran, daß in 2003 die Anzahl der ungedeckten Schecks, die in Brasilien im Gegensatz zu Deutschland noch ein sehr übliches Zahlungsmittel (gedeckte Schecks!) sind, einen neuen Rekord3)  erreichten. Die Anzahl nahm um 13,9 % zu, 15,5 Schecks von tausend waren ohne Deckung. Allein im Dezember 2003 waren es 2,9 Mio. Schecks, die nicht eingelöst werden konnten. Aber wenigstens waren die Weihnachtseinkäufe getätigt, wenn auch nicht alle bezahlt.

Aber wer immer noch sagt, Brasilien sei ein Entwicklungsland, muß trotzdem umlernen, denn selbst Schwellenland trifft nicht mehr exakt zu. Denn die brasilianische Durchschnittsfamilie gibt, was nicht ohne weiteres zu erwarten war, nach neuesten Umfragen bereits mehr für Internet und Kabel- oder Satellitenfernsehen aus als für Reis und Bohnen, die traditionellen Hauptlebensmittel des Brasilianers.

Es ist das alte Lied, was Henry Ford schon gesungen hatte: Wer will, das Autos gekauft werden, muß seine Mitarbeiter gut bezahlen, damit sie sich diese auch leisten können. Und wer will, daß die Industrie Mitarbeiter einstellt, muß ihr Wachstumsraten ermöglichen, die wiederum nur realisiert werden können, wenn mehr Leute in Lohn und Brot stehen. Das erinnert sehr an den Hauptmann von Köpenick: Ohne Aufenthaltserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit keine Aufenthaltserlaubnis. Aber die Regierung wird sich an der Quadratur des Kreises versuchen, der Minister für Entwicklung, Industrie und Außenhandel Luiz Fernando Furlan bestätigte am 8.1.2004, daß seine Priorität dieses Jahr die Schaffung von Arbeitsplätzen sei. Wobei er mehr die Voraussetzungen als die Arbeitsplätze selbst schaffen muß. Bis März soll eine neue Industriepolitik realisiert werden und bis dahin will er wöchentlich eine neue Maßnahme ankündigen. Sein erklärtes Ziel für 2004 ist es, einen Export von 80 Mrd. US$ zu erreichen, was machbar erscheint. So sind fast 70 % der Sojaernte, die Ende Januar beginnt, schon verkauft - und zu besseren Preisen als im Vorjahr, was einen Zusatzexport von bis zu 2,5 Mrd. US$ bedeuten kann, d.h. nur mit Soja wird bereits ein Exportvolumen von über 10 Mrd. US$ erreicht werden. Und dieses Bespiel aus dem Agrarsektor wiederholt sich auch in der Industrie, so wird die Embraer 1 Mrd. US$ mehr als im Vorjahr exportieren. Zurück zum Entwicklungsland Brasilien, wer eigenentwickelte Passagierjets weltweit verkauft und jetzt sogar auch in einem Joint Venture - Unternehmen in China fertigt, ist weit über dieses Stadium hinausgelangt.

Die guten Zahlen der Landwirtschaft spiegeln sich im Bereich der landwirtschaftlichen Maschinen wider. Laut ANFAVEA, dem Verband der brasilianischem Fahrzeughersteller, sollen in diesem Jahr 63.500 Landwirtschaftsfahrzeuge, d.h. vor allem Traktoren, produziert werden. Das wären 7,9 % mehr als in 2003, als 58.800 Einheiten gefertigt wurden. Von diesen wurden 21.400 (+ 105,5 % gegenüber 2002) in 160 Länder exportiert, ein neuer brasilianischer Rekord. Ein ständig wachsender Anteil dieser Fahrzeuge wird als CKD - Satz exportiert. Der Exporterfolg war sehr willkommen, denn im Inland gingen die Verkäufe 2003 zurück, mit 38.000 Einheiten wurden 10,7 % weniger abgesetzt als 2002. Grund war die verspätete und zu geringe Finanzierungsmöglichkeit für den Kauf von Traktoren, Ernte- und Erdbewegungsmaschinen über das Moderfrota - Programm der Bundesregierung.

Die Kfz - Hersteller, die letztes Jahr fast alle mit Verlust arbeiteten, haben wirklich Grund zum Klagen, seit 30 Jahren beschäftigten sie nicht so wenig direkte Mitarbeiter wie in 2003, nur 90.807! Aber der Produktivität war dies durchaus förderlich, immerhin wurden letztes Jahr 1,827 Mio. Fahrzeuge hergestellt, nur in 1997 waren es mehr, nämlich 2,069 Mio. Einheiten. In diesem Rekordjahr kamen 18 Fahrzeuge auf einen direkten Mitarbeiter, letztes Jahr waren es schon 20, also durchaus internationaler Standard. Schade, daß der Gewinn nicht mithält, aber bei einer Kapazitätsauslastung von ungefähr 60 % kann das wohl auch nicht erwartet werden. Da fragt man sich, welche Planungsmethoden die hochbezahlten Berater und Manager der Kfz - Industrie anwenden, die für dieses Jahr einen Absatz von 1,99 Mio. Einheiten vorhersagen, davon 1,54 Mio. im Inland. Die installierte Kapazität von 3,2 Mio. Einheiten liegt damit weiterhin zum großen Teil brach.

Die im Mittel auf Halde stehenden Fahrzeuge bezifferten sich letztes Jahr immer über 100.000 Fahrzeuge, aber Toyota und Honda schafften es, 2003 ohne unverkaufte Autos abzuschließen. Toyota konnte nach fünf Jahren Aktivität als lokaler Pkw - Hersteller 2003 erstmalig Gewinn verbuchen. Die Fabrik war ursprünglich für 15.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt und stellte letztes Jahr 2,5 mal mehr her. Der Inlandabsatz Toyotas steigerte sich 2003 um 66 %, der von Honda um 44 %. Selbst Mitsubishi - Fahrzeuge, die hier von der brasilianischen MMC gebaut werden, konnten bis November (den Dezemberwert weiß ich noch nicht) den Absatz um 8,4 % steigern.  Von den nicht japanischen Konkurrenten gelang es nur Ford, den Inlandsabsatz zu steigern. Wenn man die Marken aller Hersteller berücksichtigt, ging der Inlandsabsatz gegenüber 2002 um fast 6 % zurück.

Zusammengefaßt war der Absatz von Pkws und leichten kommerziellen Fahrzeugen bis November 2003 so:
Toyota (38.169 Stck.) + 66,8 %
Honda (27.721 Stck.) + 44,6 %
Mitsubishi (13.665 Stck.) + 8,4 %
Nissan (6.624 Stck.) + 10,3 %
Ford (132.693 Stck.) + 15,1 %
Fiat (294.212 Stck.) - 10,3 %
GM (290.881 Stck.) - 4,9 %
VW (254.017 Stck.) - 20 %
Renault (51.689 Stck.) - 6,8 %
Peugeot/Citröen (49.632 Stck.) - 17 %
Mercedes-Benz (8.175 Stck.) - 17 %

Das japanische Erfolgsgeheimnis ist Vorsicht und Bescheidenheit. Im Vergleich baute Renault gleich eine Fabrik für 110.000 Fahrzeuge im Jahr, produziert aber weniger als die Hälfte dieser Zahl. Bei PSA in Rio de Janeiro sieht es ähnlich aus. DaimlerChrysler nutzte sogar nur 20 % der Pkw - Montagekapazität in Juiz de Fora von jährlich 70.000 Autos. Toyota hat zwar heute nur 3,2 % Marktanteil, peilt aber 10 % in 2010 an. Was an den Japanern noch positiv auffällt, ist, daß sie kaum Konflikte mit ihren Arbeitnehmern haben. Meist werden junge Mitarbeiter eingestellt, die formbar sind, Honda schickte z.B. anfänglich eine ganze Gruppe nach Japan und ließ sie dort sogar japanisch lernen. Bedingung für die Einstellung war damals, daß der neue Mitarbeiter vorher bei keinem Konkurrenten gearbeitet hatte, man wollte nach eigenen Worten "unverdorbene" Personen haben.

VW do Brasil wird den Audi A3, der zur Hälfte aus Importmaterial montiert wird, nur noch bis Ende 2005 in Brasilien bauen und ab 2006 gibt es hier dann nur noch importierte Audis. In 2003 wurden nur 7.603 Wagen des Typs A3 verkauft. Auch die Tage des Golf, der ebenfalls im Werk in der Nähe Curitibas gebaut wird, scheinen gezählt zu sein, denn das neue Modell soll nicht nach Brasilien transferiert werden. Wahrscheinlich wird künftig aber der Fox dort gebaut werden.

Was dem Pkw - Sektor VWs nicht gelang, konnte der Lkw - Bereich realisieren, nämlich dem bisherigem Marktführer DaimlerChrysler den ersten Platz bei Fahrzeugen über 7 Tonnen wegzunehmen. VW setzte 2003 in diesem Bereich 21.006 und DaimlerChrys-ler 20.411 Fahrzeuge ab. Der Gesamtabsatz des Marktes betrug 61.170 Einheiten. Wenn man die leichten Fahrzeuge wie den Sprinter dazu nimmt, behält DaimlerChrysler den ersten Platz, aber in diesem Segment arbeitet VW nicht in Brasilien. Die VW - Nkw - Fabrik in Resende  ist erst sieben Jahre alt und arbeitet modular, d.h. die Zulieferer montieren ihre Teile selbst im VW - Werk. Die Fabrik genießt im Stammhaus einen guten Ruf, weil es ihr gelang, in den letzten vier Jahren im Durchschnitt vertriebsmäßig um 25 % zu wachsen. Deshalb kann sie auch über 1 Mrd. R$ Investitionsmittel bis 2007 verfügen, ein Wert übrigens, der zwischen 1996 und 2001 schon investiert wurde. Bei Omnibussen ist man nicht ganz so erfolgreich wie bei den Lkw, mit 29,6 % Marktanteil liegt VW hinter DaimlerChrysler, die 43,9 % haben. Insgesamt betrug der Omnibusabsatz letztes Jahr 16.687 Einheiten.

Was die Rentabilität des Kfz - Sektors einigermaßen rettete, war der Erfolg im Export, mit 5,5 Mrd. US$ Exporterlösen waren es 37,7 % mehr als im Vorjahr, ein absoluter brasilianischer  Rekord. Aber selbst in 2004 soll der Export weiter wachsen, aber nur noch um 5,5 %.

Die Luftfahrt hatte 2003 ebenfalls zu kämpfen. Das Passagiervolumen ging 2003 bei den Inlandsflügen um 6 % und bei Auslandsflügen um 0,8 % zurück. Die TAM konnte letztes Jahr ihre Führung ausbauen, 33,58 % Anteil am Inlandsmarkt bei 62 % Auslastungsgrad gegenüber der Varig mit 30,54 % Inlandsmarktanteil bei 65 % Auslastung. Seit März 2003 betreiben beide Gesellschaften gemeinsame Flüge und konnten damit ihre Produktivität steigern. Leider fielen diesem gutem Gedanken etliche Inlandsflüge zum Opfer, was dazu führte, daß ich z.B. von einem Besuch in Jaraguá do Sul nach São Paulo zurückkehren mußte, um mir Jaraguá do Sul anschließend aus der Vogelperspektive anzusehen, als ich nach Caxias do Sul flog. Die Varig ist nach wie vor unangefochten der brasilianische Marktführer bei Auslandsflügen, 86,9 % Marktanteil gegenüber den 13 % der TAM  sprechen für sich. Der Neuling GOL, dem viele wenig Überlebenschancen gaben, erreichte 21,69 % Marktanteil bei den Inlandsflügen mit einer Auslastung von 73 %, die VASP nur noch 12,12 % mit 56 % Auslastung.

Was den Luftfahrtgesellschaften z.Z. auch Sorge bereitet, ist das geringe Budget der militärischen Aufsichtsbehörde, welches es nicht erlaubt, die vorgeschriebenen Audits durchzuführen. Das kann zur Folge haben, daß ab März in den USA wegen vermuteter Sicherheitsmängel nur noch Miami von brasilianischen Gesellschaften angeflogen werden darf. Übrigens gibt es außer Brasilien und Kuba nur noch zwei oder drei afrikanische Staaten, in denen die zivile Luftfahrt dem Militär untersteht.

Die Kfz - Industrie ist nicht allein, wenn es um Fehler bei der Einschätzung von Märkten geht. Der neue Präsident der Anatel (Agência Nacional de Telecomunicações) Pedro Jaime Ziller sagte während seiner ersten Direktoriumssitzung, daß er Futurologe zweiter Klasse war, als er während seiner Gewerkschaftszeit gegen die Privatisierung des Telekommunikationssektors wetterte. "Die Privatisierung ist unter dem Dienstleistungsaspekt ein absoluter Erfolg", sagt er heute. Seit 1998 wurden 14,1 Mrd. R$ für das Festtelefonnetz investiert und 21,0 Mrd. R$ für die Mobiltelefonie. Damals hatte Brasilien 22 Mio. Festtelefone und 7,4 Mio. Mobiltelefone, Ende 2003 waren es 49,6 und 45 Mio. Den Telefonschwarzmarkt, der höflicher Parallelmarkt genannt wurde und der  viele Jahre der einzige Weg war, schnell und zu einem exorbitantem Preis (einige tausend US$) zu einem Telefonanschluß zu kommen, gibt es heute nicht mehr.

Trotzdem ist die Privatisierung nicht immer der Weisheit letzter Schluß, denn der Verbesserung der Dienstleistung steht praktisch immer eine Kostenerhöhung für den Verbraucher gegenüber. Beim Telefon waren es letztes Jahr fast 18 %, sowohl bei Fest- als auch bei Mobiltelefonen. Und mit dieser Erkenntnis versucht der streitbare Ministerpräsident des Bundesstaates Paraná, Roberto Requião, die Bundesautobahnen in seinem Einflußbereich wieder zu verstaatlichen, weil ihm und den Benutzern die verlangten Mautgebühren zu hoch sind. Dazu sollen die fünf Betreiberfirmen ihre Konzessionen zwar behalten, aber per Enteignung in Bundeslandeigentum übergehen.

Ein anderer streitbarer Politiker, der PT - Senator für São Paulo, Eduardo Suplicy, machte am 9.1.2004 ebenfalls Schlagzeilen. Nach 13 Jahren wurde endlich seine Gesetzesvorlage angenommen, die ab 2005 jedem Brasilianer ein Einkommen von 40 R$ im Monat garantiert, ob Millionär und Unternehmer oder Arbeitsloser, jeder erhält diese Summe künftig. Die Sanktionierung wurde von der Familie im Parlament begleitet und es gab beim Senator Tränen der Rührung und Küsse für den Präsidenten. Der vorsichtshalber gleich betonte, daß im Augenblick leider kein Geld verfügbar sei, um den schönen Worten Taten folgen zu lassen. Ich wurde auf einem Empfang zusammen mit ihm (dem Senator) fotografiert und der Fotograf machte sich anschließend die Mühe, zu mir ins Büro zu kommen, um mir eine der Fotografien zu verkaufen - für 300 R$! Ich behielt übrigens mein Geld und er sein Foto.

Wäre er bescheidender gewesen, hätte der Fotograf sicher ein Geschäft mit mir gemacht. Wer mit Sicherheit ein Geschäft macht, ist Brasilien, aber nicht mit Fotos, sondern mit Fleisch. Wegen des Auftretens von Rinderwahnsinn im Dezember 2003 in den USA haben schon 17 Länder ihre Importe gestoppt. Die ersten waren Japan und Südkorea, die alleine 56 % der US - Fleischexporte, die ein Gesamwert von 2,59 Mrd.US$ in 2002 erreichten, abnehmen. Und Brasilien hat bei vielen dieser Länder schon mehr als den Fuß in der Tür. Was sicher nicht dazu bei-tragen wird, die Beziehungen zwischen Brasilien und den USA zu verbessern, die wegen der erneuten US - amerikanischen Stahlrestriktionen und der zeitaufwendigen Identifizierung amerikanischer Bürger bei der Einreise nach Brasilien per Foto und Fingerabdruck etwas gelitten haben. Diese Identifikation, Anfang 2004 richterlich angeordnet, weil die USA Brasilianer bei der Einreise registrieren (elektronisch und in Sekunden), hat schon zu ersten Stornierungen von Reisegruppen geführt, die nicht wie in den ersten Tagen dieser Maßnahme stundenlang warten wollten, um sich dann noch die Finger auf einem Stempelkissen schmutzig zu machen, nur um die Christusstatue in Rio zu sehen. Wobei ich darauf hinweisen muß, daß in der brasilianischen Privatwirtschaft bereits Fingerabdrücke per Sensor digital erfaßt und elektronisch mit denen in einer Datenbank gespeicherten verglichen werden, um Zugangskontrollen ohne smartcards zu ermöglichen. Aber das kann sich die Bundespolizei, deren Strom manchmal gesperrt ist, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, wohl nicht leisten. Übrigens sind die benutzen Geräte und Programme made in Brazil.

Ich war über Weihnachten und Neujahr in der Nähe von Rio, in Angra dos Reis. Die dortige Verolme - Werft hatte in dieser Zeit gerade einen riesigen Petrobrás - Auftrag zum Bau einer Offshore - Erdölförderplattform  erhalten. Ganz Angra war noch Tage danach mit Spruchbändern geschmückt, auf denen allen möglichen Politikern für ihren Einsatz gedankt wird. Was wirklich zählt, ist, daß in dieser strukturschwachen Region weit über tausend Arbeitsplätze geschaffen werden. Der mir bekannte Eigentümer der Werft ist übrigens Brasilianer; offensichtlich hat Ishikawa, die die marode Firma vor einigen Jahren übernahmen, das Handtuch geworfen und die Brasilianer haben den Umschwung geschafft. Die weiteren Aussichten sind ausgezeichnet, will doch die Transpetro, eine Tochter der Petrobrás, 22 Tanker für mindestens 1,2 Mrd. US$ bauen lassen, weil die heutigen schrottreif sind. Das bedeutet 6.000 Arbeitsplätze. Zusätzlich sollen weitere 30 Schiffe ausgeschrieben werden, um die Inanspruchnahme fremder Schiffe zu vermeiden. Seit den achtziger Jahren sind Schiffe dieser Größenordnung nicht mehr in Brasilien gebaut worden. Transpetro verfügt heute über 55 eigene und 60 gecharterte Schiffe. Um desaktivierte Werften in Paraná, Bahia und Espírito Santo wieder benutzen zu können, sollen von ausländischen und brasilianischen Gruppen bis zu 500 Mio. US$ eingesetzt werden. Werften wie z.B. Sermetal können heute Schiffe bis zu 230.000 Tonnen bauen.

Meinen Aufenthalt nutze ich auch, mir das Blue Tree - Ferienressort in Angra anzusehen, welches vor drei Jahren eröffnet wurde. Viele meiner Kunden wohnen in São Paulo in einem der Blue Tree - Hotels, deren japanische Eigentümerin sie in den letzten 10 Jahren gebaut hat. Auch hier kann man getrost den Gedanken an das Entwicklungsland Brasilien aufgeben und durch "Forschungs- und Entwicklungsland" ersetzen.  Diese und weitere Hotels, z.B. der IBIS - Gruppe, um nur eine zu nennen, haben in Brasilien Maßstäbe gesetzt, was das Preis - Leistungsverhältnis betrifft, IBIS in São Paulo berechnet eine Übernachtung mit nur 79 R$. Und wenn man sich ansieht, wie viele solcher neuer Hotels (hunderte!) in wenigen Jahren im ganzen Land gebaut wurden, kann man sich nur wundern, wenn deutsche Unternehmer, die diesen Sektor beliefern, dem Markt fernbleiben, weil sie nicht vom Potential überzeugt sind.

Die brasilianische Zentralbank kümmert sich, nachdem die Inflation im Griff zu sein scheint, jetzt um die Devisenreserven und kaufte Anfang Januar 2004 erstmalig seit langer Zeit wieder US$. Diese Art der Intervention wurde sehr wohlwollend vom Markt aufgenommen. Die öffentliche Hand hat nämlich 2004 Auslandsverpflichtungen von 10,5 Mrd. US$. Diesen standen Ende 2003 Devisenreserven von nur 17,3 Mrd. US$ gegenüber, die aber durch abrufbare IMF - Mittel auf 49,254 Mrd. US$ erhöht werden können. In 2001 waren die Werte 27,797 bzw. 35,866 Mrd. US$.

In den Stahlmarkt wollte die Regierung eigentlich nicht eingreifen, hat aber durch die Freigabe des Importes von 20 Stahlsorten, für die vorher 12 bis 16 % Zoll anfielen, der stahlverarbeitenden Industrie die Möglichkeit gegeben, zollfrei im Ausland Stahl zu kaufen. Die Stahlindustrie hatte nämlich bei guten Gewinnen weiterhin Preiserhöhungen von 10 bis 15 % im Dezember 2003 und für die Kfz - Hersteller im Januar 2004 angekündigt.

Erklärtes Ziel der Regierung für 2004 ist, wie eingangs erwähnt, die Schaffung der während des Wahlkampfes versprochenen Arbeitsplätze. Dabei soll ein 12,4 Mrd. R$ - Budget für Infrastrukturinvestitionen helfen.

17 Wasserkraftwerke sind bereits im Bau und 2004 sollen weitere 18 begonnen werden, deren Baubeginn sich aus Umweltschutzgründen verzögert hat. Im Februar beginnt das Pró-Infra, ein Programm zur Nutzung von alternativen Energien, dem 2,8 Mrd. R$ zur Verfügung stehen.

Trotz der Mercosurmitgliedschaft sind die Importe aus Argentinien teurer als früher, weil der R$ an Wert verloren hat. Das hat General Mills bewogen, eine Nudelfabrik in Bauru zu schließen, um künftig von Argentinien aus den brasilianischen Markt mit aus argentinischem Getreide hergestellten Nudeln zu beliefern. Vorher war man wegen der Verteuerung des importierten Getreides gezwungen, die Preise um 50 % anzuheben, was zu einer Umsatzeinbuße von 20 % führte. Aber trotzdem muß sich der brasilianische Verbraucher damit abfinden, daß die Cofins - Anhebung im Zuge der "Steuerreform" den Endverbraucherpreis weiter in die Höhe treibt.

In 2003 gab es in Lateinamerika offiziell 19 Mio. Arbeitslose, wenn die Volkswirtschaften der betroffenen Länder in 2004 um 3,5 % wachsen, kann die Arbeitslosenquote von 11 auf 10 % zurückgehen. Im ersten Dreivierteljahr 2003 waren die Arbeitslosenquoten wie folgt (in Klammern die Zahlen des ersten Dreivierteljahres 2002):
18, 9 (15,7) % in Venezuela
17,4 (16,5) % in Uruguay
16,3 (16,8) % in Kolumbien
15,6 (21,5) % in Argentinien
15,6 (16,5) % in Panama
12,4 (12,0) % in Brasilien
9,4 (9,7) % in Peru
8,9 (9,3) % in Chile
6,7 (6,3) % in Ekuador
6,7 (6,8) % in Costa Rica
3,2 (2,8) % in Mexiko

Das Länderrisiko der zehn risikoreichsten Länder der Welt (in Klammern die Werte für den 31.12.2002) betrug am 31.12.2003:
5.739 (6.358) für Argentinien
799 (1.794) für Ekuador
733 (2.212) für Nigeria
593 (1.118) für Venezuela
463 (1.439) für Brasilien
431 (640) für Kolumbien
415 (524) für die Phillipinen
335 (? 4) ) für Panama
312 (606) für Peru
309 (687) für die Türkei


Für 2004 fürchten die brasilianischen Schweinezüchter einen Absatzrückgang. Bisher nimmt Rußland 80 % der Schweinefleischexporte ab, hat aber für dieses Jahr die Quote von 300.000 auf 230.000 Tonnen zurückgenommen, was einen Absatzrückgang des Sektors von bis zu 10 % bedeuten kann. Der berühmte Schweinezyklus muß also diesmal nicht bemüht werden, um den Absatzrückgang zu erklären. 

Aber in 2003 wurde ein Handelsbilanzüberschuß von 73,084 Mrd. US$ Export - 48,253 Mrd. US$ Import = 24,831 Mrd. US$ erwirtschaftet, der durch die Minderung der russischen Importe von Schweinefleisch nicht allzusehr beeinträchtigt werden sollte. Die hauptsächlichen Exportgüter waren Fahrzeuge (10,634 Mrd. US$), Sojaerzeugnisse (8,125 Mrd. US$), Produkte der metallverarbeitenden Industrie (7,306 Mrd. US$), Erdöl und seine Derivate (4,902 Mrd. US$) sowie chemische Erzeugnisse (4,831 Mrd. US$). Die Handelsbilanz wies in den letzten 11 Jahren folgende Werte (in Mrd. US$) auf:
1993    + 13,299
1994    + 10,466
1995    - 3,466
1996    - 5,599
1997    - 6,747
1998    - 6,624
19995)  - 1,284
2000    - 0,753
2001    + 2,651
2002    + 13,126
2003    + 24,831

Der Import in 2003 betrug nur 2,2 % mehr als in 2002, der Handelsbilanzüberschuß ist also praktisch ausschließlich über eine Exportsteigerung erzielt worden. Für 2004 rechnen Finanz- und Wirtschaftskreise mit einem Überschuß in der Größenordnung von 18 bis 19 Mrd. US$, der durch das Auftreten des Rinderwahnsinns in den USA eventuell noch größer sein wird.

Ein erstaunliches Umfrageergebnis unter 1.200 Meinungsbildnern in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, China und Brasilien wurde am 14.1.04 von der internationalen Beratungsfirma Edelman veröffentlicht. Danach ist die Glaubwürdigkeit in allgemeinen Geschäften mit 60 % in Brasilien am höchsten, dann folgen die USA mit 51 %, China mit 50 %, Frankreich mit 47 %, Großbritannien mit 46 % und Deutschland mit unglaublichen 27 %. Das Vertrauen in die Regierung ist in China mit 67 % am höchsten, dann folgt Brasilien mit 54 %. Die USA können immerhin noch 48 % vorzeigen und die Europäer sollten ihre 31 % besser verstecken. Aber jeder hat eben die Regierung, die er meistens selbst gewählt, aber nicht immer verdient hat. Das Vertrauen in die Medien ist in Brasilien mit 58 % am höchsten, gefolgt von China mit 50 %, Deutschland mit 38 %, Frankreich mit 25 %, USA mit 24 % und Großbritannien mit 21 %. Und da sagt man, daß "ich weiß nicht, wieviel" Millionen Bildleser nicht irren können! Interessant auch, daß in Brasilien Zeitungen bzw. Fernsehstationen wie CNN, Wall Street Journal, Fox News, BBC, Financial Times, ITV, Le Monde, Les Echos und Le Figaro namentlich erwähnt werden, aber keine einzige deutsche Medienfirma.

Wohl dem, der exportieren kann! Aracruz Celulose gehört zu den glücklichen Firmen, die es tun. Und aufgrund des Exportes von 98 % (!) der Produktion, 23 % davon gingen nach Asien, konnte sie 870 Mio. R$ Gewinn in 2003 verbuchen, 7.000 % mehr als die 12 Mio. R$ in 2002. Der Absatz konnte um 36 % auf 2,25 Mio. Tonnen gesteigert werden. Aracruz kann dieses Ergebnis gut gebrauchen, denn es müssen Schulden von 1 Mrd. US$ abgetragen werden. In 2004 sollen 240 Mio. US$ investiert werden.

Basf will in den nächsten fünf Jahren 350 Mio. R$ investieren und hat deshalb in einer sales lease back - Aktion für den Verwaltungssitz in São Bernado do Campo 60 Mio. R$ liquide Mittel freigemacht. Basf mußte sich der der Banco Pátria gegenüber im Gegenzug verpflichten, die Immobilie für mindestens 10 Jahre zu mieten.

Votorantim will Zement nach den USA exportieren und informierte, daß man in 2004  mindestens 1 Mrd. US$, mehrheitlich aus eigenen Mitteln, in den verschiedenen Sektoren der Gruppe investieren wird. Die Gruppe setzte letztes Jahr ca. 12 Mrd. R$ um und geht für dieses Jahr von einem Wachstum von 5 % aus. 70 % des Gewinns wird reinvestiert. 2003 waren die Schwerpunkte Papier, Zellulose und Aluminium. 2006 will man 385.000 Tonnen Aluminium jährlich herstellen, 55 % der dafür benötigten Energie wird von eigenen Kraftwerken geliefert werden, z.B. werden drei neue Wasserkraftwerke von der Gruppe gebaut. Ab 2004 wird die CBA (Companhia Brasileira de Alumínio) den Export um über 130 % von 72.000 auf 170.000 Tonnen pro Jahr steigern.

Offensichtlich sieht augenblicklich nur DuPont die brasilianische Zukunft nicht so rosig, denn sie verlagert das Hauptquartier für Lateinamerika von Brasilien nach Mexiko - Stadt.

Fußnoten:
1) Das Länderrisiko Brasilien wird seit 1994 erfaßt
2) "Nur" bezieht sich auf lateinamerikanische Verhältnisse, in Europa käme dieser Wert einer Katastrophe nahe. Der verwendete Index ist der IPC - FIPE.
3) Die Erfassung geschieht seit 1991 über das SERASA - System
4) Panama gehörte 2002 nicht zu den 10 Ländern mit dem höchstem Risiko, aber die Ukraine mit 668 Punkten
5) Abwertung und freie Wechselkursbildung

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